Eine Frau mit Laptop auf dem Schoß sitzt an einem Panoramafenster und blickt auf die New Yorker Skyline bei Sonnenuntergang
Legal Nomads

Remote arbeiten als Jurist

von Sabine Olschner6. April 2026, Lesedauer: 5 Minuten

Von jedem beliebigen Ort der Welt aus arbeiten zu können, ist für manche ein großer Traum. Drei Juristinnen haben sich diesen erfüllt. Sie haben ihre eigenen Wege gefunden, um weit weg von Deutschland tätig sein zu können.

Digital Nomads nutzen Laptop, Smartphone und Internet, während sie reisen oder an wechselnden Orten leben und von dort aus ihren 

Lebensunterhalt verdienen. Eine Untergruppe der Digital Nomads sind die Legal Nomads: Juristen oder andere Rechtsexpertinnen, die von irgendwo auf der Welt für Mandanten oder Kunden arbeiten. 

Obwohl viele junge Menschen von solch einer örtlichen Unabhängigkeit träumen, bleibt dieser Traum für die meisten Juristen unerfüllt. Vereinzelt ermöglichen Kanzleien, Gerichte und andere Arbeitgeber das zeitweise Arbeiten im Homeoffice. Dass jemand aber ganz überwiegend aus dem Ausland heraus für sie tätig sein darf, kommt kaum vor.

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"Selbstdisziplin ist für diesen Lebensstil sehr wichtig"

"Mein Lebensziel war es immer, zu reisen und gleichzeitig zu arbeiten", sagt Madeleine Heuts. Schon vor Abschluss des Ersten Staatsexamens legte sie dafür den Grundstein: Sie gründete die Online-Plattform Raketenstart, mit der sie Gründer in Deutschland bei ihren ersten Schritten in die Selbstständigkeit unterstützt. Sie arbeitet dazu unter anderem mit Kanzleien und Notariaten zusammen. Mithilfe der Plattform können die Gründer alle rechtlichen und steuerlichen Themen ihrer Unternehmen online bearbeiten. 

"Ich habe mich früh mit KI-Themen beschäftigt, habe an der Universität Bonn als wissenschaftliche Hilfskraft in der IT-Abteilung gearbeitet und mir die Softwareentwicklung selbst beigebracht. All das hat mir bei der Gründung meines digitalen Unternehmens sehr geholfen", erzählt die 32-Jährige. Zwei Jahre lang lebte sie in New York, aktuell ist sie in Kapstadt in Südafrika. Sieben Mitarbeitende beschäftigt die Unternehmerin mittlerweile, alle arbeiten genau wie ihre Chefin remote. Ihr Support-Team ist zu den üblichen deutschen Bürozeiten ansprechbar, Heuts arbeitet je nach Zeitzone, in der sie gerade lebt, auch mal frühmorgens oder spätabends. 

Meist hat sie aber ohnehin keinen direkten Kundenkontakt, sondern erledigt viel über E-Mail oder andere digitale Kanäle. "Wichtig ist für diesen Lebensstil, viel Selbstdisziplin zu haben", sagt die Juristin. "Im Ausland besteht immer die Gefahr, dass man schnell abgelenkt wird. Ich bleibe daher lieber mehrere Monate an einem Ort, um Zeit zu haben, ihn neben der Arbeit auch kennenzulernen."

"Ich habe mich nie in einem klassischen juristischen Beruf gesehen"

Ähnliche Erfahrungen hat Su Reiter gemacht. Nach einem Studium in Medienrecht in Köln schloss sie das Jurastudium an, entschied sich allerdings kurz vor dem Examen, sich mit einer Agentur für Kanzleimarketing selbstständig zu machen. Zu ihrer Zielgruppe gehören Kanzleien, Einzelanwälte, Legal-Tech-Startups und juristische Verlage. "Ich habe mich nie in einem klassischen juristischen Beruf gesehen, sondern wollte meine Berufserfahrung aus der Medienbranche mit meinem juristischen Wissen verbinden und die Möglichkeit haben, komplett ortsunabhängig zu arbeiten", sagt Reiter. In den vergangenen Jahren hat sie unter anderem in Thailand, der Dominikanischen Republik, auf Mauritius und in mehreren südeuropäischen Ländern gearbeitet.

"Die ersten Jahre meiner Selbstständigkeit bin ich viel gereist und habe immer und überall gearbeitet. Dabei verschwimmen oft die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit und es besteht die Gefahr eines Burn-outs." Darum hat sie derzeit ihre Basis in der Nähe von Köln. "Remote arbeiten heißt schließlich nicht, dass man immer zwingend während des Arbeitens reisen muss – sondern dass man es jederzeit kann." 

Reiter ist es wichtig, zum Arbeiten von unterwegs ein vernünftiges Umfeld zu haben, zum Beispiel einen Co-Working-Space oder einen ergonomischen Arbeitsplatz, auch in Hotels oder privaten Unterkünften. So kann sie von überall aus ihre juristischen Kunden zu deren Sichtbarkeit im Internet beraten. Sowohl für ihre Kundentätigkeit als auch für ihr siebenköpfiges Team hat sie interne Richtlinien für die Remote-Arbeit festgelegt: Bei einem Auslandsaufenthalt sind etwa das Thema Datenschutz und im Vorfeld festgelegte Erreichbarkeiten bei Zeitverschiebungen einzuhalten. "Mir war von Anfang an wichtig, dass es um die Ergebnisse meiner Arbeit geht und nicht um meine Anwesenheit an einem bestimmten Ort oder durchgehende Erreichbarkeit", sagt die 31-Jährige.

"Online-Gerichtsverhandlungen scheinen sich nicht durchgesetzt zu haben"

Lisa Bohardien hat sich für einen etwas anderen Weg entschieden. Nach zehn Jahren als Anwältin in einer Großkanzlei zog sie mit ihrer Familie und ihrem südafrikanischen Ehemann nach Kapstadt. "Zwar war mein damaliger Arbeitgeber auch in Südafrika vertreten, aber von dort an deutschen Mandaten zu arbeiten, wäre schwierig gewesen", berichtet die Juristin. Also hat sich die 39-Jährige mit einer eigenen Kanzlei für Immobilienwirtschaftsrecht selbstständig gemacht. 

Auch wenn die Anwältin die meiste Zeit von Kapstadt aus arbeitet, hat ihre Kanzlei aus unterschiedlichen Gründen ihren Sitz in Deutschland. "Ich bin weiterhin als Rechtsanwältin in Deutschland zugelassen, verfüge über eine entsprechende Berufshaftpflichtversicherung und schreibe meine Rechnungen aus Deutschland", erklärt Lisa Bohardien. Ihre Steuern zahlt sie – im Gegensatz zu manchen digitalen Nomaden, die sich ganz aus dem Heimatland abgemeldet haben – ebenfalls in Deutschland. 

Die meiste Zeit ist die Anwältin beratend tätig, ein paarmal im Jahr fliegt sie in die alte Heimat, um konzentriert an mehreren Tagen Netzwerke zu pflegen und Mandanten zu besuchen. Steht ausnahmsweise einmal ein Gerichtstermin an, übernimmt den in der Regel ihre angestellte Kollegin in Deutschland, mit der Bohardien seit Kurzem zusammenarbeitet. "Online-Gerichtsverhandlungen scheinen sich leider noch nicht durchgesetzt zu haben", bedauert die Anwältin.

"Leistung wird noch zu stark über Anwesenheit im Büro definiert"

Alle drei Juristinnen sind sich einig, dass ihre Art zu arbeiten nur möglich ist, weil sie sich selbstständig gemacht haben. "Die Rechtsbranche unterliegt besonderen Herausforderungen, denkt da aber auch insgesamt noch sehr konservativ und macht es damit Remote-Arbeitern schwer", sagt Bohardien. 

Das Grundvertrauen in digitale Arbeit fehle in deutschen Kanzleien, ist auch Heuts überzeugt. "Leistung wird noch zu stark über Anwesenheit im Büro definiert." Reiter hat die Erfahrung gemacht, dass sich viele Unternehmen bei steuer-, sozial- und arbeitsrechtlichen Fragen schwertun, wenn es um eine Remote-Beschäftigung geht. 

Alle drei sind aber der Ansicht, dass sich mit der nächsten Generation an Juristen an dieser Denkweise etwas ändern wird: "Unsere Generation will nicht mehr ortsabhängig sein, daher schauen sich viele schon jetzt nach Alternativen um", sagt Heuts.

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