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Ketzerei: Als die "aA" noch lebens­ge­fähr­lich war

von Martin Rath

31.10.2017

3/3: Demut statt seelischer Erhebung

Der Klerus sah sich durch die Lehren der Katharer, nach denen der Zehnt, die Heiligenverehrung und die zur Akquisition von Touristen-Mitteln wichtigen Wallfahrten – man denke hier nur an den Zirkus des heutigen Jakobswegs –theologisch abzulehnen seien, in seiner wirtschaftlichen Subsistenz bedroht.

Zur Ermittlung der Ketzer bediente man sich des neuartigen Amtsermittlungsgrundsatzes, war das hergebrachte "Strafrecht" doch eher talionisch auf materiellen Schadensausgleich bedacht gewesen.
Den Kreis der Verdächtigen und Schuldigen erweiterte die Inquisition durch das Prinzip, auch derjenige, der einen Ketzer in seinen Reihen dulde, mache sich schuldig – ein Grundsatz, den 1979 noch der Beklagte im Fall des häretischen Dozenten an der Jesuiten-Hochschule beherzigte.

Inquisitoren wie Bernard Gui (1261–1331) – landläufig bekannt als fieser Charakter in Umberto Ecos "Der Name der Rose" – publizierten Handbücher mit Basiswissen zur Subsumtion verdächtiger Vorgänge, gleichsam eine Frühform des "Kurz-Kommentars" und "Formularhandbuchs". Wirtschaftlich am Laufen gehalten wurde der Inquisitionsbetrieb nicht zuletzt durch die Enteignung des Ketzer-Eigentums zugunsten der Strafverfolgungsbehörde. Die Reformation beförderte noch den Übergang dieser regulativen Programme auf den frühmodernen Staat.

Reformationsfeiertag: Seelische Erhebung?

Sowohl dem katholischen Geistlichen und Historiker Walter Kardinal Brandmüller (1929–) als auch einer halbamtlichen Stelle des Freistaats Thüringen (1990–), also sozusagen amtlich von Thron und Altar, ist die Auskunft zu verdanken, dass es sich bei Martin Luther (1483–1546) um einen Ketzer gehandelt habe, der vom seinerzeit geltenden staatlichen Strafanspruch bedroht gewesen sei.

Aus Artikel 139 der Reichsverfassung von 1919, der nach Artikel 140 Grundgesetz geltendes Verfassungsrecht ist, lässt sich schließen, dass am heutigen 31. Oktober 2017 erstmals "ganz Deutschland" – die "Bild-Zeitungs"-Phrase trifft hier ausnahmsweise zu – aufgerufen ist, den Reformationstag zur "seelischen Erhebung" zu nutzen.

Man muss wohl kein verstockter Katholik oder Agnostiker sein, um sich vom heutigen Thesen-Anschlagstag nicht seelisch erhoben zu fühlen. Martin Luthers Hauskirche tat ihr Übriges, indem sie die selbst für Atheisten theologisch nur schwer kommensurable Pastorin Margot Käßmann (1958–) zur Luther-Jahr-Beauftragten erhob.

Doch selbst wenn man in einem Luther nur den hervorragenden Lieder-Dichter sieht, ihn aber als Judenhasser und mit Kurt Flasch als reaktionären Theologen ablehnt, möchte man am heutigen Tag vielleicht etwas Demut gegenüber Menschen aufbringen, die für ihre "aA" wirklich ihr Leben riskieren, so obskur sie uns auch erscheinen mag.

Der Autor Martin Rath arbeitet als freier Lektor und Journalist in Ohligs.

Zitiervorschlag

Martin Rath, Ketzerei: Als die "aA" noch lebensgefährlich war . In: Legal Tribune Online, 31.10.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/25315/ (abgerufen am: 05.08.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 31.10.2017 12:45, @topic

    Und deswegen feiern wir heute Luther.. Einen Mann, der sich in puncto Antisemitismus nicht verstecken muss. Glückwunsch. Gab halt vor 500 Jahren noch kein Giftgas oder Twitter... Musste man dumme Sprüche noch an Türen nageln...

  • 31.10.2017 15:19, M.D.

    So wahnsinnig viel hat sich im Vergleich zu damals nicht geändert. Heutzutage verlieren Ketzer ihren Job, werden sozial geächtet und müssen entsprechend § 90 Abs. 2 SGB XII ihr Vermögen einsetzen, bis sie dann als Hartz-IV Empfänger jede Arbeit annehmen müssen. Ok, man bringt nur noch ihren Ruf um, sie selbst nicht.

    Neben Luther ist in diesem Zusammenhang auch noch Galilei zu erwähnen, dem Erfinder von Fake News schlechthin. Dabei wusste schon damals jedes Kind, dass die Erde eine Scheibe ist.

    Auf der anderen Seite sieht man, wozu es führt, wenn man kein Türdurchsetzungsgesetz hat. Da kommt so ein Pfaffe dahergelaufen, postet seine Hetzkommentare auf der Tür und schon gibt es 30 Jahre Krieg, wodurch ein Drittel der deutschen Bevölkerung ums Leben kommt. Hätte man da nur mal früher richtig durchgegriffen, wäre das nicht passiert.

    https://www.dreissigjähriger-krieg.de/opfer.html

    • 31.10.2017 17:28, Eric

      Bei soviel Unsinn weiss man gar nicht, wo man anfangen soll.

      Ich belasse es bei dem Hinweis, dass es bei der Reformation zuallerletzt um Theologie ging. Luther ist insofern auch austauschbar, als die von ihm angesprochenen Zustände auch ohne ihn in dieser Ära zu den selben Revolten geführt hätten. Irgendwann nimmt jeder Umsturz nun einmal seinen Anfang, aber das steht und fällt nicht mit der Person Luther.

      Der Reformation war im Grunde ein Zurückdrängen der Kirche auf die Seelsorge, ein Rausdrängen aus politischer und wirtschaftlicher Macht. Und zig Leute, die keine Seelsorger und vielfach vermutlich nicht einmal religiös waren, sondern einfach von den damaligen Strukturen profitierten, hetzen dann die Menschen gegeneinander auf. Beispielsweise die zahlreichen Bischöfe, die gleichzeitig in Personalunion politische Herren und wirtschaftliche Magnaten in zahlreichen deutschen Erzstiften, Hochstiften u. ä. Und wer deren Allmacht und Ausbeutung der Bevölkerung kritisierte wurde zur Abschreckung als Ketzer (diese Ordnung sei ja angeblich von Gott so gewollt und wer diese Ordnung kritisiert ist demnach ein Ketzer) gefoltert und hingerichtet. Diese kirchliche Schreckensherrschaft war der Dreh- und Angelpunkt dessen, was wir als "Mittelalter" bezeichnen. Und das, was wir als Luther und Reformation bezeichnen, war der Wendepunkt, der später in der Aufklärung, damit in einem welthistorisch beispiellosen Erblühen der Naturwissenschaften und Selbstbestimmung der Menschen und schließlich in all dem mündete, was heute lieb und teuer ist.

      Wer auch nur ein Fünkchen Geschichtskenntnis im kleinen Finger hat weiss dies auch zu würdigen, selbst wenn er Atheist ist und nichts mit Luthers Theologie zu tun haben möchte.

    • 31.10.2017 21:10, M.D.

      Erstens war mein Beitrag offensichtlich satirisch gemeint und zweitens habe ich keine historischen Behauptungen aufgestellt, die nicht belegbar sind. Die Reformation war zweifelsohne kausal für den 30-jährigen Krieg. Ferner gab es auch nach Luther eine katholische Kirche, der immer noch halb Deutschland angehörte, insoweit sollte man die Kirche sprichwörtlich im Dorf lassen.

    • 01.11.2017 09:10, Kannst du M.D. nicht endlich

      mal die Fr**** halten? Unter jeden Artikel klatscht du nicht selten eine Art Zusammenfassung mit überheblichen, völlig unnützen Ergänzungen, falls das nicht der Fall sein sollte, entsteht leider durch und durch irrelevante Scheisse. Es nervt so gewaltig. Niemand will den Müll hören. BITTE BITTE lösch die App oder hör wenigstens auf zu kommentieren!!

    • 01.11.2017 13:59, M.D.

      Ihr Vorschlag wurde geprüft und abschlägig beschieden.

    • 01.11.2017 19:40, @M.D.

      Da muss ich tatsächlich mal Partei ergreifen. Ich mag 95 Prozent von dem, was M. D. Schreibt auch nicht, wirklich nicht. Oft VIEL Unfug.

      Aber er hat jedes Recht dazu, sich zu äußern. Und sei es nur um mir Vorlagen für Retouren zu geben.

    • 02.11.2017 14:59, M.D.

      95% entspricht fast der doppelten Standardabweichung!

      Auf der einen Seite überrascht es mich, auf der anderen Seite bin ich darüber erfreut. Sogenannte Experten, Kunstkritiker und Spitzenjuristen kommen regelmäßig zum gegenteiligen Ergebnis. Darauf basiert das Geschäftsmodell, denn das was alle können, meinen oder wissen, ist im Zweifel gar nichts wert.

    • 02.11.2017 17:05, @M.D.

      Wir werden inhaltlich sicher keine Freunde, aber man kann doch polemisch diskutieren, ohne ausfaellig zu werden - das muss der Kamerad oben halt noch lernen...

      :-) Ich mag verdammen, was Du sagst... Zitat bitte selbst vervollständigen :-)

    • 02.11.2017 21:22, M.D.

      ...Voltaire :)

  • 01.11.2017 07:44, @topic

    Ganz im Gegenteil. Man sollte die Kirche(n) aus sämtlichen Dörfern restlos vertreiben. Religion ist eindeutig was für Leute, die Alkohol nicht vertragen und anderweitig Trost suchen. Leider steht Artikel 4 GG diesen Irren auch noch zur Seite. Muss man wohl akzeptieren.

  • 01.11.2017 11:11, Aras Abbasi

    Nebenbei bemerkt: Im Iran gibt es derzeit keinen Straftatbestand der Apostasie.

  • 03.11.2017 10:17, Klaus

    Ich hab gelesen:
    Als das BeA lebensgefährlich wurde

    Warum stoppt niemand diesen elektr. Blödsinn?
    Wer erhebt noch schnell Verfassungsbeschwerde beim BverfG?

    • 03.11.2017 18:33, @Klaus

      Wenn Du zu blöd zum Lesen bist, sind nicht die anderen schuld...
      ... Klaus raus aus LTO.
      Eine Umfrage unter lto Lesern hat ergeben: 80 Prozent befürworten, Klaus zu foltern. Wer Klaus liest, liest Unsinn.