ClickCease'Insichgespräch': Jura kommt erst an zweiter Stelle
Ein Journal für das Jurastudium

"Jura darf auch an zweiter Stelle stehen"

Interview von Pauline Dietrich, LL.M.Lesedauer: 7 Minuten

Per Selbstreflexion erfolgreich durch das Jurastudium – dabei soll das Journal "Insichgespräch" helfen. Wie es funktioniert und wie sie auf diese Idee gekommen ist, erzählt Autorin Selma Lyn Kalkutschke im Interview.

LTO: Frau Kalkutschke, Sie haben mit "Insichgespräch" ein Journal verfasst, das Jurastudierende durch Fragebögen, Tabellen und Listen zur Selbstreflexion anregen und ihnen helfen soll, ihren Weg durch das Studium zu finden. Ist es nicht traurig, dass man so etwas überhaupt brauchen soll?

Selma Lyn Kalkutschke: Nein, im Gegenteil. Die eigenen Gefühle wahrzunehmen und Wert auf das eigene Wohlbefinden zu legen, ist nicht nur für das Jurastudium hilfreich, sondern in allen Lebensbereichen. Das Jurastudium stellt die Studierenden vor besondere Herausforderungen und macht es deshalb in besonderem Maße notwendig, sich mit der eigenen mentalen Gesundheit zu beschäftigen. Wenn man das tut, hat das aber nicht nur einen positiven Effekt auf das Jurastudium, sondern auf das ganze Leben.

Meinen Sie, Sie hätten so etwas auch entwickelt, wenn Sie etwas anderes studiert hätten?

Ich kann zwar nicht über andere Studiengänge urteilen, aber ich kann mir vorstellen, dass es mich nicht so stark belastet hätte, wenn ich – wie etwa in einem Bachelorstudium – jedes einzelne Semester die Chance gehabt hätte, etwas zu meiner Abschlussnote beizutragen, und nicht erst ganz zum Schluss in zwei Wochen die wichtigsten Klausuren meines Lebens schreiben müssen. Durch diesen "Alles oder Nichts"-Charakter des Examens entsteht der besondere Druck im Jurastudium.

Genau diese Herausforderung hat mich schließlich dazu bewogen, meinen Fokus auf mein Wohlbefinden zu legen, um überhaupt durchzuhalten und vor allem: gesund zu bleiben.

Cover mit Stift

Was ist das Ziel des Journals?

Das Journal soll daran erinnern, dass Jura Spaß machen kann, auch wenn das Studium viel Disziplin und Fleiß erfordert. Wenn man liebt, was man tut, kommen Erfolge ganz automatisch. Auch im Jurastudium.

Anzeige

"Nichts ist besser für ein erfolgreiches Studium, als eine von innen kommende Motivation"

Wie soll das funktionieren?

Im Jurastudium gibt es diese weit verbreitete Denkweise, dass Jura immer an erster Stelle im Leben der Studierenden stehen sollte. Dass man nur dann Erfolg hat, wenn man sich aufopfert. Das Journal möchte das umdrehen: Jura darf auch an zweiter Stelle stehen – an der ersten steht man selbst. Mit Hilfe des Journals kann man sich selbst reflektieren und fragen "Wie geht es mir selbst? Habe ich Freude an dem, was ich tue? " Erst wenn das passt, kann man sich um das Studium kümmern.

Das Journal begleitet die Studierenden dabei, für sich selbst herauszufinden, wie es ihnen eigentlich geht und wie sie es schaffen, Freude an Jura zu haben. Das ist bei jedem ganz individuell, deshalb heißt es ja auch "Insichgespräch": Man stellt und beantwortet sich die Fragen selbst.

Wie ist das Journal aufgebaut?

Das Journal hat sechs Kapitel. Im ersten Kapitel geht es darum, sein "Warum" zu finden – einen Traum oder ein Ziel vor Augen. Nichts ist besser für ein erfolgreiches Studium, als eine von innen kommende Motivation.

Im zweiten Kapitel geht es darum, ein Gespür dafür zu entwickeln, wann es einem gut geht und wann nicht. Das Journal soll an dieser Stelle dafür sensibilisieren, dass man Einfluss darauf hat, sich das Lernen so angenehm wie möglich zu machen. Kapitel drei hilft, den eigenen Weg zu finden, sich nicht zu vergleichen und den Fokus ganz auf sich selbst zu legen.

"Mein Angstthema war Europarecht"

Das vierte Kapitel heißt "Ich mache Jura zu meinem Zuhause" – Was meinen Sie damit? Die meisten Jurastudierenden dürften doch froh sein, im Feierabend Zuhause mal nichts mit Jura zu tun zu haben.

In dem Kapitel geht es um die Haltung zum Studium. Ich habe selbst erlebt, dass ich viele Fächer häufig als Angstgegner wahrgenommen habe. Das muss aber nicht sein, sie können quasi zu Freunden werden, wenn man sich oft genug mit ihnen beschäftigt hat. Nach vielen Wiederholungen eines Themas kann man sagen "Ach, das kenne ich ja! " – quasi wie mit einem alten Bekannten.

Mit dieser Haltung gelingt dann auch die Falllösung besser. Es soll aber auf keinen Fall so wirken, als müsse man sich in jedem Fach so wohl fühlen. Das ist weder möglich noch notwendig. Das Kapitel hilft dabei, zu bestimmen, in welchen Bereichen es Sinn macht und in welchen nicht.

Das nachfolgende fünfte Kapitel ist dann übrigens das vermutlich Unangenehmste.

Warum?

Es geht dort darum, Verantwortung zu übernehmen. Darin liegt gleichzeitig auch das größte Entwicklungspotenzial und damit auch das Potenzial für gute Punkte in Klausuren.

Dort befindet sich zum Beispiel eine Liste mit "Angstthemen" – also denen, die einem überhaupt nicht liegen. Das Journal nimmt die Studierenden an die Hand, diese Themen am Schopf zu packen und letztendlich auch zu Freunden zu machen. Bei mir war das zum Beispiel Europarecht. Als ich mir im Studium endlich einen festen Termin gemacht und mich dann damit auseinandergesetzt habe, ging es auch – und das hat sich im Examen tatsächlich rentiert.

"Man ist ein Mensch, nicht nur Jurastudent:in"

Im letzten Kapitel geht es darum, seine Erfolge zu feiern – und zwar nicht nur die großen, wie das Examen, sondern auch die kleinen.

Ganz genau. Ich finde es wichtig, zu betonen, dass sich das Erfolgskapitel nicht nur auf das Studium bezieht, sondern auch auf den Menschen. Man vergisst oft, dass man nicht nur Jurist:in werden will, sondern auch noch andere tolle Sachen kann. Dieses Denken hilft auch, den Druck aus dem Jurastudium zu nehmen. Man ist eben ein Mensch und nicht nur Jurastudent:in.

Für ein gutes Gefühl während des Studiums und auch für gute Klausuren ist es wichtig, über die Zeit motiviert zu bleiben und Selbstbewusstsein aufzubauen. Das klappt im Jurastudium nur, wenn man sich auch die kleinen Erfolge zwischendurch vor Augen führt. Denn gute Noten sind im Jurastudium nicht der Regelfall und dann hilft es, wenn man sich aktiv die anderen kleinen Siege, die man errungen hat, aufschreibt und positiv bewusst macht – als Beweis für sich selbst.

Wie kam es denn dazu, dass Sie "Insichgespräch" entwickelt haben?

Ich hatte damals total Lust auf das Studium, wollte Richterin werden und habe am Anfang ganz begeistert alles vor- und nachbereitet. Nach wenigen Wochen habe ich aber gemerkt, dass ich nicht mehr konnte. Es gibt im Jurastudium schließlich einfach immer was zu tun. Wenn ich so weiter gemacht hätte, wäre ich wohl nie bis zum Examen angekommen.

Ich habe dann beschlossen, den Spieß herumzudrehen. Ab dann standen ich und meine körperliche sowie mentale Gesundheit an erster Stelle und Jura eben erst an zweiter. Daran habe ich mich immer wieder erinnert. Am Ende hat es dann tatsächlich hingehauen. Ich bin aus der mündlichen Prüfung herausgegangen und war echt stolz – natürlich auch auf mein Examen, aber vor allem darauf, dass ich mir bis zum Schluss meine Freude am Fach und meine Leichtigkeit bewahrt habe.

Für den Fall, dass meine beiden kleinen Schwestern eines Tages Jura studieren wollen, habe ich dann meine Ideen und mein Konzept zu Papier gebracht und habe alles systematisiert. Daraus ist das Journal dann entstanden.

"Das Journal ist da, wenn man Lust auf es hat"

Gibt es denn auch Jurastudierende, für die das Journal nicht zu empfehlen ist?

Es ist auf jeden Fall nur für diejenigen etwas, die Lust auf das Jurastudium haben und es mit all seinem Verbesserungsbedarf so annehmen, wie es ist. Man muss Lust haben, zu wachsen und sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Nicht wenige fallen immer wieder in ein Motivationsloch, weil das Jurastudium mit seiner Stofffülle so überwältigend wirkt. Wo soll da noch die Motivation herkommen, ein Journal so zu führen, damit es auch wirklich etwas bringt?

Mein bester Tipp ist immer, auf sein Gefühl zu hören. Keine Motivation zu haben ist eigentlich nicht der Normalzustand, sondern dann belastet einen irgendwas. Wenn man immer danach sucht, was einem Freude macht, dann geht man in die richtige Richtung. Man kann ja auch das Journal bearbeiten und herausfinden, dass das Jurastudium einen nicht glücklich machen wird. Dann hat man auch etwas gelernt und den richtigen Schritt für ein Leben in Freude gemacht.

Das Journal setzt voraus, dass man auch Zeit hat für die Selbstreflexion und man nicht abgelenkt ist von anderen Sorgen, wie Geldproblemen oder familiären Dingen. Wie reagiert das Buch auf solche Situationen?

Man kann es einfach weglegen und dann weiter machen, wenn man wieder kann. Das Journal ist da, wenn man Lust auf es hat. Es kann ein lockerer Begleiter durch das Studium sein und soll überhaupt keinen Druck machen. Die zahlreichen Fragebögen, Tabellen und Listen sind nur Anregungen und man kann jederzeit ein- und wieder aussteigen – egal ob im ersten oder im elften Semester.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

"Insichgespräch – Das Journal für das Jurastudium" (ISBN 978-3-7562-1394-8) erscheint am 18. Juli 2022 und kostet 29 Euro.

Die Autorin und Interviewpartnerin Selma Lyn Kalkutschke hat in Passau und Bonn Jura studiert. Aktuell ist sie Referendarin im Bezirk des OLG Düsseldorf.

Auf Jobsuche? Besuche jetzt den Stellenmarkt von LTO-Karriere.

Thema:

Jurastudium

Verwandte Themen:
  • Jurastudium
  • Staatsexamen
  • Examen
  • Psychologie

Teilen

Ähnliche Artikel

Newsletter