Amelie Richter (Nr. 15) und Teamkolleginnen nach einem EM-Spiel.
Foto: Kateřina Hrubá.
"Laptop zur EM mitgenommen, um die Examensergebnisse zu sehen"
LTO: Liebe Frau Richter, zwei Wochen vor Ihrer mündlichen Prüfung haben Sie mit der Box-Lacrosse-Nationalmannschaft Silber bei der EM in Prag geholt. Wie ließ sich beides unter einen Hut bringen?
Amelie Richter: Beides stand ja schon länger fest, sodass ich viel vorbereiten konnte. Vor meinen Klausuren im März habe ich mich aus dem Vereinsleben für einige Monate zurückgezogen. Ich spiele nicht nur selbst Lacrosse beim HLC Rot-Weiß München, sondern trainiere auch die zweite Damenmannschaft. Das habe ich in dieser Zeit pausiert und auch an weniger Ligaspielen meiner Mannschaft teilgenommen. So konnte ich mich voll auf die Prüfungen konzentrieren. Danach habe ich mich wieder aufs Training fokussiert. Auch auf die Notenbekanntgabe habe ich mich mental vorbereitet. Ich wusste, dass das während der EM passieren würde. Ich habe deshalb meinen Laptop zur EM mitgenommen, um die Ergebnisse sehen zu können. Vorher habe ich mich mit allen möglichen Szenarien auseinandergesetzt. Ich kann Dinge gut abhaken und wusste, dass ich Jura und Sport stark trennen muss, falls es nicht geklappt hätte.
Aber es hat dann geklappt. Wie war der Moment?
Ich hatte zu der Zeit ein Feedbackgespräch mit meinem Coach. Die Ergebnisse habe ich danach mit zwei Mannschaftskolleginnen im Hotelzimmer angeschaut. Danach bin ich raus auf den Flur, wo mein ganzes Team saß und sich total für mich gefreut hat. Diese Euphorie hat mich auch in den nächsten Spielen noch gepusht.
"Mit 15 die ersten Spiele für die zweite Damenmannschaft gemacht"
Feld-Lacrosse haben viele vielleicht bei Hanni und Nanni schon mal gesehen, aber Box-Lacrosse ist noch ziemlich unbekannt. Wie sind Sie dazu gekommen?
Das stimmt. Lacrosse ist tatsächlich eher eine Nischensportart, wird aber immer bekannter. Das klassische Feld-Lacrosse wird mit zehn Spieler:innen draußen auf dem Platz gespielt, beim Box-Lacrosse treten jeweils sechs Spieler:innen in einer Halle gegeneinander an. Box-Lacrosse wird in voller Schutzmontur gespielt, ist körperbetonter und erinnert deshalb etwas an Eishockey. Ich habe mit zwölf Jahren an einem Sommercamp meines jetzigen Vereins teilgenommen. Nach dem ersten Tag habe ich meinen Eltern gesagt, dass das mein Sport ist. Ich habe dann in der U16 angefangen und mit 15 Jahren die ersten Spiele für die zweite Damenmannschaft gespielt. Danach kam ich in die erste Mannschaft und durfte später die ersten Spiele für die Nationalmannschaft bestreiten.
Dann haben Sie entschieden, Jura zu studieren. Wieso Rechtswissenschaften?
Mir war lange klar, dass ich Jura studieren will. Schon in der Schule hatte ich durch ein Schülerpraktikum erste Berührungspunkte und das hat mir Spaß gemacht. Außerdem fand ich am Jurastudium gut, dass man sich nicht von Anfang an festlegen muss, was man die nächsten vierzig Berufsjahre macht. Das Studium bietet viele Möglichkeiten und mit 18 wusste ich noch nicht genau, wo es beruflich hingehen soll.
"Habe nicht das Gefühl, dass ich im Studium etwas verpasst habe"
Wie konnten Sie Lacrosse-Training und Studium verbinden?
Es braucht vor allem Fokus, Priorisierung und Willensstärke. Mir war klar, dass ich meinen Sport nicht für mein Studium und mein Studium nicht für meinen Sport aufgeben wollte. Außerdem war der Sport für mich immer ein guter Ausgleich neben dem Studium. Aber natürlich kostet es Zeit. Ich hatte meistens dreimal pro Woche Mannschaftstraining und daneben eigenständiges Athletik- und Krafttraining.
Und am Wochenende?
Am Wochenende finden die Spieltage statt und dazu kommen noch Trainingslager. Ich würde schätzen, dass ich während der Saison wahrscheinlich an drei von vier Wochenenden pro Monat für Lacrosse unterwegs war. Dafür braucht es auch Disziplin. Vielleicht habe ich nicht jede Party mitgenommen, aber ich habe nicht das Gefühl, im Studium etwas verpasst zu haben.
Wie war es für Sie, nach der EM wieder zum Lernen überzugehen?
Der erste Tag in der Bib war schon surreal. Da prallen einfach zwei komplett verschiedene Lebensrealitäten aufeinander. Meine Freunde mussten auch die Protokolle für die mündliche Prüfung abholen, weil ich ja noch in Prag war. Ich habe auch erst nach der mündlichen Prüfung unseren Vize-EM-Titel und mein Examen richtig feiern können.
"Am nächsten Tag nicht mehr über das Spiel oder die Klausur von gestern grübeln"
Haben Sie vom Leistungssport etwas gelernt, was Ihnen im Studium geholfen hat?
Teamarbeit holt das Beste aus mir raus. Ich versuche, mich selbst bestmöglich auf ein Lacrosse-Turnier vorzubereiten, weil so mein Team erfolgreich ist. Genauso im Job. Während des Studiums war ich ab dem dritten Semester Werkstudentin, jetzt bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin im Energierecht. Außerdem hat der Leistungssport meine Disziplin und meinen Ehrgeiz gefördert. Ich habe gelernt, dass ich erst viel Arbeit ins Training stecken muss, damit ich am Ende Erfolge sehen kann. Das ist im Studium und gerade in der Examensvorbereitung auch so.
Was würden Sie Studierenden raten, die planen, neben dem Studium Leistungssport zu betreiben?
Die eigenen Grenzen sind persönlich, aber ich finde, es lässt sich beides verbinden. Es kommt auch darauf an, wie sehr man etwas will. Gerade Turniere wie eine EM oder WM und Klausurenphasen oder das Examen haben den gleichen Rhythmus. Als Sportler:in kann man sich mental ähnlich vorbereiten. Es geht darum, für einen bestimmten Zeitraum die täglichen Spiele oder Prüfungen durchzustehen. In der Zeit muss man sich voll darauf konzentrieren und danach auch vollständig loslassen. Am nächsten Tag nicht mehr über das Spiel oder die Klausur von gestern grübeln.
Was planen Sie juristisch und sportlich für die Zukunft?
In zwei Jahren steht die WM an, bis dahin ist noch etwas Zeit. Ich möchte weiter erfolgreich Lacrosse spielen und wäre gerne noch länger in der Nationalmannschaft. Langfristig möchte ich aber als Anwältin arbeiten. Deswegen werde ich noch das Referendariat machen. Bis dahin bleibe ich weiterhin als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig.
Danke für das Interview!
Amelie Richter ist 24, hat an der Ludwig-Maximilians-Universität München studiert und hat im August 2026 erfolgreich ihr erstes Staatsexamen abgelegt. Zwei Wochen vor ihrer mündlichen Prüfung hat sie mit der Damennationalmannschaft im Box-Lacrosse EM-Silber geholt. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Bird & Bird in München.
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