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Legal-Tech-Gründer im Interview: "So selbst­ver­ständ­lich wie das Telefon"

Interview von Christian Dülpers

16.11.2017

2/2: Anwalt programmiert selbst

LTO: Nachdem die Idee zu Lawlift gereift war, begann Konstantin Bertram, den Code zu schreiben. War Ihnen bewusst, was auf Sie zukommt?

Bertram: Ich programmiere bereits seit meiner Jugend und habe mir die notwendigen Fähigkeiten selbst angeeignet. Doch so eine Software-Entwicklung ist natürlich mit viel mehr Aufwand verbunden, als man es vorher vermutet. Man sieht einfach nicht von Anfang an alle Details. Umso wichtiger ist es, ein Projekt dieser Größenordnung sorgfältig zu planen. Gerade mit Fragen der Struktur muss man sich von Anfang an beschäftigen. Tut man das nicht, fällt einem das irgendwann auf die Füße. Da haben wir uns zum Glück so aufgestellt, dass wir inzwischen eine Lösung haben, an der nun problemlos zusätzliche Entwickler mitarbeiten können.

LTO: Wieso haben Sie für die Programmierung nicht von vornherein einen Entwickler hinzugeholt?

Bertram: Für uns war es so erst einmal leichter, weil wir keine Reibungsverluste hatten. Dann ist da noch die Besonderheit, dass ich selbst auch Anwalt bin und mich daher gut in die Position des Nutzers versetzen kann. Auf die Dauer könnte ich den technischen Part aber nicht alleine stemmen. Daher sorgt seit dem Launch im August ein zusätzlicher Entwickler dafür, dass die Anwendung stabil läuft und parallel eine Weiterentwicklung möglich ist. Zwei weitere Mitarbeiter unterstützen uns bei den geschäftlichen und administrativen Tätigkeiten.

LTO: Was raten Sie anderen Juristen, die ein Start-up gründen möchten?

Bertram: Die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende genau das rauskommt, was man ursprünglich geplant hat, ist eher gering. Das ist nicht schlimm, aber man muss in der Lage sein, sich ständig zu hinterfragen und trotzdem am Ball zu bleiben. Das kann schwer sein, wenn das Unternehmen lange nur Geld und Zeit verschlingt und über weite Strecken ungewiss ist, ob es für das neue Produkt überhaupt einen Markt gibt.

Bunnenberg: Etwas Glück gehört dann auch dazu. Als wir gestartet sind, war Legal Tech noch kein Begriff, den man an jeder Ecke gehört hat. 2017 fällt nun ein großes Interesse an dem Thema mit dem Start unserer Software zusammen. Planbar war das nicht.

Gründung von Kanzlei und Start-up vergleichbar

LTO: Wie hat die Gründung Ihrer Kanzlei Sie auf die aktuellen Aufgaben vorbereitet?

Bertram: Eine Kanzlei ist auch ein Unternehmen. Es spielt zwar nicht genau nach den gleichen Regeln wie ein Software-Unternehmen, aber viele Herausforderungen sind ähnlich.

Bunnenberg: Am Anfang ist es ganz normal, dass man als Gründer fast alles selbst macht. Das war auch bei der Eröffnung der Kanzlei so. Wichtig ist, dass man den Mut und die Energie aufbringt, seine Ziele zu verfolgen, auch wenn man dafür seine Komfortzone verlassen muss.

Im Übrigen lernen wir noch immer ständig dazu. Wir beschäftigen uns zum Beispiel intensiv mit Produktentwicklung und User-Experience-Design. Auch im Marketing versuchen wir, immer besser zu werden. Die Basis ist aber gelegt, weil jeder im Team solide technische Kenntnisse hat, das gilt nicht nur für die Programmierer. Uns bringt unser juristischer Hintergrund einen gewissen Vorteil: Juristen sind darauf trainiert, sich Dinge selbständig zu erschließen.

Zukunft liegt in der Cloud

LTO: Wie beurteilen Sie den deutschen Legal-Tech-Markt?

Bertram: Die Bereitschaft, sich mit Legal-Tech-Lösungen auseinanderzusetzen, ist unter Juristen in den letzten zwölf Monaten deutlich gestiegen, auch befeuert durch die zahlreichen Veranstaltungen. Man sieht, dass das Thema ernst genommen wird, und zwar sowohl in Kanzleien jeder Größe als auch in Rechtsabteilungen.

LTO: Wo sehen Sie besonderes Potenzial für Legal-Tech-Start-ups?

Bertram: Bei Lösungen, die die juristische Arbeit und Kommunikation einfacher machen und dabei den besonderen berufsrechtlichen Anforderungen des Anwaltsberufs gerecht werden. In technischer Hinsicht sehen wir die Zukunft ganz klar in der Cloud.

LTO: Was sind Ihre Ziele mit Lawlift für dieses und für das nächste Jahr?

Bertram: Das Verwenden von Lawlift soll für Anwälte irgendwann so selbstverständlich sein wie das Telefon. Es soll ein Arbeitsmittel sein, das jeder unproblematisch nutzen kann, um besser, effizienter und entspannter zu arbeiten.

Bunnenberg: Strategisch konzentrieren wir uns erstmal auf den deutschen Sprachraum, auch wenn wir bereits über eine englische Sprachversion verfügen. In absehbarer Zeit werden wir den Schritt ins nicht-deutschsprachige Ausland wagen.

Das Interview führte Christian Dülpers.

Zitiervorschlag

Christian Dülpers, Legal-Tech-Gründer im Interview: "So selbstverständlich wie das Telefon" . In: Legal Tribune Online, 16.11.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/25573/ (abgerufen am: 22.09.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 16.11.2017 17:17, M.D.

    Die Idee, ein Vertragshandbuch in eine graphische Benutzeroberfläche zu übersetzen, wirkt auf den ersten Blick sicherlich ganz nett. Es gibt jedoch drei Gründe, warum solche Geschichten in Deutschland kein Blockbuster sind:

    1. Der normale Anwalt macht fast nie Vertragsgestaltung
    2. Der Anwalt, der Vertragsgestaltung macht, rechnet nach Stunden ab

    Das heißt: Der eine braucht es nicht, der andere will nichts vereinfachen, im Gegenteil. Er verdient sein Geld damit, dass es möglichst lange dauert.

    3. Das BGB ist selbst eine Art Mustervertrag, der automatisch greift wenn nichts geregelt wurde. Es klappt daher in Deutschland auch sehr gut ohne Vertrag.

    • 17.11.2017 08:41, Urs

      Ich gehe davon aus, dass Sie nur Privatpersonen beraten. Andernfalls: Wann haben Sie das letzte Mal korrekt anwaltlich gearbeitet? Vor 25 Jahren?

    • 17.11.2017 09:13, ?

      Und wenn die eine Kanzlei den Vertrag für die Hälfte des Preises der anderen aufsetzen mag ? Mittlerweile herrscht ziemlicher Konkurrenzdruck und die Mandanten zahlen einiges nicht mehr, gerade weil erkannt wurde, dass Anwälte gerne auch Standardaufgaben stark verrechnen. Sie sollten Mal Anwälte besuchen gehen.

      Das Problem liegt woanders: Das Programm wird Abnehmer finden, jedoch haben die Großkanzleien eigene Projekte hierfür laufen und die sind dann auch noch maßgeschneidert.

  • 23.11.2017 20:20, Helevticus

    Ich verwende seit wordstar 3.2 ein Word-Vertragsmuster, welches ich auch abändern kann. Bin ich jetzt auch ein legaltech ?

  • 24.11.2017 14:38, Ara

    Mutig, was Lawlift macht, zumal es sehr viel mächtigere Programme gibt wie Hotdocs, XpressDox, Exari die nicht erst neu geschrieben sind (und noch immer bugs haben), sondern seit über 10 Jahren auf dem Markt. Xpressdox ist übrigens auch noch preiswerter. Wir sind daher von Hotdocs auf XpressDox umgestiegen.

    Die Kollegen, die meinen, dass sie in alle Zukunft Stunden verkaufen können, täuschen sich. Wer Dokumentenautomation hat, bietet eben auch billige Pauschalpreise an und jagt Mandate ab - oder verdient bei Pauschalpreisen mehr als andere, aber fahrt nur weiter Diesel...
    Der wichtigste Vorteil ist aber das Know-How Management, das mit diesen System beinah "nebenbei" einhergeht. Unter den TOP 200 in England haben 95% diese Systeme im Einsatz.