Alicia Pointner
Ex-Großkanzleianwältin gründet Kanzlei für Frauen

"Es geht mir nicht darum, Männer pau­schal abzu­werten"

Interview von Pauline Dietrich, LL.M.3. Juli 2026, Lesedauer: 8 Minuten

Frauen benötigen andere Rechtsberatung als Männer. Diesen Ansatz verfolgt Alicia Pointner. Wie ihre eigene Erfahrung als Großkanzleianwältin sie geprägt hat und warum Männer sich von ihr angegriffen fühlen, erzählt sie im Interview.

LTO: Alicia Pointner, Sie nennen sich selbst "Rechtsanwältin für Frauen". Ihre Kanzleiwebsite ist in Rosa-Rot gehalten. Müsste man aus Feminismusgründen nicht blau-grün nehmen?

Alicia Pointner: Ich habe mir viele Gedanken über mein Branding gemacht – und letztlich hatte ich die Auswahl zwischen einem rosa-roten Design und einem petrol-weißen. Beide waren schön, aber am Ende stand für mich die Frage: Warum sollte ich mich ausgerechnet von einer Farbe distanzieren, nur weil sie stereotyp als "weiblich" gelesen wird?

Für mich ist Rosa nicht schwach, verspielt oder weniger seriös. Im Gegenteil: Meine Kanzlei richtet sich an Frauen und weiblich gelesene Personen. Ich selbst bin Frau, ich berate Frauen, ich vertrete ihre Interessen und ich sehe keinen Grund, das visuell zu verstecken.

Ich wollte keine Kanzlei schaffen, die versucht, möglichst neutral, hart oder klassisch männlich aufzutreten, um ernst genommen zu werden. Ich wollte eine Kanzlei, die sichtbar macht: Feministische Rechtsberatung darf klar, fachlich stark und zugleich ästhetisch weiblich sein.

Warum muss man denn in der Rechtsberatung mit Frauen anders umgehen?

Ich würde sehr gerne antworten: Muss man gar nicht, alle sind gleich. Aber Frauen haben einen ganz anderen Beratungsbedarf. Ich habe festgestellt, dass Männern in der Rechtsberatung insbesondere die Fakten und Erfolgschancen wichtig sind. Frauen dagegen interessieren sich mehr für die Hintergründe, sie wollen Verständnis für den Rechtsrahmen entwickeln. Sie wollen vor allem auch verstehen, mit welchem Lösungsansatz ich an ein Rechtsproblem gehe und welche Optionen sie wirklich haben.

Auch ist ihnen die Beziehungen zur Anwältin oder zum Anwalt wesentlich wichtiger. Meine Arbeitsweise ist deshalb sehr erklärend und emotional stärkend. Ich möchte, dass eine Mandantin nach einem Gespräch nicht nur weiß, was rechtlich möglich ist, sondern auch versteht, warum ein bestimmter Weg sinnvoll ist. Dieses Verstehen gibt Sicherheit. Und Sicherheit ist in vielen dieser Situationen mindestens genauso wichtig wie die reine juristische Information.

Viele Kanzleien haben für dieses Bedürfnis keine Zeit. Lange Erstgespräche, ausführliche Einordnung, emotionale Sortierung, das gilt schnell als unwirtschaftlich. Ich sehe darin aber keinen Zusatz, sondern einen wesentlichen Teil guter anwaltlicher Arbeit. Wenn eine Mandantin danach klarer, selbstbestimmter und handlungsfähiger ist, dann ist genau das der Mehrwert meiner Beratung. Das führt zwar manchmal dazu, dass Erstberatungsgespräche zwei Stunden dauern, dafür kann ich aber jetzt viel besser schlafen und habe ein besseres Gewissen, weil ich weiß, dass sich die Mandantinnen gesehen fühlen.

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"Es gab durchaus Naserümpfen"

Nicht nur Ihre Beratungsweise, auch Ihre Inhalte sind auf Frauen ausgerichtet. In welchen Rechtsgebieten beraten Sie?

Ich berate vorrangig im Familien- und Arbeitsrecht sowie an der Schnittstelle zum Wirtschafts- und Gesellschaftsrecht. Das sind die Rechtsgebiete, in denen Frauen in ihrem Leben regelmäßig an rechtlichen und biografischen Wendepunkten stehen. Wenn eine Frau heiratet, Kinder bekommt, sich trennt, in Elternzeit geht, beruflich zurücksteckt, wieder einsteigen will oder gründet, entstehen oft rechtliche Fragen, die eng mit gesellschaftlichen Rollenbildern verknüpft sind. Recht behandelt diese Lebenssituationen nicht neutral. Es trifft auf Realitäten: Wer übernimmt Care-Arbeit? Wer reduziert Arbeitszeit? Wer baut Vermögen auf? Wer trägt finanzielle Risiken? 

Deshalb berate ich etwa zu Scheidung, Unterhalt, Sorge- und Umgangsrecht, Eheverträgen, Elternzeit, Teilzeit, Diskriminierung im Arbeitsverhältnis, Kündigungen und Fragen rund um Selbstständigkeit und Gründung. Hinzu kommen Fälle im Gewaltschutz, Opferschutz und im Kontext sexualisierter Gewalt.

Die Kanzlei ist noch jung. Wie läuft es denn?

Sehr gut und ehrlicherweise besser, als ich es mir in dieser Geschwindigkeit vorgestellt hätte.

Ich habe im Mai 2025 mit der konkreten Gründung begonnen, also mit Konzept, Website, Positionierung und Struktur. Im November 2025 habe ich die ersten Mandate angenommen. Seitdem bestätigt sich jeden Tag, dass es für diese Art von Rechtsberatung einen echten Bedarf gibt.

In der Gründungsphase habe ich durchaus Skepsis erlebt, gerade von Männern aus juristischen Kreisen. Viele haben mir davon abgeraten, mich so klar auf Frauen und weiblich gelesene Mandantinnen auszurichten. Es gab durchaus Naserümpfen und den Hinweis, das sei vielleicht zu speziell, zu politisch oder wirtschaftlich riskant.

Heute bekomme ich aber die Bestätigung: Genau diese Klarheit ist meine Stärke.

"Mein Ansatz richtet sich nicht gegen Männer"

Haben Sie nach der Gründung auch noch Negatives zu hören bekommen?

Natürlich polarisiert eine klare feministische Positionierung. Manche Männer fühlen sich schnell persönlich angegriffen, wenn ich über strukturelle Benachteiligung von Frauen spreche. Dabei geht es mir nicht darum, Männer pauschal abzuwerten oder auszuschließen. Mein Ansatz richtet sich nicht gegen Männer, sondern für Frauen. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Frauen sind strukturell benachteiligt – nicht nur, weil wir teure Hygieneprodukte kaufen und beim Frisör mehr zahlen müssen. Sondern weil sie insbesondere im Hinblick auf Care-Arbeit, wesentlich häufiger in Teilzeit arbeiten und dadurch mit den Konsequenzen eines geringeren Einkommens und niedrigeren Vermögensaufbaus konfrontiert sind, was wiederum finanzielle Abhängigkeiten und eine oft schlechtere Verhandlungsposition in Trennungssituationen oder Arbeitskonflikten schafft. Diese Realität zu benennen, ist kein Angriff. Es ist die Voraussetzung dafür, rechtlich gute Lösungen zu entwickeln.

Gute Rechtsberatung muss auch Machtverhältnisse sehen. Sie darf nicht so tun, als kämen alle Menschen mit denselben Ressourcen, demselben Vorwissen und derselben wirtschaftlichen Ausgangslage in eine Beratung. Genau deshalb ist es mir wichtig, Frauen in ihrer rechtlichen, finanziellen und persönlichen Unabhängigkeit zu stärken.

Welche Fälle landen häufig bei Ihnen?

Sehr häufig kommen Frauen zu mir, wenn eine Trennung oder Scheidung im Raum steht. In diesen Gesprächen geht es oft um viel mehr als um die juristische Abwicklung. Viele Mandantinnen haben massive Existenzängste: Kann ich die Wohnung halten? Wovon lebe ich? Was passiert mit den Kindern? Welche Ansprüche habe ich? Was darf ich entscheiden? Wie komme ich aus einer Abhängigkeit heraus?

Ein weiterer großer Bereich sind Eheverträge. Ich berate zunehmend jüngere Frauen, die vor der Eheschließung wissen wollen, wie sie sich fair und partnerschaftlich absichern können. Das Mindset ändert sich da gerade. Und ich sage immer: Ein Ehevertrag ist kein Zeichen von Misstrauen, sondern ein Ausdruck von Selbstfürsorge und Verantwortung. Gerade wenn Kinder geplant sind, Care-Arbeit übernommen wird oder eine Partnerin beruflich zurücksteckt, sollte man vorher darüber sprechen, wie Nachteile ausgeglichen werden. Hat man den nicht, kann man im Fall der Fälle eigentlich nur noch Schadensbegrenzung betreiben.

Außerdem berate ich viele Frauen rund um Elternzeit, Teilzeit und Rückkehr in den Beruf. Es ist erstaunlich, wie häufig Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber Rechte in der Elternzeit falsch einschätzen oder Frauen den Wiedereinstieg erschweren. Gerade hier ist es wichtig, früh rechtlich klar aufzutreten. Gleiches gilt natürlich für Gründerinnen.

"Wollte zeigen, dass Elternschaft und Karriere miteinander vereinbar sind"

Vor der Gründung sind Sie als angestellte Rechtsanwältin in zwei Großkanzleien und einer renommierten mittelständigen Kanzlei tätig gewesen. Inwiefern hat Sie, als Frau und Mutter, das Arbeitsumfeld dort dazu verleitet, sich selbstständig zu machen und Frauen zu beraten? 

Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Ich wollte mir damals selbst beweisen, dass ich als Frau und alleinerziehende Mutter auch in einer Großkanzlei erfolgreich sein kann. Ich wollte zeigen, dass Elternschaft, Verantwortung und Karriere miteinander vereinbar sind. Ich wollte auch nach außen tragen, dass die äußeren Umstände keine Auswirkungen auf meine Karriere haben. Ich wollte ein Vorbild für andere sein.

Rückblickend muss ich sagen: Ich habe sehr lange versucht, in ein System zu passen, das für meine Lebensrealität nicht gemacht war. In meinen Teams war ich häufig die Einzige mit echten Betreuungsverpflichtungen. Wenn ich zu einer bestimmten Uhrzeit gehen musste, weil mein Kind sonst allein gewesen wäre, wurde das nicht als normale Realität einer Mutter verstanden, sondern als Problem.

Selbst Absprachen, die vorher getroffen worden waren, etwa zu Homeoffice oder Flexibilität, hatten im Alltag oft wenig Gewicht. Ich wurde schnell als kompliziert wahrgenommen, obwohl ich schlicht versucht habe, Beruf und Verantwortung zu vereinbaren. Das hat dazu geführt, dass ich mich nicht wirklich wohlgefühlt habe.

Irgendwann war für mich klar: Ich möchte nicht weiter in Strukturen arbeiten, in denen ich mich permanent rechtfertigen muss. Ich wollte meine eigene Chefin sein und eine Kanzlei aufbauen, die nicht nur fachlich anders arbeitet, sondern auch strukturell anders denkt. 

In welchen Bereichen fehlt es Frauen noch an Beratungsmöglichkeiten? 

Es braucht mehr Beratung zu Vermögensbildung, Finanzen und Altersvorsorge für Frauen. Viele Frauen beschäftigen sich sehr spät mit diesen Themen – oft eben erst bei Trennung, Scheidung oder wenn sie merken, dass Teilzeit, Elternzeit und Care-Arbeit langfristige Folgen hatten. Dann ist der Gestaltungsspielraum häufig aber deutlich kleiner.

Ich glaube, wir brauchen viel mehr präventive Beratung. Frauen sollten früh verstehen, welche rechtlichen und finanziellen Folgen bestimmte Lebensentscheidungen haben können. Nicht, um Beziehungen misstrauisch zu betrachten, sondern um sie fairer zu gestalten.

In welchen Bereichen sollte dringend der Gesetzgeber noch mehr für Frauen tun?

Der Gesetzgeber müsste aus meiner Sicht viel stärker anerkennen, dass Familien heute vielfältiger leben, als es das Recht teilweise abbildet.

Das Recht ist in vielen Bereichen noch stark auf klassische Modelle ausgerichtet: Ehe, Trennung, zwei Elternteile, klare Rollen. Die Realität ist aber komplexer. Es gibt Patchworkfamilien, soziale Elternschaft, Wechselmodelle, Alleinerziehende, Regenbogenfamilien und vielfältige Formen von Verantwortungsgemeinschaften.

Gerade im Familienrecht fehlen noch klare, moderne Regelungen für diese Lebensrealitäten. Patchworkfamilien kommen im Bürgerlichen Gesetzbuch nicht vor. Auch das Wechselmodell ist rechtlich nicht geregelt, obwohl es in der Praxis eine große Rolle spielt.

Hinzu kommt: Care-Arbeit muss rechtlich und finanziell stärker berücksichtigt werden. Solange überwiegend Frauen beruflich zurückstecken, Kinder betreuen, Angehörige pflegen und dadurch langfristige Nachteile bei Einkommen, Karriere und Altersvorsorge haben, braucht es bessere gesetzliche Ausgleichsmechanismen.

Haben Sie noch weitere berufliche Pläne für die Zukunft oder sind Sie "angekommen"?

Ein großer Vorteil meiner Selbstständigkeit ist, dass ich meine Arbeit heute viel stärker mit meinen Werten verbinden kann. Neben der Kanzlei habe ich mir einen weiteren Traum erfüllt und ein Yogastudio gegründet. Perspektivisch möchte ich mein Angebot weiter ausbauen durch Workshops, Vorträge, vielleicht ein Frauennetzwerk und langfristig möchte ich gerne ein Buch schreiben. Ich möchte rechtliches Wissen zugänglicher machen und Frauen ermutigen, früher hinzuschauen, besser zu verhandeln und ihre Rechte selbstbewusster wahrzunehmen.

Mal schauen, was die Zukunft bringt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Alicia Pointner ist Rechtsanwältin und Gründerin der Kanzlei RECHT.WEIBLICH* mit dem Fokus auf der Beratung von weiblichen und weiblich gelesenen Mandantinnen. Daneben ist Pointner als Mediatorin und Unternehmerin tätig, zuletzt etwa gründete sie the HER space – ein Yogastudio und safe space für female Empowerment. 

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