Ein junger Mann in Anzug mit Blume, stolz vor dem Amtsgericht, symbolisiert den Aufstieg vom Flüchtling zum Juraabsolventen.
Vom Flüchtling zum Juraabsolventen

"Habe erlebt, was pas­siert, wenn Gesetze nicht schützen, son­dern miss­braucht werden"

Gastbeitrag von Tamara Wendrich26. Januar 2026, Lesedauer: 5 Minuten

Diaa Bek Shkeer floh 2015 aus Syrien, 2024 legt er das erste Staatsexamen in Deutschland ab. Heute unterstützt er durch seinen Verein andere geflüchtete Jurastudierende. Im Interview spricht er über seinen Weg und Rassismus im Jurastudium.

LTO: Herr Bek Shkeer, Sie stammen aus Syrien und haben letztes Jahr Ihr erstes Staatsexamen abgelegt. Wie und wann sind Sie nach Deutschland gekommen? 

 Diaa Bek Shkeer: Ich bin in Jordanien geboren und in Damaskus, Syrien, aufgewachsen. 2015 bin ich vor dem Krieg in meinem Heimatland und dem drohenden Wehrdienst allein nach Deutschland geflohen, über die Türkei mit dem Boot nach Griechenland und von dort aus zu Fuß über die Balkanroute. Die Flucht war schlimm. Nach meiner Ankunft in Deutschland kam ich nach Frankfurt am Main. Dort wurde ich vom Jugendamt betreut, weil ich noch minderjährig war.  

Was war die größte Herausforderung nach Ihrer Ankunft in Deutschland? 

Alles war neu: Das Land, die Sprache, die Menschen. Ich erinnere mich daran, dass mich viel überrascht hat. Menschen sind einfach auf den Straßen spaziert oder haben an Demonstrationen teilgenommen, während ich in Syrien vor Hubschraubern weggerannt bin, wenn ich draußen war.

In Deutschland habe ich Integrationskurse besucht. Da mein syrisches Abitur zuerst nicht anerkannt wurde, sollte ich den Hauptschulabschluss nachholen. Das musste ich dann aber doch nicht, mein Abitur wurde anerkannt. Mir wurde aber klar, dass ich die Sprache lernen muss, wenn ich mir ein Leben aufbauen will. Deswegen habe ich parallel am Academic Bridge Program der Goethe Universität teilgenommen und jede Chance genutzt, Deutsch zu sprechen.  

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"Ich will dazu beitragen, Kriegsverbrecher zur Rechenschaft zu ziehen"

Jura ist ein langes und schwieriges Studium. Wie kamen Sie zu der Entscheidung, Jura zu studieren? 

Ich hatte mich schon in Syrien kurz nach dem Abitur mit 17 für ein Jurastudium beworben, aber habe den Numerus Clausus nicht ganz geschafft. Deshalb hatte ich zunächst begonnen, Französisch zu studieren. Es war der Traum meines Vaters, dass ich irgendwann mal Jura studieren kann. Aber ich wollte es auch selbst. Ich bin aus Syrien mit dem Bewusstsein geflohen, dass Kriegsverbrechen – auch rechtlich – aufgearbeitet werden müssen. Ich wollte und will dazu beitragen, Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Das Studium ist für mich mehr als eine akademische Pflicht, ich möchte etwas Sinnvolles für die Gesellschaft tun. Deshalb habe ich mich dann in Frankfurt für das Jurastudium eingeschrieben.  

Haben Ihre Herkunft und Fluchterfahrung Ihr Verständnis von Recht und Gerechtigkeit beeinflusst? 

Ja, sehr. Recht bedeutet für mich Schutz, Freiheit und Würde. Ich habe erlebt, was passiert, wenn Gesetze nicht schützen, sondern missbraucht werden. Es ist kein Wunder, dass viele Geflüchtete sich für Jura interessieren und entscheiden, wenn sie die Möglichkeit dazu bekommen. 

Rassismus im Jurastudium: "Du bist also ein Flüchtling" 

Welchen Hürden sind Sie während Ihres Jurastudiums begegnet? 

Schon mein Start war chaotisch. Ich hatte wenige Informationen, wusste nicht, dass man vor dem Studium als Gasthörer Vorlesungen besuchen kann oder dass es eine Studienberatung gab. Dann kamen Hausarbeiten, der für mich völlig fremde Gutachtenstil, die juristische Methodik – all das war schwierig, auch wegen der Fremdsprache. In meinen Sprachkursen vor Studienbeginn hatten alle ein ähnliches Sprachniveau, in meiner ersten Vorlesung sprach der Dozent aber wie ein Wasserfall. Dazu die Ablenkung im Hörsaal – das war überwältigend. Ich saß deswegen immer in der ersten Reihe, um auch über die Körpersprache zu verstehen, was gesagt wurde. Ich habe mich manchmal allein gelassen gefühlt. Zum Beispiel musste ich in einer Klausur in den Drittversuch, aber weder die Studienberatung noch der Dozent konnten mir hilfreiche Tipps geben, wie ich mich am besten vorbereiten sollte. 

Gab es Momente, in denen Sie aufhören wollten? 

Ich habe nie an meiner Entscheidung für das Jurastudium gezweifelt, aber gerade in der Examensvorbereitung und vor der mündlichen Prüfung hatte ich Angst – auch vor Rassismus. Schon in der Einführungswoche habe ich den ersten rassistischen Vorfall erlebt. Als ich mich vorstellte und erzählte, dass ich aus Syrien sei, sagte eine Person "du bist also ein Flüchtling". Danach haben alle gelacht. Das hat meine Studienfreude stark getrübt. Auch meine Angst vor der mündlichen Prüfung war nicht unbegründet. Während meine deutschen Mitprüflinge ermutigt oder angelächelt wurden, konnte mir ein Prüfer nicht einmal in die Augen schauen.  

Wie sind Sie damit umgegangen und hatten Sie Unterstützung? 

Das war nicht leicht, aber ich habe versucht, mich nicht unterkriegen zu lassen und mich stattdessen auf meine Ziele zu fokussieren. Außerdem habe ich mich nie gescheut, nach Rat zu fragen. Ich habe viele Angebote der Universität in Anspruch genommen, wie das Study-Buddy-Programm für internationale Studierende oder die Hilfe von Tutor:innen. Ich hatte zum Glück Menschen in meinem akademischen Umfeld, die mich ermutigt haben, zum Beispiel meine Betreuerin aus der Jugendhilfeeinrichtung, den Richter Azamat Karimov, der während des Studiums als Tutor an der Uni arbeitete oder die Rechtsanwältin Vera Magali Keller, bei der ich ein Praktikum absolviert habe. Als Ausgleich zum Lernstress, den alle Studierenden kennen, habe ich den Kraftsport für mich entdeckt.

"Wenn man eine Stimme hat, sollte man sie nutzen" 

Sie engagieren sich öffentlich, posten auf LinkedIn und sprechen auf Podiumsdiskussionen. Ist Ihre Geschichte Ihr Antrieb?

Ja, ich sehe das als meine Verantwortung. Ich möchte Themen sichtbar machen, die oft missverstanden oder emotional und politisch aufgeladen sind – etwa Syrien, Flucht oder Rechtsstaatlichkeit. Wenn man selbst erlebt hat, wovon man spricht, kann man einen anderen Zugang schaffen. Die Resonanz ist überwiegend sehr positiv. Natürlich gibt es auch kritische Stimmen, aber das gehört zu einem offenen Diskurs dazu. Über persönliche Erfahrungen zu sprechen, kostet mich manchmal Überwindung, vor allem wenn sie schmerzhaft sind. Aber ich sehe das nicht als Schwäche. Ich glaube, wenn man eine Stimme hat, sollte man sie nutzen – mit Maß, aber mit Haltung. 

Haben Sie deswegen auch den Verein Deutsche & Syrische Jurist:innen ins Leben gerufen? Was sind die Ziele? 

Das auch. Der Verein soll vor allem Studierenden das geben, was mir gefehlt hat: Orientierung, Vorbilder und Unterstützung im Studium und bei Organisatorischem. Durch Kooperationen mit Kanzleien oder Institutionen wollen wir eine Nachhilfebörse anbieten. Studierende sollen aber auch einfach Ansprechpartner:innen für alle Fragen rund um das Studium finden. So sollen Studierende vernetzt werden. Der Verein wendet sich aber nicht nur an syrische Studierende, sondern an alle, die in Deutschland Jura studieren. Langfristig wollen wir bundesweit wirken und eine Brücke zwischen Deutschland und Syrien schaffen.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg weiterhin!

Diaa Bek Sh Shkeer ist 28 Jahre und flüchtete vor zehn Jahren nach Deutschland. Er hat 2024 den staatlichen Teil seines ersten Staatsexamens abgelegt und absolviert derzeit das Schwerpunktsstudium im Bereich Arbeitsrecht an der Goethe Universität in Frankfurt. Nach Abschluss der universitären Ausbildung möchte er die Arbeit des Vereins voranbringen. 

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