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Mindestanforderungen an familienpsychologische Gutachten: "Qua­li­fi­ziert, wis­sen­schaft­lich und trans­pa­rent"

von Anne-Christine Herr

06.10.2015

Noch können Familienrichter Sachverständige in Sorgerechts-Prozessen frei wählen. Das führt häufig zu Fehlurteilen. Anja Kannegießer hat mit anderen Experten einen Katalog erstellt, um die Qualität forensischer Gutachten zu sichern.

LTO: Frau Dr. Kannegießer, Sie haben zusammen mit einer Expertenrunde von Juristen, Psychologen und Medizinern auf Initiative des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz einen Katalog von Mindestanforderungen erarbeitet, um die Qualität familienpsychologischer Gutachten in Gerichtsverfahren zu steigern. Warum ist ein solcher Katalog überhaupt erforderlich?

Kannegießer: In familienrechtlichen Prozessen genügen manche der meist entscheidungserheblichen Gutachten nicht wissenschaftlichen Anforderungen - und das bei so bedeutsamen Fällen wie dem Sorgerecht oder dem Umgang mit dem eigenen Kind. Das liegt vor allem daran, dass es hier bislang keine verbindlichen Standards gibt. Familienrichter sind relativ frei und können auch gering qualifizierte Gutachter als Sachverständige einsetzen, deren Vorgehen teilweise nicht wissenschaftlich fundiert ist.

Untersuchungen zeigen, dass sich die Qualität der Gutachtertätigkeit verbessert, wenn sie durch gewisse Standards gelenkt wird. Solche festen Anforderungen gibt es bereits in anderen forensischen Gutachtenbereichen, wo sie entweder Gerichte oder interdisziplinäre Arbeitsgruppen entwickelt haben.
Konkreten Anlass zur Expertenrunde gaben sicherlich einige umstrittene Entscheidungen und Studien, die in den Medien und der Politik eine Diskussion um die Qualität forensischer Gutachten angestoßen haben.

Auch das Bundesverfassungsgericht hat in der Vergangenheit fehlerhafte Gutachten beanstandet. Im Koalitionsvertrag haben die Regierungsparteien daher vereinbart, "in Zusammenarbeit mit den Berufsverbänden die Qualität von Gutachten, insbesondere im familiengerichtlichen Bereich verbessern" zu wollen.

"Gerichte haben unkritisch fehlerhaftes Gutachten übernommen"

LTO: Wie verhält ihr Katalog sich zum Vorhaben der Regierung, das Sachverständigenrecht zu reformieren?

Kannegießer: Die jetzt entwickelten Standards sollen zu einem zweiten, parallelen Strang in der Qualitätssicherung neben den aktuellen gesetzgeberischen Aktivitäten werden. Natürlich können wir Dinge in unserem Papier ausführlicher, konkreter und spezifischer regeln als ein Gesetz es kann.

LTO: Was genau hat das Bundesverfassungsgericht zu den fehlerhaften Gutachten festgestellt?

Kannegießer: Ein Fall von 2014 hat für großes Aufsehen gesorgt. Das Gericht hat damals sehr deutlich das Vorgehen des Gutachters und des Gerichts kritisiert. In einem Prozess um die Entziehung des Sorgerechts seiner Tochter hatte die Gutachterin dem aus Ghana stammenden Vater unter anderem wegen "afrikanischer Erziehungsmethoden" die Fähigkeit abgesprochen, sich verantwortlich um seine Tochter zu kümmern.

Dieses Gutachten hielten die Verfassungsrichter insbesondere deshalb für fragwürdig, weil es sich nicht angemessen mit der Frage der Kindeswohlgefährdung auseinandersetze. Bei der Frage der Fähigkeit, Kinder zu erziehen, dürften nicht die subjektiven Vorstellungen des Gutachters oder die des Staates die elterlichen Vorstellungen ersetzen. Auch fanden die Richter deutliche Hinweise darauf, dass es dem Gutachter an der gebotenen Neutralität fehlte – so habe sie mehrfach unsachlich auf die Herkunft des Mannes hingewiesen.

Trotzdem hatten sowohl erste als auch zweite Instanz das Gutachtenergebnis in ihren Beschlüssen unkritisch übernommen und die offensichtlichen Mängel nicht rechtlich gewürdigt.

Mindestanforderungen für Sachverständige und Gutachten

LTO: Mit welchen wichtigsten Neuerungen wollen Sie gegen diese beanstandete Praxis vorgehen?

Kannegießer: Es ist das erste Mal, dass ein Papier berufsübergreifend die zentralen Mindestanforderungen zusammenstellt, die Sachverständige und ihre Gutachten im Kindschaftsrecht vor Gericht erfüllen müssen und in welchen Schritten der Experte vorzugehen hat. Die Punkte sind extra knapp und überschaubar gehalten, damit sie praktikabel für die Praxis sind. Sie berücksichtigen, dass jeder Beteiligte im familiengerichtlichen Verfahren aus seiner spezifischen Rolle und Perspektive auf die Thematik schaut. Schließlich nehmen die Empfehlungen Stellung zu der Frage, ob ein mangelbehaftetes Gutachten noch verwendet werden kann. Da Mängel oftmals heilbar sind, führt nicht jeder Fehler zur dessen Unbrauchbarkeit im gerichtlichen Verfahren.

Zitiervorschlag

Anne-Christine Herr, Mindestanforderungen an familienpsychologische Gutachten: "Qualifiziert, wissenschaftlich und transparent" . In: Legal Tribune Online, 06.10.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/17103/ (abgerufen am: 18.06.2019 )

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Kommentare
  • 08.10.2015 18:19, Elena Glossoti

    Und wann entscheidet sich der "Forensische" gutmeindene und geldlich gut bebildete Gutachter ein Gutachten zu erstellten? Vor oder nach dem die Erbschaft und Besitzesstand angefochten wurden? Und wo blieb z.B. die täschelnde Justiz die ganze Zeit lang? Also das mit den Forensichen Gutachten, der Hiererchie und Kulturanhang zusammen mit dem Familienrecht, sind alles nach wie vor bezahlte Vorgänge, es ist so im Rahmen des machbaren Mordens, das man den oder die anderen legal ermordert, dafür dass man im Familienrecht schon als Kind kriminell war? Also ergibt keine Logik, mit der Eugenik, also müsste man auch die Schicht der Ärzte und Besserbisser verbannen oder entlassen die sowas betreiben und als wissenchaftliche oder marktwirtschaftliche Argumentation und Forschung in den Raum stellen, für oder gegen andere entscheiden, dies verkaufen und vermarkten.

    • 09.10.2015 10:49, Michael

      Hier gebe ich Ihnen vollumfänglich Recht; das auf "Macht & Gier" aufgeblähte System muss in den Reißwolf!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Die narzistisch veranlagten "verantwortlichen" Beamten" gleich mit. Gleichzeitig schlage ich vor, dass das System bzgl. "Gutachtertätigkeiten" z. B. von Spanien übernaommen wird; die haben keine "Vergangenheit aus dem III. Reich"!!! Leider hatte sich "scheinbar" seit 1945 diesbezüglich etwas gem Art. 1 GG etwas verändert. Lediglich unser schwerst-mehrfach behinderter Sohn wird nicht mehr vergast; diese Menschen mit Förderbedarf werden von der Gesellschaft möglichst weit aufs "Abstellgleis" verfrachtet!!! Den Eltern wird nebenbei das "Sorgerecht" von den "Einrichtungen" entzogen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

      Aus diesem Grunde werde ich eine "Musterklage" gegen den Kostenträger in Beiladung der Heim-Stiftung" bis zum EuGH für Menschenrechte einbringen. Diese Verantwortung bin ich meinem erwachsenen Sohn (Vater als gesetzlicher Betreuer) schuldig!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

      Im Wissen der Menschenunwürdigen Zustände teilte mir heute das zuständige AG mit, dass hier kein "Einwirken des Betreuungsgerichts" vorgenommen werden kann. Die Eltern bzw. gesetzlichen Betreuer müssten gegen die "Verursacher" klagen. Somit kann die "Justiz generell in Deutschland abgeschafft" werden.

  • 08.10.2015 18:56, Michael

    Es wäre erfeulich, wenn die "selbsternannten Gutachter/innen" zeitnah von der "Bildfläche" verschwinden!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Diese Quackalber gehören schnellst möglich in die "Mottenkiste", welche fest verschlossen werden muss!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    Ein Jahrzehnt verleumdeter (hohe Verwaltungbeamte, Richter/innen, Staatsanwalt, Polizistin, selbsternannte Gutachter, ppa. des Landes NRW) mutmaßlicher "gewaltbereiter Psychopath" (Gustl Mollath von NRW)!!!

  • 11.10.2015 03:29, eono

    Wie armselig! Es geht im o.g. Beispiel nicht darum das Richter/innen weder lesen, hören, denken, sprechen, anhören können müssen ... überhaupt wissen
    müssen was eine "Anhörung" ist - dann könnten sie selber sehr schnell unfähige "Gutachter" die nicht wissen was ein Gutachten ist noch wie man es erstellt aussortieren. Es geht um eine einzige Phrase - gegen die sich irgendwer bemüht hat vorzugehen: Man sagt nichts gegen andere Länder.
    Ich sehe inzw. das Männer keine Männer und Frauen keine Frauen mehr sind.
    Vermutlich haben wir ein ähnliches Problem wie die Japaner: Deutsche Männer
    verlernen Sex. Aber offenbar nicht zu Gunsten des Arbeits-Berufslebens.
    Sondern mein Eindruck ist seit Jahrzehnten: Wer eine normale Schullaufbahn
    nachweisen kann ist verkorkst/krank/neurotisch/psychotisch/wahnsinnig und hält
    das auch noch für normal - was in etlichen Studiengängen offensichtlich noch
    nicht einmal später bewusst wird.
    "Die Henne oder das Ei!"?
    These: Wenn der "nicht domestizierte (dt.) Mann" "Richter" "Gutachter" uva ist -interessiert logischerweise außer dem Namen von x nichts - ist im Gegenteil alles zuviel. Er kennt ja nichts als sich. - Nur seine Kolleginnen oder von ihm präferierte "Gutachterinnen" o.ä. sind rein fachlich auch keinen Deut besser.
    Welcher normale Mensch masst sich an über Unbekannte/Fremde überhaupt etwas zu "wissen"? nur herum zu phantasieren und das dann nach einem Null und nichts Anfang Jahre und Jahrzehnte? Bestenfalls ein paar Minuten normal handschriftlich mitzuschreiben - wenige Minuten ... was denn? Ohne Fragen/Nachfragen > 13 Seiten "Beschluss" LG 1994 (haarsträubend - von wem oder wie vielen ist die Rede?) (Bayern) ... 16 S "Gutachten" 2009 NRW und ähnliches. Absolut nichts! Es wurde weder ein Antrag gestellt noch gab es sonst irgendwas ... nur mal ein "grüßgott" zu einem "Richter" 1994nund ein paar gewöhnliche Worte die sogar Deutsche kennen: "Mutter""Schwester""Beruflicher Werdegang" ein paar Minuten nur erst einmal sich und 2 Personen vorstellen - beendete "Richter" lächelnd, immer noch wortlos den Versuch eines Erstgesprächs.Beliess es aber nicht dabei. - Inzw. sind mehr als 20 Jahre vergangen ich bin inzw in einem 4. Land und sehe immer nur mehr oder weniger Nichts oder Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom > Verrückte, Wahnsinnige, Lügner, Betrüger. Nichts darf sein.
    Was sich von selbst versteht in einem Land ohne Worte ohne Alles und Jeden.
    Indem es immer nur um mehr Schein als Sein geht und darum alles aufzulösen
    zusammen zu schlagen, sonstwie umzubringen, zu entsorgen ... weg weg nichts.
    Menschen dürfen nicht sein, Arbeit Berufe nicht, Haustiere nicht, sonstiges nicht.
    Wenn ich eine "Arche" bauen sollte, ich wüsste nicht welchen 2. Menschen ich mit nehmen sollte.

  • 11.10.2015 04:23, eono

    Ich kann diesen unerträglichen Beweis von Nicht-Denken gar nicht lesen.
    Ein "Sachverständiger" ist JEDER x-Berliebige Minuten-Fremde der nur mal
    1-2 Minuten da saß - und irgendwas garniert mit Vokabeln/Fachsprache zu
    Papier bringt. - Jeder der auch länger mal da saß und Konversation machte
    auch wenn kein roter Faden erkennbar war und nichts konkret, detailliert
    zur Sprache kam. - Jeder der nur da saß und handschriftlich versuchte
    irgendwas mitzuschreiben, woraus der dann Wochen später versuchte
    ein "Gutachten" zu schreiben - nach den ersten 3 Sätzen die genügt hätten - sich ins Allgemeine, breite, für und " wie alle""wissenschaftliche" flüchtete >16 Seiten.
    "Richter" die nicht lesen, denken können - schlucken alles. Null-Ausschluß.
    Nie so etwas wie: Was soll das denn? Das kann doch gar nicht sein ...o.ä.
    Die meisten Fälle der FRWG in den AG und LG sind nicht forensischer Art.
    Weshalb die Praxis seit 1992 mindestens weiter geführt wird: "Name genügt!"
    und "Gutachten" "nach Augenschein!" von wem oder was auch immer.
    Jemand hat eben mal hin geguckt ... + Name = "Akte!"
    Diese u.U. z.T. frei erfundene "Akte" wird nun immer noch genommen
    "Aktenlage" woraus der "Gutachter" seine "Hypothesen" bildet.
    Person XX oder XY ist dabei höchst überflüssig.
    Irgendwer ging mal ins Gericht nannte seinen Namen - wollte was ...
    was nicht verstanden worden ist - ging wieder ...
    doch das "Perpetuum mobile" dreht sich seitdem von alleine.
    Was soll daran neu sein? So läuft es doch seit 20-25 Jahren.
    AM BESTEN man entlässt Alle bei vollem Gehalt
    installiert einen Zentralcomputer der von diesen Menschen erfunden/entwickelt
    worden ist der künftig irgendwas mit irgendwem nach dem Zufallsprinzip veranstaltet. - Da käme ungefähr dasselbe dabei raus - nur mit dem Unterschied
    das ggf auch Jur Ri Gutachter Betreuer u.ä. erfasst würden.

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