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Neun von zehn Nachwuchsjuristen belastet das Studium mental
Wie sehr belastet das Jurastudium die Psyche? Einer aktuellen Umfrage der Lernplattform Jurafuchs zufolge erheblich: Rund neun von zehn Befragten (88,9 Prozent) geben an, dass sich ihre mentale Gesundheit durch das Jurastudium verschlechtert habe. 47,1 Prozent sprechen sogar von einer deutlichen Verschlechterung.
Befragt wurden 1.592 Jurastudierende und Rechtsreferendare anlässlich des Welttags der psychischen Gesundheit am 10. Oktober. Zwei Drittel schätzten ihre mentale Verfassung in den vergangenen Monaten als weniger gut oder schlecht ein. Bei den befragten Frauen lag dieser Anteil mit 71,7 Prozent deutlich höher als bei den Männern mit 55,9 Prozent.
Auch Abbruchgedanken sind verbreitet: 58,8 Prozent haben zumindest einmal darüber nachgedacht, das Jurastudium aufzugeben. Mehr als jeder Dritte tat das auch mehrfach.
Examensangst sitzt tief
Besonders stark belastet der Prüfungsdruck die Psyche der Umfrageteilnehmer. 67,4 Prozent fürchten, das Examen nicht zu bestehen. Mehr als die Hälfte – 55,8 Prozent – hat Sorge, kein Prädikatsexamen zu erreichen.
Hinzu kommen Zukunftsängste: 55,9 Prozent fürchten, später keine Stelle zu finden, die ihren Vorstellungen entspricht. 42,8 Prozent sorgen sich um ihre finanzielle Absicherung. Rund ein Drittel beschäftigt zudem die Frage, ob künstliche Intelligenz den eigenen künftigen Arbeitsplatz gefährden könnte. Nur 1,9 Prozent geben an, überhaupt keine Zukunftsängste zu haben.
Schon während des Studiums spielt Geld eine Rolle: Mehr als ein Drittel der Befragten empfindet die eigene finanzielle Belastung als stark oder sehr stark.
Fast jeder Fünfte sucht professionelle Hilfe
Beim Umgang mit der mentalen Belastung helfen den meisten vor allem Freunde und Familie, Sport und ausreichend Schlaf. 18,5 Prozent nehmen professionelle Unterstützung wie Psychotherapie, Beratung oder Coaching in Anspruch.
Andere greifen zu Substanzen: 17,8 Prozent geben an, Nikotin, Alkohol oder Cannabis zum Stressabbau zu konsumieren. In Prüfungsphasen haben 13,4 Prozent mindestens einmal leistungssteigernde Substanzen verwendet.
Dass psychischer Druck auch nach dem Studium nicht verschwindet, hatte bereits eine frühere Erhebung unter Rechtsreferendar:innen ergeben. In einer Umfrage der Referendariatskommission berichteten mehr als 90 Prozent der Befragten von psychischem Druck im Vorbereitungsdienst.
Mehrheit hält Hochschulangebote für unzureichend
Ausgerechnet dort, wo Studierende Unterstützung finden könnten, sehen viele Nachholbedarf. 60,4 Prozent halten die Angebote ihrer Universität oder Fakultät zur mentalen Gesundheit für nicht ausreichend. Nur 11,6 Prozent bewerten sie als ausreichend.
Fast die Hälfte weiß zudem gar nicht, welche Unterstützungsangebote es an der eigenen Hochschule gibt, oder machte hierzu keine Angabe. Zu den bekannteren Hilfen gehören psychologische Beratungsstellen der Studierendenwerke und Hochschulsportangebote zur Stressbewältigung.
Jurafuchs-Mitgründer Carl-Wendelin Neubert sieht deshalb nicht nur die Hochschulen in der Pflicht. Für ihn zeigen die Ergebnisse, dass es auch strukturelle Veränderungen braucht. Neben leichter zugänglicher psychologischer Unterstützung fordert er modernere Lehr- und Lernmethoden und eine geringere Abhängigkeit des Studienerfolgs von wenigen großen Prüfungen. "Die Ergebnisse unserer Befragung sind ein Alarmsignal. Sie zeigen: Hier geht es nicht um gewöhnlichen Stress, den zu bewältigen Bestandteil einer anspruchsvollen Ausbildung ist. Das leistungsorientierte Jurastudium und das unausgewogene Prüfungssystem lösen bei vielen Studierende extremen Druck aus – mit den naheliegenden Folgen. Unsere Befragung bestätigt damit die Ergebnisse anderer Untersuchungen."
vv/LTO-Redaktion
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