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"Achtsamkeit ersetzt keine guten Arbeitsbedingungen"
LTO: Jurist:innen üben Berufe mit großer Verantwortung aus, die Arbeitsbelastung ist hoch, sie sind häufig gestresst. Ab wann ist es denn kein chronischer Stress mehr, sondern ein Burnout?
Lea Charlotte Seibt: Chronischer Stress kann viele Formen annehmen. Burnout ist eine Folge dieses chronischen, nicht erfolgreich bewältigten Stresses am Arbeitsplatz.
Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge müssen für einen Burnout drei zentrale Kriterien erfüllt sein: Erstens ein hohes Erschöpfungsgefühl. Das wäre zwar beim chronischen Stress auch der Fall. Zusätzlich tritt zweitens beim Burnout aber eine gesteigerte psychische Distanz zum Beruf dazu, indem man dem eigenen Job gegenüber mit Zynismus oder Negativität eingestellt ist. Und drittens ein Gefühl der Ineffektivität und Einbußen an der Leistung im Job.
Vivienne-Elyn Spruck: Burnout ist also arbeitskontextbezogen. Chronische Erschöpfung ohne deutliche berufliche Verknüpfung oder ohne Leistungsabfall im Job wird üblicherweise von der WHO nicht als Burnout etikettiert.
Wenn man also neben seinem Beruf noch andere herausfordernde Dinge im Alltag zu bewältigen hat, wie Kinderbetreuung oder die Pflege Angehöriger, und davon gestresst ist – dann kann das definitionsgemäß kein Burnout sein, weil die Erschöpfung nicht ausschließlich vom Job kommt?
Seibt: Natürlich hat auch das Private Einfluss auf die Arbeitsbelastung. Die Ursache für einen Burnout ist zwar die Arbeitsüberforderung, aber dies kann auch aus privaten Umständen resultieren. Wenn man ansonsten anstrengender Care-Arbeit nachgeht und man deshalb bei der Arbeit überfordert und gestresst ist, kann man einen Burnout entwickeln. Das Gefühl "ich bin nicht mehr leistungsfähig" kann sowohl aus individuellen als auch aus arbeitsbezogenen Faktoren resultieren.
"Wenn Symptome nicht arbeitsbezogen sind, spricht vieles für eine Depression"
Ist Burnout eine Krankheit?
Spruck: Nein, Burnout ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein berufsbezogenes Syndrom ("occupational phenomenon"). Das legt eine Leitlinie der WHO, die ICD-11, fest. Ein Syndrom ist keine einzelne Krankheit, also verfolgt keinen biologischen Kausalpfad, sondern eine Kombination sich wiederholender Symptome und Erscheinungen, die zusammen ein typisches Bild ergeben. Diagnosen werden in der Medizin und Psychologie jedoch regelmäßig überarbeitet und weiterentwickelt, auch anerkannte Erkrankungen wie Depressionen wurden im Laufe der Zeit mehrfach neu definiert.
Wie grenzen sich Depressionen und Burnout voneinander ab?
Seibt: Bei den Symptomen gibt es viele Überschneidungen. Bei der Depression sind diese aber schwerwiegender. Es gibt etwa bestimmte Angaben zur Dauer der Symptome, also wie lang diese anhalten müssen, damit es in die Klassifikation einer Depression fällt. Auch wenn die Symptome nicht arbeitsbezogen sind, spricht vieles für eine Depression.
"Man kann es nicht alleine schaffen – und man sollte es auch nicht alleine schaffen müssen"
Wenn man die Symptome eines Burnouts verspürt – was ist der erste Schritt?
Spruck: Man sollte sich unbedingt Hilfe holen. Besser früher als später. Die erste Anlaufstelle sollte die Hausärztin oder der Hausarzt sein. Denn es ist sinnvoll, zunächst somatische Ursachen für die Symptome auszuschließen, also beispielsweise Schilddrüsen-, Anämie-, Infektions- oder neurologische Erkrankungen – schließlich kann das Gefühl mangelnder Leistungsfähigkeit auch woanders ihren Ursprung haben.
Man sollte sich wirklich nicht scheuen, "schon" bei anhaltender Arbeitsüberforderung zum Arzt zu gehen – am besten eben frühzeitig, damit es gar nicht erst zu einem Burnout kommt. Wenn Stress über längere Zeit anhält und nicht aufgefangen wird, kann er sich nämlich verfestigen und auch in Erkrankungen münden, zum Beispiel in Depressionen, Angststörungen oder ausgeprägten Schlafproblemen.
Seibt: Man kann es nicht alleine schaffen – und man sollte es auch nicht alleine schaffen müssen. Der Bundesverband Burnout und Depression e.V. bietet beispielsweise sehr niedrigschwellige Hilfe an, nämlich lösungsorientierte Selbsthilfegruppen. Die finden in Präsenz wie auch online statt und ermöglichen erstmal einen Austausch. Man findet Personen, denen es ähnlich ergeht.
Wenn man beim Hausarzt oder der Hausärztin war und ein Burnout festgestellt wurde – was passiert dann?
Seibt: Erstmal erfolgt die genaue strukturierte psychologische Diagnostik. Ist der Hausarzt oder die Hausärztin psychotherapeutisch ausgebildet, kann dies dort stattfinden. Ansonsten machen das die ausgebildeten Psychotherapeut:innen.
Anhand standardisierter Fragebögen stellen sie die genaue Diagnose. Daneben betrachtet man vor allem den individuellen Menschen. Was könnte dieser Person sofort helfen? Beispielsweise im Schlaf- oder Schmerzmanagement gibt es verschiedene Methoden. Vielleicht ist auch eine Kurzzeitkrankschreibung angebracht.
Im besten Fall kann man anschließend eine psychotherapeutische Behandlung machen, entweder über die Krankenkasse oder privat finanziert. Die Studienlage zeigt, dass insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie wirksam ist, weil sie sehr lösungs- und zukunftsorientiert ist. Aber natürlich muss man erstmal hoffen, schnell einen Therapieplatz zu kriegen, die Wartezeiten sind ja leider sehr lang.
Spruck: Man kann sich allerdings privat noch so bemühen, etwas am eigenen Zustand zu ändern – es wird nichts bringen, wenn keine arbeitsplatzbezogenen Interventionen stattfinden. Es geht dabei nicht darum, gleich das ganze Unternehmen umzukrempeln. In den meisten Fällen reichen gezielte Anpassungen. Entscheidend ist aber, dass sich im Arbeitsumfeld tatsächlich etwas ändert.
"Keine klare Antwort, ob man bei der Arbeit über seine Diagnose sprechen sollte"
Sollte man seinen Burnout und damit seine Überforderung bei der Arbeit also kommunizieren?
Spruck: Das bedarf einer sehr differenzierten Abwägung. Einerseits ist es notwendig, um Anpassungen wie die Reduktion von Aufgaben durchzusetzen.
Andererseits ist es sowohl rechtlich als auch psychosozial wichtig, dass man die Kontrolle über seine persönlichen Informationen behält. Ich selbst muss entscheiden, was ich preisgebe. Das hängt auch viel vom Arbeitsklima ab. Wenn man in einem Arbeitsumfeld ist, in dem mentale Gesundheitsthemen kaum entstigmatisiert wurden und man gleichzeitig auf den Job finanziell angewiesen ist, muss man überlegen, welche Informationen man teilt. Betroffene können in solchen Fällen in größeren Unternehmen den Umweg über Betriebsärzt:innen, den Betriebsrat oder die Personalabteilung nehmen. Auch Reha-Einrichtungen können die Kommunikation unterstützen, wenn man selbst nicht direkt alles besprechen möchte.
Seibt: Es gibt also keine klare Antwort, ob man bei der Arbeit über seine Diagnose sprechen sollte. Wir würden gerne sagen: "Ja, unbedingt kommunizieren". Aber so weit sind wir in der Realität leider noch nicht.
"Bei der psychischen Gesundheit kümmern sich viele aber erst, wenn es zu spät ist"
Wie kann man vermeiden, dass es zu einem Burnout kommt? Gibt es etwas, was alle Menschen tun können, unabhängig von den familiären oder beruflichen Umständen?
Seibt: Da Burnout sehr individuell entsteht und multifaktoriell ist, sollte jede:r für sich herausfinden, wo es wortwörtlich am ehesten "brennen" kann. Aber am wichtigsten ist: dran bleiben. Das gilt bei der psychischen Gesundheit genauso wie bei der physischen – ein einziges Mal ins Fitnessstudio gehen bringt auch nichts. Bei der psychischen Gesundheit kümmern sich viele aber erst, wenn es zu spät ist.
Spruck: Es lohnt sich, im Alltag kleine Maßnahmen zum Schutz der eigenen psychischen Gesundheit einzubauen. Schon eine winzige Sache, die wirklich jeden Tag klappt – sei es "nur" ein Spaziergang in der Mittagspause – kann einen Unterschied machen. Es geht überhaupt nicht darum, das ganze Leben komplett umzukrempeln. Wichtig ist nur, dass überhaupt eine Routine entsteht. Klar, das kann Monate dauern und macht manchmal keinen Spaß – aber Spaß ist ja nicht das, worauf es hier ankommt.
Haben Sie Beispiele von Routinen, die nachweislich wirken?
Seibt: Ein Dankbarkeitstagebuch kann die psychische Gesundheit nachweislich stärken. Dazu reicht es, wenn man sich abends ein paar Minuten nimmt und drei Dinge aufschreibt, für die man dankbar ist. So kann man es schaffen, seinen Blickwinkel auf etwas Positives zu richten und optimistischer zu werden – und Optimismus ist ein Baustein für zentrale Resilienz, also die Fähigkeit, Krisen besser zu bewältigen.
Spruck: Eine ähnliche Methode aus der positiven Psychologie ist die "Three good things"-Methode. Egal, wie stressig oder schlecht der Tag war, notiert man sich abends drei Dinge, die gut gelaufen sind – und sei es "nur" der Sonnenaufgang, den man auf dem Weg zur Arbeit gesehen hat. Es geht darum, das Gehirn darauf zu trainieren, positiv zu denken. Unser Gehirn ist evolutionsbedingt auf die Erkennung von Gefahren und damit mehr auf negative Sachen ausgerichtet. Um das zu ändern und den Blick auch auf positive Dinge richten zu können, muss man ganz gezielt trainieren.
Seibt: Man braucht etwa 21 Wiederholungen, um eine Routine aufzubauen. Man muss also dran bleiben. Im Prinzip ist es wie Zähneputzen am Abend. Niemand hinterfragt das mehr, man macht es einfach, egal wie der Tag war oder wie schnell man ins Bett möchte.
"Sehr wichtiger Faktor ist die Führungskraft"
Und was kann der Arbeitgeber vorbeugend tun?
Spruck: Vieles – und das sind auch keine Neuheiten, sondern evidenzbasierte Maßnahmen. Trotzdem sind sie vielerorts noch nicht angekommen oder etabliert. Das Job-Demand-Resources-Modell (JD-R-Modell) hat sich zum Beispiel bewährt. Demnach sollten Arbeitsanforderungen und Arbeitsressourcen nicht gegeneinanderstehen, sondern sich ergänzen. Idealerweise sind die Ressourcen – z. B. Zeit, Wertschätzung, Unterstützung, Handlungsspielräume – höher als die Anforderungen. Die Ressourcen sollten mindestens gleichauf mit, bestenfalls aber größer als die Arbeitsanforderungen sein. Wenn das nicht der Fall ist, steigt das Risiko für Erschöpfung und Burnout.
Daneben sollten die Mitarbeitenden die Gelegenheit haben, ihre Arbeitsbedingungen mitzugestalten. Wertschätzung spielt hier eine große Rolle: Fehlt sie, bringt auch die beste finanzielle Vergütung wenig für das Wohlbefinden.
Seibt: Ein sehr wichtiger Faktor zur Vorbeugung von Burnout ist außerdem die Führungskraft. Eine Umfrage des Workforce Institutes at UKG aus dem Jahr 2023 zeigt, dass das Führungsverhalten die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden fast so stark beeinflusst wie deren Lebenspartner:in – rund 70 Prozent der Befragten geben dies an. Das klingt erst einmal erschreckend, ist aber auch eine Chance: Führungskräfte können gezielt geschult werden, um ihre Rolle gesundheitsförderlich auszufüllen. Fachliche Kompetenz allein reicht nicht; hier helfen dann evidenzbasierte Führungsschulungen, den Umgang mit Mitarbeitenden professionell zu gestalten.
Die Arbeitnehmenden können also im Privatleben alles richtig machen – es kommt aber letztendlich auf das Bemühen des Arbeitgebenden an?
Spruck: Ja. Letztlich hängt die Prävention von Burnout stark vom Arbeitgebenden bzw. den Unternehmen ab. Es muss eine Personal- und Organisationsentwicklung geben, die psychologisch fundiert arbeitet, das ist der Schlüssel. Individuelle Maßnahmen kommen erst danach. Achtsamkeit ersetzt keine guten Arbeitsbedingungen.
Seibt: Eine Meta-Analyse zeigt, dass organisationsinduzierte Interventionen kombiniert mit individuellen Maßnahmen am stärksten wirken und langfristige Effekte – bis zwölf Monate – erzielen und so auch das Rückfallrisiko minimieren können.
Besonders kleine Unternehmen oder Kanzleien können sich dabei gerne an uns wenden, wenn sie Hilfe brauchen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die Psychologinnen Lea Charlotte Seibt und Vivienne-Elyn Spruck haben ihren Master in Psychologie an der Universität Heidelberg gemacht und engagieren sich ehrenamtlich im Vorstand des Bundesverbandes Burnout und Depression e.V., der sich für Betroffene von stressinduzierten Krankheiten einsetzt. Der Verband bietet sowohl Hilfe für Betroffene und Angehörige an als auch für Unternehmen und Einrichtungen, damit diese präventiv gegen stressinduzierte Erkrankungen tätig werden können.
Kurzfristige Hilfe für Betroffene und Personen in Krisen gibt es unter den Nummern der Telefonseelsorge 0800 111 0 111; 0800 111 0 222 oder 116 123.
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