Ein junger Mann sitzt nachdenklich vor seinem Laptop, umgeben von Büchern, symbolisiert Zweifel am Jurastudium.
Zweifel am Jurastudium

Abb­re­chen oder durch­beißen?

von Sabine Olschner11. Februar 2026, Lesedauer: 5 Minuten

Das Jurastudium ist ein Marathon. Nicht wenige zweifeln früher oder später daran, ob sie mit diesem Fach tatsächlich die richtige Studienwahl getroffen haben. Aufhören oder durchziehen: Was kann bei der Entscheidung helfen?

Instagram, Discord, Jura-Foren: Immer wieder begegnen einem Beiträge, die zeigen, wie verunsichert Jurastudierende sind. "Ich habe im letzten Herbst mein Jurastudium begonnen und schnell gemerkt, dass es ganz anders ist, als ich es mir vorgestellt hatte. Obwohl ich wusste, dass der psychische Druck bei Jura hoch ist, hätte ich nie gedacht, wie früh es mich überfordert und dass ich ständig an mir selbst zweifeln würde. Ich weiß oft nicht, wie ich lernen soll, verstehe den Gutachtenstil kaum und habe das Gefühl, dass alle anderen viel weiter sind als ich", schreibt eine Nutzerin zum Beispiel. 

Anna N. (Name geändert) klagt im Gespräch mit LTO: "Eigentlich finde ich viele Inhalte interessant, und Anwältin zu werden war immer mein Traum. Trotzdem macht mich das Jurastudium schon im ersten Semester fertig. Ich frage mich, ob ich meine besten Jahre damit verbringen sollte, an mir zu zweifeln und Angst zu haben, zu scheitern – oder ob ich mir gerade dabei zusehe, wie ich zur Abbrecherin werde."

Zweifel an der Studienwahl sind im Jurastudium keine Seltenheit. Es gibt viele Gründe, warum Jurastudierende mit ihrer Wahl hadern. 

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Lange Juristenausbildung, viel Zeit zum Zweifeln

Einer davon: Ein Jurastudium dauert im Vergleich zu vielen anderen Studienfächern sehr lange, im Schnitt rund elf Semester. Hinzu kommt auch noch das Referendariat und in vielen Bundesländern eine entsprechende Wartezeit, wenn man einem volljuristischen Beruf nachgehen möchte. 

Hinzu kommt: Nicht selten bauen Dozierende zusätzlich Druck auf, indem sie den Studierenden von hohen Durchfall- und Abbrecherquoten berichten. Sprüche wie "Schauen Sie nach rechts. Schauen Sie nach links. Nur einer von Ihnen dreien wird am Ende erfolgreich sein" haben schon viele Jurastudierende zu hören bekommen. Ständig begleitet sie die Angst, nach vielen Jahren des Lernens am Ende ohne einen Abschluss dastehen (auch wenn der integrierte Bachelor hier etwas Milderung verschafft, sofern die Uni ihn anbietet). 

Viele starten ihr Jurastudium zudem mit falschen Erwartungen und merken bald, dass sie sich mit den Inhalten nicht identifizieren können. "In der Beratung berichten Jurastudierende häufig, dass sie sich im Studium eher auf sich allein gestellt fühlen. Der hohe Leistungsdruck erschwert es, offen miteinander in den Austausch zu gehen und sich zu unterstützen", sagt Christina Kuhlmann, Leiterin der Psychologischen Studienberatung an der Ruhr-Universität Bochum. Der fehlende Austausch mit Gleichgesinnten mache vielen zu schaffen.

Wenn die Freunde schon längst einen Abschluss haben

Silvia Povedano Peramato, Leiterin des Studien- und Karriereberatungszentrums der Rechtswissenschaftlichen Fakultät an der Universität zu Köln, nennt drei Zeitpunkte im Studium, an denen die Studierenden besonders häufig an ihrer Studienwahl zweifeln: im ersten Semester, in der Studienmitte und vor dem Examen. "Erstsemestern fällt der Übergang von der Schule ins Studium häufig schwer", weiß die Beraterin. Der fehlende Klassenverband, ein neuer Studienort, eine enorm hohe Stofffülle – da fragen sich viele, ob sie den Anforderungen eines Jurastudiums gewachsen sind. "Das erste Semester ist zu früh, um schon eine Entscheidung zu treffen", ist Povedano Peramato allerdings überzeugt. "Am Anfang muss man all das Neue erst einmal sacken lassen."

In der Studienmitte mehren sich die Zweifel laut der Beraterin, weil der Weg bislang schon hart war und noch einmal genauso viel Zeit vor einem liegt. Während ehemalige Mitschüler:innen schon über das Thema ihrer Bachelorarbeit nachdenken oder nach ihrer Ausbildung bereits den ersten Arbeitsvertrag in der Tasche haben, ist bei Jurastudierenden das Examen noch lange nicht in Sicht. Kurz vor dem Examen hingegen fühlten sich viele Studierende von der Menge des Prüfungsstoffs erschlagen und bekämen Panik. "Hier sollten sich Betroffene vor Augen führen, warum sie sich ursprünglich für das Jurastudium entschieden haben", rät Povedano Peramato. "Ist eine juristische Tätigkeit noch immer der Traumberuf, sollte man die Prüfungsvorbereitung als notwendiges Übel ansehen, durch das man durch muss – und auch kann", schließlich sei man schon weit gekommen.

Ein schwer zu beschreibendes Gefühl

Studienzweifel treten in ganz unterschiedlicher Form auf: Die einen spüren eine diffuse Unzufriedenheit, bei anderen sinkt nach und nach das Selbstwertgefühl, wieder andere bekommen Panik, weil sie keine Perspektive für sich sehen.

Kuhlmann empfiehlt als ersten Schritt, sich durchzuringen, über seine Probleme zu reden. "Viele Studierende zögern zunächst, ihre Zweifel anzusprechen. Häufig besteht die Sorge, anderen zur Last zu fallen oder den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden." Gespräche mit Kommilitonen oder auch mit Menschen, die bereits im Beruf stehen und unter Umständen im Studium ähnliche Gefühle hatten, helfen zu erkennen, dass man nicht der Einzige ist, dem es so geht. Neben der Fachstudienberatung und den psychologischen Beratungsstellen der Universitäten können auch Studierendenwerke helfen. Die zentrale Studienberatung gibt Rat zu alternativen Studiengängen, und Beratungsstellen zur Inklusion unterstützen, wenn zum Beispiel Behinderungen oder chronische Krankheiten das Studium erschweren.

Ein Problem, mit dem viele im Jurastudium kämpfen, ist die Stoffmenge. Hat man das Gefühl, dem nicht gewachsen zu sein, kann es sich lohnen, seine Lernstrategien zu überdenken. "Man sollte sich dabei realistische Ziele setzen", betont Povedano Peramato. "Zu viele Studierende messen sich mit anderen, die – gern auch über Social Media – damit prahlen, wie viel Zeit sie fürs Lernen aufwenden." Hier müsse jeder sein eigenes Tempo finden und sich nicht von anderen einschüchtern lassen, so ihr Rat.

Was würde das Zukunfts-Ich sagen?

Ob man das Studium nun abbricht oder sich doch durchbeißt, muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden. Ein Patentrezept gibt es für solch eine Situation nicht. 

Kuhlmann nennt ein paar Aspekte, über die sich Studienzweifler Gedanken machen können: "Man kann versuchen, sich vorzustellen, wie man in 20, 30 oder 40 Jahren über seine heutige Entscheidung denken würde. Wäre man mit so viel zeitlichem Abstand voraussichtlich mit dem Studienabbruch und einem alternativen Berufsweg zufrieden, oder würde man es bereuen?" Wichtig ist auch die Frage, wie lange man bereits mit dem Studium hadert. "Wenn man innerlich schon seit Jahren weiß, dass man die falsche Entscheidung getroffen hat, wird es wahrscheinlich nicht besser werden, und ein baldiger Abbruch wäre das Sinnvollste", sagt die psychologische Beraterin. 

Povedano Peramato rät Studienzweiflern, sich noch einmal die Motivation anzuschauen, mit der sie ins Jurastudium gestartet sind. Waren es ausschließlich externe Motive wie ein gutes Gehalt oder ein sicherer Job? Das reicht meist nicht aus, um lange Durststrecken zu überstehen. Oder brennt jemand für juristische Fragestellungen und möchte diese später zum Beispiel als Anwalt, Richterin oder Staatsanwalt bearbeiten? Dann ist es sinnvoll, das dafür notwendige Studium auch zu Ende bringen. 

Und welchen Weg ist Jurastudentin Anna N. am Ende gegangen? Sie hat bemerkt, dass es nicht sinnvoll ist, ihre Zweifel in sich hineinzufressen. Sie plant jetzt, noch einmal in Ruhe mit einigen Lehrenden zu sprechen und sich mehr mit ihrem Umfeld auszutauschen. Mindestens ein weiteres Semester will sie dem Jurastudium noch eine Chance geben.

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