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Was macht eine Boutiquekanzlei?
"Während des Studiums habe ich mir noch keine Gedanken dazu gemacht, in welcher Art von Kanzlei ich später arbeiten wollte", berichtet Awet Yohannes. Erst im Referendariat hat er zur Annerton Rechtsanwaltsgesellschaft in München Kontakte geknüpft. Weil ihm die Arbeit in der spezialisierten Boutique so gut gefiel, hat er sowohl seine Anwalts- als auch seine Wahlstation dort verbracht und ist nach dem zweiten Staatsexamen als Associate dort eingestiegen.
Annerton ist eine typische Anwaltsboutique, spezialisiert auf das Aufsichtsrecht in der Finanzbranche. Es ist ein Rechtsgebiet, mit dem Yohannes im Studium zwar erste, aber nicht so viele Berührungspunkte hatte. "Ich habe in den vergangenen vier Jahren viel durchs praktische Arbeiten gelernt", betont er stattdessen. "Nicht selten musste ich bei den Themen ins kalte Wasser springen und mich intensiv einarbeiten. Gleichzeitig hatte ich immer die Möglichkeit, mich abzustimmen und Fragen zu besprechen. Diese Kombination hat für eine sehr steile Lernkurve gesorgt."
Boutiquen sind also hochspezialisierte Arbeitgeber, weiß auch Katharina E. Gangnus, Gründerin der juristischen Personalberatung LWYRD Legal Recruitment. "Sie konzentrieren sich auf wenige Rechtsgebiete und leben von einer sehr hohen fachlichen Spezialisierung. Das bedeutet: Wer dort einsteigt, taucht vom ersten Tag an tief in ein bestimmtes Thema ein und arbeitet eng mit erfahrenen Partnerinnen und Partnern zusammen."
Klassische mittelständische Kanzleien hingegen haben häufig eine viel größere fachliche Breite. "Dort lernen Berufseinsteiger in der Regel verschiedene Mandatstypen, Branchen und Fragestellungen kennen. Dadurch haben sie Gelegenheit, im Laufe der Zeit herauszufinden, wo ihre Interessen liegen."
Spezialisierung für eine erfolgreiche Anwaltskarriere
Welche Kanzleiform "besser" für den Berufseinstieg ist, ist eine ganz individuelle Entscheidung. "Im Grunde sollte man sich nicht für eine Kanzleiform entscheiden, sondern eher für die Menschen in der Kanzlei und ihr Verständnis für die Ausbildung von jungen Anwälten", sagt Prof. Dr. Stefan Freund, Partner der Kanzlei Freund | Rüll | Partner. Dazu gehöre nicht nur das Fachliche, sondern auch die Entwicklung zu einer Anwaltspersönlichkeit.
Die Münchner Boutiquekanzlei hat sich auf Litigation im Gesellschaftsrecht spezialisiert. "Wenn man im Vorstellungsgespräch den Eindruck gewinnt, vor einem sitzen erfahrene Anwälte, die gut als Mentoren geeignet sind, ist das ein gutes Zeichen", meint Freund. "Das kann in einer Boutique ebenso der Fall sein wie in einer mittelständischen Kanzlei, wenn man dort ins richtige Team kommt", ergänzt sein Partnerkollege Dr. Kilian K. Eßwein.
Spezialisierung ist aber nicht ausschließlich in einer Boutiquekanzlei möglich. Häufig haben auch größere Mittelstandskanzleien und Großkanzleien Einheiten, die sich intensiv mit nur einem Rechtsgebiet befassen. "Die breite Ausbildung aus dem Studium ist deshalb wichtig", sagt Eßwein. "Aber Berufseinsteiger sollten von Anfang an an ihrer Spezialisierung arbeiten, wenn sie nachhaltig wirklich erfolgreich sein wollen." Für einfache Probleme könne bereits Künstliche Intelligenz passable Lösungen finden. "Aber tiefe Expertise, gekoppelt mit Erfahrung, wird auch weiterhin unersetzlich bleiben", ist der Anwalt überzeugt.
Spezialisten auf dem Anwaltsmarkt gefragt
Doch legt man sich mit der Entscheidung für eine Boutiquekanzlei auf einen Karriereweg fest?
Gangnus weiß aus der Praxis ihrer Personalberatung, dass ein Wechsel grundsätzlich in beide Richtungen möglich ist: Viele Boutiquen suchten Persönlichkeiten aus größeren Einheiten, die eine breite Ausbildung mitbringen, um sie zum Spezialisten zu machen. Mittelständler schätzen bei Kandidaten von Boutiquekanzleien deren hohe fachliche Qualität und die Erfahrung mit anspruchsvollen Mandaten.
Die Frage, ob er sich vielleicht zu früh spezialisiert hat, stellte sich Yohannes kurz nach seinem ersten Berufsjahr: "Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass das Finanzaufsichtsrecht so viele Facetten hat, dass es mir sicher niemals langweilig werden wird", berichtet der Senior Associate. "Gerade durch die Digitalisierung tauchen im Finanzsektor immer wieder neue Fragen auf. Das macht die Arbeit anspruchsvoll und spannend." Seine Empfehlung: Wer sich für eine Boutiquekanzlei entscheidet, sollte sich sehr für das entsprechende Rechtsgebiet interessieren. "Dann macht es auch Spaß, sich immer wieder tief in neue Fragen einzuarbeiten."
In Boutiquen ist die Arbeit auch nicht "entspannt"
Ein Klischee über Boutiquekanzleien begegnet Gangnus in ihren Gesprächen immer wieder: Nicht selten kämen zu ihr Anwälte aus Großkanzleien, die in eine Boutique wechseln wollen, weil die Arbeit dort "total entspannt" sei. "Das ist sicher nicht der Fall", weiß die Anwältin. "Die meisten Leute in Boutiquekanzleien arbeiten genauso viel, aber nicht selten für die Hälfte des Großkanzlei-Honorars." Das liege daran, dass kleine Teams häufig eine sehr hohe persönliche Verantwortung tragen und Mitunternehmertum in der Boutique viel mehr gewichtet werde als in einer Großkanzlei.
Der zweite Mythos, auf den die Beraterin immer wieder trifft: Boutiquen hätten weniger spannende Mandate. "Auch das entspricht nicht der Realität, denn als Spezialist hat man die Chance, sehr nah an wichtigen Fällen dran zu sein, wodurch die Lernkurve unheimlich steil ist."
Diese Aussage kann Freund bestätigen: "Nicht nur Großkanzleien arbeiten an den ganz großen Fällen. In einer guten Boutique steht man halt häufig auf der anderen Seite: Ob ich einen Deal käufer- oder verkäuferseitig begleite oder ob ich in der Litigation auf Kläger- oder Beklagtenseite bin, ändert an den Dingen, die ich inhaltlich mache, relativ wenig."
Deshalb arbeiteten einige Boutiquekanzleien auf dem Level einer Großkanzlei, ergänzt Eßwein. "Oft sitzen sogar die besseren Leute in der kleinen Boutique, weil sie tagein, tagaus nichts anderes machen. Die absoluten Spezialisten finden Sie häufig tatsächlich in den kleinen Boutiquen." Gerade das war für Yohannes ein wesentlicher Grund, sich für eine Boutiquekanzlei zu entscheiden.
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