"Mozarts 'Zauberflöte' in der Staatsoper war immer aufregend"
LTO: Herr Messerschmidt, Sie waren als Kind bei den Wiener Sängerknaben, spielen seit Jahren Klavier – und dann studierten Sie Jura statt etwas Künstlerischem?
Victor Justus Messerschmidt: Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, wie der Karriereweg zum professionellen Musiker aussieht. Eigentlich muss man ein Wunderkind sein, um davon leben zu können. Um als Pianist erfolgreich zu werden, hätte ich jeden Tag sieben Stunden zurückgezogen üben müssen. Ich wollte verhindern, dass mir durch diesen Druck die Leidenschaft für die Musik verloren geht. Und ich wollte mich mit einem Studium nicht direkt festlegen. Was mich (wie auch andere) an Jura gereizt hat, war, dass man es mit vielen Feldern verbinden kann. Für mich waren das die Musik- und Filmbranche und schlussendlich diejenige der Kunst. Die Zeit bei den Wiener Sängerknaben hat mich aber sehr geprägt und ich möchte sie nicht missen.
Wie wird man denn Sängerknabe?
Ich bin in Prag aufgewachsen und nach Wien gezogen. Als dann die Frage aufkam, auf welche weiterführende Schule ich gehen sollte, meinte mein Vater – eigentlich als Scherz –, ich sollte mal bei den Wiener Sängerknaben vorsingen. Das habe ich gemacht und dort dann eine Probewoche und später einen Probemonat absolviert. Mit zehn Jahren bin ich dann als Wiener Sängerknabe aufgenommen worden und auf das Internat gekommen.
"Wir durften bei einem Maharadscha in Indien gastieren"
Das ist in dem Alter eine große Umstellung.
Ja, natürlich hatte ich anfangs auch Heimweh, aber nach kurzer Zeit haben die tollen Erfahrungen überwogen. Es war gleichzeitig sehr anstrengend und wir standen unter hohem Druck: Wir hatten nicht sechs Wochen Sommerferien wie andere Kinder, sondern waren vier Wochen im "Bootcamp" am Wörthersee und mussten jeden Tag bis zu sechs Stunden proben. Dabei sind wir als Chor natürlich zusammengewachsen und die gemeinsamen Tourneen waren sehr aufregend. Teilweise waren wir bis zu drei Monate in Amerika, Japan und vor allem Europa unterwegs. Wenn man schon in diesem Alter so viele Facetten und Kulturen der Welt sieht, ist das sehr einprägsam.
Welche Auftritte waren Ihre absoluten Highlights?
Ich durfte oft in der Wiener Staatsoper als einer der drei Knaben in der "Zauberflöte" von Mozart auftreten, das war immer sehr aufregend, aber auch beispielsweise der Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall. Und wir durften eine Filmtournee mitmachen für eine Dokumentation: Wir waren zwei Wochen unterwegs und haben bei einem Maharadscha in Indien gastiert und in Neuseeland mit den Ureinwohnern, den Maoris, Filmaufnahmen gedreht. Das waren prägende Erlebnisse, die ich nicht vergessen werde.
"Habe mich oft mit Künstlern unterhalten"
Woher rührt Ihr Interesse an der Kunst?
Meine Eltern waren oft mit mir in Museen. Als Kind war ich davon nicht immer angetan und habe mich noch nicht sonderlich für Gemälde und Künstler interessiert. Aber es hat die Sensibilität geweckt, besonders in Wien. Ich war auch oft in Paris, ebenso natürlich eine Stadt der Kunst, mit ihren vielen Galerien. Im Studium selbst hätte ich aber nicht gedacht, dass die Kunst mal mein Beruf wird.
Wie war das Jurastudium für Sie?
Zum Studium bin ich zunächst nach Freiburg gezogen, habe dann aber gemerkt, dass ich wieder in eine größere Stadt möchte, und bin nach Hamburg gewechselt. Am Anfang war das Studium eine Umstellung, mit meinem künstlerischen Background in die anfangs doch etwas trockenen Gesetze einzutauchen. Die ersten Semester sind mir entsprechend schwergefallen. Ich habe dann aber viele, vor allem internationale, Praktika in Kanzleien und Unternehmen im Bereich des geistigen Eigentums gemacht, und dadurch hat mir auch das Studium mehr Spaß gemacht. Ich wollte von Anfang an praktische Erfahrungen sammeln.
Zum Beispiel auch in Italien.
Genau. Ich hatte schon früh in der Schule Italienisch, das war bei den Wiener Sängerknaben wegen der italienischen Opern- und Musiktradition verpflichtend. Meine Wahlstation im Referendariat habe ich in Mailand bei "EssilorLuxottica" in der Abteilung für geistiges Eigentum absolviert, einem international tätigen Luxusbrillen- und Optikkonzern. Ich habe durch meine Filmpassion auch viele italienische Filme geschaut. Vor allem "La grande bellezza" ("Die große Schönheit") hat mich inspiriert, ein Film über einen sensiblen Journalisten, der in Rom lebt und hinter der glamourösen Kulisse der Stadt nach dem Sinn des Lebens sucht. Dadurch habe ich gemerkt, dass ich dort auch gerne zumindest ein Jahr verbringen möchte, und bin auf einen italienischen LL.M. im Kunstrecht aufmerksam geworden.
"In Rom ist man im Strudel von Kunst und dem italienischen Lebensstil"
Wie lebt und lernt es sich in Rom?
Das Essen und die Menschen sind bekanntermaßen natürlich großartig. Das Besondere an Rom ist auch die reiche Kultur. Man geht von einem Ort zum nächsten und findet ständig neue Sehenswürdigkeiten, Kulturschätze, Museen und mit Kunst befüllte "Palazzi". In Rom war man stets im Strudel der Kunst und des italienischen Lebensstils. Die Universität hatte wegen der kunstrechtlichen Ausrichtung auch Kollaborationen mit spannenden Stiftungen in Rom und Venedig.
Auch inhaltlich fand ich den LL.M. sehr spannend. Das Kunstrecht berührt als Schnittstellenrechtsgebiet viele verschiedene Bereiche, unter anderem das Erbrecht und das Urheberrecht, aber auch klassisches Vertragsrecht, wenn es zum Beispiel um Verträge zwischen Galeristen und Künstlern geht. Es ging aber nicht nur um klassisches Jura, viele unserer Dozentinnen und Dozenten kamen unmittelbar aus der Kunstszene. Zum Beispiel hat der Vizepräsident des J. Paul Getty Museum aus Los Angeles , einer der größten Kulturinstitutionen der Welt, eine Vorlesung gehalten, oder auch die damalige General Counsel des Museum of Modern Art in New York. Beruflich am meisten inspiriert hat mich aber ein Anwalt und "Art Advisor" aus Mailand.
"Art Advisor beraten Klienten, in welche Kunst sie investieren sollen"
Was kann man sich unter "Art Advisory", also Kunstberatung, vorstellen?
Die Kunstberatung kann ökonomische, mitunter aber auch juristische Aspekte des Kunstmarkts einbeziehen. Man berät seine Klienten, in welche Kunst sie investieren sollten. Deshalb müssen Art Advisor viel reisen und beobachten, was gerade im Trend liegt und Potenzial für ein Investment hat. Sie sind also die neutrale Schnittstelle zwischen den Käufern und den Verkäufern (also den Künstlern, Auktionshäusern, Galerien und anderen Akteuren des Kunstmarkts).
Der Begriff stammt insbesondere aus dem amerikanischen Raum, dort ist der Kunstmarkt größer und nimmt eine wichtigere Stellung ein. Es hat sich dort ein eigenständiger Berufszweig der "Art Advisory" etabliert. Die Unternehmen beraten beispielsweise große Family Offices, die nicht nur in Immobilien, sondern auch in hochpreisige Kunstwerke investieren wollen, etwa von Picasso oder Monet. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie Art Advisor arbeiten können. Manche fokussieren sich nur auf den künstlerischen Aspekt und dessen "Qualität", ich finde aber gerade die Kombination mit juristischen Fragen spannend, also zum Beispiel die Kaufverträge mit den Auktionshäusern und Sorgfaltspflichten beim Erwerb von Kunst.
Sie wollen die "Art Advisory" auch im mitteleuropäischen Raum etablieren.
Ja, vor allem im deutschsprachigen Raum, also in der Schweiz, Österreich und Deutschland, aber auch in Italien. Hier ist eine ganzheitliche "Art Advisory" noch wenig entwickelt. Vor kurzem habe ich eine journalistische Plattform, "Aesthesis Studio", gegründet, um ein Netzwerk für die Beteiligten am Kunstmarkt zu schaffen, unter anderem also Galerien, Auktionshäuser und Sammler. Alle zwei Wochen schreibe ich ein kurzes Briefing über aktuelle Entwicklungen in der Kunstszene und porträtiere interessante Künstlerinnen und Künstler. Zukünftig auch mit juristischen Bezügen, wenn es zum Beispiel eine neue Entscheidung zur NS-Raubkunst oder andere interessante rechtliche Debatten gibt. Die Kunstwelt ist auch in Deutschland ein recht geschlossener Zirkel und der Kunstmarkt wenig durchlässig. Mein Ziel ist es auch, sie der Öffentlichkeit etwas zugänglicher zu machen. Meine Plattform ist aber noch eine offene Struktur und wird sich mit der Zeit weiterentwickeln.
"Möchte die Art Advisory auch in Hamburg anbieten"
Wo wollen Sie in Zukunft hin?
Langfristig möchte ich die klassische juristische Praxis mit meiner Leidenschaft für den Bereich "Art Advisory" verbinden. Erste Kontakte zu lokalen Akteuren der Kunstszene konnte ich schon knüpfen. Ich könnte mir auch gut vorstellen, ein interdisziplinäres Team aus Juristen, Kunsthistorikern und Ökonomen mit Kunstmarktexpertise aufzubauen. Beruflich sollte man nicht alles allein machen, sondern Synergien suchen und nutzen. So hat man bessere Ergebnisse und auch mehr Freude an den jeweiligen Projekten. Erst kürzlich bin ich als Rechtsanwalt vereidigt worden. Ab September werde ich als Projektanwalt in verschiedenen Kanzleien arbeiten und Mandate im Kunst-, Presse- und Urheberrecht betreuen.
Machen Sie noch Musik?
Ja, in meiner Freizeit mache ich noch viel Musik. Ich spiele Klavier, um mich zu entspannen, aber auch, weil mich der hohe Anspruch klassischer Werke fasziniert. Allerdings singe ich nicht mehr. Meine Kinderstimme war gut; nicht mehr so sehr nach dem Stimmbruch. Vor kurzem habe ich zudem angefangen, elektronische Musik zu produzieren.
Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!
Nach seiner Schulzeit im Internat der Wiener Sängerknaben studierte Victor Justus Messerschmidt Jura in Freiburg und Hamburg. 2024 absolvierte er sein zweites Staatsexamen am Oberlandesgericht Hamburg. Zudem machte er einen LL.M. im Kunstrecht in Rom. Seit Ende August 2026 ist er als Rechtsanwalt in Hamburg zugelassen. Vor kurzem gründete er zudem die journalistische Plattform "Aesthesis Studio", um ein Netzwerk für die Beteiligten am zentral- und südeuropäischen Kunstmarkt zu schaffen.
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