Junge Juristen im Austausch, lachen und diskutieren. Teamarbeit und persönliche Werte sind entscheidend für den passenden Job.
Die eigenen Werte sind entscheidend

Wie finden Juristen den Job, der wir­k­lich passt?

Gastbeitrag von Dr. Anja Schäfer26. Februar 2026, Lesedauer: 6 Minuten

Viele Juristen starten pragmatisch in den Beruf – und merken erst Jahre später, dass der Job oder das Arbeitsumfeld nicht zu ihnen passt. Wie man das vermeidet und warum persönliche Werte entscheidend sind, erklärt Anja Schäfer.

Viele Jurist:innen treffen ihre ersten Karriereentscheidungen nach nachvollziehbaren Kriterien: entsprechende Examensnoten, eine renommierte Kanzlei oder ein bekanntes Unternehmen, ein sicheres Einkommen oder klare Aufstiegschancen. Aber auch Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie der Wunsch nach örtlicher Gebundenheit oder Heimatnähe können bei der Wahl des Arbeitgebers eine wichtige Rolle spielen.

Doch nicht selten entsteht einige Jahre später ein leises Unbehagen. Trotz des beruflichen Erfolgs stellt sich die Frage, ob der eingeschlagene Weg wirklich der richtige ist. Viele Jurist:innen leisten fachlich hervorragende Arbeit – und merken dennoch, dass diese sie nicht (mehr) zufrieden stellt, sie erschöpft sind oder eine grundlegende Veränderung wollen.

Häufig liegt das daran, dass die eigenen Werte nicht (mehr) zu denen des Arbeitgebers, der aktuellen Tätigkeit bzw. dem derzeitigen Arbeitsumfeld passen. Zugleich wandelt sich die persönliche Vorstellung mit fortschreitender Berufserfahrung, was Karriere, Erfolg und ein stimmiges Berufsleben eigentlich bedeuten. Spätestens dann sollte man sich die Frage stellen: Passt dieser Job wirklich zu mir und zu meinen Werten?

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Warum die Wertefrage im Jurastudium – und auch danach – kaum vorkommt 

Die juristische Ausbildung vermittelt exzellentes Fachwissen, analytisches Denken und strukturiertes Arbeiten. Was sie kaum beinhaltet, ist eine Orientierung in persönlichen Fragen: Welche Arbeitsumgebung bzw. -umfeld brauchen Sie, um Ihre individuellen Stärken voll auszuspielen? Welche fachlichen Themen interessieren Sie wirklich, in welchem Arbeitsumfeld oder bei welchen Aufgaben können Sie Ihre persönlichen Qualitäten vollumfänglich ausspielen? Welche Arbeitsfelder des gewählten Berufs geben Ihnen Energie, statt sie zu kosten? Welche Art von Erfolg fühlt sich für Sie richtig an?

Juristische Karrieren bieten zahlreiche Wege: Kanzlei, Unternehmen, öffentlicher Dienst, Selbstständigkeit, Wissenschaft oder neue Rollen an den Schnittstellen von Recht, Wirtschaft und Gesellschaft. Objektiv können viele dieser Wege erfolgreich sein. Subjektiv passt jedoch immer nur ein Teil davon wirklich zur eigenen Persönlichkeit.

Die Wertefrage bleibt aber auch beim Berufseinstieg und in den ersten ein bis drei Berufsjahren, in denen viele Jurist:innen vor allem ein "Training on the Job" betreiben, regelmäßig ausgeblendet. Im Vordergrund stehen fachliche Einarbeitung, Leistungsnachweise, Mandate, Arbeitsbelastung und das Ankommen im neuen Umfeld – nicht jedoch die bewusste Reflexion darüber, ob die jeweilige Tätigkeit, die Kanzlei- oder Unternehmenskultur und die Erwartungen von Vorgesetzten, Kolleg:innen oder Mandant:innen tatsächlich zur eigenen Person passen. Dabei entsteht langfristige Zufriedenheit nur durch die Übereinstimmung von Tätigkeit, Umfeld und persönlichen Stärken sowie Werten.

Eigene Werte erkennen: Das Modell vom "Goldenen Kreis" 

Doch wie lassen sich diese Werte überhaupt herausfinden? Eine hilfreiche Struktur bietet das Konzept vom "Goldenen Kreis" nach Simon Sinek. Dieser unterscheidet drei Ebenen beruflicher Identität: 

  • Was tun Sie konkret? – Ihre Expertenpositionierung, Ihr Rechtsgebiet, Position oder Aufgabenbereich. 

  • Wie arbeiten Sie? – Ihre persönlichen Stärken, Arbeitsweise und Kompetenzen. 

  • Warum tun Sie das, was Sie tun? – Ihre Werte, Motive und der Sinn hinter dem eigenen Handeln. 

Gerade Jurist:innen können das "Was" regelmäßig klar benennen, häufig auch das "Wie". Beide beschreiben vorrangig rationale Aspekte, wie die für die erfolgreiche Ausübung der jeweiligen Tätigkeit entsprechenden fachlichen Kompetenzen und sonstigen Fähigkeiten, etwa bestimmte Sprachkenntnisse. 

Viel seltener wird jedoch das eigene "Warum" reflektiert oder gar kommuniziert. Deshalb besteht die Quintessenz dieses Modells darin, das "Warum", also den tieferen Sinn des eigenen Tuns, in den Mittelpunkt zu stellen. Diese Klarheit ist ein wichtiger Schritt in Richtung Zufriedenheit und beruflicher Erfüllung. Wer sich mit den eigenen Werten beschäftigt, erkennt schneller, welche Aufgaben und Themen wirklich motivieren, welche Rollen, Rahmenbedingungen und Konditionen zur eigenen Persönlichkeit passen und welche Kanzlei- oder Unternehmenskultur langfristig trägt. Damit wird der Goldene Kreis zu einem praktischen Werkzeug, um berufliche Entscheidungen nicht nur rational, sondern auch persönlich stimmig treffen zu können – idealerweise bevor Sie sich bewerben oder beruflich verändern.

Woran man erkennt, dass der Job nicht (mehr) passt 

Doch was passiert, wenn diese Klärung nicht frühzeitig erfolgt? Das zeigt sich häufig erst im Berufsalltag – und selten abrupt. Statt eines klaren Bruchs sind es meist leise Signale, die mit der Zeit stärker werden und auf eine innere Diskrepanz zwischen Tätigkeit, Umfeld und eigenen Erwartungen hinweisen. 

Schleichende Anzeichen dafür, dass der Job nicht (mehr) der richtige ist, sind das Gefühl, nur noch zu funktionieren, dauerhafte Erschöpfung trotz objektiv guter Rahmenbedingungen, innere Distanz zur eigenen Arbeit, Neid auf Menschen, die "ihr Ding" gefunden haben und der Gedanke, dass es das noch nicht gewesen sein kann. 

Viele ignorieren diese Hinweise aus Vernunft, Sicherheitsdenken oder Angst vor Veränderung lange. Es kommt häufig vor, dass die eigenen Bedürfnisse hinter den Pflichten des Alltags oder den Erwartungen der anderen zurückgestellt werden. Doch je länger die innere Diskrepanz besteht, desto größer wird der Druck zur beruflichen Veränderung oder gar Neuorientierung. 

Warum die eigenen Werte echte Karriereentscheidungen ermöglichen 

Die eigenen Werte zu kennen, bedeutet nicht, sofort den perfekten Job zu finden. Aber es verändert die Qualität von Entscheidungen grundlegend. 

Wer Klarheit über zentrale Motive hat, kann Stellenangebote realistischer bewerten, passende Arbeitgeber schneller erkennen und überzeugender auftreten – in Bewerbungen ebenso wie beim Networking. Denn in der Praxis zeigt sich immer wieder: Jurist:innen werden selten allein wegen ihres Fachwissens eingestellt oder befördert, sondern vor allem wegen ihrer Haltung, ihrer Persönlichkeit und der Frage, wie gut sie ins Team und zur Kultur passen. Um sich erfolgreich von anderen Mitbewerber:innen abzuheben, sollten Sie im Vorstellungsgespräch nicht nur über Ihre Expertise und Stärken sprechen, sondern auch darüber, wofür Sie stehen und welche Überzeugungen Sie antreiben. Fachliches Wissen lässt sich aufbauen und erweitern – die persönliche Grundhaltung deutlich weniger. 

Vor allem verhindert Werte-Klarheit typische Umwege. Denn viele Fehlentscheidungen entstehen nicht aus mangelnder Kompetenz, sondern aus fehlender Selbstkenntnis. 

Der Mut zur bewussten Neuorientierung 

Selbst mit wachsender Klarheit bleibt Veränderung herausfordernd. Juristische Karrieren sind oft mit hohen Erwartungen, finanziellen Verpflichtungen und gesellschaftlichen Bildern von Erfolg verbunden. Ein Kurswechsel wirkt deshalb schnell riskant. 

Es muss auch nicht in jedem Fall sofort der Arbeitgeber gewechselt werden. Häufig lohnt zunächst der Blick auf das, was sich im bestehenden Umfeld verändern lässt. Schon scheinbar kleine Anpassungen können eine große Wirkung entfalten – etwa ein Wechsel des Rechtsgebiets, andere Mandatsstrukturen, neue Verantwortungsbereiche, flexiblere Arbeitszeiten, ein Teilzeitmodell oder zusätzliche Tätigkeiten mit stärkerem Sinnbezug wie Mediation, Lehrtätigkeit oder interne Projekte. 

Erst wenn solche Veränderungen keine echte Verbesserung bringen, kann auch ein größerer Schritt sinnvoll sein: der Wechsel aus der Kanzlei ins Unternehmen – oder umgekehrt –, eine Spezialisierung, eine neue berufliche Kombination oder ein grundlegend anderer Karriereweg. 

Entscheidend ist dabei weniger die konkrete Form der Veränderung als ihre innere Stimmigkeit. Wenn Tätigkeit, Rahmenbedingungen und persönliche Werte wieder stärker zusammenfinden, entsteht etwas, das vielen Jurist:innen lange fehlt: das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. 

Frühe Klarheit verhindert spätere Krisen 

Die gute Nachricht lautet: Für diese Erkenntnis braucht es keine jahrzehntelange Berufserfahrung. Wer sich bereits im Studium, Referendariat oder in den ersten Berufsjahren mit den eigenen Werten beschäftigt, gewinnt einen entscheidenden Vorsprung. 

Wer sich früh fragt, welcher Job wirklich passt, gestaltet seine Laufbahn aktiver – und verhindert, erst nach Jahren festzustellen, dass Erfolg allein nicht genügt. 

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis moderner juristischer Karrieren: Nicht der perfekte Lebenslauf macht zufrieden. Sondern ein (Karriere-)Weg, der auf die persönlichen Interessen bzw. Werte einzahlt und zum eigenen Leben passt. 

Die Anwältin Dr. Anja Schäfer ist Expertin für Networking & Female Leadership in Kanzleien und Host vom "Juristinnen machen Karriere!"- Podcast. Als Karriere-Coach unterstützt sie schwerpunktmäßig Anwält:innen und Unternehmensjurist:innen in puncto Personal Branding, Netzwerkaufbau und Sichtbarkeit. Für Juristinnen veranstaltet sie regelmäßig Networking-Events – vor Ort und digital wie bspw. den "6. virtuellen JuristinnennetzwerkenTAG" am 17. April 2026 zum Thema "THE STAGE IS OURS! Wie erfolgreiche Juristinnen Vorträge & Präsentationen zum Karriere-Booster machen" 

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