LG Darmstadt verurteilt wegen fahrlässiger Tötung: Frei­heits­strafe zur Bewäh­rung für MS-Kranken nach töd­li­chem Autoun­fall

17.04.2018

Bei voller Fahrt erlitt ein MS-Kranker am Steuer einen Krampfanfall und überfuhr einen Fußgänger. Im Strafprozess räumte er ein, zuvor schon an seiner Fahrtauglichkeit gezweifelt zu haben.

Das Landgericht (LG) Darmstadt hat einen an multipler Sklerose (MS) erkrankten Autofahrer nach einem tödlichen Verkehrsunfall wegen fahrlässiger Tötung zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Der Angeklagte hatte im Juni 2015 bei einer Autofahrt einen Krampfanfall erlitten und in der Folge einen Fußgänger mit über 140 Stundenkilometern angefahren. Der 34-jährige, der bei Grün eine Straße überquert hatte, wurde 40 Meter durch die Luft geschleudert und starb noch am Unfallort.

Der heute 53-jährige Ingenieur, der wegen seiner Krankheit seit 2013 Frührentner ist, hatte während der Fahrt einen Streckkrampf im rechten Bein bekommen und dabei das Gaspedal voll durchgetreten. Das linke Bein war laut Angeklagtem ohne Krampf, aber kurzzeitig gelähmt.

Vor dem Landgericht hatte er, anders als noch in der ersten Instanz vor dem Amtsgericht (AG) Offenbach, eingeräumt, dass er schon vor dem Unfall an seiner Fahrtauglichkeit gezweifelt habe. Der Angeklagte sitzt inzwischen im Rollstuhl und hat den Führerschein abgegeben.

AG hatte auf Geldstrafe entschieden

Die Strafkammer hob nun das Urteil der Vorinstanz auf. Das Schöffengericht hatte die Unfallfahrt zwar wie das LG als fahrlässige Tötung und fahrlässigen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr gesehen, aber auf eine Geldstrafe i. H. v. 9.000 Euro entschieden. Mit dem Urteil folgte das LG Darmstadt der Forderung der Staatsanwaltschaft, die in Berufung gegangen war, weil ihrer Ansicht nach wegen des tödlichen Ausgangs nur eine Haftstrafe in Frage kommen konnte.

"Für jemanden wie den Angeklagten hatte das Autofahren noch einen ganz anderen Wert", sagte die Vorsitzende Richterin Barbara Bunk. Ihm sei es um seine Mobilität gegangen. Da verschließe man schon einmal die Augen vor der Einsicht, fahruntüchtig zu sein.

Das Urteil ist rechtskräftig, Verteidigung und Staatsanwaltschaft verzichteten jeweils auf Rechtsmittel.

dpa/mam/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

LG Darmstadt verurteilt wegen fahrlässiger Tötung: Freiheitsstrafe zur Bewährung für MS-Kranken nach tödlichem Autounfall . In: Legal Tribune Online, 17.04.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/28107/ (abgerufen am: 19.07.2018 )

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Kommentare
  • 17.04.2018 19:29, Käpt'n McMoneysack

    Yarrrr, unter all den Rechtsverdrehern hier: ist Kielholen gesetzlich verboten? Aye!!!!

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  • 17.04.2018 20:53, Stroh

    Ach ja, dem lieben MS-Kranken ging es um seine Mobilität. Nicht so wichtig das ein Menschenleben ausgelöscht wurde.

    Das ist doch ungeheuerlich: Der Angeklagte wusste das er durch sein Verhalten das Leben anderer Menschen gefährdet. Auch wenn er für seine Krankheit nichts kann, er hat gefälligst auf andere Rücksicht zu nehmen.
    Die "Mobilität" eines Schwerkranken ist nicht wichtiger als das Leben eines anderen.

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    • 18.04.2018 06:55, Rechtsanwältin

      Ja genau, er hat sich bestimmt ins Auto gesetzt und dabei gedacht "heute Fahre ich mal jemanden tot". Wer rechnet denn bitte damit, dass es direkt so ausgeht? Die Abwägung Mobilität gegen Leben ist insofern fehl am Platz. Er hat "lediglich" ein erhöhtes Unfallrisiko in Lauf genommen und dabei einen schlimmen Schaden verursacht. Natürlich verdient der Mann es, dafür entsprechend bestraft zu werden, aber überlassen Sie das verurteilen doch bitte dem Gericht.

    • 18.04.2018 21:46, Jonathan

      So recht verstehe ich Ihre Aufregung nicht. Das LG hat doch antragsgemäß eine Freiheitsstrafe auf Bewährung ausgeurteilt und damit gegenüber dem AG die Strafe deutlich verschärft. Dass man dabei u.a. (!) auch die Motive des Angeklagten berücksichtigt, gehört doch zu jeder Strafzumessung. Letztlich wird der hier zitierte Satz sicher nicht der Grund für die Strafschärfung gewesen sein.

  • 18.04.2018 07:42, Auch hier

    In jedem anderen Staat würde man Eventualvorsatz annehmen, aber in diesem Trallalaland kommt echt Jeder davon. Selbst, wenn er weiß, dass er nicht fahrtauglich ist!

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    • 18.04.2018 08:25, Jaja

      stimmt schon: Wir sind ein Land voll Weicheier. Aber das hat doch auch seine Vorteile: Wenn Ihnen danach ist, heute mal einen Menschen zu töten, tun Sie's halt einfach. Es kann ja vor Gericht nicht viel passieren.

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