Foto: privat.
"Zu den Studi-Partys gehe ich nicht mehr, höchstens aufs Fachschaft-Sommerfest"
LTO: Herr Kreft, Sie studieren Jura an der Universität Köln. Was Sie von Ihren Kommilitonen unterscheidet, ist Ihr Alter. Wie kommt es, dass Sie mit 67 wieder Student sind?
Andreas Kreft: Ich habe viele Jahre als Diplom-Betriebswirt im Sales gearbeitet und mich – wie die meisten – vor dem Renteneintritt gefragt, was ich mit meinem neuen Lebensabschnitt machen möchte. Ich bin Golfer, habe ein Haus mit Garten, und das füllt meine Freizeit gut, aber das reicht mir nicht. Ich möchte noch etwas erreichen und aktiv bleiben. Ich habe auch mit Kollegen und Freunden gesprochen. In einem Bericht über eine Studie habe ich gelesen, dass man entweder ein Studium absolvieren oder ein Instrument oder eine Fremdsprache lernen sollte, um geistig fit zu bleiben. Deshalb probiere ich es nochmal mit dem Jurastudium.
Nochmal?
Ich habe in den 1980er Jahren schon einmal angefangen, Jura zu studieren. Ich habe eine Ausbildung zum Industriekaufmann abgeschlossen und dann meinen Diplom-Betriebswirt an der Fachhochschule Köln gemacht. In der Zeitung habe ich gelesen, dass viele Juristen nach dem Studium schlecht vermittelt werden konnten, da es ihnen häufig an Wissen über Betriebswirtschaft mangelte. Die Arbeitsagentur hat sie dann erst einmal auf BWL-Lehrgänge geschickt. Da mich Jura schon immer interessiert hat, wollte ich meine wirtschaftlichen Kenntnisse zu meinem Vorteil nutzen und habe mich an der Uni Köln für Jura eingeschrieben.
Wieso haben Sie das Studium damals abgebrochen?
Um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren, habe ich parallel zum Studium in einem Computerunternehmen in Köln gearbeitet. Nach dem Mauerfall zog ein Kollege nach Leipzig und baute dort eine Niederlassung des Unternehmens auf. Er fragte mich, ob ich ihn dabei unterstützen möchte. Ich war zunächst skeptisch, habe es mir dann aber angeschaut und war von der Aufbruchsstimmung beeindruckt. Ich habe gemerkt, dass ich für die Arbeit dortbleiben musste, und deshalb mein Studium abgebrochen. Meine Basis war am Wochenende immer NRW. Ich habe eine Wochenendbeziehung geführt und es war klar, dass der berufliche Aufenthalt in Leipzig zeitlich begrenzt war. Jetzt, mit dem Renteneintritt, möchte ich es aber unbedingt nochmal versuchen.
"Die meisten Scheine aus den 1980er Jahren wurden mir angerechnet"
Wie sind Sie dazu vorgegangen?
Noch während meiner Arbeitszeit habe ich mich an der Uni Köln beworben und mich erkundigt, ob meine Scheine von damals angerechnet werden können. Seit den 1980er Jahren wurde die Studienordnung fünfmal geändert – das zu überprüfen, hat natürlich gedauert. Ich hatte Glück und die meisten Scheine wurden mir angerechnet. Jetzt fehlt mir nur noch einer und dann kann ich mein Staatsexamen machen.
Wie sieht Ihre Vorbereitung darauf aus?
Ich besuche ein Online-Repetitorium und bin dadurch sehr flexibel. Das kommt mir sehr gelegen, denn ich absolviere derzeit mein sechswöchiges Verwaltungspraktikum bei der Stadt Wiehl. Hier habe ich gelernt, wie eine Stadt bzw. eine Behörde funktioniert. Von Ordnungswidrigkeiten bis zu Asylfragen, hier gab es wirklich abwechslungsreiche Rechtsgebiete zu erkunden. Bald beginne ich mit dem Klausurenkurs und kann dann hoffentlich im Herbst 2026 das Staatsexamen antreten.
Inwiefern hat sich das Unileben seit den 80ern verändert?
Das Aufzeichnen der Vorlesungen war damals natürlich nicht möglich. Heute werden viele Vorlesungen live gestreamt. Das macht das Studium viel flexibler. Ich habe auch das Gefühl, dass die Professoren mehr auf die Studierenden eingehen als vorher. Diesen Austausch mag ich sehr, sowohl zwischen Studierenden und Lehrenden als auch zwischen den Kommilitonen.
"Ich bin gerne Student – nicht nur wegen des Thai-Currys in der Mensa"
Wie oft sind Sie in der Uni?
Im Moment wegen des Verwaltungspraktikums gar nicht, aber im letzten Semester war ich häufiger da. Das Unileben ist für mich erfrischend. Als "Senior" bin ich mit vielen jüngeren Menschen zusammen und das hält mich fit. Es macht einen Unterschied, ob ich an einer Online-Vorlesung von daheim am Notebook teilnehme oder im Hörsaal sitze. Natürlich gibt es auch gute Gründe, nicht zur Uni zu fahren, zum Beispiel das Verkehrschaos rund um Köln. Aber ich brauche dieses Unileben vor Ort. Und das Essen in der Mensa im E-Raum an der Uni schmeckt wirklich gut. Dienstags gab es dort immer mein Lieblingsgericht, Thai-Curry mit Hähnchen. Deshalb war ich dann immer in der Uni. Ich bin gerne Student – nicht nur wegen des Thai-Currys. Nur zu den Studi-Partys gehe ich nicht mehr, höchstens aufs Fachschaft-Sommerfest.
Wie nehmen Ihre Kommilitonen Sie wahr?
Der Kontakt ist sporadisch und beschränkt sich auf die Vorlesungen, Kontakte während des Mittagessens in der Mensa oder beim Sommerfest. Ich habe festgestellt, dass die jungen Leute sehr unkompliziert sind. Ich hatte jedenfalls keine Probleme, Anschluss zu finden, da sie mir immer offen begegnet sind. Ich spüre mir gegenüber auch einen respektvollen Umgang – wahrscheinlich durch mein Alter. Als "Senior" werde ich überwiegend mit "Sie" angesprochen. Höflich mache ich dann darauf aufmerksam, dass wir alle hier Studenten sind, und biete dann ein "Du" an. Das nehmen die Kommilitonen gerne an.
"Junge Menschen haben das Recht, sich auszuprobieren"
Viele Jurastudierende beklagen sich zu Recht über den Druck des Jurastudiums. Inwiefern empfinden Sie den Druck?
Auch ich habe Druck, das Studium erfolgreich zu beenden, auf jeden Fall Zeitdruck. Das ist aber nicht vergleichbar mit dem Druck meiner jüngeren Kommilitonen. Ich bin meinen Weg schon gegangen und habe Lebenserfahrung, auf die ich mich verlassen kann. Ich versuche mich beim Lernen immer so zu konzentrieren, dass ich alles andere ausblende.
Zudem habe ich gemerkt, dass das Lernen am Fall sehr wichtig ist. Man benötigt auch Wissen, aber wichtiger scheinen mir die Fälle zu sein, denn das ist die einzige "Praxis", die wir bekommen. Und es braucht Disziplin, die muss man lernen. Es ist überwiegend Kopfsache und man darf sich nicht verrückt machen lassen.
Das ist leichter gesagt als getan. Finden Sie nicht?
Das stimmt. Auch ich habe mich damals, bei meinem BWL-Studium, von anderen mitreißen lassen. Ich habe mich zu drei Prüfungen im selben Semester angemeldet, zu denen ich noch gar nicht bereit war. Ich bin durch alle durchgefallen. Das musste ich damals auch verarbeiten. Ich bin dann joggen gegangen, um einen klaren Kopf zu bekommen, und habe danach versucht, meine Fehler zu analysieren. Aus meiner Sicht gibt es nicht den goldenen Weg. Jeder muss selbst herausfinden, was zu ihm passt. Und besonders junge Menschen haben das Recht, sich auszuprobieren.
Wie meinen Sie das?
Jeder Mensch muss seinen Weg finden. Dazu gehört es auch, Erfahrungen zu sammeln und aus ihnen zu lernen. Seine Fehler zu analysieren, und nicht aufzugeben. Auch jetzt kommt es vor, dass ich demotiviert bin. Dann gehe ich zum Beispiel Golfen. Das Grün der Golfplätze beruhigt mich unglaublich. Danach fange ich nochmal an.
"Ich kann nicht lange auf einen Referendariatsplatz warten"
Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Nach dem ersten Examen möchte ich das Referendariat machen und das 2. Staatsexamen absolvieren. In NRW wartet man im Schnitt zwölf Monate auf einen Referendariatsplatz. Da ich nicht mehr der Jüngste bin, kann ich nicht wirklich warten. Eventuell muss ich also das Bundesland wechseln, um dort Volljurist zu werden.
Nach dem Examen würde ich gerne auftragsmäßig Mandate bearbeiten, bevorzugt im Bereich IT-Recht oder Datenschutzrecht. Auch das Arbeitsrecht klingt für mich nach einem spannenden Rechtsgebiet. Eine 40-Stunden-Woche brauche und möchte ich nicht mehr, und um das Gehalt geht es mir auch nicht unbedingt. Wichtiger ist mir, eine Aufgabe zu haben und freiwillig etwas in die Gesellschaft zurückzugeben. Ich glaube, dass das für uns ältere Menschen generell wichtig ist.
Was würden Sie denjenigen raten, denen die 40-Stunden-Arbeitsphase noch bevorsteht?
Alles im Leben ist von Erfolg gekrönt, wenn ich es mit Leidenschaft mache. Das sollte auch bei einer 40-Stunden-Woche möglich sein. Wichtig ist natürlich, für einen "Ausgleich" zu sorgen, wie z. B. mit Familie, Freunden oder Sport. So habe ich es immer versucht und Erfolg damit gehabt.
Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg weiterhin!
Andreas Kreft ist 67 Jahre alt und ist wieder Student der Rechtswissenschaft an der Uni Köln. Sein Ziel ist es, im Herbst 2026 das Erste Juristische Staatsexamen zu absolvieren. Vor seinem Renteneintritt hat er bei MicroStrategy als Verkaufsdirektor gearbeitet.
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