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Frauenförderung in der Diskussion: "Gefährlich, den Frauen eine Sonderrolle zuzuschreiben"

von Désirée Balthasar

10.02.2015

3/3 "Erfolg lässt sich gut in Euro pro Jahr messen"

Jasper: Das persönliche Vertrauen kann man nicht hoch genug einschätzen. Es trägt einen auch dann, wenn es mal nicht so gut läuft. Auch das Schubsen und Loslassen im übertragenen Sinne, spielt eine sehr große Rolle im beruflichen Weiterkommen. Doch einigen Frauen fehlt das nonkonformistische Aufbegehren und sie sind harmoniebedürftiger.

LTO: Inwiefern hat sich der Prozess der Partnerernennung verändert?

Linsmeier: Hier zeigt die öffentliche Diskussion bereits Wirkung, denn Stereotype werden zunehmend kritisch hinterfragt. Außerdem ist es hilfreich, dass nicht mehr nur Männer über die Aufnahme entscheiden, sondern die Partnerschaft gemischter geworden ist.

Jasper: Auch in unserem Karriereprogramm sind die Stufen objektiviert worden und vor allem spielen die Zahlen eine zentrale Rolle. Letztlich ist es eine wirtschaftliche Frage, wer Partner wird – egal ob fleißiges Bienchen oder jemand mit übergroßem Selbstbewusstsein. Erfolg lässt sich sehr gut in Euro pro Jahr messen.

LTO: Aber was passiert, wenn das erste Kind kommt, man die Arbeitszeit verkürzt und somit weniger Umsätze einfährt? Das betrifft ja meistens die Frauen.

Jasper: Nun, jeder weiß, dass er weniger entnehmen kann, wenn er weniger umsetzt – egal ob Mann oder Frau. Deshalb benötigt man Vergütungsmodelle, um die Entnahme der Arbeitszeit anzupassen. Bei Heuking beispielsweise ist die Vergütung sehr erfolgsbezogen. Das hat mir in den letzten 20 Jahren sehr viel Spielraum gelassen. Ich musste nicht jedem meine Anwesenheit nachweisen. Wenn die Zahlen entscheiden, interessiert es niemanden, ob ich auf dem Spielplatz sitze oder Sonntags morgens um sechs, bevor die Kinder wach werden, von zuhause arbeite.

Linsmeier: In einem derartigen System ist es tatsächlich einfacher, jemanden zurückzustufen als etwa in einer reinen Lockstep-Kanzlei, weil die Höhe der Vergütung der Partner dort eben nicht vom persönlichen Umsatz abhängt. Dass es aber machbar ist, haben wir bei Gleiss Lutz bereits in den Neunziger Jahren unter Beweis gestellt – damals haben wir einer Equity Partnerin Teilzeit ermöglicht, weil wir sie unbedingt halten wollten. Heute arbeiten einige Equity Partner bei uns in Teilzeit, nicht nur Frauen.

"Ergreift den Beruf, den ihr wirklich wollt"

LTO: Ihr Appell an den Nachwuchs?

Linsmeier: Studenten, ergreift den Beruf, den ihr wirklich wollt und denkt nicht schon vor Studienbeginn darüber nach, ob und wann ihr Kinder haben wollt. Man sollte offen sein für alle Chancen, die einem das Jurastudium bietet und nicht nur die Justiz in Erwägung ziehen.

Jasper: Habt vor allem den Mut, euer Glück selbst in die Hand zu nehmen und wartet nicht auf Programme von außen. Gerade der Anwaltsberuf bietet Chancen in Hülle und Fülle, das geeignete System für sich zu finden, in dem man sein Leben mit Kindern, Familie und Arbeit frei gestalten kann. Man darf die Verantwortung für sein eigenes Leben nicht an andere abgeben, sondern muss es selbst in die Hand nehmen.

Dr. Petra Linsmeier ist seit 2007 Partnerin bei Gleiss Lutz im Bereich Kartellrecht. In der Kanzlei ist sie seit 2001, sie arbeitet im Münchner Büro.

Dr. Ute Jasper trat 1991 in die Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek ein. Drei Jahre später wurde sie Partnerin und ist seitdem am Düsseldorfer Standort der Sozietät im Vergaberecht tätig.

Beteiligte Kanzleien

Zitiervorschlag

Désirée Balthasar, Frauenförderung in der Diskussion: "Gefährlich, den Frauen eine Sonderrolle zuzuschreiben" . In: Legal Tribune Online, 10.02.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/14645/ (abgerufen am: 25.09.2020 )

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Kommentare
  • 11.02.2015 12:53, Christian

    Es wurde in diesem Artikel zwar nicht explizit so gesagt, aber die interviewten Anwältinnen haben einen wichtigen Aspekt in die Diskussion eingebracht: Die Frage, ob eine Frau mit ihrem privaten Umfeld die Voraussetzungen für eine Karriere einbringen kann. Denn Work-/Life-Balance funktioniert nur dann, wenn man - speziell bei Familie mit Kindern - ein Umfeld hat, das es einem ermöglicht, flexibel zu agieren. Der Arbeitgeber ist das eine. Das andere ist ein/e Partner/in, der/die private Belastungen abfängt und damit einem den Rücken freihält. Dies ist in der klassischen Rollenverteilung (Mann Karriere, Frau Haushalt und Kinder) - leider - nach wie vor einfacher als in Konstellationen, in denen die Frau Karriereambitionen hat. Da braucht es einen Partner, der seine eigenen Ambitionen zurückschraubt. Nicht selten scheitert der mögliche Aufstieg in höchste Positionen bei gleichzeitigem Kinderwunsch genau daran. Und das ist eine gesellschaftliche Herausforderung, der mit publicityträchtigen Quotenregelungen sicher nicht beizukommen ist.