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Wenn Politiker schreiben: Das eigene Buch im Wahl­kampf - Bringt es das?

09.06.2017

Bücher von Politikern gibt es etliche. Tatsächlich gelesen werden sie nur selten, vermutet ein Experte. Warum schreiben aktive Minister trotzdem mehrere hundert Seiten?

Die Liste ist lang - und prominent: Sigmar Gabriel hat es getan, Frank-Walter Steinmeier ebenso wie Wolfgang Bosbach und Edmund Stoiber. Sie alle haben ein Buch geschrieben, in dem sie Stellung beziehen oder zurückblicken. Jüngstes Beispiel: Justizminister Heiko Maas. Vor rund zwei Wochen erschien "Aufstehen statt wegducken".

Wer als Politiker was auf sich hält, schreibt ein Buch - so scheint es. Warum eigentlich? Haben Minister und Mitglieder des Bundestags nichts Besseres zu tun? Stefan Marschall, Politikwissenschaftler an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, nennt zwei Gründe: Rückblick oder inhaltliche Positionierung. Mitunter verschwimmt beides.

Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach veröffentlichte im Oktober den Gesprächsband "Endspurt" mit dem Journalisten Hugo Müller-Vogg - eine Art Rückblick auf sein politisches Leben. Warum? "Weil das die Möglichkeit ist, einmal ausführlich zu aktuellen und wichtigen politischen Themen Stellung zu nehmen, ohne dass diese Aussagen sehr verkürzt wiedergegeben werden." Er habe selten die Gelegenheit, zu begründen, warum er bestimmte Entscheidungen getroffen habe. Im Buch nutzt Bosbach dazu 270 Seiten. Wenige Wochen zuvor hatte der CDU-Politiker, der mehr als 20 Jahre im Bundestag saß, seinen Rückzug aus der aktiven Politik bekanntgegeben.

Maas: Ob Buch im Wahlkampft nützt, interessiert nicht

Justizminister Heiko Maas (SPD) blickt mit seinem Buch nicht zurück, sondern in die Gegenwart. Er legte im Mai "Eine Strategie gegen Rechts" vor. 250 Seiten, die sich mit Rechtspopulismus in Deutschland beschäftigen. Nach Marschall ist das der zweite Grund für ein Politikerbuch: die Verknüpfung mit einem bestimmten Thema. So könnten Politiker Kompetenz signalisieren, sagt der Wissenschaftler. "Bücher haben immer noch den Nimbus, dass sich jemand ganz systematisch und gründlich Gedanken gemacht hat."

Maas ist für Rechtsextreme und Rechtspopulisten schon länger eine Reizfigur. "Irgendwann habe ich beschlossen, was mich bewegt und was ich für wichtig halte, auch mal in einem längeren Zusammenhang aufzuschreiben", sagt er. Mit dem Schriftsteller Michael Ebmeyer entstand das Buch. Gemeinsam haben sie Exposé und Gliederung erarbeitet, ehe sie die einzelnen Kapitel in vier- bis sechsstündigen Sitzungen - meist samstags - besprochen haben. Ebmeyer schrieb den Text, Maas schaute nochmal drüber.

Was er sich - ein paar Monate vor der Bundestagswahl - davon verspricht? "Wie wir mit Rechtspopulisten umgehen sollten, das interessiert mich - ob das Buch irgendwie im Wahlkampf hilft oder nützt, interessiert mich reichlich wenig", sagt der Sozialdemokrat. Der Politikwissenschaftler Marschall hält die Wirkung ohnehin für begrenzt. "Das kann ein kleiner Mosaikstein in dem Gesamtbild eines Politikers sein."

AfD verfremdet Maaß-Cover

Hauptgrund für so ein Buch könnte ein anderer sein: "Eitelkeit, Profilneurose, Öffentlichkeitsfixierung - wie man das auch immer nennen will", sagt Joachim Trebbe, Kommunikationswissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Politiker lebten davon, im Gespräch zu bleiben. "Ich wage die steile These, dass das, was da drinsteht, sowieso die wenigsten interessiert", sagt Trebbe. Doch selbst, wenn kaum jemand das Buch liest, berichten vielen Medien doch darüber.

Dass die Auseinandersetzung mit bestimmten Themen Reaktionen erzeugt, zeigt ein Facebook-Post des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke. Eine Fotocollage zeigt das verfremdete Cover des Maas-Buchs. Die AfD macht aus dem Untertitel "Eine Strategie gegen Rechts" unauffällig "Eine Strategie gegen das Recht".

Der Verlag hat rechtliche Schritte gegen die AfD-Fraktion angekündigt, das Justizministerium verweist darauf, dass Maas das Buch als Privatperson geschrieben hat. Und Maas fühlt sich bestätigt: "Die Arbeitsweise von Rechtspopulisten scheint genauso zu sein, wie es in dem Buch beschrieben ist."

dpa

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Wenn Politiker schreiben: Das eigene Buch im Wahlkampf - Bringt es das? . In: Legal Tribune Online, 09.06.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/23137/ (abgerufen am: 14.04.2021 )

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