Paula Hartmann beim GLÜCKSGEFÜHLE Festival im September.
Foto: picture alliance/dpa | Sascha Thelen.
"Wollte jede Chance nutzen, nicht in der Bibliothek zu sitzen"
LTO: Herzlichen Glückwunsch, Paula. Das Goethe-Institut hat Dich gerade zur "Band des Monats" gekürt. Das, obwohl Dein zweites und bisher letztes Album "kleine Feuer" schon vor mehr als eineinhalb Jahren erschienen ist. Wann dürfen sich Deine Fans auf das nächste freuen?
Paula Hartmann: Über die Auszeichnung des Goethe-Instituts freue ich mich natürlich. Aber wann mein nächstes Album herauskommt, das weiß nur der liebe Gott. Ich kann noch nicht mehr dazu sagen. An den Nagel gehängt habe ich meine Gesangskarriere jedenfalls nicht und vielleicht gibt es ja noch dieses Jahr etwas zu hören.*
Und die Schauspielerei? Du hast mit Größen wie Lars Eidinger oder Matthias Schweighöfer gedreht, im Tatort und anderen Serien tragende Rollen gespielt. Doch seit 2024 kamen keine neuen Schauspiel-Arbeiten dazu.
Das Schauspielen pausiert aktuell, zumindest fokussiere ich gerade nichts darauf.
"Ursprünglich wollte ich Medizin studieren"
Als ob Film und Musik Dich nicht genug auslasten würden, hast Du im Frühjahr an der Bucerius Law School in Hamburg ein Jurastudium mit dem Bachelor of Laws abgeschlossen. Wie kamst Du dazu, ausgerechnet Jura zu studieren?
Das war eine spontane Entscheidung. Eigentlich war ich seit meinem sechsten Lebensjahr felsenfest davon überzeugt, dass ich Medizin studieren möchte. Damals erkrankten meine Großeltern. Und ich nahm mir als kleines Kind vor, die Menschheit von Krebs oder Aids zu heilen.
Aber als ich nach meinem Abi die entsprechenden Anmeldebögen in den Händen hielt, fühlte es sich irgendwie falsch an. Also habe ich mich an der Law School beworben. Das schwere Auswahlverfahren habe ich als Herausforderung gesehen und wollte es unbedingt bestehen. Im Bewerbungsgespräch wurde mir diese Frage natürlich auch gestellt. Ich hatte darüber im Vorfeld gar nicht nachdacht. Ich habe spontan geantwortet, dass mir das Arbeiten mit Worten schon immer zugesagt hat. Ich mochte es, das Gewicht von Worten richtig einzusetzen. Und meinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn habe ich auch erwähnt.
"Jurastudium hat mir die Tür zur Musik geöffnet"
Dann ging das Studium los, aber statt zu lernen, hast Du nebenher deine Musikerkarriere gestartet. 2022 erschien dein viel beachtetes erstes Album "Nie verliebt", das sich immerhin drei Wochen in den Top-100 der deutschen Charts hielt.
Ja, die ersten Wochen an der Uni fand ich schrecklich. Es gab Kommilitonen, die schon am ersten Tag des Studiums in die Bibliothek gegangen sind. Für mich war das nichts.
Es kam mir deshalb sehr gelegen, dass ich in Hamburg Menschen kennengelernt hatte, mit denen ich professionell Musik machen konnte. In gewisser Weise hat das Jurastudium mir die Tür für die Musik geöffnet: Ich wollte jede Chance nutzen, in dieser für mich neuen Stadt etwas anderes zu machen als nur in der Bibliothek zu sitzen.
Aber um Klausuren zu bestehen, musstest Du schon auch ein bisschen lernen?
Ja klar, habe ich dann auch, als es drauf ankam. Ich hatte nie die besten Noten, aber kam immer irgendwie durch. Kurioserweise war es so: Je mehr Musik ich gemacht habe, desto mehr machte mir das Jurastudium Spaß. Weil es ein stückweit zur Nebensache wurde, ich musste mich nicht zwingend beweisen. Dennoch sage ich heute: Mit Jura bin ich noch nicht fertig.
"Ich will noch Examen machen und promovieren fände ich spannend"
Noch nicht fertig? Kannst Du Dir vorstellen, eines Tages in einem juristischen Beruf zu arbeiten?
Einen "normalen" Kanzleiweg kann ich ziemlich sicher ausschließen, aber mit einem Jurastudium kann man ja viel machen. Ich würde gerne erstmal das Erste Staatsexamen machen und vielleicht auch promovieren.
Und in welchem Rechtsgebiet würdest Du promovieren? Vielleicht im Strafrecht? Zu Rechtsfragen rund um das Haftbefehlsverfahren? Schließlich hast du mit dem Rapper Haftbefehl auch mal Musik gemacht.
Im Strafrecht auf keinen Fall. Bei den Klausuren hatte ich immer ein super Gefühl, aber es wurden nie mehr als fünf Punkte. Mein Schwerpunkt war das Arbeitsrecht.
Mein Professor Matthias Jacobs hatte immer sehr viel Verständnis für meinen Job als Musikerin. Außerdem mochte ich seinen praxisorientierten Unterrichtsstil. Wir waren beispielsweise bei Verhandlungen am Arbeitsgericht, haben Betriebe besucht und Vorträge von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern gehört. Ich fand das sehr spannend, auch wenn mich einiges davon wohl nie betreffen wird. Ich war noch nie in einem Anstellungsverhältnis und werde es – Stand jetzt – wohl auch nie sein.
Ansonsten würde mich aber auch alles Rechtliche rund um Musik und Schauspiel interessieren. Ich kann mir auch vorstellen, später andere Künstler zu beraten. Sehr spannend fand ich zuletzt die Klage der GEMA gegen ChatGPT wegen der Verletzung von Urheberrechten von Musikautor:innen. Das könnte mir mit meinen Songs auch passieren.
"Erstmal alles prüfen und abwägen"
Hilft Dir gelegentlich Dein Jurawissen im Musikbusiness? Zum Beispiel bei den Verträgen?
Das dachte ich zuerst. Aber tatsächlich wird man im Studium auf diese Art von Verträgen nicht vorbereitet. In meinem ersten Vertrag lautete gefühlt jedes dritte Wort "branchenüblich". Da hat mir mein Juristenwissen nichts gebracht, wenn wir uns auf branchenüblich einigen und meine Gegenpartei weiß, was das ist und ich mit gerade mal 19 dummerweise nicht.
Profitiert habe ich aber als Sängerin von Jura: Mein Faible für Wörter konnte ich an der Uni weiterbilden und in meine Musik mitnehmen. Und natürlich habe ich das juristische Denken verinnerlicht: Erstmal alles prüfen und abwägen. Wenn ich Entscheidungen treffen muss, also auch im Alltag, überlege ich immer erst, was dagegenspricht. Manchmal kann das von Vorteil sein.
Du singst über das Nachtleben mit all seinen Schattenseiten. Der Song "3 Sekunden", den Du zusammen mit der Sängerin Céline aufgenommen hast, handelt von sexueller Belästigung, den Erfahrungen von jungen Frauen in Clubs und allein auf dem Heimweg. Spiegeln die Texte auch deine Realität wieder?
Ja, einige Zeilen meines Parts in dem Song sind super autobiografisch, nur dass es kein Club war.
"Frauen müssen besser geschützt werden – auch im StGB"
Du hast sicher von dem Fall von der Kölnerin Yanni Gentsch gehört. Während sie im Februar joggte, filmte ein radfahrender Mann ihren Po. Die Polizei hat ihr dann mitgeteilt, dass das Verhalten des Mannes nicht strafbar sei. Bundesjustizministerin Hubig hat angekündigt, für derartige Belästigungen im öffentlichen Raum einen neuen Straftatbestand zu schaffen. Richtig so?
Ja, ich bin der Meinung, dass es in puncto Frauenschutz noch einige Lücken in unserem Rechtssystem gibt. Und diese Fallkonstellation würde ich auch dazuzählen. Ich wüsste nicht, warum es nicht strafbar sein soll, wenn ein fremder Mann meinen Hintern beim Joggen filmt – mit der nachgewiesenen Absicht, sich daran sexuell zu erregen.
Es muss aber nicht nur das Strafrecht sein: In Japan, wo ich ein Auslandstrimester gemacht habe, machen Handys immer ein lautes Geräusch, wenn man die Kamera benutzt. Man kann sie nicht stumm stellen. Das war eine Maßnahme gegen "Upskirting.
Auftritt bei "Jamel rockt den Förster"
Das Goetheinstitut hat Deine Songs als "politisch moderne Märchen aus der Großstadt" beschrieben. Ein politisches Statement war Dein Auftritt beim Anti-Nazi-Festival "Jamel rockt den Förster" diesen Sommer im völkisch besiedelten Jamel in Mecklenburg-Vorpommern. Du kamst mit schwarzem Hoodie auf die Bühne, hast der rechtsextremen Nachbarschaft so metaphorisch den Mittelfinger gezeigt. Das Publikum war begeistert. In Deinen Songs spielt die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus aber keine so große Rolle.
Ich schließe nicht aus, dass ich das auch eines Tages in einem Song zum Thema mache. Bislang hatte ich in diesem Kontext aber noch keinen Zugang zu etwas, das ich künstlerisch wertvoll fand.
Ansonsten äußere ich mich aber auf Social Media und auf der Bühne zwischen den Songs klar und deutlich gegen rechte Umtriebe. Man muss aber wirklich vorsichtig sein. Meine Äußerungen zu AfD-Wählern auf einem Konzert in Hamburg diesen Sommer wurden von Journalisten vielfach falsch zitiert und inhaltlich umgedreht. Das ärgert mich.
Zusammenarbeit mit "Haftbefehl"
Du machst gemeinsam Musik mit anderen Rappern*, etwa mit T-Low ("Sag was") oder auch Haftbefehl ("Geruch von Koks"). Wie wichtig sind Dir solche Gemeinschaftswerke – auch mit Künstlern, die nicht so eine behütete Sozialisation wie Du durchlaufen haben?
Sehr wichtig. Was zählt, ist musikalischer Respekt und Empathie – gerade, wenn man so unterschiedlich ist. Vor allem die unerwarteten Kooperationen hatten oft das überraschendste Ergebnis.
T-Low habe ich für einen Song auf meinem Album angefragt, nachdem ich seine ehrlich-ungefilterten Interviews gesehen hatte. Der Song mit ihm ist meiner Lieblingssongs und er ist einer meiner Lieblingskollegen geworden.
Und Aykut ("Haftbefehl") hatte mich für sein Album "Mainpark Baby" angefragt, weil er meinen Song "Truman Show Boot" sehr mochte. Die Zusammenarbeit mit ihm hat viel Spaß gemacht. Er ist ein begnadeter Künstler.
Apropos: Deine Rapper-Kollegen haben fast alle Künstlernamen. Du hingegen verwendest deinen bürgerlichen Namen auch als Künstlerin. Nie daran gedacht, das zu ändern?
Doch schon. Und manchmal fände ich es auch cool, mich hinter einem Künstlernamen zu verstecken, auch weil man dann Privates und Musik noch besser trennen könnte. Ich habe auch schon einmal überlegt, meinen Nachnamen zu ändern und tatsächlich rede ich manchmal auch über "Paula Hartmann" in der dritten Person, was meine Eltern oder Freunde einigermaßen komisch finden.
Aber gleichwohl bereue ich die Entscheidung nicht. Für mein Musikprojekt war es passend. Als ich da mit 18 reingeschlittert bin, wollte ich klarstellen: "Hey, das bin ich, Paula Hartmann."
Vielen Dank für das Gespräch!
*Anmerkung der Redaktion: Kurz, nachdem das Interview geführt wurde, am Donnerstag, 20.11.2025, veröffentlichte Paula Hartmann gemeinsam mit dem Sänger Berq den Song "Gegenteil von Glück".
Paula Hartmann ist 2001 in Berlin geboren und arbeitet als Schauspielerin und Sängerin. Seit 2007 spielte sie in zahlreichen Filmen und Fernsehproduktionen. Als Sängerin veröffentlichte sie bisher zwei Studioalben, für die sie diverse Preise gewann, zuletzt im April 2025 den Preis für Popkultur in den Kategorien Lieblingsalbum und Lieblingsband. Im Mai 2025 schloss sie ihr Jurastudium an der Bucerius Law School in Hamburg mit dem Bachelor of Laws ab.
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