Disruptive Innovationen im Anwaltsmarkt: Löst der Com­puter den Anwalt ab?

von Nico Kuhlmann

07.01.2016

Start-ups sind die Innovationstreiber

Einige Kanzleien lassen sich bereits durch externe Anbieter unterstützen. Leverton hat eine cloud-basierte Software entwickelt um eine Vielzahl von Dokumenten in verschiedenen Sprachen besser zu managen. Der zugrundeliegende Algorithmus liest die Verträge aus, analysiert den Inhalt und lernt mit der Zeit dazu. Wenn Informationen gebraucht werden, muss niemand mehr die kompletten Verträge lesen, sondern die Software zeigt die relevanten Ausschnitte und Querverweise direkt in der gewünschten Sprache an. Dies spart viel Zeit - und letztlich wohl auch Arbeitsplätze.

Durch andere Dienstleister kann der Gang zum Anwalt vollständig entfallen. SmartLaw, das wie LTO zu Wolters Kluwer gehört, startete mit der Idee, individualisierte Verträge und Rechtsdokumente online erstellen zu können. Unternehmer, Vermieter und Privatleute erhalten individuell computergenerierte Testamente, Mietverträge und Abmahnungen. Zusätzlich gibt es Hinweise, wenn sich die Rechtslage ändert und das entsprechende Dokument angepasst werden muss. Das Abo kostet für Privatpersonen mit 10 Euro im Monat in etwa so viel wie ein Netflix-Account.

Flightright hilft Fluggästen bei der Durchsetzung von Rückerstattungsansprüchen bei Verspätungen. Im Internet können Nutzer die Flugnummer und das Datum eingeben, und sie erhalten sofort eine voraussichtliche Entschädigungssumme. Anschließend kann Flightright damit beauftragt werden, den Anspruch gegenüber der Fluggesellschaft durchzusetzen. Der Fluggast muss sich um nichts mehr kümmern und kann auf sein Geld warten. Im Erfolgsfall behält Flightright 25 Prozent Provision. Falls es doch kein Geld gibt, entstehen dem Fluggast auch keine Kosten. Ein Versprechen, das aus rechtlichen Gründen kein Anwalt geben kann.

Eine Plattform zur Streitbeilegung ist Modria. Dort können Probleme nach einem Vertragsschluss im Internet gelöst werden. Das Unternehmen ist eine Ausgründung von Ebay und hat zuletzt weltweit 60 Millionen Streitigkeiten im Jahr gelöst. Nach eigenen Angaben werden über 90 Prozent der Auseinandersetzungen technologiebasiert ohne Eingreifen von menschlichen Mediatoren und Streitschlichtern beigelegt. Anwälte werden überhaupt nicht benötigt.

Was sagt RA Dr. ROSS dazu?

Mit IBM steht ein Gigant der Technologiebranche in den Startlöchern, um mit Hilfe des Supercomputers Watson die Welt zu verändern. Watson ist eine semantische Suchmaschine, die den Sinn einer Frage erfassen und schnell aus riesigen Datenmengen die relevanten Passagen herausfinden kann. Der Öffentlichkeit bekannt ist Watson als Gewinner der US-amerikanischen Quizshow "Jeopardy". Zurzeit hilft er erfolgreich, Krebs besser zu behandeln. Er durchsucht die Krankenakte und anschließend wissenschaftliche Studien und weitere Fachliteratur. Innerhalb weniger Minuten erhält der Arzt eine Liste mit Behandlungsempfehlungen.

Ein ähnlicher Anwendungsbereich ist für Juristen denkbar. Das dachte sich auch ein Legal-Tech-Start-up und hat Watson unter dem Namen ROSS bildlich gesprochen zum Jurastudium geschickt. Unterstützung erhält das Projekt durch den kanzleieigenen Accelerator von Dentons. Nachdem ROSS mit Unmengen von Daten über US-amerikanisches Insolvenzrecht gefüttert wurde, befindet er sich nun in einer privaten Beta-Phase. Er beantwortet rechtliche Fragen in normaler Sprache und liefert zudem eine Einschätzung der Korrektheit und den Ausschnitt des zitierten Dokuments. Darüber hinaus gibt ROSS Bescheid, wenn neue relevante Rechtsprechung ergangen ist.

Mensch oder Maschine?

Es ist normal, dass wir Siri fragen, wie das Wetter wird. Die Vorhersage trifft dann kein studierter Meteorologe mit langjähriger Berufserfahrung, sondern ein mit Wetterdaten gefütterter Algorithmus. Wie selbstverständlich fragen wir Google und keinen Ortskundigen nach dem schnellsten Weg zum besten Restaurant der Stadt. In Zukunft wird ein Rechtsuchender ROSS oder einen nahen Verwandten fragen können, um wie viel Prozent die Miete gemindert werden kann, weil die Heizung schon wieder nicht geht.

Kurzfristig kann es sein, dass technologische Innovationen in der Rechtsberatung nur ersetzen, wofür man sowieso keine Anwälte braucht. Langfristig könnte die relevante Frage aber eher sein, wofür Rechtsuchende überhaupt zwingend auf herkömmliche Dienstleistungen menschlicher Anwälte angewiesen sind.

Literatur:

•    Clayton M. Christensen: The Innovator's Dilemma. The Revolutionary Book That Will Chance the Way You Do Business. New York, London, Toronto, Sydney: Harper Business, 1997. XXXVII, 286 S. ISBN: 978-0-06-206024-2.

•    Richard Susskind: Tomorrow's Laywers. An Introduction to Your Future. Oxford: Oxford University Press, 2013. XVIII, 180 S. ISBN: 978-0-19-966806-9.

Der Autor Dipl.-Jur. Univ. Nico Kuhlmann, Wirtschaftsjurist (Univ.) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei einer internationalen Wirtschaftskanzlei in Hamburg.

Zitiervorschlag

Nico Kuhlmann, Disruptive Innovationen im Anwaltsmarkt: Löst der Computer den Anwalt ab? . In: Legal Tribune Online, 07.01.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/18043/ (abgerufen am: 27.09.2022 )

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