ClickCeaseEine Volljuristin in der Berufsschule: "Ich unterrichte eigentlich alles außer Rechnungswesen"
Eine Volljuristin in der Berufsschule

"Ich unterrichte eigentlich alles außer Rechnungswesen"

Interview mit Maike FroebeLesedauer: 4 Minuten
Manch ein Jurist merkt im Laufe seiner Ausbildung, dass er in der klassischen Juristerei sein Glück nicht finden wird. Doch ist es dann zu spät für's Umsatteln? Nicht unbedingt. Maike Froebe ist Volljuristin, hat sich letztlich aber für eine Laufbahn als Berufsschullehrerin entschieden. Im Interview mit LTO schildert sie, dass ein Lehramt viel Spaß machen kann.

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LTO: Frau Froebe, eigentlich haben Sie doch mal Jura studiert... Froebe: Ich habe sogar sehr gerne und mit viel Freude Jura studiert. Es wäre für mich denkbar gewesen, als Juristin zu arbeiten. Ich habe mich aber immer auch schon für menschliche Zusammenhänge interessiert. Beispielsweise habe ich während meines Studiums Tutorien geleitet und war in der Studienberatung tätig. LTO: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Berufsschullehrerin zu werden? Froebe: Ich hatte gleich zwei Freundinnen, die Berufsschullehrerinnen werden wollten. Zu dem Zeitpunkt hatte ich aber bereits Jura studiert, und ein erneutes Studium kam für mich nicht infrage. Meine Freundin fragte mich dann, ob ich noch nie von der Möglichkeit des Seiteneinstiegs gehört hätte. Daraufhin habe ich mich schlau gemacht und bin diesen Weg gegangen. LTO: Was bedeutet Seiteneinstieg? Froebe: Das bedeutet, dass man ursprünglich nicht auf Lehramt studiert hat, sondern an sein Fachstudium ein pädagogisches Referendariat anschließt.

"Habe einen guten Einstieg gefunden"

LTO: War es schwierig, in dieses neue Berufsbild hineinzufinden? Froebe: Nein. Ich hatte aber auch Glück. Das pädagogische Referendariat wurde begleitet am Landesinstitut für Schule. Dort gibt es so genannte Fachleiter, bei denen man Seminare besucht und die einen betreuen. Und die haben mich sehr gut angeleitet. Außerdem hatte ich ein nettes Kollegium und tolle Mitreferendare. So habe ich einen guten Einstieg gefunden. LTO: Wo unterrichten Sie jetzt? Froebe: Ich unterrichte im Schulzentrum Grenzstraße hier in Bremen. Meine Schülerinnen und Schüler sind vor allem künftige Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte, so genannte ReNos.  LTO: Und was unterrichten Sie genau? Froebe: Eigentlich alles außer Rechnungswesen. Ich unterrichte die fachkundlichen Fächer wie Advokatur- und Notariatskunde. Diese Fächer beschäftigen sich mit verfahrensrechtlichen Fragen wie z.B. dem Inhalt einer Klageschrift. Aber ich unterrichte auch BWL, Recht, Politik, Deutsch und inzwischen sogar fachbezogene Informationsbearbeitung. LTO: Das ist ja sehr breit gefächert. Froebe: Das ist es. Diese Breite hängt aber auch damit zusammen, dass wir als eine von wenigen Berufsschulgängen noch tatsächlich alles streng nach Fächern aufgeteilt haben. Die meisten Berufsschulgänge werden heutzutage in so genannten Lernfeldern unterrichtet. Das heißt man lernt ein Thema von verschiedenen Seiten aus zu betrachten.

"Laut Ernennungsurkunde bin ich Lehrerin für Wirtschaft und Politik"

LTO: Muss man für den Lehramtsberuf nicht eigentlich zwei Fächer studiert haben? Wie passt das zum Jurastudium? Froebe: Für meine juristische Ausbildung wurden mir die zwei Fächer Wirtschaft und Politik anerkannt, weil es das Studienfach Rechtskunde für Berufsschullehrer nicht gibt. Laut Ernennungsurkunde bin ich Lehrerin für Wirtschaft und Politik. LTO: Das klingt merkwürdig. Froebe: Das stimmt. Allerdings ist es so, dass bei der Ausbildung von ReNos sehr viele rechtliche Fragestellungen unter diese Begriffe subsumiert werden.  Für den Bereich Politik steht im Lehrplan zum Beispiel das Thema "Der Mensch in seinem beruflichen Umfeld". Im Unterricht werden dann viele arbeits- oder berufsrechtliche Fragen behandelt. Und im Themenbereich BWL geht es dann zum Beispiel um verschiedene Unternehmensformen, um Handelsrecht und um Kaufleute. Es ist also viel materielles Recht dabei. LTO: Was gefällt Ihnen besonders an Ihrem Beruf? Froebe: Vor allem die Nähe zur Praxis, da die Schülerinnen und Schüler Praxisbeispiele aus ihren Ausbildungsbetrieben in den Unterricht einbringen. Außerdem ist der Beruf eine schöne Verknüpfung zwischen fachlichen Inhalten und der Arbeit mit den Menschen. Und man ist kein Einzelkämpfer, sondern arbeitet in einem Kollegium.

"Hier sind die Schülerinnen und Schüler sehr motiviert"

LTO: Aber ist es mit den Schülerinnen und Schülern nicht manchmal auch schwierig? Froebe: Naja, es gibt da schon einen gravierenden Unterschied zu allgemeinbildenden Schulen. Hier sind die Schülerinnen und Schüler sehr motiviert. Denn sie sind ja von sich aus an der Materie interessiert. Und sie wissen, dass das, was vermittelt wird, für sie sehr wichtig ist. Das brauchen sie für die Prüfung, für ihre tägliche Arbeit und das können sie letztlich auch für ihr Privatleben verwenden. LTO: Gibt es auch etwas, das Sie stört? Froebe: Ja, das bezieht sich aber nicht so sehr auf meinen Beruf, sondern auf die Schülerinnen und Schüler, die ich unterrichte. Von ihnen gibt es leider immer weniger, weil die Zahl der Ausbildungsverhältnisse in diesem Bereich rückläufig ist. Ich finde es außerdem sehr bedauerlich, dass es so ein schlechtes Sozialprestige für die ReNo-Azubis gibt. Sie lernen einen sehr anspruchsvollen Beruf und sind oft selbst von den hohen Anforderungen überrascht. Trotzdem werden sie eher belächelt. Und auch das Gehalt während der Ausbildung reicht kaum zum selbstständigen Leben. LTO: Würden Sie sich rückblickend wieder so entscheiden, wie Sie sich entschieden haben? Froebe: Auf jeden Fall. Für mich ist alles gut gelaufen. Ich bin in einem sehr schönen Beruf tätig, der mir viel Spaß bereitet. LTO: Herzlichen Dank für das Gespräch! Es lässt sich nur schwer einschätzen, wie hoch die Chance ist, seine heimliche Neigung zum Lehramt ohne erneutes Studium zum Beruf machen zu können. Als gesichert kann jedoch gelten, dass Seiten- und Quereinstiege grundsätzlich nur bei entsprechendem Bedarf im jeweiligen Bundesland möglich sind. Anlaufstelle für Informationen sind die Kultusministerien der Länder sowie die Lehrerfortbildungsinstitute. Ferner findet sich auf dem Deutschen Bildungsserver eine weiterführende Linkliste. Das Gespräch führte Jens Kahrmann.

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