Anwalt für die Biker-Szene

Mit der Harley zum Gericht

von Benjamin DürrLesedauer: 3 Minuten
Er vertritt Mitglieder der "Hells Angels" und Motorradfahrer, die wegen Verkehrsverstößen vor Gericht stehen: Sven Rathjens hat sich als Biker-Anwalt spezialisiert und in der Szene einen Namen gemacht. Die Nachfrage ist so groß, dass er nun ein Netzwerk aus Biker-Anwälten in ganz Europa aufbaut.

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Bei Gerichtsterminen fährt er gerne mit seiner Harley Davidson vor. Wenn er ankommt – in Lederjacke und mit dem Helm unter dem Arm – sieht ihm niemand seinen Beruf an. Erst die Robe im Gerichtssaal zeigt: Sven Rathjens ist Anwalt. Im Süden von Rostock betreibt er die Biker-Kanzlei, eine Anlaufstelle für Motorradfahrer, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Natürlich ist Rathjens auch selbst passionierter Biker. Auf seiner Website stellt er sich nicht nur mit seinem beruflichen, sondern auch mit dem "zweirädrigen Werdegang" vor: mit 14 das erste Mofa, mit 18 ein Honda-Motorrad, mit 32 die erste Harley. Nach dem Staatsexamen eröffnete er in Rostock eine eigene Anwaltskanzlei; vor fünf Jahren begann er, sich als Biker-Anwalt zu spezialisieren. Rathjens' Fälle reichen von einfachen Problemen im Zulassungs- und Verkehrsrecht bis zu Bandenkriminalität und Prostitution. "Bis zum Mord* war fast alles schon dabei", sagt er. Biker kommen zu ihm mit Fragen, welche Umbauten an Motorrädern erlaubt sind und welche Rechte sie beim Kauf einer Maschine haben. Rathjens vertritt Clubmitglieder der "Hells Angels", deren Wohnung vom Sondereinsatzkommando SEK gestürmt wurde oder die wegen Waffenbesitzes oder schwerer Körperverletzung vor Gericht stehen.

Harte Bandagen vor Gericht

"Die Biker-Welt ist rau, nicht alle sind Waisenknaben", sagt Rathjens. "Gleichzeitig ist die öffentliche Wahrnehmung aber verzerrt." Die Kriminalitätsrate sei in der Biker-Szene auch nicht höher als beim Rest der Bevölkerung. "Die allermeisten halten sich an die Gesetze." Trotzdem gibt es in der Szene offenbar die Nachfrage nach einem Experten. Manche seiner Kollegen hätten Berührungsängste, sagt Rathjens. Der Ruf, der Bikern anhafte, mache gelegentlich auch die Arbeit bei Gericht schwierig. "Es geht härter zur Sache." Zu außergerichtlichen Einigungen komme es fast nie. Ihm werde häufig der Vorwurf der Befangenheit gemacht, weil er selbst  Biker sei. Bei Hausdurchsuchungen und Ermittlungen werde wenig Feingefühl gezeigt. "Man bekommt manchmal den Eindruck, der Staat will mit aller Härte auftreten." Neben kleineren Delikten vertritt Sven Rathjes regelmäßig Mitglieder der "Hells Angels" und der "Red Devils", die in Verbotsverfahren der Motorradclubs verstrickt sind. Er ist selbst kein Mitglied, kennt aber die Szene der Motorradclubs und ist häufiger Gast bei Biker-Treffen. Motorradfahren sei seine Leidenschaft, die er mit dem Beruf verbunden habe, sagt der 45 Jahre alte Anwalt.

Netzwerk aus Biker-Anwälten

Im Frühjahr ist er mit seiner Maschine mehrere tausend Kilometer durch Europa gefahren. Auch wenn er Mandanten in anderen Städten Deutschlands vertritt, nimmt er selten das Auto. Eine Biker-Kanzlei lag deshalb nahe. Schon früher beschäftigte er sich mit Strafrecht, dem Prostitutions- und Bandenmilieu. Heute sind etwa die Hälfte seiner Klienten Biker. Jeden Tag bekomme er durchschnittlich zwei neue Mandate hinzu, erzählt Rathjens. Die Nachfrage in Deutschland, aber auch im Ausland sei groß. Zurzeit arbeitet er deshalb daran, ein Netzwerk aus Biker-Anwälten zu gründen. Er sucht im Bundesgebiet und im europäischen Ausland nach Kollegen, die ein ähnliches Kanzleiprofil haben. "Als Biker ist man viel unterwegs, viele wollen deshalb auch im Ausland am liebsten einen Anwalt, der sich mit der Thematik auskennt." Auf Sardinien und in der Nähe von Hannover hat er bereits Kollegen gefunden, mit denen er kooperieren kann**. In Tschechien gibt es einen Partner, im nächsten Jahr will er auch Kollegen dazu holen, die in Frankreich, Spanien und den Benelux-Ländern zuhause sind. Wenn sich das Netzwerk ausbreitet, soll es eine Smartphone-App geben: Damit sollen Motorradfahrer einen Biker-Anwalt finden können, egal wo sie gerade sind. * Hier stand zunächst "Bis zum versuchten Mord". Geändert am 22.10.2013 um 13:27. ** Hier stand zunächst, Herr Rathjens würde mit einer Kollegin aus München kooperieren. Geändert am 22.10.2013 um 13:27.

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