Cawa Younosi. Foto: privat.
"Wir fragen zu oft, wer jemand ist, und zu selten, was er leisten könnte"
LTO: Herr Younosi, Sie waren mehr als 14 Jahre lang bei der SAP tätig, zuletzt als Personalchef und Mitglied der Geschäftsführung. Seit eineinhalb Jahren sind Sie Geschäftsführer der Charta der Vielfalt, dem größten Arbeitgeberbündnis für die Förderung von Vielfalt in der Arbeitswelt. Inwiefern führen Sie Ihre Arbeit bei der SAP jetzt fort?
Cawa Younosi: Bei der SAP habe ich unter anderem auch einen Diversity & Inclusion (D&I)-Bereich für Deutschland aufgebaut. Ich wollte einen Beitrag dazu leisten, die strukturelle Ungleichheit zu bekämpfen. Bei der Charta der Vielfalt bin ich dann durch einen glücklichen Zufall gelandet. Und im Moment gibt es (leider) sehr viel zu tun, wenn man sich nur das Wiedererstarken der AfD und Trumps Sanktionen gegen D&I-Programme anschaut. Und mein 17-jähriger Sohn, der hier geboren und aufgewachsen ist, muss leider die ersten Erfahrungen mit Rassismus und dem Gefühl machen, doch nicht zu Deutschland zu gehören.
Was macht die Charta der Vielfalt?
Es ist unsere Aufgabe, Vielfalt am Arbeitsplatz zu fördern, gemeinsam mit den 38 Unternehmen, die Mitglieder sind, und den 6.700 Unternehmen, die die Charta unterzeichnet haben. Alle Unterzeichner müssen seit dem vergangenen Jahr eine verpflichtende D&I-Schulung machen. Wir entwickeln auch Leitfäden für die Unternehmen, etwa zu den Themen Demokratie und Antidiskriminierung. Und wir veranstalten Konferenzen und Events, zum Beispiel im vergangenen Jahr zum ersten Mal den Vereinbarkeitssummit mit Vertretern aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Wir möchten Strukturen neu denken und ändern. Uns ist es wichtig, dass sich niemand ausgeschlossen fühlt – weder der "Ausländer" noch die Mutter von zwei Kindern oder der sogenannte alte weiße Mann.
"Anfangs jeden Tag auf einen Anruf gewartet, dass der Krieg vorbei ist"
Sie selbst sind mit 13 Jahren allein aus Afghanistan geflüchtet. Wie war Ihre Anfangszeit in Deutschland?
Es war nicht leicht für mich. Ich bin 1990 über Indien nach Deutschland gekommen. Meine Eltern sind in Afghanistan geblieben und anfangs habe ich jeden Tag auf den Anruf gewartet, dass ich wieder nach Hause kommen kann, weil der Krieg vorbei ist. Aber die Situation ist immer schlimmer geworden. Ende 1996 kamen die Taliban an die Macht – und zu diesem Zeitpunkt habe ich begriffen, dass ich nicht mehr nach Afghanistan zurückkann. Meine Eltern mussten auch fliehen, sind aber beide auf der Flucht verstorben.
Ich habe versucht, mich nicht unterkriegen zu lassen. Ich habe erst im Kinderheim und dann in einer Pflegefamilie gelebt. Mir war es wichtig, schnell Deutsch zu lernen. Ich habe die Bücherei für mich entdeckt und mit dem Buch "Der Schlüssel zur Philosophie" und vielen Wörterbüchern gelernt. Ich bin dann auf ein Gymnasium in Siegburg gekommen, um mein Abitur zu machen. Weil ich selbstständiger sein wollte, bin ich mit 18 Jahren von der Pflegefamilie in eine eigene Wohnung gezogen.
Wie war die Schulzeit für Sie?
Mein absolutes Highlight war, dass ich in der 11. Klasse beim Mikroskopieren meine Frau kennengelernt habe. Mittlerweile sind wir seit über 30 Jahren verheiratet. Ansonsten war die Schulzeit sehr anstrengend, aber hat auch Spaß gemacht. Um alles bezahlen zu können, habe ich 30 Stunden in der Woche, immer von 16 Uhr bis Mitternacht, bei McDonalds in Bonn gearbeitet. Ich hätte Sozialhilfe beantragen können, das wollte ich aber nicht. Ich bin zwar häufig – wenn überhaupt – übermüdet zur ersten Stunde gekommen oder habe Hausaufgaben in unmöglichen Situationen gemacht, aber irgendwie habe ich mein Abitur bestanden. Danach habe ich mich erstmal etwas verloren gefühlt. Um über die Runden zu kommen, habe ich mich gemeinsam mit meiner dann späteren Frau und der Unterstützung ihrer Eltern selbstständig gemacht und einen Kiosk gekauft und mit Gewinn wieder verkauft. Eigentlich wollte ich aber studieren.
"Aus Versehen Jura studiert"
Wieso haben Sie sich dann für Jura entschieden?
Das war tatsächlich Zufall. Damals wurden noch alle Studienplätze über die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze (ZVS) in Dortmund vergeben. Eigentlich konnte man das auch per Post machen, aber ich war spät dran und bin am letzten Tag der Frist mit meiner Frau nach Dortmund gefahren. Man musste zwei Fächer angeben. Es war schon kurz vor Mitternacht und die Mitarbeiterin der ZVS wollte verständlicherweise Feierabend machen. Meine Frau hat dann einfach das Kreuz bei "Rechtswissenschaften" gemacht, als zweites Fach habe ich BWL angegeben. Ich habe dann die Zulassung für Rechtswissenschaften in Bonn bekommen, also sozusagen aus Versehen Jura studiert.
Wie war dann das Jurastudium für Sie?
Ich habe sehr lange gebraucht, um mich daran zu gewöhnen. Weil ich mal gehört hatte, dass alle das so machen, bin ich am ersten Tag mit Anzug, Krawatte und Ledertasche in die Uni gegangen. Das hört sich lächerlich an, aber es zeigt, dass es einen großen Unterschied macht, ob man Vorbilder hat oder nicht. Ich bin auch in das falsche Gebäude gegangen und habe dort nach den Stundenplänen gefragt. Ich bekam eine etwas belustigte Reaktion, aber immerhin hat man mich zur Fachschaft geschickt, das Wort hatte ich vorher auch noch nie gehört. Dort bekam ich dann das Vorlesungsverzeichnis. Im ersten Semester bin ich gar nicht zur Uni gegangen, weil mir mein Auftritt so peinlich war.
Im zweiten Semester wollte ich es nochmal versuchen und habe eine Vorlesung im BGB AT besucht. Ein Kommilitone hat mir dann erklärt, was das BGB ist und dass ich nicht alle fast 2.400 Paragrafen auswendig lernen muss. Nach drei oder vier Semestern habe ich aber zum Glück das System verstanden und dann alle Scheine sozusagen im „Zeitraffer“ gemacht. Mit dem Studium war ich dann in der Regelstudienzeit auch fertig. Das Referendariat habe ich in Köln gemacht.
"Bei der SAP war Teilzeit bei Führungspositionen die Regel, nicht die Ausnahme"
Nach verschiedenen Stationen als Arbeitsrechtler u.a. bei der Telekom und einem IT-Unternehmen kamen Sie im Jahr 2009 zur SAP, zunächst als Senior Legal Counsel, später dann als Personalchef. Was hat Sie am HR-Bereich fasziniert?
Ich habe mich schon immer für Menschen und ihre Geschichten interessiert. Gerade im HR-Bereich gibt es nicht die eine Biografie, sondern man trifft etwa BWLer und Juristen, aber auch beispielsweise Theologen. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, den HR-Bereich zu professionalisieren. Ich habe vieles hinterfragt und geändert. Wir haben zum Beispiel schon 2018 Homeoffice für alle eingeführt, da war noch keine Rede von einer Pandemie. Und jede Stelle in Führungsposition wurde nur noch mit 75 Prozent ausgeschrieben. Man konnte natürlich auf 100 Prozent aufstocken, aber Teilzeit war die Regel, nicht die Ausnahme. Es hat mir immer viel Spaß gemacht, diese Themen voranzutreiben.
Mittlerweile zählen Sie zu den "40 führenden HR-Köpfen 2025" des Personalmagazins, bei LinkedIn sind Sie "TopVoice" mit über 120.000 Followern. Sie posten vor allem Beiträge zu den Themen HR und zeitgemäße Arbeitswelt. Wie sind Sie dazu gekommen?
Ursprünglich hat mich mein damaliger Chef bei der SAP dazu verdonnert. 2015 oder 2016, als LinkedIn noch ganz neu war, meinte er, ich solle dort über meine Arbeit berichten. Ich habe mich lange gewehrt, aber habe dann meinen ersten Post gemacht. Und den haben sich damals 180 Leute angeschaut und zehn Leute geliked. Darüber war ich damals sehr stolz. Ich habe dann weitergemacht und so hat sich alles entwickelt.
2024 haben Sie auch Ihr Buch " Die große Potenzialverschwendung" veröffentlicht, das sich vor allem an Führungskräfte und Mitarbeitende der HR-Abteilung richtet. Wer verschwendet denn was?
Arbeitgeber verschwenden ganz viele Potenziale – sei es im Talentmanagement, bei der Digitalisierung oder im D&I-Bereich. Viele Unternehmen tun sich schwer mit Veränderungen, denn es muss ja gut sein, wenn es immer schon so gemacht wurde.
"Arbeitgeber müssen ihren Mitarbeitern helfen, ihr Potenzial zu erkennen"
Können Sie ein Beispiel dafür nennen? In welcher Hinsicht wird am meisten Potenzial verschwendet – und was könnten Arbeitgeber sofort besser machen?
Ich habe das Gefühl, dass das Potenzial, also die Leistung von morgen, gar keine Rolle spielt. Wir verharren zu häufig darauf, was jemand gemacht hat oder wer jemand ist, anstatt zu fragen, was dieser Mensch leisten könnte. Allein durch diese Denkweise geht viel verloren. Jeder hat eine besondere Fähigkeit. Everybody is a talent, schreibe ich in meinem Buch. Es ist die Aufgabe des Arbeitgebers, Menschen zu helfen, ihre Potenziale zu erkennen. Das kommt am Ende ebenfalls dem Unternehmen zugute: Wenn die Arbeitnehmer das machen, was sie am liebsten machen und am besten können, sind sie viel produktiver. Stattdessen machen wir gerade jetzt, wo wir mehr Produktivität brauchen, genau das Gegenteil, sei es bei der Back-to-Office-Pflicht oder der Bezeichnung von Arbeitnehmern als faul. Ein anderes Beispiel: Wenn auch nicht immer möglich, aber man kann auch nachfragen, ob Arbeitnehmer lieber in der Früh- oder in der Spätschicht arbeiten, anstatt sie dazu verdonnern, das Gegenteil von dem zu machen, was ihrem Chronotypen entspricht.
Ihre eigene Geschichte zeigt, dass Sie Ihr Potenzial genutzt haben und sich mit Mut, Ehrgeiz und Disziplin nach oben gearbeitet haben. Was möchten Sie anderen Menschen mitgeben?
Teilweise war es bei mir mehr Glück als Verstand, aber natürlich muss man sich das Glück auch erarbeiten. Und man sollte immer dranbleiben, auch wenn man mal auf Widerstand stößt oder scheitert. Solange man spürt, dass es sich lohnt, sollte man weiterkämpfen. Das gilt nicht nur im beruflichen, sondern auch im privaten Kontext. Und immer die Augen und Ohren offenhalten für Chancen, die sich ergeben.
Gerade Menschen wie ich sollten sich gleichzeitig auch sehr bewusst sein, keinem Survivorship Bias zum Opfer zu fallen: aus unserem individuellen Weg, also von der statistischen Ausnahme, eine Verallgemeinerung abzuleiten. Denn die sozialen Aufstiegschancen waren nie so schlecht wie jetzt.
Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!
Cawa Younosi kam im Jahr 1990 aus Afghanistan nach Deutschland. Nach dem Abitur machte er sich zuerst als Kioskbetreiber selbstständig, bevor er in Bonn Jura studierte. Das Referendariat absolvierte er in Köln. Er war insgesamt 14 Jahre bei der SAP tätig, zuletzt als Personalchef. Seit September 2024 ist er Geschäftsführer der "Charta der Vielfalt". Am 30. September 2024 erschien sein Buch "Die große Potenzialverschwendung".
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