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Frauenförderung in der Diskussion: "Gefährlich, den Frauen eine Sonderrolle zuzuschreiben"

von Désirée Balthasar

10.02.2015

Kontrovers diskutiert und nicht bei allen beliebt: Maßnahmen zur Frauenförderung sind in vielen Kanzleien Alltag. Doch bringen sie wirklich etwas? Petra Linsmeier (44) von Gleiss Lutz und Heuking-Partnerin Ute Jasper (52) sprechen mit LTO darüber, was sie von Hilfsangeboten für Frauen halten, vor welcher Herausforderung junge Väter heutzutage stehen und was es mit dem Anwalts-Gen auf sich hat.

LTO: Was halten Sie von Ratgebern oder Kursen, die Frauen mit Karriereambitionen Hilfe anbieten?

Dr. Ute Jasper: Ich bin keine Freundin von Quoten oder von einer Spezialförderung für Frauen. Natürlich muss man junge Menschen fördern und ihnen ein flexibles Arbeitsumfeld schaffen. Das gilt aber nicht nur für junge Frauen, sondern auch für junge Männer - und vor allem für junge Väter. Ich halte es für gefährlich, den Frauen stets eine Sonderrolle zuzuschreiben.

Sicherlich sind Frauen anders als Männer, aber ich sehe nicht, dass es da einen Nachteil gibt, der durch Sonderbehandlung ausgeglichen werden müsste. Ich würde eher die Frauen ermutigen und ihnen sagen: Ihr seid genauso gut, strengt euch an! Ihr könnt ja gern Kurse machen, aber ihr müsst wie die Männer eure Leistung erbringen!

Dr. Petra Linsmeier: Ich würde das nicht so verstehen, dass Frauen Hilfe benötigen, um nach oben zu kommen. Die generelle Frage danach, ob wir Frauenförderungsprogramme tatsächlich benötigen, muss differenzierter beantwortet werden. Denn einerseits gibt man manchen Frauen damit tatsächlich das Gefühl, dass sie Schwächen haben, die Männer nicht haben; auf der anderen Seite kann es sinnvoll sein, den Frauen während ihrer Entwicklung Coaches zur Seite zu stellen.

Es hängt sehr stark davon ab, wie man es macht. Alle Frauen durch ein spezielles Kanzleiprogramm laufen zu lassen, davon würde ich nichts halten. Deshalb tauchte die Frage, ob die Männer sich dadurch zurückgesetzt fühlen, bisher nicht auf.

LTO: Kann man schon absehen, ob und wie derartige Programme die Anwältinnen weiterbringen?

Linsmeier: Frauenförderung ist eine langfristige Maßnahme. Wichtig dabei ist, ist, dass sich die Anwältinnen wertgeschätzt fühlen. Wichtig ist außerdem, dass das Thema in den Köpfen ankommt. Man muss nicht jeden Tag Diversity rauf und runter deklinieren und sicherlich ist mancher Partner schon genervt davon, aber dennoch wird die Sensibilität erhöht. Das ist besonders wichtig in der Diskussion über die Neuaufnahme einer Partnerin. Hier sollten nicht die klassischen Stereotype hervorgeholt, sondern die tatsächlichen Stärken und Schwächen eines Partnerkandidaten objektiv analysiert werden.

"Männer haben größere Probleme, die Arbeitszeit zu reduzieren"

Dr. Ute JasperJasper: Bei Heuking gibt es individuelle Fördermaßnahmen für junge Kollegen. Sie bestehen nicht nur in Schulungen und Kursen, sondern auch im Vertrauen der Partner, gezielter Förderung und vor allem in dem Schwerpunkt auf Flexibilität gepaart mit früher persönlicher Verantwortung der jungen Anwälte. Auch ich habe davon profitiert. Ich bin seit mehr als 20 Jahren Partnerin, habe vier Kinder und bin - denke ich -  mit Projekten und Umsatz ein Beispiel dafür, was man erreichen kann. Denn dabei geht es rein um Erfolg und Qualität der Arbeit und nicht um Fragen nach dem Geschlecht oder nach Kindern.

Für mich lautet die wesentliche Frage: Wie können junge Kolleginnen und junge Kollegen ihre Lebensplanung mit dem Beruf vereinbaren? Work-Life-Balance bekommt sicherlich mehr Gewicht, das gilt aber für Männer und Frauen gleichermaßen. Balance muss aber nicht immer heißen weniger, sondern flexibler und effizienter zu arbeiten.

Dr. Petra LinsmeierLinsmeier: Genau das ist der Grund, warum diese Diskussionen in den Medien und auch bei uns in der Kanzlei überhaupt stattfindet: Die veränderte Einstellung der jungen Berufseinsteiger zur Arbeit, und zwar bei beiden Geschlechtern. Männer betrifft es stärker, weil sie immer noch größere Probleme haben, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Bei Gleiss Lutz sind generell viele Anwälte in Teilzeit, darunter sind aber deutlich weniger Männer.

Ich beobachte immer häufiger, dass die männlichen Anwälte, die ein Jahr Elternzeit genommen haben, zwar wiederkommen, aber nicht ihr gesamtes Berufsleben bei uns bleiben. Der Wunsch nach mehr Freizeit ist für sie in einer Kanzlei wohl nicht zu erfüllen. In dieser Hinsicht ist es für Frauen einfacher, weil es bei ihnen sozial akzeptiert ist, die Arbeitszeit zeitweise zurückzufahren.

Jasper: Da stimme ich zu. Wenn wir echte Frauenförderung wollen – und zwar nicht nur individuell sondern auf gesellschaftlicher Ebene –, dann müssen wir Männern die Flexibilität ermöglichen, ihre Arbeitszeit in Abstimmung mit ihrer Partnerin zu gestalten. Dafür braucht es allerdings nicht unbedingt ein Programm, das kann man in der täglichen Arbeit umsetzen.

Zitiervorschlag

Désirée Balthasar, Frauenförderung in der Diskussion: "Gefährlich, den Frauen eine Sonderrolle zuzuschreiben" . In: Legal Tribune Online, 10.02.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/14645/ (abgerufen am: 28.10.2020 )

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Kommentare
  • 11.02.2015 12:53, Christian

    Es wurde in diesem Artikel zwar nicht explizit so gesagt, aber die interviewten Anwältinnen haben einen wichtigen Aspekt in die Diskussion eingebracht: Die Frage, ob eine Frau mit ihrem privaten Umfeld die Voraussetzungen für eine Karriere einbringen kann. Denn Work-/Life-Balance funktioniert nur dann, wenn man - speziell bei Familie mit Kindern - ein Umfeld hat, das es einem ermöglicht, flexibel zu agieren. Der Arbeitgeber ist das eine. Das andere ist ein/e Partner/in, der/die private Belastungen abfängt und damit einem den Rücken freihält. Dies ist in der klassischen Rollenverteilung (Mann Karriere, Frau Haushalt und Kinder) - leider - nach wie vor einfacher als in Konstellationen, in denen die Frau Karriereambitionen hat. Da braucht es einen Partner, der seine eigenen Ambitionen zurückschraubt. Nicht selten scheitert der mögliche Aufstieg in höchste Positionen bei gleichzeitigem Kinderwunsch genau daran. Und das ist eine gesellschaftliche Herausforderung, der mit publicityträchtigen Quotenregelungen sicher nicht beizukommen ist.