Foto: privat
"In Jura wirst du für Kreativität eher bestraft"
LTO: Hallo Baran_Absurdi. Sie sind Volljurist, stehen als Komiker aber auch regelmäßig auf der Bühne. Interessante Kombination.
Baran_Absurdi: Ja, schon. Es hat sich eben so ergeben: Während meines Jurastudiums hätte ich eigentlich für meine Schwerpunktklausur lernen sollen. Mir war dabei aber irgendwie langweilig, ich hatte keinen Bock, zu lernen. Stattdessen habe ich dann eine Instagram-Seite gestartet. Am Anfang waren das einfach nur Memes – ohne Plan, ohne Anspruch.
Daraus ist inzwischen mehr geworden.
Genau. Im Referendariat habe ich angefangen, selbst vor der Kamera zu stehen und zumindest aus meiner Sicht lustige Reels für Instagram zu machen. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass mich das kreativ nicht richtig erfüllt. Das Internet setzt enge Grenzen: kurze Aufmerksamkeitsspannen, feste Formate, Algorithmen. Ich wollte schon kreativ sein, aber eben nicht so.
Abends Stand-up-Show, morgens Examensklausur
Wie dann?
Ich habe Stand-up-Videos gesehen und dachte mir: Ich probiere das jetzt einfach auch mal aus. Für mich entwickelte sich das zum Volltreffer, weil man auf der Bühne viel freier ist. Im Internet schöpfst du vielleicht zwanzig Prozent deiner Kreativität aus, auf der Bühne kannst du Dinge entwickeln, verwerfen, neu denken. Und es gibt sofort Feedback: Die Leute lachen – oder halt nicht. Das soll jetzt aber nicht krasser klingen, als es war: "Bühne" hieß zu dem Zeitpunkt eine Bar mit vielleicht 30 Leuten.
Vor wie vielen Leuten spielen Sie heute?
Das ist schwer zu sagen. Bei Open Mics (unter der Woche) spiele ich meist vor etwa 30–50 Leuten, und am Wochenende bei Mixed Shows vor ungefähr 100–180.
Sich neben dem Referendariat eine Komiker-Laufbahn aufbauen, klingt jetzt nicht so, als bliebe da viel Zeit fürs Lernen.
Ja, schon. Ich war zu dem Zeitpunkt mitten in der Vorbereitung auf meinen Verbesserungsversuch im zweiten Staatsexamen. Ich hatte sogar einen Auftritt zwischen zwei Prüfungstagen. Rückblickend betrachtet war das vielleicht nicht besonders vernünftig, aber es hat mir eher geholfen als geschadet. Diese Energie habe ich gebraucht.
Examensklausuren morgens, Stand-up abends: Wie funktioniert das?
Die eigentliche Bühnenzeit ist der kleinste Teil der Arbeit als Comedian. Viel Zeit geht für Anfahrten drauf, fürs Schreiben, Umschreiben, Reflektieren. Man analysiert ständig. Das ist viel Arbeit über einen längeren Zeitraum verteilt – nur sieht man die nicht.
"Ich mache das nicht mit dem Ziel, davon zu leben"
Viel Aufwand also. Ist Stand-up-Comedy damit zu ihrem Zweitjob geworden?
Nein, Comedy ist mein Hobby, aber eines, für das ich brenne. Es ist nicht mein Beruf und nicht meine Haupteinnahmequelle. Ich mache das nicht mit dem Ziel, davon zu leben, sondern weil ich Lust darauf habe. Genau das macht es für mich so als Ausgleich zum Juristendasein wertvoll.
Comedy ist das, was ich nebenbei mache, weil es mir guttut. Ich glaube, ich würde ganz anders damit umgehen, wenn mein Einkommen davon abhinge.
Natürlich muss ich trotzdem viel Zeit investieren, denn Comedy ist nicht einfach. Das ist nichts, was man romantisieren sollte. Gerade deshalb ist mir wichtig, klarzustellen: Ich mache das für mich, weil ich es gern mache und es mir Energie gibt.
Auf der Bühne trennen Sie das nicht so klar: Der Großteil Ihrer Inhalte dreht sich gerade um die Themen Jura und Juristen. Sind Juristen Clowns, oder warum eignet sich unsere Branche so gut für Comedy?
Gerade weil es so seriös ist, liefert Jura jede Menge Pointen. In Jura wirst du für Kreativität eher bestraft. Wenn Juristen Clowns wären, hätte ich gar kein Material für Witze. Aber genau das sind sie nicht: Sie sind sehr ernst, sehr eigen, sehr korrekt. Diese Ernsthaftigkeit erzeugt Erwartungen beim Publikum und Comedy basiert darauf, diese Erwartungen zu brechen. Die Leute haben Vorurteile über Juristen, was ich mir zunutze machen kann, um sie zum Lachen zu bringen.
Weiß Ihr Publikum, dass Sie wirklich Volljurist sind? Oder denken viele, dass das Teil der Comedy-Show sein muss?
Das ist tatsächlich eine Fünfzig-fünfzig-Sache. Nach fast jeder Show kommen Leute zu mir und fragen: "Bist du wirklich Volljurist – oder war das nur Teil des Programms?" Das zeigt ziemlich gut, wie fest dieses Bild vom humorlosen Juristen sitzt.
"Am Anfang haben Juristen meine Memes korrigiert"
Und? Sind Juristen wirklich humorlos?
Die meisten Follower von mir sind Juristen, mittlerweile wissen die Bescheid, nach dem Motto: Der Typ ist ein bisschen verrückt, aber witzig. Inzwischen erkennen die Leute das.
Aber vor allem am Anfang kamen Nachrichten, die klangen eher wie Klausurkorrekturen: Da haben andere Juristen mich zum Beispiel bei Instagram dafür kritisiert, dass ich in meinen Reels und Memes nicht richtig subsumiert hätte oder dass man komplexe Dinge ja nicht in wenigen kurzen Sätzen richtig darstellen könne. Das war gar nicht böse gemeint, sondern eher belehrend, sagt aber natürlich auch etwas über Juristen aus.
Ich habe aber meinen Weg gefunden. Heute halte ich für meine Nummern bewusst Abstand von Details und gehe nicht mehr tief in juristische Inhalte rein. Selbst dann ist aber immer noch genug Stoff da, um Witze über die Jura-Branche zu machen.
Gab es von Juristen bereits Widerstand oder Kritik an dem, was Sie machen?
Einen richtigen Shitstorm hatte ich tatsächlich mal, nämlich als ich mich einmal ernsthaft in die Debatte um niedrige Einstiegsgehälter für junge Juristen eingemischt habe – in diesem Fall ganz ohne Humor. Da hat meine Meinung eine Welle ausgelöst, vor allem von älteren Juristen kam da viel Gegenwind. Gerade sie haben die teils wirklich niedrigen Löhne für Junganwälte verteidigt, statt sich mit der Kritik daran auseinanderzusetzen. Da wurde es dann auch persönlich gegen mich.
Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich fand es eher witzig. Aber trotzdem dachte ich mir: Warum verteidigt ihr das? Das ist doch augenscheinlich falsch, so wenig zu verdienen. Die Juristenausbildung dauert ja mindestens sieben bis acht Jahre!
Aber ich halte mich da an eine alte Regel: Ich diskutiere nicht im Internet. Das ist ein Grundsatz. Ich lese die Kommentare, nehme sie zur Kenntnis und gehe weiter. Manche Reaktionen sind aufschlussreich, andere einfach nur laut. Rassistische oder pauschale Anfeindungen gibt es leider auch, aber die ordne ich nicht mir zu.
"Das, was ich auf Social Media zeige, ist keine berufliche Tätigkeit"
Abseits von Instagram und Bühne: Werden Sie in Ihrer Rolle als Volljurist manchmal auf Ihre Comedy angesprochen?
Nein, noch nie. Und ehrlich gesagt bin ich darüber auch ganz froh. Das zeigt mir, dass die Trennung funktioniert und das ist mir auch sehr wichtig.
Es gibt zwar gelegentlich thematische Überschneidungen, aber das, was ich auf Social Media zeige, ist keine berufliche Tätigkeit. Einfach gesagt: Von acht bis 17 Uhr bin ich ausschließlich in meiner beruflichen Rolle als Volljurist. Genau diese klare Trennung ist aus meiner Sicht auch der Grund, warum mich Leute aus meinem juristischen Berufsalltag nicht aus der Comedy- oder Social-Media-Welt kennen.
Wenn Sie sich entscheiden müssten: für immer die Juristerei oder für immer Bühne?
Ich würde mich nicht entscheiden wollen. Ein richtig guter Auftritt fühlt sich großartig an, ein gelöster Sachverhalt in der Berufswelt aber genauso. Beides hat seinen Platz und im Moment passt diese Kombination für mich sehr gut.
Vielen Dank für das Gespräch!
Baran_Absurdi ist Volljurist, Instagram-Creator und Stand-up-Comedian. Sein Instagram-Account @absurdi_mm hat inzwischen mehr als 20.000 Follower.
Der Redaktion sind sein bürgerlicher Name sowie seine berufliche Tätigkeit bekannt.
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