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Empathische Anwälte beraten besser
Wer in juristischen Berufen Karriere machen möchte, setzt auf fachliche Exzellenz, strategisches Denken und ein starkes Netzwerk. Was dabei häufig unterschätzt wird: die emotionale Intelligenz.
Emotionen wurden lange als nebensächlich abgetan. Man billigte sie eher Frauen zu, während Männer für das logische Denken zuständig waren. Heute weiß man, dass emotionale Intelligenz keine schwer greifbare Eigenschaft ist, die man entweder hat oder nicht hat. Sie ist eine erlernbare Kompetenz, die aus konkreten Fähigkeiten besteht.
Dass alle Menschen über Emotionen verfügen und von ihnen beeinflusst werden, steht außer Frage. Entscheidend ist die Bewusstheit. Emotional intelligente Menschen können realistisch einschätzen, welche Handlungen voraussichtlich welche Emotionen auslösen werden, und dieses Wissen in ihr Verhalten einfließen lassen.
Wer die eigenen Gefühle versteht und die der anderen wahrnimmt, trifft bessere Entscheidungen, führt konstruktivere Gespräche und entwickelt tragfähigere Beziehungen. In einem Beruf, der von Verhandlungen, Mandantengesprächen, internen Abstimmungen und Karriereentscheidungen geprägt ist, ist das ein erheblicher Vorteil.
Gefühle als Orientierungshilfe
Häufig herrscht in juristischen Kontexten das Ideal rationaler Entscheidungsfindung. Gefühle gelten als störend, subjektiv oder unprofessionell. Die Erfahrung zeigt jedoch: Emotionen sind keine Gegenspieler des Verstandes. Sie sind ein Teil des Informationssystems, das uns in Bruchteilen von Sekunden bei der Einschätzung von Situationen und Menschen unterstützt.
Wenn Sie vor einem wichtigen Gespräch mit Mandant:innen eine im ersten Moment diffuse Anspannung spüren, ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Signal. Wenn Sie das bewusst wahrnehmen und einordnen, können Sie sich gezielter vorbereiten und souveräner auftreten. Auch ein ungutes Gefühl bei einem Stellenangebot, obwohl alle rationalen Argumente dafür sprechen, ist ein Hinweis und kein Fehler.
Was emotionale Intelligenz im juristischen Alltag ausmacht, lässt sich anhand von fünf Kompetenzbereichen beschreiben.
Baustein 1: Die eigenen Gefühle erkennen und verstehen
Das rechtzeitige Erkennen und Verstehen der eigenen Emotionen ist die Basiskompetenz, die man braucht, um damit situationsangemessen umzugehen. Wer sich der eigenen Gefühle nicht oder erst zu spät bewusst wird, ist nicht in der Lage, sie als Erkenntnishilfe zur Einschätzung von Situationen zu nutzen.
Beobachten Sie sich selbst: Erkennen Sie, ob Ihre Gereiztheit in einem schwierigen Gespräch aus echtem Ärger über ein sachliches Problem kommt oder aus Erschöpfung nach einem langen Verhandlungstag? Beides erfordert eine andere Reaktion: Im ersten Fall braucht es ein klärendes Gespräch, im zweiten zunächst Abstand und Erholung.
Emotionale Klarheit schützt Sie zudem bei der Bewältigung herausfordernder Situationen: Wer die eigenen Gefühle früh wahrnimmt, lässt sich deutlich schwerer aus der Bahn werfen.
Baustein 2: Die eigenen Gefühle beeinflussen und regulieren
Das Ziel ist nicht, Gefühle zu unterdrücken. Das Ziel ist, sie in einem frühen Stadium wahrzunehmen und bewusst zu entscheiden, wie man damit umgeht. Stellen Sie sich vor: Sie erfahren erst in der Besprechung mit Mandant:innen, dass das Antragsvorhaben ohne Rücksprache mit Ihnen erheblich verändert wurde. Der erste Impuls ist Ärger, was verständlich ist. Wenn Sie Ihre Verärgerung sofort und ungefiltert ausleben, riskieren Sie einen Konflikt.
Wenn Sie Ihre Frustration jedoch bewusst wahrnehmen, kurz innehalten und diese dann gezielt ansprechen und verdeutlichen, worum es Ihnen geht, haben Sie viel mehr Handlungsspielraum. Die Fähigkeit, sich in einem solchen Moment selbst wieder zu beruhigen, macht die Zusammenarbeit mit anderen produktiver.
Baustein 3: Die eigenen Gefühle kommunizieren
Gefühle auszudrücken bedeutet nicht, die Kontrolle zu verlieren oder immer zu sagen, was man fühlt. Es bedeutet, die eigenen Empfindungen angemessen zu kommunizieren. Wer ruhig sagt: "Ich finde es für die weitere Zusammenarbeit schwierig, wenn meine Einschätzungen nicht einbezogen werden", schafft Vertrauen. Anders sieht es aus, wenn man Wut, Frustration oder Ärger einfach nur stumm hinunterschluckt oder ungefiltert herauslässt.
Gefühle können wir auf verschiedene Weise zeigen: indem wir sie in Worte fassen oder nonverbal über Mimik, Gestik, Stimme, Körperhaltung oder Sprechweise zum Ausdruck bringen. Doch nicht alle Menschen können aus nonverbalen Signalen ersehen, wie sich jemand fühlt. Deshalb ist die Fähigkeit, für die eigenen Gefühle die richtigen Worte zu finden und diese mit einer stimmigen Körpersprache zu verbinden, wesentlich für die emotionale Intelligenz.
Baustein 4: Die Gefühle anderer erkennen und verstehen
Bei der Kommunikation geht es nicht nur darum, die Körpersprache Ihres Gegenübers zu lesen bzw. dessen Worte zu hören. Es geht darum, einen echten Perspektivwechsel vorzunehmen und die Situation aus dem Blickwinkel eines anderen zu sehen.
Wenn Vorgesetzte in Feedbackgesprächen angespannt wirken, stehen sie möglicherweise selbst unter erheblichem Druck. Dieses Wissen verändert, wie Sie die Situation einschätzen und reagieren. Für Anwält:innen gilt zudem: Wer versteht, was Mandant:innen jenseits der juristischen Fragestellung beschäftigt, berät besser.
Baustein 5: Die Gefühle anderer beeinflussen und regulieren
Nur wer die eigenen Emotionen gut kennt und managen kann und die des Gegenübers erkennt und versteht (Bausteine 1–4), kann auch kompetent mit den Gefühlen anderer umgehen und sie beeinflussen.
Dabei geht es um die Fähigkeit, konstruktiv auf die emotionale Lage anderer einzuwirken: aufgeregte Gespräche zu beruhigen, ängstliche Kolleg:innen zu ermutigen oder in einem eskalierenden Meeting die Kurve zu kriegen. Wer in einer festgefahrenen internen Auseinandersetzung oder in schwierigen Besprechungen mit Mandant:innen den emotionalen Gehalt des Konflikts – nicht wertend, sondern beschreibend – benennen oder dessen Hintergründe erfragen kann, zeigt Führungsqualität.
Stellen Sie sich vor, zwei Kolleg:innen diskutieren seit Tagen über die Zuständigkeit in einem Mandat, ohne zu einer Lösung zu kommen. Wer in diesem Moment sagt: "Ich habe den Eindruck, dass hier nicht nur sachliche Fragen offen sind, sondern dass sich beide Seiten übergangen fühlen – stimmt das?" – nimmt den Druck aus der Situation, ohne eine Seite zu bewerten. Zugleich öffnet diese Reaktion einen Raum, der sachliche Lösungen erst möglich macht.
Emotionale Intelligenz und beruflicher Erfolg
Emotionale Intelligenz allein macht noch keine erfolgreiche Karriere. Dennoch ist sie ein wichtiger Faktor. Der Psychologe Daniel Goleman hat dies bereits in den 1990er-Jahren untersucht. Seine Forschungsergebnisse hat er in dem Buch "EQ-Emotionale Intelligenz" veröffentlicht: Menschen, die beruflich erfolgreich sind, zeichnen sich häufig nicht durch einen außergewöhnlich hohen Intelligenzquotienten (IQ) aus, sondern durch einen ausgeprägten emotionalen Intelligenzquotienten – den EQ.
Emotionen beeinflussen, wie wir handeln und entscheiden. Wer als Jurist:in diesen Einfluss kennt und bewusst nutzt, trifft bessere Entscheidungen, gestaltet Beziehungen tragfähiger und bleibt auch in belastenden Situationen handlungsfähig.
Die juristische Arbeitswelt ist zunehmend von Team- und Projektarbeit geprägt. Emotionale Intelligenz gehört dabei zu den zentralen Auswahlkriterien. Dies gilt insbesondere für Positionen, in denen Menschen geführt, Mandate betreut oder herausfordernde Entscheidungen getroffen werden.
Wer bereit ist, die eigenen Gefühle und die der anderen als Orientierungshilfe ernst zu nehmen, wird feststellen: Emotionale Intelligenz ist kein Gegenentwurf zur juristischen Fachlichkeit, sondern deren wirkungsvolle Ergänzung.
Die Anwältin Dr. Anja Schäfer ist Expertin für Networking & Female Leadership in Kanzleien und Host vom "Juristinnen machen Karriere!"- Podcast. Als Karriere-Coach unterstützt sie schwerpunktmäßig Anwält:innen und Unternehmensjurist:innen in puncto Personal Branding, Netzwerkaufbau und Sichtbarkeit. Für Juristinnen veranstaltet sie regelmäßig Networking-Events – digital und vor Ort, so bspw. mit den deutschlandweit stattfindenden "Juristinnen netzwerken After Work-Abenden".
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