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Ketzerei: Als die "aA" noch lebens­ge­fähr­lich war

von Martin Rath

31.10.2017

Der heutige Reformationstag wurde zwar ausnahmsweise bundesweit als "Tag der seelischen Erhebung" ausgerufen. Wer sich aber nicht mit der Sache Luthers verbunden fühlt, mag sich vielleicht lieber mit dem Rechtsinstitut der Häresie befassen.

Soweit sie nicht unter einer besonderen Empfindlichkeit gegenüber der mit "aA" abgekürzten "abweichenden Auffassung" zu irgendeiner harmlosen Rechtsfrage leiden, kommen deutsche Juristen mit dem Phänomen der Häresie und Ketzerei eigentlich nur noch in asylrechtlichen Zusammenhängen in Kontakt.

Insbesondere Flüchtlinge aus dem Iran erklären, in der selbsterklärten "Islamischen Republik", nach deren Verfassung ein schiitischer Geistlicher als "Führer" umfassend Staatsgewalt und informelle Macht ausübt, bei Übertritt zu einem christlichen Bekenntnis an Leib, Leben und Freiheit bedroht zu sein – ihre Konversion wird als Abfall vom einzig wahren Glauben schiitischer Façon betrachtet und verfolgt.

Dass Häresie als Kampfinstrument gegen Christen, aber beispielsweise auch gegen liberale Muslime eingesetzt wird, sei es im Rahmen des positiven Rechts – wie im Beispiel der Zwangsscheidung des ägyptischen Koran- und Literaturwissenschaftlers Nasr Hāmid Abū Zaid (1943–2010) –, sei es durch die Duldung extralegaler Verfolgung durch die zum Schutz berufenen Staatsbehörden, zählt gewiss zu den schändlichsten Einrichtungen im Meinungskampf der Gegenwart.

Häresie als Rechtsproblem im deutschen Stipendium

Der bedrückenden Tristesse etwa des Falls Abū Zaid sollte vielleicht mit einem Optimismus begegnet werden, der sich daraus schöpfen lässt, wie fest das einst kirchenrechtliche, dann staatlich exekutierte Institut der Ketzerei einst auch in unserer Rechtsordnung verankert war – und wie es sich verflüchtigt hat. Und womit lässt sich Tristesse unter Juristen besser bekämpfen als mit einem sogar recht witzig anmutenden Fall?

Das Landgericht Hanau befand mit Urteil vom 11. Dezember 1979 (Az. 2 S 231/79) über eine skurril wirkende Sache: Ein Student der katholischen Theologie hatte in den Jahren 1968 und 1969 vom Bistum Limburg zinslose Darlehen über insgesamt 2.000 Mark erhalten, verbunden mit der Verpflichtung, das Geld nach Abschluss einer Berufsausbildung zurückzuzahlen.

Der spätere Beklagte begann sein Studium an der vom Jesuitenorden getragenen Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main, ließ sich 1974 aber exmatrikulieren, ohne hier oder anderenorts eine Abschlussprüfung im theologischen Fach abgelegt zu haben.

Entsprechend der Auffassung, 13 Jahre nach dem Studienbeginn sei der ehemalige Student nunmehr zur Rückzahlung des Darlehens verpflichtet, klagte das Bistum nach vergeblichem Versuch, den Betrag beizutreiben, vor dem Amtsgericht Gelnhausen, dann vor dem Landgericht Hanau.

Das Bistum verlor den Prozess, weil der Ex-Theologiestudent sich nach Überzeugung des Landgerichts darauf berufen konnte, dass die Hochschule St. Georgen einen Dozenten beschäftigte, der Thesen vertrete, "die – insbesondere wegen Ablehnung gewisser katholischer Dogmen – aus der Sicht der Lehre der katholischen Kirche häretischen Inhalts sind".

Zitiervorschlag

Martin Rath, Ketzerei: Als die "aA" noch lebensgefährlich war . In: Legal Tribune Online, 31.10.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/25315/ (abgerufen am: 08.07.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 31.10.2017 12:45, @topic

    Und deswegen feiern wir heute Luther.. Einen Mann, der sich in puncto Antisemitismus nicht verstecken muss. Glückwunsch. Gab halt vor 500 Jahren noch kein Giftgas oder Twitter... Musste man dumme Sprüche noch an Türen nageln...

  • 31.10.2017 15:19, M.D.

    So wahnsinnig viel hat sich im Vergleich zu damals nicht geändert. Heutzutage verlieren Ketzer ihren Job, werden sozial geächtet und müssen entsprechend § 90 Abs. 2 SGB XII ihr Vermögen einsetzen, bis sie dann als Hartz-IV Empfänger jede Arbeit annehmen müssen. Ok, man bringt nur noch ihren Ruf um, sie selbst nicht.

    Neben Luther ist in diesem Zusammenhang auch noch Galilei zu erwähnen, dem Erfinder von Fake News schlechthin. Dabei wusste schon damals jedes Kind, dass die Erde eine Scheibe ist.

    Auf der anderen Seite sieht man, wozu es führt, wenn man kein Türdurchsetzungsgesetz hat. Da kommt so ein Pfaffe dahergelaufen, postet seine Hetzkommentare auf der Tür und schon gibt es 30 Jahre Krieg, wodurch ein Drittel der deutschen Bevölkerung ums Leben kommt. Hätte man da nur mal früher richtig durchgegriffen, wäre das nicht passiert.

    https://www.dreissigjähriger-krieg.de/opfer.html

    • 31.10.2017 17:28, Eric

      Bei soviel Unsinn weiss man gar nicht, wo man anfangen soll.

      Ich belasse es bei dem Hinweis, dass es bei der Reformation zuallerletzt um Theologie ging. Luther ist insofern auch austauschbar, als die von ihm angesprochenen Zustände auch ohne ihn in dieser Ära zu den selben Revolten geführt hätten. Irgendwann nimmt jeder Umsturz nun einmal seinen Anfang, aber das steht und fällt nicht mit der Person Luther.

      Der Reformation war im Grunde ein Zurückdrängen der Kirche auf die Seelsorge, ein Rausdrängen aus politischer und wirtschaftlicher Macht. Und zig Leute, die keine Seelsorger und vielfach vermutlich nicht einmal religiös waren, sondern einfach von den damaligen Strukturen profitierten, hetzen dann die Menschen gegeneinander auf. Beispielsweise die zahlreichen Bischöfe, die gleichzeitig in Personalunion politische Herren und wirtschaftliche Magnaten in zahlreichen deutschen Erzstiften, Hochstiften u. ä. Und wer deren Allmacht und Ausbeutung der Bevölkerung kritisierte wurde zur Abschreckung als Ketzer (diese Ordnung sei ja angeblich von Gott so gewollt und wer diese Ordnung kritisiert ist demnach ein Ketzer) gefoltert und hingerichtet. Diese kirchliche Schreckensherrschaft war der Dreh- und Angelpunkt dessen, was wir als "Mittelalter" bezeichnen. Und das, was wir als Luther und Reformation bezeichnen, war der Wendepunkt, der später in der Aufklärung, damit in einem welthistorisch beispiellosen Erblühen der Naturwissenschaften und Selbstbestimmung der Menschen und schließlich in all dem mündete, was heute lieb und teuer ist.

      Wer auch nur ein Fünkchen Geschichtskenntnis im kleinen Finger hat weiss dies auch zu würdigen, selbst wenn er Atheist ist und nichts mit Luthers Theologie zu tun haben möchte.

    • 31.10.2017 21:10, M.D.

      Erstens war mein Beitrag offensichtlich satirisch gemeint und zweitens habe ich keine historischen Behauptungen aufgestellt, die nicht belegbar sind. Die Reformation war zweifelsohne kausal für den 30-jährigen Krieg. Ferner gab es auch nach Luther eine katholische Kirche, der immer noch halb Deutschland angehörte, insoweit sollte man die Kirche sprichwörtlich im Dorf lassen.

    • 01.11.2017 09:10, Kannst du M.D. nicht endlich

      mal die Fr**** halten? Unter jeden Artikel klatscht du nicht selten eine Art Zusammenfassung mit überheblichen, völlig unnützen Ergänzungen, falls das nicht der Fall sein sollte, entsteht leider durch und durch irrelevante Scheisse. Es nervt so gewaltig. Niemand will den Müll hören. BITTE BITTE lösch die App oder hör wenigstens auf zu kommentieren!!

    • 01.11.2017 13:59, M.D.

      Ihr Vorschlag wurde geprüft und abschlägig beschieden.

    • 01.11.2017 19:40, @M.D.

      Da muss ich tatsächlich mal Partei ergreifen. Ich mag 95 Prozent von dem, was M. D. Schreibt auch nicht, wirklich nicht. Oft VIEL Unfug.

      Aber er hat jedes Recht dazu, sich zu äußern. Und sei es nur um mir Vorlagen für Retouren zu geben.

    • 02.11.2017 14:59, M.D.

      95% entspricht fast der doppelten Standardabweichung!

      Auf der einen Seite überrascht es mich, auf der anderen Seite bin ich darüber erfreut. Sogenannte Experten, Kunstkritiker und Spitzenjuristen kommen regelmäßig zum gegenteiligen Ergebnis. Darauf basiert das Geschäftsmodell, denn das was alle können, meinen oder wissen, ist im Zweifel gar nichts wert.

    • 02.11.2017 17:05, @M.D.

      Wir werden inhaltlich sicher keine Freunde, aber man kann doch polemisch diskutieren, ohne ausfaellig zu werden - das muss der Kamerad oben halt noch lernen...

      :-) Ich mag verdammen, was Du sagst... Zitat bitte selbst vervollständigen :-)

    • 02.11.2017 21:22, M.D.

      ...Voltaire :)

  • 01.11.2017 07:44, @topic

    Ganz im Gegenteil. Man sollte die Kirche(n) aus sämtlichen Dörfern restlos vertreiben. Religion ist eindeutig was für Leute, die Alkohol nicht vertragen und anderweitig Trost suchen. Leider steht Artikel 4 GG diesen Irren auch noch zur Seite. Muss man wohl akzeptieren.

  • 01.11.2017 11:11, Aras Abbasi

    Nebenbei bemerkt: Im Iran gibt es derzeit keinen Straftatbestand der Apostasie.

  • 03.11.2017 10:17, Klaus

    Ich hab gelesen:
    Als das BeA lebensgefährlich wurde

    Warum stoppt niemand diesen elektr. Blödsinn?
    Wer erhebt noch schnell Verfassungsbeschwerde beim BverfG?

    • 03.11.2017 18:33, @Klaus

      Wenn Du zu blöd zum Lesen bist, sind nicht die anderen schuld...
      ... Klaus raus aus LTO.
      Eine Umfrage unter lto Lesern hat ergeben: 80 Prozent befürworten, Klaus zu foltern. Wer Klaus liest, liest Unsinn.