Warum so viele das Jurastudium abbrechen

Vor­kennt­nisse? – Ich schaue "Suits"!

von Maximilian AmosLesedauer: 4 Minuten
Eine Studie zu den Gründen, warum junge Menschen das Jurastudium abbrechen, wirft nicht nur ein Licht auf eine antiquierte Fachkultur, sondern auch auf die Studenten selbst. Viele lassen sich von amerikanischen Vorabendserien blenden.

Die Serie "Suits" erfreut sich nicht nur unter Juristen großer Beliebtheit. Dort sieht man smarte Anwälte in perfekt geschnittenen Anzügen, die es immer wieder schaffen, mit brillanten taktischen Winkelzügen noch in letzter Sekunde die Situation zu retten. Und dabei sehen alle auch noch blendend aus.
Ohne den tatsächlichen Berufsträgern zu nahe zu treten: Dass dies nicht die Realität des Anwaltsberufs, auf den das Jurastudium mehrheitlich vorbereitet, widerspiegelt, dürfte nahezu jeder Praktiker bezeugen können. Und eigentlich lässt es sich mit ein wenig Interesse an der wirklichen Welt der Juristen auch schnell erahnen, ohne je einen Gerichtssaal von innen gesehen zu haben.
Doch scheint sich die Vorstellung vom cleveren Anwalt, der in einem teuren Auto vom einen Mandanten zum nächsten fährt und abends in einer Bar zwischen gutaussehenden Menschen einen Martini trinkt, derart in die Gedankenwelt des potentiellen juristischen Nachwuchses eingeschlichen zu haben, dass dies für einige den Ausschlag bei der Studienwahl gibt. Das geht aus einer Studie hervor, die das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) im Auftrag von 15 Bundesländern erstellt hat. Darin befassen sich die Forscher mit den Gründen, aus denen Jurastudenten vor dem Examen das Handtuch werfen.

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Über fachlichen Inhalten "großer Nebel"

"Die Vorstellungen vom Jurastudium sind sehr stark medial geprägt", erklärt Projektleiter Dr. Ulrich Heublein, dessen Forschungsteam die Befragungsergebnisse einer repräsentativen Stichprobe von 170 Studienabbrechern und 164 Absolventen des Staatsexamensstudiengangs Rechtswissenschaften aus dem Sommersemester 2014 ausgewertet hat. "Die Vorstellungen sind tatsächlich genährt von amerikanischen Vorabendserien", so sein Fazit. "Man denkt häufig an den Streiter für Gerechtigkeit, den brillanten Rechts- oder Staatsanwalt."
Über den tatsächlichen fachlichen Inhalten, dem Lesen und Verstehen von Gesetzen und ihrer Systematik liege dagegen ein "großer Nebel". Dies hänge auch mit mangelnder Vorbildung zusammen: "Es gibt kaum ein anderes Fach, zu dem die Bewerber aus ihrer Schulzeit so wenig Bezugspunkte haben". Aus diesem Grund verlangen die Autoren der Studie auch Informationsangebote für Schüler sowie Selbsteinschätzungstests und Motivationsschreiben im Auswahlverfahren.
Die Folge der fehlenden Informationen sind laut der Studie häufig Studienabbrüche, und vor allem späte. Während in natur- oder ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen die meisten Abbrüche in den ersten Semestern vorkommen, gelangen Juristen oft erst gegen Ende zu der Einsicht, dass es keinen Sinn mehr hat. Grund ist der Aufbau des Studiengangs, erklärt Heublein: "Das Staatsexamen am Ende ist die Nagelprobe auf Leistung und Motivationsstärke". Diese Faktoren würden daher auch erst spät im Studium hinterfragt, da zuvor keine annähernd so hohe Hürde zu nehmen sei. Hinzu komme auch die Überzeugung, dass erst das Repetitorium wirklich auf das Examen vorbereite. "Und die Fachbereiche tolerieren das" kritisiert Heublein.
Ein Übriges tue die große Distanz zwischen Lehrenden und Studierenden, die in anderen Fachrichtungen kaum in diesem Maße vorkomme. Ein Professor, der seinen Studenten persönlich in kleinen Gruppen die eigene Begeisterung für das Fach vermittelt, ist eben motivierender als der ferne Akademiker vorne am Pult, mit dem man vermutlich nie persönlich sprechen wird.

Juristischer Habitus verstärkt soziale Selektion

Eine weitere Erkenntnis der Studie ist, dass überdurchschnittlich wenige Studenten ohne Abitur oder mit nicht-akademischem Elternhaus den Abschluss schaffen. Na gut, könnte man sagen, vielleicht sind diese Studenten ob ihres sozialen Hintergrundes schlicht nicht so leistungsstark. Doch die Wahrheit ist komplexer, erläutert Heublein. Grund sei die "sehr traditionelle Fachkultur", die an juristischen Fakultäten herrsche. Anders ausgedrückt: Kaum irgendwo wird so hochgestochen formuliert wie unter Juristen. "Wenn sie aus einer Familie kommen, der dieser akademische Habitus besonders fern ist, fühlen sie sich schnell als Außenstehender und bekommen auch im Studium Probleme."
Bei der sozialen Selektion, die im Studium stattfinde, gehe es also weniger darum, ob man schlau genug sei. "Man hält sich einfach selbst außen vor." Sozialisation lasse sich schließlich nicht mal eben anlesen. "Das sind Prozesse über 18, 20 Jahre." Darum sind auch nicht nur besonders wenig Absolventen aus nicht-akademischen Familien unter den Juristen zu finden. Auch ist der Anteil der Absolventen, die aus einem fachlich einschlägigen – in diesem Fall juristischen – Elternhaus kommen, überdurchschnittlich hoch, wie die Studie zeigt.
Besonders schwer haben es offenbar jene, die nicht über das Gymnasium den Weg an die Uni gefunden haben. Wenngleich auch an Gymnasien keine optimale Vorbereitung auf das Jurastudium stattfinde, so sei sie doch besser als an anderen Schulformen, meint Heublein. Die Zahl derer, die auf Umwegen an die Jurafakultäten gelangen, ist ohnehin sehr gering – ihre Erfolgschancen sind zudem umso geringer.
So zeigt sich: Die schillernde Welt, in der sich Anwälte in den Medien oft zu bewegen scheinen, ist trügerisch. Doch auch die reale steht längst nicht jedem in gleichem Maße offen.

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