Wie für jedes geschäftliche Treffen gilt auch in einer Bar eine Etikette.
Foto: picture alliance / SZ Photo | Catherina Hess.
Gehen, wenn es am schönsten ist
Es ist ein häufiger Verlauf nach einem geschäftlichen Abendessen: der gemeinsame Weiterzug auf einen sogenannten Absacker in eine Bar. Derartiges ist in vielen Branchen üblich. Er signalisiert: Die Chemie stimmt, man möchte die angenehme Dynamik des Abends noch nicht abrupt beenden. Doch wie zuvor beim Geschäftsessen gelten – zumindest für diejenigen, die sie gerne einhalten möchten und/oder Wert darauf legen – Benimm-Regeln.
So obliegt die Entscheidung, ob es weitergeht, ausschließlich dem Gastgeber. Als Gast wartet man das Angebot ab. Schlägt der Gastgeber den Absacker vor, sollte man diese Geste ohne triftigen Grund nicht ausschlagen. Ein unbegründetes Nein signalisiert vorzeitiges Desinteresse und dämpft die bis dahin aufgebaute Dynamik des Abends. Wer dennoch absagen muss, sei es wegen Anschlussflügen oder familiärer Verpflichtungen, liefert eine kurze Erklärung, ohne zu privat zu werden.
Wohin sollte es gehen?
Fragt der Gastgeber nach Wünschen für die Lokalität, schlägt die Stunde der aufmerksamen Zuhörer. Hat der Gastgeber im Laufe des Abends eine Vorliebe für bestimmte Bars oder beispielsweise eine Abneigung gegen laute Irish Pubs geäußert, gilt es, dies bei der Antwort feinfühlig zu berücksichtigen. Das zeigt echte Wertschätzung und dass man ein aufmerksamer Gesprächspartner ist.
Für den Gast ist die Frage nach einem Vorschlag auch eine kleine Probe: An der Wahl der Bar und des Stils kann der Gastgeber das Gegenüber und dessen Prioritäten bereits treffend einschätzen. Fehlen vorab jegliche Ideen für eine treffende Wahl, wie etwa in einer fremden Stadt, überlässt man die Entscheidung ganz dem Gastgeber. Der sollte gleichsam auch auf die Vorlieben seines Gastes achten.
Der Eintritt und die Geometrie des Tresens
Beim Betreten der Bar geht der Gastgeber voran. In der oft gedämmten und belebten Umgebung fungiert er als Wegweiser: Der Gastgeber spricht die Platzwahl mit dem Servicepersonal ab.
Fällt die Wahl auf den Tresen, verändert sich die Dynamik grundlegend. Der Gast sitzt meist rechts des Gastgebers. Die Kommunikationspsychologie weiß: Dieses Nebeneinandersitzen bricht die konfrontative Gegenüber-Position des Restaurants auf. Man teilt denselben Blickwinkel, was das Gehirn unterbewusst auf Kooperation und Allianz polt; das Gespräch lockert sich automatisch auf. Zudem hat der Tresen eine temporäre Komponente: Das Sitzen auf Barhockern signalisiert meist einen dynamischen, zeitlich begrenzten Aufenthalt.
Wird die Runde stattdessen in niedrigen Lounge-Sesseln platziert, verändert sich nicht nur die Haltung, sondern auch die zeitliche Ebene. Ein tiefes Einsinken lädt zum Verweilen ein; hier stellt man sich auf einen längeren Aufenthalt ein. Während am Tresen noch oft der lockere, geschäftliche Austausch dominiert, wechseln die Themen in der Lounge durch die verringerte physische Distanz oft schneller auf eine private, fast vertrauliche Ebene.
Die lockere Atmosphäre entbindet nicht von der Körperspannung. Ein tiefes Zurücklehnen im Sessel oder das breite Ausbreiten der Arme auf dem Tresen wirken schnell nachlässig. Souveränität zeigt sich darin, die Körperspannung auch in gelöster Runde zu halten.
Die Wahl des passenden Drinks
Bei der Getränkewahl empfiehlt sich Zurückhaltung. Aufwendige Cocktails mit ausladenden Dekorationen zu bestellen, wirkt im geschäftlichen Kontext schnell deplatziert. Klassische, geradlinige Drinks, etwa ein Gin Tonic, ein Negroni oder ein eiskaltes Bier, strahlen ebenso Souveränität aus wie hochwertige alkoholfreie Alternativen.
Einen Verzicht auf Alkohol muss niemand rechtfertigen oder begründen. Die Entscheidung, Alkohol zu trinken, sei eine persönliche Angelegenheit und bedürfe keiner Erklärung, heißt es bei dem Trainer für Businessetikette Hilko Denekas. Auch gilt: Das Maß bleibt entscheidend. Der Fokus liegt weiterhin auf dem kollegialen, geschäftlichen Austausch, da ist übermäßiger Alkoholkonsum nicht angezeigt.
Die Krux mit Snacks und Naschereien
Stehen offene Schalen mit Nüssen, salzigen Crackern oder Oliven auf der Theke oder dem Loungetisch, gebietet es der Anstand, umsichtig zuzugreifen. Man bedient sich nur dann, wenn die Snacks frisch für die eigene Runde serviert wurden. Auch dann leert man niemals die Schale und nutzt beigelegte Löffel oder schüttet sich eine kleine Portion in die Hand, statt mit den Fingern in das Gemeinschaftsgefäß zu greifen.
Werden Oliven mit Kern gereicht, gilt für die Entsorgung eine feine Regel: Der Kern wird diskret in die leicht hohl geformte, nicht-dominante Hand aus dem Mund genommen und anschließend auf einem dafür vorgesehenen Schälchen abgelegt. So bleibt die dominante Hand sauber und frei. Befindet sich eine Olive am Spieß direkt im Drink, wird sie von dem Spieß gegessen; der Holzspieß verbleibt danach im Glas und wird nicht auf der Theke oder dem Tisch abgelegt. Ein benutzter Spieß wird niemals zu frischen Spießen oder Speisen zurückgelegt.
Der Charaktertest: Personal, #metoo und das Handy
Wie sicher sich jemand auf dem gesellschaftlichen Parkett bewegt, zeigt sich oft im Verhalten gegenüber Dienstleistern. Das Barpersonal entscheidet maßgeblich darüber, wie gut der Abend verläuft, und prägt die Atmosphäre des Abends. Wer versucht, den Bartender durch lautes Schnippen, Herbeipfeifen oder ein ungeduldiges "Hier noch mal zwei Bier!" zu kommandieren, beschädigt das eigene professionelle Image.
Man sucht stattdessen den Blickkontakt, wartet aufmerksam, bis man an der Reihe ist, und bestellt mit einem folgenden wertschätzenden "Bitte" und begegnet dem Personal auf Augenhöhe.
Sollten alkoholbedingt Filter fallen und anzügliche Bemerkungen oder Witze die Runde machen, ist gerade in Zeiten der MeToo-Debatten Fingerspitzengefühl gefragt. Nach Knigge geht es immer darum, das Gegenüber nach Möglichkeit nicht bloßzustellen. Emotionale Ausbrüche schaden dem geschäftlichen und auch zwischenmenschlichen Verhältnis irreparabel. Die Lösung liegt in kühler, sachlicher Deeskalation.
Das Smartphone hat im Übrigen auch zu später Stunde Sendepause. Das Gerät bleibt in der Tasche. Sobald der Partner den Platz kurz verlässt oder eine Gesprächspause entsteht, wirkt der Griff zum Bildschirm wie Desinteresse oder Flucht. Muss eine Erreichbarkeit zwingend gegeben sein, kündigt man dies vorab höflich an.
Die Abrechnung am Tresen
Beim Bezahlen in der Bar gilt zwar grundsätzlich dieselbe Struktur wie beim Geschäftsessen: Der Gastgeber übernimmt die Rechnung. Doch die Bar erlaubt dem Gast eine feine Nuance der Wertschätzung: Hat der Chef oder der Mandant zuvor das Abendessen großzügig übernommen, ist es eine Geste des respektvollen Miteinanders, sich bereits im Vorfeld anzubieten, den Absacker zu übernehmen.
Man kann dies auf dem Weg zum Tresen oder gegen Ende des Abends diskret vereinbaren. Eine solche Gegeneinladung signalisiert eine Partnerschaft auf Augenhöhe und befreit den Gast vom Eindruck, sich lediglich aushalten zu lassen. Die Zahlung selbst erfolgt auch hier diskret im Hintergrund.
Wann man gehen sollte
Auf dem geschäftlichen Parkett ist das Timing des Rückzugs entscheidend. Man geht, wenn es am schönsten ist – in der Regel nach dem ersten oder dem zweiten Drink. Sobald sich Gespräche im Kreis drehen oder der Alkohol die Zunge zu sehr lockert, ist es Zeit für den Aufbruch. Der sogenannte Nightcap soll den Abend abrunden, nicht zum Absturz führen.
Das heimliche Davonschleichen, der sogenannte French Exit, ist im geschäftlichen Kreis ein Fauxpas. Er wirkt unzuverlässig, so als hätte man etwas zu verbergen oder zu viel getrunken. Man verabschiedet sich persönlich beim Gastgeber und den Beteiligten.
Gute Manieren kennen keinen Feierabend; die geschäftliche Etikette endet erst am Taxistand. Die Promillegrenze gilt selbstverständlich auch im Businesskontext. Eine Missachtung zahlt unabhängig vom Verkehrsmittel definitiv nicht auf Verantwortungsbewusstsein und Außenwirkung ein. Wer sich im Rahmen der Etikette sicher bewegt, beweist, dass er auch in ungeschützter Umgebung ein verlässlicher Partner bleibt.
Die Spielregeln an der Bar gelten übrigens im Prinzip für alle Gelegenheiten. Dennoch erfordern die Varianten des Gegenübers Fingerspitzengefühl. Wie für jedes gesellschaftliche und geschäftliche Treffen gilt auch hier: Die Etikette ist ein Werkzeug. Man muss situationsflexibel bleiben. Die wichtigste Regel wird daher für alle Beteiligten immer sein, nicht verbissen Regeln einzuhalten, sondern gemeinsam eine Atmosphäre des Wohlfühlens zu schaffen.
Finn J. Muchow ist Journalist und ein echter Kenner der Regeln nach Knigge.
Auf Jobsuche? Besuche jetzt den Stellenmarkt von LTO Karriere.
Netzwerk
Verwandte Themen:- Netzwerk
- Alkohol
- Instagram-Karriere-News
- Beruf
- Kultur
Teilen