Hartung/Bues/Halbleib - "Legal Tech – Die Digitalisierung des Rechtsmarkts": Pflicht­lek­türe für Anwalts­un­ter­nehmer

von Johannes Klostermann

06.01.2018

Anwälte müssen sich mit Legal Tech beschäftigen, ihre Arbeitsweise und Geschäftsmodelle verändern sich. Pioniere des neuen Markts zeigen jetzt Strategien für die Digitalisierung. Vor allem aber zeigen sie Chancen, so Johannes Klostermann.

Kurz vor Weihnachten ist "Legal Tech – Die Digitalisierung des Rechtsmarkts" erschienen. Es lag sicher unter den Weihnachtsbäumen nahezu aller Mitglieder der deutschen Legal Tech-Szene. Zu Recht. Das Buch feiert die Szene wie auch die Entwicklung von Legal Tech in Deutschland, die das Thema unzähliger Konferenzen sowie des deutschen Anwaltstages war.

Der Anspruch des Werkes ist hoch, es will, so die Herausgeber in ihrem Vorwort, einen Beitrag dazu leisten, "den Zugang zum Recht allgemein mit Hilfe von Technologie zu verbessern, zu vergünstigen und einem breiteren Publikum zugänglich zu machen". Es liefert einen Überblick über die Szene sowie ihre Protagonisten und erschließt damit der breiten Anwaltschaft die Erfahrungen und Ambitionen der Pioniere.

Das Buch ist eine Beitragssammlung. Unterschiedliche Autoren beleuchten viele Themen – oft ähnlich oder in Nuancen unterschiedlich, manchmal auch ganz anders. Auch wenn der Leser passagenweise etwas allein gelassen wird: Was das Werk an rotem Faden missen lässt, machen Vielfalt und Qualität der Beiträge mehr als wett. Das Buch ist absolut lesenswert, besonders die einführenden Beiträge der Herausgeber sind geradezu ein Muss sowohl für Einsteiger als auch für Kenner des neuen Markts und seiner Strukturen. Sie kondensieren Wissen und Erfahrung von drei Wegbereitern der deutschen Legal-Tech-Branche und sollten für jeden unternehmerisch denkenden Anwalt Pflichtlektüre sein.

Rechtsprodukte, vom Anwalt verkauft

Rechtsanwalt Markus Hartung, geschäftsführender Direktor des Bucerius Center on the Legal Profession, eröffnet mit der für viele praktizierende Advokaten provokanten These, dass die anwaltliche Arbeit kein Manufakturprodukt ist, das nur durch den erfahrenen Anwalt erstellt werden kann.

Daran ist zweierlei wesentlich, nicht zuletzt für das Verständnis aller folgenden Beiträge: Die Autoren denken in Rechtsprodukten, welche die Anwälte verkaufen – ein für die Anwaltschaft oft noch fremdes Verständnis. Gerade dieses Denken in Rechtsprodukten begegnet dem Leser aber an vielen Stellen des Buches wieder, sei es bei der Erarbeitung einer Strategie für die eigene Kanzlei oder bei den Beispielen für den Einsatz von Legal Tech.

Der zweite wesentliche Aspekt ist die Absage an die Manufaktur, an das überaus Individuelle, das Standardisierung verhindert. Auch in diesem Bereich zeigen die Legal Tech-Beispiele im Buch einen grundlegend anderen Weg auf, als ihn die Anwaltschaft heute in der Regel – noch - beschreitet.

Strategien zur Digitalisierung für die Kanzlei

Diese Gedanken vertieft Gernot Halbleib im dritten einführenden Kapitel. Um eine Legal Tech-Strategie zu erarbeiten, stellt er zwei Eckpfeiler des Umgangs mit Legal Tech dar. Die Steigerung der Produktivität und die Erschließung neuer Geschäftsmodelle beruhen dabei wesentlich auf dem Verständnis anwaltlicher Arbeit als Verkauf von Rechtsprodukten und der genauen Analyse von Prozessen in der Kanzlei. Ein kongenial ergänzender Beitrag hierzu findet sich im Kapitel zu kleinen und mittleren Kanzleien von Edicted-Mitgründer Marco Klock, der aus den eigenen Erfahrungen mit dem weiteren Startup rightmart schon fast eine Checkliste für die Umsetzung einer Legal Tech-Strategie macht.

Ein zentraler Beitrag des gesamten Buches ist der von Micha-Manuel Bues zur Digitalisierung von Kanzleien. Der Geschäftsführer des Legal-Tech-Unternehmens Leverton behandelt die digitale Transformation, der sich große Wirtschaftszweige bereits seit einigen Jahren stellen müssen. Überzeugend fasst er zusammen, dass die Erarbeitung der Digitalisierungsstrategie eine ganzheitliche Aufgabe ist, die Geschäftsmodell, Produkte, Prozesse, Struktur, Personal, IT-Kapazitäten und Kundenkontakt in den Blick nehmen muss.

Bues widmet sich neben der Erarbeitung der Strategie auch den Mitteln, die es für eine erfolgreiche Umsetzung braucht. In der Kürze seines Beitrags kann der ehemalige Gleiss-Anwalt viele Methoden und Techniken von der Fehlerkultur bis zum agilen Arbeiten nur anreißen. Wer aber selbst schon einmal einen Transformationsprozess begleitet hat, erkennt alle notwendigen Bausteine wieder, die das Werk stets auch mit Beispielen aus der Praxis veranschaulicht.

Daten und andere Chancen für Kanzleien – auch für die kleinen

Die sich anschließenden Abschnitte erweitern den Rahmen, den die Herausgeber mit ihren einführenden Beiträgen gesetzt haben. Nach Überblicken über die Entwicklung des deutschen, amerikanischen und englischen Legal Tech-Marktes – letzterer besonders lesenswert – widmen sich Autoren aus Großkanzleien dem Einsatz von Legal Tech in ihrer Arbeit.

Hariolf Wenzler, Chief Strategy Officer bei Baker McKenzie, vertritt die Auffassung, dass "in Zukunft die Daten im Mittelpunkt jedes anwaltlichen Geschäftsmodells stehen werden." Die Kenntnis von Mandanten und ihrer Historie führe zu einer besseren Betreuung nicht nur des einen, sondern auch aller anderen Mandanten - wenn Muster in Rechtsfällen erkannt und Lehren aus ihnen gezogen werden. Weitere Beiträge befassen sich mit der konkreten Arbeit mit digitalen Lösungen sowie mit Startups und – Achtung Anwaltschaft! – der Rolle der Big-Four-Beratungsgesellschaften auf dem Rechtsmarkt.

Das Kapitel zu kleinen und mittleren Kanzleien beginnt furios mit dem bereits erwähnten Beitrag von Marco Klock. Er sagt alles, was zu sagen ist, wenn er von "der größten Chance der letzten 50 Jahre" für kleine und mittlere Kanzleien spricht und zugleich dazu auffordert, "das Rüstzeug [zu erlernen,] ein Unternehmer zu sein, der seine Kanzlei wie ein Unternehmen führt." Es folgen zwei Paradebeispiele solchen Unternehmergeistes: der Düsseldorfer Anwalt Volker Greisbach, der auch hinter dem Rechtsdienstleister LegiTrust steht, und der Kölner Anwalt und Legaltech-Unternehmer Christian Solmecke.

Rechtsabteilungen, Rechtssysteme und das Recht der Anwälte

Das fünfte Kapitel setzt statt der anwaltlichen die Unternehmensbrille auf. Juristen aus Rechtsabteilungen schildern, wie sie eigene Lösungen entwickelt oder fremde in ihre Systeme integriert haben. Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass die Rechtsabteilung stärker in Unternehmensprozesse integriert wird und daher einen Bedarf an Lösungen hat, die diese Integration handhabbar machen. Zugleich steigt gerade in den Legal Departments das Bedürfnis nach einer gemeinsamen Basis der technischen Lösungen und einem Datenaustausch zwischen den Systemen.

Einen noch weiterreichenden Blick erlaubt das sechste Kapitel. Es beschäftigt sich mit Akteuren und Rahmenbedingungen des neuen Markts. Neben der durch Online-Streitbeilegungssysteme aufgeworfenen Frage nach der Zukunft eines demokratischen Rechtssystems und den Anforderungen an die Juristenausbildung sticht insbesondere das Kapitel über das anwaltliche Berufsrecht heraus. Berufsrechtler Hartung zeigt Fallstricke und Verrenkungen, aber auch Möglichkeiten neuer Angebote auf dem Rechtsmarkt.

Kurz vor Ende wird es technisch – und es finden sich die Hypes der Vergangenheit (Expertensysteme) ebenso wie die Hypes der Gegenwart (Künstliche Intelligenz! Blockchain!). Es ist ein Verdienst der Autoren, dass auch diese Themen in unaufgeregter Sachlichkeit behandelt und neben ihren Möglichkeiten auch ihre Grenzen aufgezeigt werden, statt die Leser in Angst und Schrecken vor technischer Überforderung oder gar ihre Ablösung durch die neuen Technologien zu versetzen.

Zum Schluss formulieren die Herausgeber vier Thesen zur Digitalisierung des Rechtsmarktes. So sehr sie vielleicht zum Widerspruch, mindestens aber zur Diskussion einladen, muss diese doch an anderer Stelle erfolgen. Sie wird sich lohnen.

Jedem unternehmerisch denkenden Anwalt bietet das Werk von Hartung, Bues und Halbleib die Möglichkeit, sich auf Experten-Niveau, aber in verständlicher Darstellung mit den absehbaren Veränderungen der Arbeitswelt zu beschäftigen und für sich und sein Unternehmen Anwaltskanzlei seine eigene Strategie zu entwickeln. Für alle, die sich bereits mit dem Thema Legal Tech beschäftigen, bietet das Buch anregende Gedanken und wunderbare Anknüpfungspunkte für vertiefte Diskussionen. Eine Bereicherung eines vollen Buchmarktes juristischer Literatur.

Hartung / Bues / Halbleib, Legal Tech – Die Digitalisierung des Rechtsmarkts, C.H. Beck, ISBN 978-3-406-71349-1

Der Rezensent Jan Klostermann ist Rechtsanwalt und Head of Innovation and User Experience
im Geschäftsbereich Legal beim Wissens- und Informationsdienstleister Wolters Kluwer, zu dem auch LTO gehört.

Zitiervorschlag

Johannes Klostermann, Hartung/Bues/Halbleib - "Legal Tech – Die Digitalisierung des Rechtsmarkts": Pflichtlektüre für Anwaltsunternehmer . In: Legal Tribune Online, 06.01.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/26337/ (abgerufen am: 23.06.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 07.01.2018 07:47, M.D.

    Die Pioniere des neuen Markts wollen ihr Geschäftsmodell zu hypen. Sie würden auch eine Pizzeria eröffnen, sofern es nicht bereits einige gute Pizzerien vor Ort gäbe. Im Zweifel schreibt man einfach ein Buch darüber. Das ist passives Einkommen, das durch die entsprechende Vermarktung skaliert werden kann.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 07.01.2018 15:43, DD

      „Sie würden auch eine Pizzeria eröffnen, sofern es nicht bereits einige gute Pizzerien vor Ort gäbe“. So verstehe ich nicht, warum es negativ bewertet wird auf Geschehnisse hinzuweisen, die eben zur Verbesserung der anwaltlichen Tätigkeit führen. Wenn es keine entsprechenden Angebote gibt, so schafft man diese eben selbst anstatt darauf zu warten, dass jemand die Aufgabe übernimmt. Es ist außerdem nunmal schwierig die Entwicklungen allesamt im Auge zu behalten. Das Buch dient hervorragend zum Verständnis und zur Enwicklung eines eigenen Gesamtbildes.

    • 07.01.2018 17:29, M.D.

      Keine Angst, ich gönne Ihnen ihr Buch. Es wird sich sicherlich auch ohne mich verkaufen. Nicht jeder hat die Zusatzqualifikation, seine gesamte IT selbst machen.

  • 07.01.2018 11:39, Maximus Pontifex

    Legal Tech ist derzeit nichts als heiße Luft.

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    • 07.01.2018 12:06, M.D.

      Früher gab es mal den Begriff "Luftverkäufer". Der passt dazu perfekt.

  • 07.01.2018 18:36, Realist

    Eigentlich machen die meisten Anwälte doch Legal Tech: Da wird aus einem Formularbuch was von der Sekretärin in Word abgetippt, dann mal eben ein paar Namen und Zahlen eingesetzt und dem Mandanten verkauft.

    Wertschöpfungshöhe gering, Ertrag hoch.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 07.01.2018 23:24, AS

    Ich denke, das Thema wird spätestens dann von allen Anwälten wahr- und ernst genommen werden, wenn es einem Legal Tech-Unternehmer gelingt, den Platz zwischen Anwalt und Mandant zu besetzen.
    Will sagen: Irgendwann weden wir unsere Mandate wohl nur noch über irgendeine Plattform akquirieren können. Irgendwas mit my-lawyer.de oder so ähnlich.
    Oder ist meine Sorge unberechtigt?

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 08.01.2018 08:24, Kalle

      Irgendwann? Das passiert doch bereits bei den ganzen Laufkundschaftsmandaten (Strafrecht, Verkehrsrecht etc.) über 123recht.de und diverse ähnliche Portale.

    • 08.01.2018 13:37, M.D.

      Zitat: "07.01.2018 23:24, AS
      Ich denke, das Thema wird spätestens dann von allen Anwälten wahr- und ernst genommen werden, wenn es einem Legal Tech-Unternehmer gelingt, den Platz zwischen Anwalt und Mandant zu besetzen."

      Spätestens dann, aber so was von!

    • 09.01.2018 10:50, AS

      @Kalle: Okay, 123recht kannte ich noch nicht. Scheint mir aber auch nicht wirklich marktrelevant zu sein. Habe mal ein paar Testanfragen für verschiedene Rechtsgebiete gemacht, und die Plattform konnte mir keinen Anwalt in einer westdeutschen Großstadt empfehlen.
      Ich meine eher einen zukünftigen Player, der bspw. mit Booking vergleichbar wäre. Aber vielleicht sind wir davon auch noch weit entfernt (hoffe ich jedenfalls).

    • 11.01.2018 16:07, A.G.

      "Ich denke, das Thema wird spätestens dann von allen Anwälten wahr- und ernst genommen werden, wenn es einem Legal Tech-Unternehmer gelingt, den Platz zwischen Anwalt und Mandant zu besetzen."
      Das ist längst keine Zukunftsmusik mehr...
      https://rechtecheck.de bietet genau das und übernimmt quasi die Akquise potentieller Mandanten.

    • 11.01.2018 16:56, M.W.

      Das stimmt. Die Zukunft ist schon da. Das zeigt auch die Seite https://www.zugang-zum-recht.de/ auf eine etwas andere Art als rechtecheck. Hier werden rund 25 bereits funktinierende Legal-Tech-Unternehmen vorgestellt, die teils mit und teils auch ohne Anwalt im Hintergund die Recht der Bevölkerung online durchsetzen.

  • 09.01.2018 16:01, M.W.

    Es ist wie immer bei neuen Technologien: Auch beim Thema Legal Tech gibt es Anwälte, die heute schon Legal Tech (erfolgreich) einsetzen. Es gibt aber auch Anwälte, die noch zögern und natürlich auch Verweigerer. Die Stärke des Buches ist vielleicht, dass auch kleine und mittelgroße Kanzleien mit geringeren Ressourcen als Großkanzleien praktische Tipps erhalten. Ansonsten empfehle ich interessierten Anwälten die Seiten http://legal-tech-blog.de/ und https://www.legal-tech.de/

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  • 13.01.2018 18:43, Abrell

    Liebe Leute, das Buch kostet als ebook 75 Euro und man kann es im Kindle nicht mal lesen. "Legal Tech"???

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