Frau mit lockigem Haar in grüner Bluse steht am Wasser, im Hintergrund Gebäude und Menschen auf einer Uferpromenade.
Reisende Anwältin arbeitet von überall

"Auf Fid­schi war es mit dem Internet schwierig"

Interview von Dr. Franziska Kring17. Oktober 2026, Lesedauer: 8 Minuten

Franziska E. Höhne lebt in der Schweiz und berät Mandanten aus der Gesundheitsbranche. Dazu reist sie viel, gerade ist sie in Japan. Im Interview erzählt sie von ihrem Arbeitsalltag als "reisende Anwältin" und wie dieser Lebensstil gelingt

LTO: Frau Dr. Höhne, wo sind Sie im Moment unterwegs?

Dr. Franziska E. Höhne: Seit gut einem Monat bin ich in Japan, im Moment in Yokohama, südlich von Tokio. Yokohama hat die Vorteile einer Großstadt, ist aber nicht so touristisch. Von meinem Hotelzimmer blickt man auf den Hafen. In die andere Richtung kann man bei gutem Wetter sogar den Fuji sehen, den höchsten Berg Japans. Ich bin gemeinsam mit meinem Mann auf Weltreise.

Wie sind Sie auf Japan gekommen?

Ich bin tatsächlich schon das vierte Mal in Japan. Inzwischen gucke ich auch gern Anime und lese Manga. Das erste Mal war ich allein hier, weil es ein sicheres Reiseland ist und mich immer schon interessiert hat. Mich faszinieren vor allem die Gegensätze von alten Kulturen, Traditionen und beeindruckenden Landschaften auf der einen Seite und dieser Effizienz auf der anderen Seite. Der ÖPNV funktioniert gut, die Züge sind alle pünktlich. Man kennt ja auch die Shinkansen-Schnellzüge, die fast alle großen Städte miteinander verbinden. Und das Essen ist natürlich auch ein Pluspunkt. Mittlerweile lerne ich auch nebenbei Japanisch, was sehr hilfreich ist, wenn man abseits der Touristenspots unterwegs ist. Japan ist tatsächlich unser liebstes Reiseland.

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"Würde mich als 'Teilzeit-Nomadin' bezeichnen"

Wie kam es, dass Sie eine "reisende Anwältin" wurden?

Ich fand das digitale Nomadentum schon immer spannend. Ich mag es, in andere Länder zu reisen, neue Erfahrungen zu machen und aus der Komfortzone herauszukommen. Deshalb habe ich versucht, mein Leben nicht nach der Arbeit zu richten, sondern mir meine Arbeit möglichst so zu bauen, dass sie zu meinem Traumleben passt. Ich bin mir bewusst, dass das ein großes Privileg ist, das nicht viele haben. Ich würde mich als "Teilzeit-Nomadin" bezeichnen. Einige Monate im Jahr bin ich auf Reisen und arbeite von dort aus, meinen festen Standort habe ich aber in der Schweiz.

Franziska Höhne in Arosa vor den Schweizer Alpen. Foto: privat.

Dorthin sind Sie nach dem Studium und Referendariat in Freiburg ausgewandert.

Ja, Freiburg liegt ja nah an der Grenze. Mein Mann hat in der Schweiz studiert und gearbeitet, deshalb war ich oft dort. Die Landschaft mit ihren Seen und Bergen mag ich sehr – und die dort ebenfalls pünktlichen Züge. Und ich bin immer noch schnell bei meiner Familie; mein Bruder etwa wohnt in München und hat den weiteren Weg. Noch vor dem zweiten Examen hatte ich die Zusage für einen Job in einer kleinen Boutique-Kanzlei in Zürich. Das war auch die Voraussetzung für meine Aufenthaltsbewilligung, denn die Schweiz gehört ja nicht zur EU. Dort habe ich aber nur ein halbes Jahr gearbeitet, danach war ich zwei Jahre lang Legal Counsel bei einem Pharmaunternehmen an meinem Wohnort in Zug, das liegt zwischen Luzern und Zürich. Die Lage ist perfekt, dort fangen die Alpen an und in weniger als drei Stunden ist man in Italien.

"Anfangs habe ich mich nur 'virtuelle Rechtsabteilung' genannt"

Anfang 2025 haben Sie sich dann selbstständig gemacht.

Ja, die Idee war schon immer in meinem Kopf. Das war auch einer der Gründe, wieso ich mich für Jura entschieden habe. In der Angestelltentätigkeit fehlte mir auch die Abwechslung. Und ich wollte mehr Freiheiten haben und nicht mehr so abhängig sein. Welches Unternehmen würde einem erlauben, mit einem angemessenen Gehalt komplett remote auf Reisen zu arbeiten? Mir wurde auch gesagt, dass mein Job bald nicht mehr existieren würde. Das ist in der Pharmabranche nicht ungewöhnlich, wenn das Unternehmen die Marktzulassung für ein Medikament nicht bekommt. Also musste ich ohnehin etwas anderes machen – und dachte mir dann: jetzt oder nie. Ich habe meine Selbstständigkeit von Anfang an so digital wie möglich aufgebaut, also möglichst papierlos. Anfangs habe ich mich nur "virtuelle Rechtsabteilung" für Unternehmen genannt. Mittlerweile bin ich auch digitale Ansprechpartnerin für Selbstständige. 

In welchen Bereichen sind Sie tätig?

Ich berate Kunden aus dem Gesundheitsbereich bei sämtlichen Rechtsfragen, vor allem bei der Vertragsgestaltung und im Wettbewerbs- und Datenschutzrecht, teilweise auch im Urheberrecht und Gesellschaftsrecht. Dabei konzentriere ich mich auf Unternehmen und Selbstständige aus dem deutschsprachigen Raum. Mein Motto lautet: Prävention ist der beste Schutz. Ich vergleiche meine Arbeit mit einem medizinischen Vorsorge-Check für Unternehmen und nenne dieses Konzept "rechtlich gesund". Ich biete keine klassische Konfliktlösung an und vertrete die Mandanten nicht vor Gericht, sondern berate im Vorfeld. Ich unterstütze dabei, Allgemeine Geschäftsbedingungen zu entwerfen, Websites rechtssicher zu gestalten und Produkte korrekt zu bewerben. Oft geht es darum, gesundheitliche Programme zu beurteilen. Wenn zum Beispiel eine Heilpraktikerin ein neues Online-Coaching anbieten will, prüfe ich ihre Werbung und ihr Social-Media-Marketing. Ich habe aber auch schon rechtliche Gutachten über Naturheilkundeprodukte geschrieben oder geprüft, ob ein Telemedizin-Start-up ein Produkt auf den Markt bringen darf. 

"Zeitverschiebung ist ein großer Vorteil"

Wie kann man sich Ihren Arbeitsalltag als "reisende Anwältin" vorstellen?

Wie wahrscheinlich alle Selbstständigen arbeite ich so gut wie jeden Tag. Man muss diszipliniert sein, sich gut organisieren können und den Kalender pflegen, gerade jetzt mit der Zeitverschiebung. Japan ist Deutschland um sieben Stunden voraus – das ist für mich ein großer Vorteil. Vormittags kann ich ungestört arbeiten, weil da keine E-Mails eintrudeln, die mich ablenken können. Meetings beginnen erst am späten Nachmittag. Das kann natürlich auch ein Nachteil sein, wenn potenzielle Kunden mich nur bis 12 oder 13 Uhr ihrer Zeit erreichen können. Aber dann passen sie wahrscheinlich auch nicht zu mir.

Arbeit auf der Fidschi-Insel "Tokoriki"

Ansonsten kommt es immer darauf an, wo ich gerade bin, und was ansteht. Lange Flüge nutze ich gern, um konzentriert an komplexen Projekten zu arbeiten. Im August waren wir auf den Fidschi-Inseln – ich wusste schon vorher, dass es mit dem Internet dort schwierig ist. Deshalb hatte ich für diese Reise eine Out-of-Office-Nachricht. Um meine Social-Media-Auftritte kümmere ich mich aber immer.

Weshalb ist das so wichtig?

Hauptsächlich für die Kundenakquise. Zu klassischen Prozessanwälten kommen die Mandanten, weil sie ein mehr oder weniger dringendes rechtliches Problem haben. Ich werde ja im Vorfeld tätig, also meine Zielgruppe hat noch keine Probleme, könnte aber unter Umständen welche bekommen. Ich muss meine Kunden dabei erstmal erreichen und Vertrauen aufbauen. Deshalb mache ich viel Social-Media-Marketing. Bei Instagram und YouTube poste ich Videos mit Einblicken aus meinem Alltag als reisende Anwältin. Ich gebe aber auch rechtliche Tipps, zum Beispiel zu Änderungen im Verbraucherrecht oder den Anforderungen an das Impressum. Damit möchte ich auch den Zugang zum Recht erleichtern.

"Bis ich an mein Schweizer Gehalt komme, wird es dauern"

Es klingt, als hätten Sie sich Ihren Traum verwirklicht. Gibt es auch Schattenseiten?

Man ist weit weg und verpasst Geburtstage und Familienfeiern, aber auch spannende Netzwerktreffen. Und – das gilt für jede selbstständige Tätigkeit – man muss sich daran gewöhnen, dass man selbst das unternehmerische Risiko trägt und weder ein festes Einkommen noch einen festen Alltag hat. Und natürlich hat man erst einmal finanzielle Einbußen, bis man sich etabliert hat. Bis ich an mein Gehalt in dem Schweizer Pharmaunternehmen komme, wird es noch dauern. Aber das nehme ich gern in Kauf. 

Wie viel Bürokratie fällt bei Ihrem Lebensmodell an?

Weniger als man denkt. Solange wir unseren Lebensmittelpunkt in der Schweiz haben und nicht zu lange an einem Ort bleiben, werden wir dort besteuert. Die Details hängen natürlich von den jeweiligen Ländern ab. Die Auslandskrankenversicherung ist in unsere normale Krankenversicherung integriert. Und die Post kann man digital beantragen – sie kommt dann also nicht mehr im Briefkasten, sondern per Scan an. Das ist äußerst praktisch. 

Sie sind jetzt seit Juli unterwegs. Wo waren Sie bislang?

Vor Japan waren wir in Bangkok, an verschiedenen Orten in Australien, auf den Fidschi-Inseln und in Neuseeland. Ein Highlight war es, Wombats in Tasmanien zu sehen. Fidschi war auch besonders, die vielen kleinen unbewohnten Inseln. Neuseeland war für mich immer der Ort, an dem der "Herr der Ringe" und der "Hobbit" gefilmt wurden. Deshalb war das Filmset in "Hobbiton" ein weiteres Highlight.

"Als Ausgleich zum Job eine Yoga-Ausbildung gemacht"

Sie sind auch zertifizierte Yogalehrerin und Kräuterpädagogin – eine ungewöhnliche Kombination.

Ja. Auf den ersten Blick passt es nicht zusammen, aber für mich gibt es eine Verbindung: Ich interessiere mich dafür, wie Menschen gesund und selbstbestimmt leben und arbeiten können. Diese Perspektive prägt auch meine rechtliche Arbeit. Ich möchte den Fokus meiner Rechtsberatung nicht nur auf meine Anwaltstätigkeit stützen, sondern mit meiner Leidenschaft und Lebensweise kombinieren. Deshalb habe ich auch mein Logo entsprechend gestaltet: eine Anwältin in Yoga-Pose mit einer Weltkugel in der einen Hand. Yoga mache ich schon lange. Als Ausgleich zu meinem Job im Pharmaunternehmen bin ich auf die Idee mit der Ausbildung gekommen. Die war dann teilweise online, teilweise vor Ort. Einen Teil habe ich auch in Griechenland gemacht. Auch die Kräuterausbildung habe ich zu der Zeit gemacht. Ich hatte nie vor, mich als Yogalehrerin oder Kräuterpädagogin selbstständig zu machen, aber es hat mich einfach interessiert. Manchmal gebe ich meiner Familie Yogastunden oder mache Kräuterwanderungen mit Freunden.

Aber auch beruflich nützt mir der Background: Ich habe eine Kooperation mit der Kräuterakademie, bei der ich selbst die Ausbildung absolviert habe, und gebe dort rechtliche Webinare. Ich habe auch viele Kunden, die sich als Kräuterpädagogen selbstständig machen wollen und wissen, dass ich diese Ausbildung gemacht habe – da ist die Hemmschwelle niedriger, mich zu kontaktieren.

Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Als Nächstes reisen wir nach China, wahrscheinlich nach Peking und nach Shanghai. Vielleicht geht es danach noch nach Südkorea. Danach müssen wir aber wieder nach Japan zurück, weil unser Rückflug Mitte November von hier geht. Den Flug können wir aber flexibel umbuchen. Unser Lebensmittelpunkt bleibt immer die Schweiz, wir leben jetzt seit über vier Jahren dort und wollen auch die Schweizer Staatsbürgerschaft erlangen. Denn ein großer Pluspunkt der Schweiz ist die Mitbestimmungsmöglichkeit über die direkte Demokratie. Deshalb müssen wir ohnehin einen Großteil des Jahres dort sein und fühlen uns auch sehr wohl. Diese Mischung aus Reisen und einem festen Standort passt derzeit perfekt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Nach Jurastudium und Referendariat in Freiburg arbeitete Dr. Franziska E. Höhne als Anwältin in einer Boutique-Kanzlei und Legal Counsel in einem Pharmaunternehmen in der Schweiz. Seit Januar 2025 ist sie selbstständig und berät Mandanten aus der Gesundheitsbranche. Als "reisende Anwältin" arbeitet sie derzeit von Japan aus.

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