Mann in Anzug steht in einem modernen Büroflur mit weißen Wänden und Glasraumtrennungen.
Polizist wird Anwalt

"Ich bereue meine Umwege nicht"

Interview von Dr. Franziska Kring13. August 2026, Lesedauer: 6 Minuten

Ex-Polizist Julian Hüneburg hat berufsbegleitend Jura studiert, nun wird er Anwalt. Im Interview erzählt er, wie ein gebrochener Finger seine Karriere verändert hat und wo er nach dem Referendariat hinwill.

LTO: Herr Dr. Hüneburg, Sie waren lange Polizist, haben sich dann aber entschieden, noch Jura zu studieren. Weshalb?

Dr. Julian Hüneburg: Als ich damals beschlossen habe, nach dem Abitur erstmal das Studium für den gehobenen Polizeidienst zu machen, war ich 16 oder 17 Jahre alt. Im Nachhinein betrachtet war ich damals einfach noch nicht reif genug, um eine reflektierte Entscheidung zu treffen. Die Arbeit als Polizist fand ich sehr spannend, und es ist ein sicherer Job. Im Polizeistudium habe ich aber schnell gemerkt, dass ich mich am meisten für die rechtlichen Themen begeistern konnte – mit dieser Leidenschaft war ich, jedenfalls in der Form, wahrscheinlich der Einzige.

2015 habe ich angefangen, im Einsatz- und Streifendienst in Hannover zu arbeiten, der Gedanke an Jura hat mich aber nie losgelassen. Ich wollte allerdings meine Arbeitszeit nicht reduzieren und per Fernstudium hätte ich damals noch kein Examen machen können. 2018 habe ich mir dann den Finger gebrochen, war länger krankgeschrieben – und habe nochmal recherchiert: Ich bin auf die Fernuniversität Hagen gestoßen, die einzige staatliche Uni, an der man das Jurastudium mit dem Ziel Erstes Staatsexamen als reines Fernstudium absolvieren kann. Daraufhin fiel meine Entscheidung schnell.

Anzeige

"Sport durfte nie zu kurz kommen"

Parallel zum Vollzeitjob bei der Polizei noch Jura studieren – sportlich.

Man muss sich natürlich gut organisieren können, sonst funktioniert es nicht. Bei der Polizei hatten wir unter der Woche drei Schichten, also früh, spät und nachts. Am Wochenende gab es zwei Schichten, von 6 Uhr bis 18 Uhr und von 18 Uhr bis 6 Uhr. Ich habe mir also für jede Woche einen Plan gemacht. Mal habe ich nachmittags nach dem Frühdienst gelernt, mal tagsüber vor dem Nachtdienst. Wenn ich zwei Wochenendschichten hatte, habe ich an den Tagen natürlich nichts mehr gemacht. 

Bei so einem Programm muss man zwangsläufig seine Freizeit einschränken, Sport durfte bei mir als Ausgleich aber nie zu kurz kommen. Früher habe ich Fußball gespielt, das hat dann zeitlich nicht mehr gepasst, aber ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio und habe eine kleine Leidenschaft für Darts. Jura ist zeitintensiv, so ehrlich muss man sein – aber ich glaube, jeder sucht sich in seiner Freizeit ohnehin noch andere Dinge, sei es ein Studium oder etwa die Gartenarbeit.

Julian Hüneburg bei seiner Beförderung zum Oberkommissar.

Wie war das Jurastudium für Sie?

Es war anstrengend, alles parallel unter einen Hut zu bringen, aber es hat auch Spaß gemacht. Durch das Fernstudium war ich sehr flexibel. Es gab Online-Vorlesungen, die auch aufgezeichnet wurden, und wir hatten Skripte. Ich konnte also lernen, wann ich wollte und wann es passte. Für mich war das perfekt.

"Viele haben Jura im Fernstudium angefangen und abgebrochen"

Viele halten den Druck im Jurastudium nur mit ihren Kommilitonen und Leidensgenossen aus. Hat Ihnen das manchmal gefehlt?

Natürlich ist es schade, dass ich nicht das typische Studentenleben hatte, nachmittags mit Kommilitonen auf dem Campus sitzen konnte, um zu quatschen und sich auszutauschen. Man kann sich auch im Fernstudium Kontakte suchen, aber alle wohnen überall in Deutschland verteilt. Ich kenne auch viele, die Jura im Fernstudium angefangen, dann aber abgebrochen haben. Und man wusste auch bis zum Ende nicht so richtig, ob man im Studium eigentlich gut ist oder nicht, weil der Vergleich fehlte. 

Wie war die Examensvorbereitung für Sie? Lief die auch noch parallel zum Schichtdienst?

Nein. Schon als ich im vierten Semester war, bin ich zum Landeskriminalamt Niedersachsen gewechselt und habe an einem Projekt zur Telekommunikationsüberwachung mitgearbeitet. Dort hatte ich dann "normale" Büro-Arbeitszeiten. Anfang 2024 habe ich die Examensklausuren geschrieben. Deshalb habe ich mich 2023 für ein Jahr freistellen lassen, um zu lernen. Ich hatte für diese Zeit schon vorher einiges gespart. Ich kenne aber auch viele, die in der Examensvorbereitung weitergearbeitet haben – das kann also auch gut funktionieren.

"Fürs Referendariat nach Düsseldorf gezogen – dann wurden Stellen gekürzt"

Nach dem ersten Examen haben Sie noch promoviert.

Ja. Eigentlich wollte ich zuerst das Referendariat machen und bin dafür extra nach Düsseldorf gezogen. Dort gibt es viele spannende Kanzleien und die Wartezeit auf das Referendariat sollte eigentlich nur drei bis vier Monate sein. Genau dann hat Nordrhein-Westfalen aber entschieden, Stellen für Referendare zu kürzen. Mein Einstellungstermin hat sich wöchentlich nach hinten verschoben und irgendwann war ich bei einer Wartezeit von eineinhalb Jahren. Deshalb habe ich nun vor dem zweiten Examen im Gesellschaftsrecht promoviert. Zum Glück habe ich schnell meinen Doktorvater Prof. Ulrich Wackerbarth gefunden, bei dem ich an der Fernuni schon meinen Schwerpunkt gemacht hatte. Vor ein paar Wochen habe ich meine Doktorarbeit verteidigt.

Seit zwei Jahren arbeiten Sie als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Linklaters in der Praxisgruppe für Kartellrecht und Investitionskontrolle. Zuerst parallel zur Promotion, jetzt parallel zum Referendariat. Klingt, als hätten Sie schon Pläne für die Zeit als Volljurist.

Wahrscheinlich schon. Ich habe im Leben gelernt, dass man niemals etwas ganz ausschließen soll, aber die Arbeit in der Großkanzlei interessiert mich sehr. Auch meine Anwaltsstation ab November mache ich im gleichen Team. Ich habe gerade meinen letzten Sitzungsdienst bei der Staatsanwaltschaft gehabt, da hat man dann viele kleine Fälle. Das war auch spannend, aber ich habe einfach gemerkt, dass es mir mehr Spaß macht, an größeren Projekten zu arbeiten und detailliert in bestimmte Themen einzutauchen.

"Wenn ich Strafanzeigen in den Akten sehe, ist das schon nostalgisch"

Als Polizist haben Sie schon oft als Zeuge vor Gericht ausgesagt, jetzt saßen Sie als Referendar im Gerichtssaal. Wie war dieser Perspektivwechsel?

Wenn man das erste Mal einen Gerichtssaal betritt, kann das Setting schon einschüchternd sein, die Räume, die Tische, manchmal gibt es ja auch Mikrofone. Ich musste als Polizist oft vor verschiedenen Amts- und Landgerichten aussagen und sollte die Situation eigentlich kennen. Ich habe mich dann aber erwischt, wie ich doch aufgeregt war, als ich das erste Mal dort als Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft saß. Und als ich die Akten bearbeitet und die Strafanzeigen gesehen habe, war es schon nostalgisch, weil ich genau so etwas ja früher erstellt habe.

Sie haben den Streifendienst gegen einen Bürojob getauscht. Ein guter Deal für Sie?

Ja. Viele kommen aus Bürotätigkeiten zur Polizei, weil sie weniger am Schreibtisch sitzen wollen, mehr Bewegung und mehr Action haben wollen. Bei mir war das Gegenteil der Fall. Ich habe viel erlebt und viele Einblicke in Dinge erhalten, die ich sonst nicht bekommen hätte. Aber gerade, wenn es regnet oder wenn es – wie jetzt – sehr heiß ist, gucke ich aus dem Fenster und freue mich, dass ich im gemütlichen Büro sitze und bei der Arbeit meinen Kaffee trinken kann. Natürlich hat man Bewegungsmangel, aber das lässt sich ausgleichen. 

"Wenn man es nicht versucht, ärgert man sich für den Rest seines Lebens"

Was würden Sie anderen Menschen raten, die sich beruflich umorientieren wollen?

Auf jeden Fall machen! Bei mir hat es ja auch mehrere Jahre gedauert, bis ich mich dann dazu entschieden habe, noch Jura zu studieren. Wenn man es nicht wenigstens versucht, wird man sich wahrscheinlich für den Rest seines Lebens ärgern. Wenn man es versucht und es nicht klappt, ist es ja keine verlorene Zeit, sondern man hat mindestens neue Erfahrungen gemacht. 

Wichtig ist aber: Man sollte ein einigermaßen klares Ziel vor Augen haben. Im Fernstudium musste man damals auch noch den Bachelor of Laws machen, und ich habe zwischendurch oft überlegt, es dabei zu belassen und das erste Examen nicht mehr zu machen. Aber ich wusste, wo ich hinwollte.

Würden Sie rückblickend an Ihrer Karriere etwas anders machen?

Wahrscheinlich nicht. Vielleicht würde ich nach dem Abitur etwas mehr darüber nachdenken, was ich studieren möchte. Aber meine "Umwege" haben mir auch viel fürs Leben mitgegeben und ich bereue sie nicht. Ich weiß nicht, ob ich all die Hürden gemeistert hätte, wenn ich meine Erfahrungen nicht gemacht hätte.
 

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg weiterhin!

Dr. Julian Hüneburg arbeitete insgesamt neun Jahre bei der Polizei, zunächst im Einsatz- und Streifendienst und dann beim Landeskriminalamt. Parallel dazu studierte er an der Fernuniversität Hagen Jura und machte im Juni 2024 sein erstes Examen. Im Anschluss promovierte er. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Linklaters in Düsseldorf in der Praxisgruppe für Kartellrecht und Investitionskontrolle und absolviert seit Dezember 2025 sein Referendariat.

Auf Jobsuche? Besuche jetzt den Stellenmarkt von LTO Karriere.

Thema:

Karriere

Verwandte Themen:
  • Karriere
  • Instagram-Karriere-News
  • Berufswege
  • Jurastudium

Teilen

Aktuelle Jobs

Ähnliche Artikel

Polizist wird Anwalt: 'Bereue meine Umwege nicht'