Marc Nickel
14-Punkte-Jurist schlägt Harvard-Stipendium aus

"Wenn schon ins Risiko gehen, dann jetzt"

Interview von Xenia Piperidou8. Mai 2026, Lesedauer: 6 Minuten

 "Mit Jura kannst du alles machen", heißt es so schön. Das denkt sich auch Marc Nickel, der ein 180.000‑Dollar-Stipendium abgelehnt hat, um nach dem Examen zu promovieren und zu gründen. Ein Interview über die Sonnenseite des Jurastudiums.

LTO: Herr Nickel, ein Studium in Harvard, finanziert durch ein Stipendium über fast 180.000 Dollar – und Sie sagen ab. Mutig. 

Marc Nickel: Ich habe natürlich lange darüber nachgedacht, ob ich das machen sollte. Harvard ist eine Bubble aus extrem smarten Leuten und sehr vielen spannenden Begegnungen. Deswegen war die Entscheidung für mich alles andere als leicht, so eine Chance lehnt man nicht leichtfertig ab. Aber als ich meine Stipendiumszusage bekam, merkte ich, dass ich mich überhaupt nicht freue. Also wirklich gar nicht. Das war ein richtiger Schockmoment. 

Die Wochen danach waren ehrlich gesagt ein einziger Fiebertraum. Ich habe die ganze Zeit überlegt: Was mache ich da eigentlich?

Immerhin ging es um ziemlich viel Geld: So ein Stipendium hat einen Wert von etwa 180.000 Dollar. 

Genau. Ich habe mich schon gefragt: Lässt du das jetzt einfach liegen? Auf der anderen Seite habe ich aber auch überlegt, ob ich vielleicht nur deshalb zögere, weil es sich falsch anfühlt, so viel Geld auszuschlagen. Objektiv betrachtet ist das natürlich eine unfassbare Chance. Aber ich wollte die Entscheidung am Ende nicht daran festmachen, was es kostet oder wie prestigeträchtig das ist, sondern daran, was ich wirklich machen will. Ich wollte danach gehen, was ich tun möchte und wo ich mit meinem Leben hin will. Nach langem Hin und Her war für mich klar: Das ist es gerade nicht mein Weg und wäre nicht authentisch. 

Das mussten Sie Ihren Mitmenschen doch sicher erklären. 

Teils, teils. Die Leute, die ich in meinen Entscheidungsprozess einbezogen habe, konnten das natürlich nachvollziehen. Ansonsten ist die Entscheidung für mich natürlich logisch, aber das kann man von außen natürlich schwer nachvollziehen. Und ich verstehe das. Wenn mir das jemand so erzählen würde, würde ich wahrscheinlich auch erst einmal fragen: "Okay, warum tust du das?" 

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"Wenn ich das Unternehmertum ausprobieren will, ist jetzt ein guter Zeitpunkt"

 Das dürften sich viele LTO-Leser auch fragen. Warum also? 

Ich war mir zu 100 Prozent sicher, dass ich irgendwann in meinem Leben versuchen will, ein Start-up zu gründen, ich habe ja auch schon während meines Studiums mehrfach gegründet.  Also habe ich mir gesagt: Wenn ich das ausprobieren will, dann ist jetzt ein ziemlich guter Zeitpunkt, denn ich bin jung, ich habe mein Examen fertig und schreibe meine Dissertation. Selbst wenn das mit dem Unternehmertum nicht funktioniert, kann ich immer noch den klassischen Weg gehen und das Referendariat beginnen. Ich wollte jetzt aufs Ganze gehen. Wenn schon ins Risiko, dann jetzt. 

Was wollen Sie denn für ein Unternehmen gründen?

Die Idee liegt irgendwo zwischen Fintech und Legal Tech. Aber am Ende ist jede Start-up-Idee erst einmal nur eine Hypothese. Entscheidend ist, ob jemand dafür bezahlt. Davor ist eine Idee nicht viel wert. 

Promotion, Gründung, Stipendium: Für Sie haben sich nach dem Jurastudium viele Optionen ergeben. 

Ja, schon. Es gab da tatsächlich noch eine weitere ganz witzige Situation. Ich hatte meine mündliche Prüfung schon hinter mir und habe danach Freunde abgeholt – das haben wir natürlich gefeiert, also hatte ich auch schon ein oder zwei Gläser Sekt getrunken. Und dann kommt auf einmal jemand auf mich zu, der offenbar seine Tochter nach ihrer Examensprüfung ebenfalls abgeholt hat. Er war Partner bei einer großen deutschen Kanzlei und meinte: "Herr Nickel, Examensbester, Harvard – das passt zu uns." Und hat mir einfach seine Visitenkarte in die Hand gedrückt. 

Ansonsten ehrlicherweise eher nicht. Ich glaube, vieles kommt dann, wenn überhaupt, eher nach dem zweiten Examen – vorausgesetzt, das läuft gut. Und das ist ja alles andere als selbstverständlich. 

"Das letzte halbe Jahr vorm Examen hat mir am meisten gebracht"  

Ihr Examen haben Sie als Bester in ihrem Jahrgang mit einem beeindruckenden Schnitt von 14 Punkten abgelegt. Wie war Ihre Vorbereitung?

Ich würde meine Examensvorbereitung so ein bisschen unterteilen. Ich hatte insgesamt anderthalb Jahre, wovon das erste Jahr in weiten Teilen relativ unstrukturiert, eher fragmentiert war. Mal war ich in den USA, dann im Urlaub, dann wieder auf Konferenzen, also alles so ein bisschen nebeneinander. Ich hatte keinen richtigen Rhythmus.   

Ich würde sagen, die wesentliche Examensvorbereitung hat im letzten halben Jahr stattgefunden. Da habe ich angefangen, mich wirklich zu strukturieren und Klausuren intensiv nachzubereiten. Das hat mir auch am meisten gebracht.  

Inwiefern?  

Ich habe mir den Stoff systematisch erarbeitet und vor allem viele Klausuren geschrieben. Aber noch wichtiger: Ich habe penibel nachbereitet. Ich habe mir wirklich angeschaut: Warum bin ich hier und dort von der Lösungsskizze abgewichen? Warum habe ich diesen oder jenen Klausurschwerpunkt übersehen? Wo habe ich falsch gedacht? 

Man sollte sich also nicht nur die erreichten Punkte in den Probeklausuren anschauen, sondern wirklich verstehen, wie man selbst denkt. Das hat mir am meisten gebracht. 

 Also kein klassischer Weg mit Klausurenkurs und Lerngruppe?

Nein, gar nicht. Ich habe komplett allein gelernt. Ich bin auch nicht zu den Klausurbesprechungen gegangen und hatte keine Lerngruppe. Stattdessen habe ich viel mit Online-Vorlesungen gearbeitet, vor allem mit denen von Matthias Fervers und Martin Fries.  Das sind wirklich meine "Jura-GOATs" [GOAT = Greatest of All Time; Anm. d. Red.]. Ohne die wäre mein Examen im Privatrecht wahrscheinlich zwei Punkte schlechter gewesen.  

"Dinge dauern so lange, wie man sich Zeit dafür nimmt"

Wie sieht Ihr Alltag aktuell aus?  

Ich promoviere gerade und arbeite parallel an der Gründung. Dazu kommen noch andere Projekte, unter anderem auch Social Media. 

Sie nehmen sich offenbar viel vor.

Klar, es ist manchmal stressig, und die Vereinbarkeit mit Familie und Freunden ist nicht immer ganz einfach. Aber ich könnte ja jederzeit bei einzelnen Projekten sagen: "Sorry, geht gerade nicht." Also vielleicht nicht bei der Dissertation, die würde ich schon gern zu Ende bringen. Aber bei den anderen Sachen könnte ich schon sagen, ich trete etwas kürzer.  Ich möchte es nur gerade nicht. 

Sie wollen die Promotion in einem Jahr durchziehen.  

Ja, das stimmt. Mir war vorher gar nicht so bewusst, wie viele Leute ihre Promotion relativ schnell machen. Zumindest in Jura geht das ja. Natürlich kann das auch deutlich länger dauern und wenn man in die Wissenschaft will, ergibt es wahrscheinlich auch keinen Sinn, das so zu takten. 

Aber es gibt ja dieses Prinzip, dass Dinge so lange dauern, wie man sich Zeit dafür nimmt – das Parkinsonsche Gesetz. Und ich glaube, wenn man von Anfang an sehr fokussiert arbeitet und darauf ausgerichtet ist, wirklich zu einem Ergebnis zu kommen, dann geht das auch schneller.  Ich bin da eher so ein bisschen ergebnisorientiert und versuche, relativ früh Dinge auch wirklich aufzuschreiben, statt sehr lange nur in so einer explorativen Phase zu bleiben. 

"Wenn du erst einmal nichts mit Jura machen möchtest, dann mach's auch erst einmal nicht"  

Würden Sie empfehlen, vor oder nach dem Referendariat zu promovieren? 

Ich würde eher dazu tendieren, das vorher zu machen. Man ist noch an der Uni, hat die Strukturen und kann einfacher arbeiten.  Und ich glaube, es wird später schwieriger, wieder zurückzugehen, wenn man einmal im Berufsleben ist. 

Wie geht's für Sie jetzt konkret weiter?  

Ich werde mir jetzt die Zeit nehmen, um zu versuchen, das Start-up auf die Bahn zu bringen. Und wenn ich ein- oder zweimal scheitern sollte, dann ist das in Ordnung. Das Referendariat kann ich immer noch machen, wenn alle meine Anläufe schief gehen. 

Als guten Tipp habe ich damals den Rat bekommen: "Wenn du erst einmal nichts mit Jura machen möchtest, dann mach's auch erst einmal nicht." Das war wichtig. 

Vielen Dank für das Gespräch. 

Marc Nickel ist Diplom-Jurist und promoviert derzeit. Dazu möchte er gründen und ist auch auf Social Media aktiv. 

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