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Recht und Magie: Das gefähr­liche Voodoo-Urteil des OLG Mün­chen

von Martin Rath

10.01.2016

Am 14. November 2012 erging in München ein Urteil zu Fragen der magischen Medizin, das traurig stimmt, wenn man es historisch liest. Bedenklich ist es in Fragen der magischen Weltordnung. Ob es die Stellung Bayerns in der Welt gefährdet?

Die wenigsten Patienten kämen auf den Gedanken, wegen Wund- und Blasenbildung an den Füßen einen Zahnarzt aufzusuchen. Auch dürften sich die wenigsten Zahnärzte der chronischen Fußleiden ihrer Patienten annehmen. Einem Schadensersatzprozess, den das Oberlandesgericht (OLG) München mit Urteil vom 14. November 2012 (Az. 3 U 2106/11) abschloss, ging aber die solcherart ungewöhnliche Arztwahl einer Patientin voraus.

Warum dieses Urteil nun ausgerechnet an einem 10. Januar besondere Aufmerksamkeit verdient, darauf wird später zu kommen sein – es geht um das Verhältnis der bayerischen Justiz zu magischen und geografischen  Gefilden, die man gemeinhin für noch schwärzer halten darf als die Verhältnisse im süddeutschen Freistaat.

Wie kam es zu dem Münchener Fall? Zur zahnmedizinischen Behandlung ihres Fußleidens hatte sich die spätere Klägerin durch ein Alternativmedizin-Buch des Dentisten und durch Empfehlung anderer Ärzte eingeladen gefühlt. Auf der Basis sogenannter kinesiologischer Tests befand der Zahnarzt, dass der Fußleidenden eine "Störfeldsanierung im Kieferbereich" zu empfehlen sei.

Störfeldsanierung ohne Schadensersatzanspruch

Unter "Störfeldern" verstehen Anhänger von Heilkünsten jenseits naturwissenschaftlicher Rationalitätsansprüche offenbar eine Mischung aus nachvollziehbaren Erkrankungen, beispielsweise des Zahnfleischs, darüber hinaus aber "Felder" im Mundbereich, die mittels magischer Verbindungen im Körper noch in ganz fernen Körperregionen zu Störungen führen können – ebenso wie es umgekehrt Störungen im Mundbereich bewirken soll, wenn ein "Feld" am anderen Ende des Körpers juckt.

Nachdem unter anderem einige Kubikmillimeter Zahnsubstanz nebst einem ganzen Zahn aus dem Mund der späteren Klägerin entfernt worden waren, kam es zu Komplikationen. Die Patientin klagte über Schlaflosigkeit, Kreislaufschwäche, Angstzustände, Antriebslosigkeit, Hautausschläge mit Rötungen, Schwellungen am Hals, am Rücken, an den Händen und Füßen. Sie führte dies auf die Behandlung durch den alternativmedizinisch inspirierten Zahnarzt zurück und klagte auf Honorarerstattung sowie materiellen und immateriellen Schadensersatz.

Das Oberlandesgericht wies die Klage ab: Sie sei selbst schuld gewesen.

Kein Zahnarztstandard für Fußblasen

Selbstverständlich ist das juristische Gegenstück zur Alltagsbosheit eines "selbst schuld" ein wenig ausführlicher zu formulieren. Es liest sich so:

"Im vorliegenden Fall hat der Beklagte seinen glaubwürdigen Angaben zufolge die Klägerin auf die Möglichkeit einer Wurzelspitzenresektion hingewiesen, was weder eine Alternative zu der von ihm angestrebten 'Behandlung des Immunsystems' noch eine schulmedizinisch nachvollziehbare Behandlung der Probleme der Klägerin mit den Blasen an den Füßen sein kann. Der Beklagte ist als Zahnarzt und Heilpraktiker tätig. Als Zahnarzt schuldet er im Rahmen abgeschlossener Behandlungsverträge die Einhaltung des zahnmedizinischen Standards, den ein niedergelassener Zahnarzt zu leisten imstande ist. Einen zahnmedizinischen Standard für die Behandlung von Blasen an den Füßen gibt es jedoch nicht."

Anders als im Fall eines Heilpraktikers, der Patienten auf die viel gehasste Schulmedizin verweisen muss, wenn er mit seiner Kunst am Ende ist, war der Zahnarzt nach Ansicht der Richter weder verpflichtet, die Patientin zum Dermatologen zu schicken, noch auf Behandlungsalternativen im Rahmen der von der Klägerin dringend gewünschten "ganzheitlichen" Außenseitermedizin hin zu beraten. Die Aufklärung über die objektive Risikolage genügte:

"Der Klägerin wurden über einen längeren Zeitraum hinweg die notwendigen Informationen über die Risiken zugänglich gemacht. Sie wurde ersichtlich […] auf die mit den Operationen verbundenen Risiken aufgeklärt. Sie wusste von vornherein, dass eine schulmedizinische Indikation für die von ihr selbst finanzierten Operationen nicht bestand. Es ist nicht klar, welchen weiteren Hinweis die Klägerin vom Beklagten dazu erwartet hätte."

Zitiervorschlag

Martin Rath, Recht und Magie: Das gefährliche Voodoo-Urteil des OLG München . In: Legal Tribune Online, 10.01.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/18079/ (abgerufen am: 25.08.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 10.01.2016 11:26, Martin

    Wenn ich das Zitat richtig verstehe, hat das OLG München doch nicht die Existenz von Voodoo-Kulten verneint, sondern vielmehr darauf verwiesen, dass es "den EINEN" Voodoo-Kult nicht gebe. Also keine einheitliche, geschlossene Voodoo-Lehre, für die man einen Gutachter bestellen könnte, sondern es sich um eine disparate Vielzahl von Voodoo-Lehren handelt, die so nicht Gutachterlich greifbar wäre ;-)

    • 10.01.2016 11:48, Rike

      Genau so habe ich das auch verstanden.

    • 10.01.2016 11:50, Theresa

      Sehe ich genauso. Die historischen Zusatzinformationen sind ein nettes Schmankerl, aber in der Sache schreibt der Autor am OLG-Urteil vorbei. Dieses stellt keineswegs die Existenz von Voodoo-Kulten infrage.

  • 10.01.2016 13:09, Manni

    Die Urteilsbegründung ist zweifelhaft, weil damit generalisiert ein "Voodoo-Kult" verneint wird, was zwar - oberflächlich betrachtet - nur auf eine fehlende justizable Gutachterlichkeit gerichtet sei, aber gerade durch die Begriffsverwendung "Voodoo" als irreführend aufzufassen ist. Denn damit unterstellen die Münchener Richter die heute gängige (und rechtlich zulässige!) Alternativmedizin auf einer Stufe mit "magisches Voodoo", womit das bayerische Gericht Frevel und Diskreditierung gegen die Heilpraktikerbranche begeht. Soweit sich der Zahnarzt als Heilpraktiker auf sein Fachwissen zu "Medianen" berief und seine Patientin zu Störfeldsanierung beriet und empfahl, gibt es dazu sehr wohl inzwischen eine Möglichkeit zur Einholung eines Fachgutachtens, die durch zugelassene Ärzte der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) hätte erfolgen können. Das sind reguläre Ärzte, die als medizinischer (zB in Deutschland) promoviert haben, und sich zusätzlich spezialisiert haben auf TCM. Entsprechend gibt es auch in Deutschland (bundesweit, und auch in Bayern) TCM-Krankenhäuser, in welchen Schul- und TCM-Medizin vereint praktiziert werden. Auf gleicher Basis hatte sich ja der Beklagte Zahnarzt betätigt, einmal als normaler Zahnarzt und zusätzlich als Heilpraktiker.
    Daher wäre es die Pflicht des bayerischen Gerichts gewesen, sehr wohl ein Gutachten einzuholen über eine tätige Fachperson (zB med. Arzt mit TCM-Ausbildung bezüglich "Mediane + Störfeldsanierung").
    Ich hätte dieses Urteil des bayerischen Gerichts auf Klägerseite nicht akzeptiert, wenn es die zugelassene, und damit anerkannte Alternativmedizin gleichsetzt mit Voodoo, um damit die Alternativmedizin einem "naiven Magie-Glauben" anzulasten. Die heutige Alternativmedizin ist nichts dergleichen, und ist auch nicht mit dem "Gesundbeten" aus den 1913-1916er Jahren vergleichbar. Bei der Störfeldsanierung wird das pathologische Nervensystem und dessen Auswirkungen miteinbezogen. Es ist altbekannt "schlechte Zähne können vielerlei Gesundheitsschäden verursachen", weil die Zähne im Kopfbereich liegen und die Nerven sich über den Kopf zentral über den ganzen Körper vernetzen, und somit auch Fernwirkungen bis in die Füße (oder andere Körperregionen) auslösen können. Dazu hätten sich die Richtern aus Bayern sehr wohl eine Fachmeinung als Gutachten bei einem zugelassenen TCM-Doktor einholen können. Die Verweigerung durch Wortgebrauch "Voodoo", muss eigentlich als unzulässige Unterdrückung von Beweismittel dem Gericht vorgewerfen werden.

    • 11.01.2016 07:38, justinian

      Yeah (y)

  • 14.01.2016 16:34, Klugscheisser

    Warum wir hier der Begriff Voodoo verwendet?
    Wie Martin am 10.01.2016 richtig schreibt, findet sich in dem Urteil des OLG München folgender Satz:
    "Wendet ein Heilpraktiker Voodoo-Praktiken an, so kann kein Gericht durch Einschaltung eines Sachverständigen klären, ob nach den Überlieferungen des Voodoo-Kultes diese Praktiken geboten waren oder nicht, da es den einen Voodoo-Kult nicht gibt."
    Was sollte aber diese ganze Sache mit "Voodoo" zu tun haben? -
    Denn wie wir doch alle vom Kino her wissen, hat "Voodoo" klassischerweise etwas mit "Voodoo"-Puppen zu tun, in die man irgendwelche Nadeln hineinstecken kann, was einer anderen Person, die von der "Voodoo"-Puppe replaced wird, dann weh tut. (Live and Let Die, UK 1973)
    Der Sachverhalt des OLG München hat damit aber doch nichts zu tun. -
    Oder vielleicht doch? - Es geht um einen Besuch bei einem Zahnarzt. Und in der Hebräischen Sprache würde man hier den Begriff verwenden רופא שניים bzw. in Alt-Hebräischer Schreibweise auch רופא שנים . Letzterer Begriff kann in einer anderen Lesart aber auch als ein Arzt verstanden werden, der die Leute von bösen Geistern heilt.

    PS: Im Wikipedia steht zu dem James Bond Kinofilm folgendes: "Bond schleicht sich in Kanangas Domizil ein und gewinnt unter Mithilfe eines gefälschten Kartenblattes die Gunst und Liebe von Solitaire. Nach einer gemeinsamen Nacht fliehen die beiden ... Da Solitaire durch die Entjungferung durch Bond ihre Sehergabe verloren hat, ist sie nun nutzlos für Kananga, der sein Medium wie auch Bond beseitigen lassen will." - Gibt es in einer Zeit, in der § 1300 BGB nicht mehr angewendet wird, noch jemanden, der dafür Verständnis hat???

    • 16.03.2016 10:36, Klugscheisser

      PPS: Zum Gedenken an die Mitglieder der vielen verschiedenen "Heiligen Bruderschaften" ( ח ב ר א ק ד י ש ה ), die es ja auch schon im Alten Ägypten gab (als dort die Pharaonen noch in der Pyramide beerdigt wurden), die vielleicht doch ein Interesse daran haben, einen negatorischen Anspruch für das durch den früheren § 1300 BGB geschützte Rechtsgut zu haben!?

  • 02.10.2016 06:31, Willi Marcon

    Wann wurden denn Pharaonen in "der " Pyramide "beerdigt"?

  • 02.10.2016 06:42, Willi Marcon

    Letztlich zeigt die Formulierung der Entscheidungsgründe nur in anderer Sprache, daß für den erkennenden Senat alle neben der Schulmedizin praktizierten Heilmethoden des Teufels ( = nicht bayrisch-römisch-katholisch-christlichen Glaubens) sind und ev ein Inquisitionssenat eingerichtet werden sollte.