Legal-Tech in Deutschland 2017: Gekommen, um zu bleiben

von Ingo Mahl, LL.M.

09.09.2017

2/2: Spitze Geschäftsmodelle sind spitze

Aber wie schnell wird sich die Rechtswelt durch die neuen Player wirklich verändern? Wie erfolgreich sind die zahlreichen Angebote, und welche von ihnen haben die Substanz, den Rechtsmarkt nachhaltig zu verändern? Schließlich scheitern durchschnittlich 9 von 10 Startups, nur eines wird erfolgreich.

Im Februar war bekannt geworden, dass das vom US-Marktführer Legalzoom finanzierte Unternehmen Legalbase Insolvenz anmelden musste. Wenige Wochen später übernahm der millionenschwere Investor Legalzoom die Plattform zur Vermittlung von anwaltlichen Dienstleistungen aber komplett, so dass man von Legalbase in Zukunft sicher noch einiges erwarten kann.

Große Markterfolge verbuchen bislang vor allem sog. spitze Angebote, also Services, die für ein ganz konkretes, genau umrissenes Rechtsproblem bzw. einen bestimmten rechtlichen Themenkreis eine Komplettlösung anbieten. Das bekannteste Beispiel ist das Berliner Unternehmen Flightright, das nach eigenen Angaben bereits Entschädigungen für Flugverspätungen im Wert von über 100 Millionen Euro für seine Kunden durchgesetzt hat. Zuletzt erzielte das Portal große Aufmerksamkeit durch die Ankündigung seines neuen Services Flightright Now, mit dem vollautomatische Sofort-Auszahlungen an Kunden innerhalb weniger Minuten möglich werden sollen. Dem liegt ein Algorithmus zugrunde, der die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Klage mit Hilfe von Big Data und Legal Analytics auf Basis von 35.000 ausgewerteten Gerichtsverfahren berechnet.

Das Portal geblitzt.de, das automatisiert und kostenlos Bußgeldbescheide prüft, berichtet von mehr als 70.000 eingereichten und bearbeiteten Fällen. Rightmart.de, eine Plattform mit angeschlossener Kanzlei, hat nach eigenen Angaben bereits mit seinem ersten Rechtsprodukt, der Prüfung von Hartz-IV-Bescheiden, mehr als 10.000 Verfahren geprüft bei einer Erfolgsquote von 40 Prozent für die Mandanten und einem Umsatz von 200 bis 300 Euro pro Mandat.  

Auch die digitalen Marktplätze entwickeln sich weiter

Neben diesen spitzen Angeboten wachsen vor allem die meist schon seit Jahren präsenten Marktplatz-Angebote für anwaltliche Dienstleistungen. Marktführer anwalt.de verzeichnet heute fast 15.000 bezahlte Kanzleiprofile auf seiner Plattform und beschäftigt 120 Mitarbeiter an den Standorten Nürnberg und Berlin. Für die kommenden Jahre hat das Unternehmen angekündigt, seine Plattform "im Kontext von Legal Tech zum Amazon der Rechtsberatung" auszubauen. Auch andere Anwaltsportale wie 123recht.net oder das zu Wolters Kluwer gehörende anwalt24.de entwickeln ihr Angebot derzeit intensiv weiter.

Das Greifswalder Startup Advocado hat in diesem Jahr mit einer Finanzierungsrunde im siebenstelligen Bereich auf sich aufmerksam gemacht, neuere Mitspieler auf dem Spielfeld der Vermittlung anwaltlicher Dienstleistungen sind auch Jurato und FragRobin.  

Sogar ein ganz klassischer Anbieter im Rechtssystem will eine führende Rolle übernehmen. Die ARAG, größter Rechtsschutzversicherer in Deutschland, hat Anfang 2017 in Köln einen "digitalen Rechtsdienstleister" namens JUSTIX gegründet, der ein volldigitales Beratungssystem in mehreren europäischen Länder ausrollen soll. Deutschland bleibt erst einmal außen vor, nach Unternehmensangaben, weil die gesetzlichen Regelungen woanders liberaler seien.  

Es geht nur noch um das Wie, Wer und Wann

Man könnte die Aufzählung neuer Unternehmen, Angebote und Initiativen im Legal-Tech-Markt beliebig fortsetzen. Kanzleien entwickeln selbst erste Chatbots für ihr Leistungsportfolio, Legal-Tech-Unternehmen starten in zahlreichen weiteren Geschäftsfeldern, und im Sommer 2017 wurde sogar eine Fachgruppe Legal Tech im Bundesverband Deutsche Startups offiziell gegründet.

Wer Legal Tech also nur als aktuellen Hype oder als eine Modeerscheinung abtun möchte, verkennt die Entwicklungen im Rechtsmarkt. Im vergangenen Jahr schrieb ich, dass dieser durch Legal Tech zwar nicht schon in ein oder zwei, aber doch spätestens in zehn Jahren ein ganz anderer sein würde. Wenn man sieht, mit welcher Geschwindigkeit sich der Legal-Tech-Markt allein seitdem entwickelt hat, könnte diese Prognose deutlich zu konservativ gewesen sein. Es geht längst nicht mehr um das Ob. Die Frage ist nur noch, welche Angebote, Anbieter und Technologien sich letztendlich durchsetzen werden. Und wie schnell das geschehen wird.    

Der Autor Ingo Mahl, LL.M., ist Rechtsanwalt und Leiter des Geschäftsbereichs Legal Digital Information (u.a. smartlaw.de, anwalt24.de, LTO.de) bei Wolters Kluwer Deutschland. 

Zitiervorschlag

Ingo Mahl, LL.M., Legal-Tech in Deutschland 2017: Gekommen, um zu bleiben. In: Legal Tribune Online, 09.09.2017, https://www.lto.de/persistent/a_id/24401/ (abgerufen am: 16.12.2017)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 09.09.2017 12:57, Legal Tech - Gääähhn

    Es fehlt der übliche Werbehinweis über dem Artikel.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 10.09.2017 12:26, lomos

    Auffällig ist, dass die Entwicklung nur in den Kanzleien stattfindet. In Verwaltung und Justiz, wo es enorme Automatisierungspotentiale gäbe herrschen hingegen nach wie vor steinzeitliche Zustände.

    Auf diesen Kommentar antworten
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