Seyran Ateş zur doppelten Staatsangehörigkeit: "Zwei Pässe sind nicht unbedingt ein Privileg"

Interview mit Seyran Ateş

18.03.2013

2/2: "Entscheidungszwang ist eine Chance"

LTO: Dieses Mal haben Sie ihre türkische Staatsangehörigkeit freiwillig aufgegeben. Sie hätten auch beide Pässe behalten können. In Deutschland geborene Kinder von Nicht-EU-Ausländern, die zwei Staatsbürgerschaften besitzen, müssen sich nun mit der Volljährigkeit entscheiden, welche Staatsbürgerschaft sie behalten wollen. Erklären sie sich nicht, verlieren sie mit ihrem 23. Lebensjahr automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie haben also nicht die Alternative, auch beide Pässe zu behalten. Halten Sie das für richtig?

Ateş: Da die Rechtslage und die politische Situation in den beiden Ländern so extrem unterschiedlich sind, denke ich, dass die Menschen, die das als Zwang erleben, zwei Takte länger darüber nachdenken sollten. Ich sehe diese Aufforderung, sich zu entscheiden, inzwischen nicht mehr so negativ. Vorher habe ich auch gefragt, warum werden junge Menschen in einen Loyalitätskonflikt hineingezwungen, zu einer Entscheidung gedrängt, die sie zerreißt.

Heute sehe ich das positiv. Die jungen Menschen, die sich entscheiden müssen, brauchen aber natürlich Unterstützung. Sie müssen sich früh genug klar darüber werden, welche Staatsangehörigkeit sie behalten wollen. Dazu brauchen sie umfassende Kenntnisse über die politische Lage in den beiden Ländern. In der öffentlichen Debatte spielt aber nur die emotionale Ebene eine Rolle, Identitätskonflikte werden heraufbeschworen. Es fehlt an einer differenzierten Betrachtung.

LTO: Sehen Sie den Entscheidungszwang also eher als Chance?

Ateş: Ja, unbedingt. Es ist eine Chance sich über die Verfassung und die politischen Gegebenheiten der jeweiligen Länder zu informieren, über die Menschenrechtssituation, das Maß an Demokratie, Pluralität und Zivilgesellschaft, das gewährt wird. Aber da muss man die jungen Menschen natürlich begleiten und nicht einfach sagen, entscheide dich und wie du das tust, ist deine Sache.

"Man muss für sein Land werben"

LTO: Wie sollte eine solche Begleitung aussehen?

Ateş: Das muss von der frühkindlichen Erziehung an stattfinden, natürlich auch in der Schule. Es könnte extra Kurse vor der Einbürgerung geben. Jedenfalls muss man für sein Land werben, mit den jungen Leuten darüber sprechen, warum man sie als Bürger für sich gewinnen will. Und das natürlich sowohl auf deutscher als auch auf türkischer Seite.

LTO: Sie sehen Integration also als Voraussetzung für eine Einbürgerung?

Ateş: Das ist natürlich die Frage nach dem Huhn und dem Ei, was war vorher da. Erst Aufnahme, dann Einbürgerung, dann Integration oder umgekehrt? Wenn man sich für eine Staatsbürgerschaft entscheidet, also als Bürger eines Landes gelten will, sollte man schon gewisse Grundvoraussetzungen mitbringen. Eine innere Haltung, eine Einstellungen zur Verfassung, Klarheit darüber, was man sich mit der Einbürgerung holt und annimmt. Diese Erwartungshaltung können wir als Land haben. Ein Stück weit ist eine Integrationsvorleistung also unerlässlich.

LTO: Sie sehen keinen Widerspruch zwischen dem Zwang, sich für eine Staatsbürgerschaft zu entscheiden, und integrationspolitischen Zielen?

Ateş: Nein. Ich halte es für bedenklich, wenn sich eine Gesellschaft Bürger schafft, die diese Gesellschaft gar nicht wollen, die nur ein Interesse an den Privilegien haben, sich aber für den Rest nicht interessieren, weder für die Sprache noch die Kultur.

"Ich verehre das Grundgesetz"

LTO: Das letzte Kapitel Ihres neuen Buchs "Wahlheimat" widmen Sie dem Verfassungspatriotismus. Wieso halten Sie dieses Konzept, das Dolf Sternberger und Jürgen Habermas geprägt haben, für geeignet, zur Integration beizutragen?

Ateş: Ich musste mir sehr früh Gedanken darüber machen, womit ich mich identifiziere. Ich bin in der Türkei geboren und in Deutschland aufgewachsen, wo ich seitdem lebe. Das birgt Konflikte. Die einen wollen mich nicht, weil ich ihrem Land entfremdet bin und nennen mich Deutschländerin, die anderen nehmen mich nicht auf, weil ich nicht ursprünglich aus ihrem Land stamme und nennen mich Ausländerin. Deshalb musste ich mich fragen, wo gehöre ich hin, welches Land möchte ich denn meins nennen.

Irgendwann habe ich für mich festgestellt, dass beide Länder meine Heimaten sind. In der öffentlichen Debatte will man aber trotzdem immer eine Positionierung von mir haben. Wenn man sich dann Gedanken über die eigene Zugehörigkeit macht, über Vater- oder Mutterland, wie es im Türkischen heißt, dann ist man natürlich schnell bei Themen wie dem Nationalismus. Ein Gedanke, der mir sehr fremd ist.

Als Jurastudentin bin ich stattdessen schnell beim Grundgesetz angelangt, welches ich regelrecht verehre, das ich als richtig empfinde, weil ich in unserer Verfassung die allgemeinen Menschenrechte als Werte wiederfinde, für die ich mich ganz stark einsetze. Ich habe das Grundgesetz sehr früh zu schätzen gelernt und mich als eine Patriotin für diese Verfassung bezeichnet.

Als ich den Begriff des Verfassungspatriotismus dann für mich entdeckte, war das Konzept für mich stimmig. Ich hörte zwar immer Kritik, dass das verkappter Nationalismus sei, ein theoretischer Begriff, eine akademische Auseinandersetzung. Damit konnte ich mich aber nie ganz zufrieden geben. Und jetzt erst recht nicht. Ich plädiere dafür, den Verfassungspatriotismus aus seinem Schattendasein herauszuholen und ins Herz der Integrationsdebatte zu stellen. Damit lässt sich das Wir-Gefühl, die Willkommenskultur und die Solidargemeinschaft, von der wir immer sprechen, begründen.

LTO: Welche Staatsangehörigkeit hat Ihre Tochter?

Ateş: Von Anfang an und ausschließlich die deutsche. Ich habe sie bei den türkischen Behörden gar nicht erst gemeldet. Es war für mich klar, dass ich sie nicht in die Situation bringen wollte, sich für eine Staatsbürgerschaft entscheiden zu müssen. Ich habe ihr die Entscheidung abgenommen, um sie davor zu schützen, diesen Akt durchzumachen.

LTO: Weil sie ihn selbst als so schwierig empfunden haben?

Ateş: Ich fand die Entscheidung problematisch, weil sie unnötig überladen ist mit folkloristischen und emotionalen Dingen.

LTO: Frau Ateş, vielen Dank für das Gespräch.

Seyran Ateş arbeitet seit Januar 2013 wieder als Anwältin für Familien- und Strafrecht in Berlin. Anfang März erschien ihr Buch "Wahlheimat".

Das Interview führte Claudia Kornmeier.

Zitiervorschlag

Seyran Ateş, Seyran Ateş zur doppelten Staatsangehörigkeit: "Zwei Pässe sind nicht unbedingt ein Privileg" . In: Legal Tribune Online, 18.03.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/8345/ (abgerufen am: 14.11.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 19.12.2013 13:21, KMK

    Ungeachtet anderer Passagen, die ich eher als konfus empfinde bzw. die mein Verfassungsverständnis anstrengen (insb. die recht pauschale Forderung nach dem Recht eines Staates, bewaffnete Hoheitsträger auf das Staatsgebiet eines anderen Staates zu entsenden) fällt mir eine Aussage besonders auf:

    " Von Anfang an und ausschließlich die deutsche. Ich habe sie bei den türkischen Behörden gar nicht erst gemeldet. Es war für mich klar, dass ich sie nicht in die Situation bringen wollte, sich für eine Staatsbürgerschaft entscheiden zu müssen."
    Wurde denn nicht gerade diese Situation der Entscheidung, die zur Auseinandersetzung mit politischen und rechtlichen Hintergründen, mithin zur auch kulturellen Bildung, hinführen kann / soll einige Zeilen zuvor noch als Chance begriffen?

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 19.12.2013 14:10, Aras

    @KMK
    Das ist mir auch aufgefallen. Man muss aber auch den kulturellen Hintergrund von Frau Ates beachten, denn dieser ist zur Hälfte kurdisch und ihre Erziehung war repressiv. Dadurch ist es offensichtlich, dass sie keine starken Bindungen zur Türkei hat, mitunter würde ich es feindlich kategorisieren.

    Ich denke auch, dass man seinen Kindern nicht diese Entscheidung vorweg nehmen soll. Ich bin selber davon betroffen, dass mein Großvater väterlicherseits soweit ich das erfassen konnte meinen Vater nicht den iranischen Behörden gemeldet hat bzw. melden konnte. Dadurch war er staatenlos und ich dadurch auch. Ich wurde aber in die DDR eingebürgert. Das führt aber dazu, dass ich ein Visa beantragen muss um in die Heimat meiner Vorfahren zu reisen.

    Höchstwahrscheinlich kann die Tochter aber auch trotz fehlender Meldung Türkin sein. Denn sollte sie minderjährig in die Türkei einreisen wollen, so wird ggf. eine Geburtsurkunde verlangt. Wenn dann die Botschaft erkennt, dass die Mutter zu der Zeit Türkin war, kann es sein, dass sie kein Visum erhält. Denn ein Staatsbürger braucht einen Ausweis bzw. Reisepass um in seine Heimat einzureisen.

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