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Seyran Ateş zur doppelten Staatsangehörigkeit: "Zwei Pässe sind nicht unbedingt ein Privileg"

Interview mit Seyran Ateş

18.03.2013

Viele in Deutschland geborene Kinder von Ausländern müssen sich mit der Volljährigkeit für eine Staatsbürgerschaft entscheiden. Tun sie das nicht, verlieren sie automatisch die deutsche. Die Berliner Anwältin Seyran Ateş hat ihren türkischen Pass freiwillig aufgegeben. Im LTO-Interview erklärt sie, warum sie die doppelte Staatsbürgerschaft heute ablehnt und im Entscheidungszwang eine Chance sieht.

LTO: Sie haben Ihre türkische Staatsbürgerschaft, die Sie neben der deutschen hatten, freiwillig aufgegeben. Warum?

Ateş: Ich wollte zu einer Lesung in die Türkei reisen und zwar mit Personenschützern vom Landeskriminalamt (LKA), weil ich auch aus der Türkei Morddrohungen erhalten hatte. Die Türkei hat den Beamten aber nicht erlaubt, mich bewaffnet zu begleiten, mit der Begründung, dass ich auch türkische Staatsbürgerin bin.

Seyran Ateş, Bild: Müjgan Arpat - Ullstein VerlagDas hat mich dazu gebracht, neu darüber nachzudenken, wie sinnvoll es ist eine doppelte Staatsangehörigkeit zu haben, wenn man in zwei politisch so verschiedenen Systemen lebt. Ich kam zu dem Schluss, dass es für mich eher ein Fluch als ein Segen war. Hätte ich nur einen deutschen Pass gehabt, dann hätten die Türken eine Begleitung durch bewaffnete LKA-Beamte wahrscheinlich eher erlaubt.

Bevor Deutschland die doppelte Staatsangehörigkeit einführt, sollte es mit der Türkei vereinbaren, dass das eine Land jeweils in dem anderen miteinschreiten darf, um seine Staatsbürger zu schützen. In meinem Fall hätten die Türken also die Entscheidung der Deutschen, mich mit Waffen zu begleiten und zu schützen, akzeptieren sollen. Die Türkei hätte anerkennen sollen, dass Deutschland Menschenrechtlerinnen wie mich, die bedroht werden, schützt.

LTO: Eine solche Vereinbarung sollte also die Voraussetzung für eine umfassende Einführung der doppelten Staatsangehörigkeit sein?

Ateş: Absolut. Die Länder müssten miteinander ausmachen, was in Konfliktsituationen passiert, in denen sich Personen mit zwei Staatbürgerschaften in dem einem Land befinden und sich von dem anderen Schutz wünschen.

LTO: Würden Sie sagen, dass Sie ganz generell gegen die doppelte Staatsangehörigkeit sind, solange es eine solche Vereinbarung nicht gibt?

Ateş: Solange es das nicht gibt, bin ich dagegen. Ich denke, zwei Staatbürgerschaften bringen den meisten Menschen eher Nach- als Vorteile. Ich habe im Vorfeld meiner Entscheidung mit vielen Leuten geredet und mir wurde sowohl von den Botschaften als auch von den einzelnen Menschen, die die doppelte Staatsangehörigkeit haben, erzählt, dass ihnen Ähnliches widerfahren ist. Die deutschen Botschaften oder Konsulate konnten oder durften nicht einschreiten, um Deutschtürken zu helfen. Das hat mich bestätigt in meiner neuen Ansicht über die doppelte Staatsangehörigkeit, die ich bisher, ohne das überhaupt so differenziert hinterfragt zu haben, ja konsequent bejaht hatte.

"Ich dachte, man sollte auch drei oder vier Pässe haben können"

LTO: Was waren vorher Ihre Gründe für die doppelte Staatsbürgerschaft?

Ateş: Die waren sehr viel offensichtlicher und vordergründiger. Ich dachte, dass Menschen doch durchaus das Recht haben sollten, sich etwa aufgrund der Sprache oder ihrer Herkunft zu mehreren Ländern zugehörig zu fühlen. Gerade solche, die in einem Land geboren und in einem anderen aufgewachsen sind. Und das sollten sie auch auf ihrem Pass niederschreiben können lassen. Und zwar nicht nur eine Staatsbürgerschaft, sondern im Prinzip auch eine dritte oder vierte.

Jetzt denke ich, Menschen, die sich für eine doppelte Staatsbürgerschaft entscheiden, sollten wirklich aufpassen, ob sie damit tatsächlich ein Privileg in den Händen halten oder sich nicht im Grunde genommen einen Nachteil erstritten haben.

LTO: Ihre Gründe dafür, die türkische Staatsbürgerschaft aufzugeben, sind ja sehr praktischer Natur. Hätten Sie diese Entscheidung auch aus der bloßen theoretischen Überlegung heraus getroffen, dass in der Türkei nicht dasselbe Maß an Rechtsstaatlichkeit gewährt wird?

Ateş: Theoretisch hatte ich die doppelte Staatsbürgerschaft ja seinerzeit bejaht und bin wieder in die türkische eingetreten, nachdem ich in den 80ern meinen türkischen Pass abgeben musste, um den deutschen zu bekommen. In den 90ern konnte ich dann wieder beide Staatsangehörigkeiten annehmen. Die politischen Umstände waren aber damals in der Türkei ja nicht besser als heute. Nun habe ich praktisch erlebt, was ich mir vorher in der Theorie nur überlegt hatte. Danach sieht man die Dinge doch anders und fragt sich, ob die zwei Pässe wirklich so ein Privileg sind.

Zitiervorschlag

Seyran Ateş, Seyran Ateş zur doppelten Staatsangehörigkeit: "Zwei Pässe sind nicht unbedingt ein Privileg" . In: Legal Tribune Online, 18.03.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/8345/ (abgerufen am: 20.04.2021 )

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Kommentare
  • 19.12.2013 13:21, KMK

    Ungeachtet anderer Passagen, die ich eher als konfus empfinde bzw. die mein Verfassungsverständnis anstrengen (insb. die recht pauschale Forderung nach dem Recht eines Staates, bewaffnete Hoheitsträger auf das Staatsgebiet eines anderen Staates zu entsenden) fällt mir eine Aussage besonders auf:

    " Von Anfang an und ausschließlich die deutsche. Ich habe sie bei den türkischen Behörden gar nicht erst gemeldet. Es war für mich klar, dass ich sie nicht in die Situation bringen wollte, sich für eine Staatsbürgerschaft entscheiden zu müssen."
    Wurde denn nicht gerade diese Situation der Entscheidung, die zur Auseinandersetzung mit politischen und rechtlichen Hintergründen, mithin zur auch kulturellen Bildung, hinführen kann / soll einige Zeilen zuvor noch als Chance begriffen?

  • 19.12.2013 14:10, Aras

    @KMK
    Das ist mir auch aufgefallen. Man muss aber auch den kulturellen Hintergrund von Frau Ates beachten, denn dieser ist zur Hälfte kurdisch und ihre Erziehung war repressiv. Dadurch ist es offensichtlich, dass sie keine starken Bindungen zur Türkei hat, mitunter würde ich es feindlich kategorisieren.

    Ich denke auch, dass man seinen Kindern nicht diese Entscheidung vorweg nehmen soll. Ich bin selber davon betroffen, dass mein Großvater väterlicherseits soweit ich das erfassen konnte meinen Vater nicht den iranischen Behörden gemeldet hat bzw. melden konnte. Dadurch war er staatenlos und ich dadurch auch. Ich wurde aber in die DDR eingebürgert. Das führt aber dazu, dass ich ein Visa beantragen muss um in die Heimat meiner Vorfahren zu reisen.

    Höchstwahrscheinlich kann die Tochter aber auch trotz fehlender Meldung Türkin sein. Denn sollte sie minderjährig in die Türkei einreisen wollen, so wird ggf. eine Geburtsurkunde verlangt. Wenn dann die Botschaft erkennt, dass die Mutter zu der Zeit Türkin war, kann es sein, dass sie kein Visum erhält. Denn ein Staatsbürger braucht einen Ausweis bzw. Reisepass um in seine Heimat einzureisen.