Foto: Herr Fuchs fotografiert.
"Das, was uns stresst, hänge ich im Wald auf"
LTO: Frau Hahn, wie oft müssen Sie erklären, was eine Natur-Mentaltrainerin ist?
Josefin Hahn (lacht): Mindestens so oft, wie ich erwähne, dass ich als solche arbeite…
Uns müssen Sie das auch erklären.
Das Training verbindet Achtsamkeit und mentale Übungen mit der Natur. Viele, die in der Stadt leben, kennen das: Sie wollen am Wochenende raus in den Wald, weil dies einfach entschleunigt und auf andere Gedanken bringt. Diese Kraft der Natur nutze ich gezielt für verschiedene Übungen. Man kann so zum Beispiel Veränderungsprozesse wie wichtige Karriereentscheidungen gut begleiten. In solchen Situationen kreisen die Gedanken ohnehin schon die ganze Zeit, das kann man in der Natur stoppen. Dort hat man nochmal einen ganz anderen Zugang als bei einem Online-Coaching im Arbeitszimmer.
"Als Anwältin war ich oft krank"
Sie haben nach über zehn Jahren als Volljuristin im Bereich der Erneuerbaren Energien diesen ganz anderen Weg eingeschlagen. Warum?
Mein Körper hat mich in den zehn Jahren immer wieder ausgebremst und mir gezeigt, dass ich nicht in dieses Arbeitssystem passe. Damit meine ich unsere Leistungsgesellschaft und einen Chef, der mich am liebsten 24/7 beschäftigt hätte – allerdings ohne entsprechendes Gehalt. Ich war oft krank. Es hat aber gedauert, bis ich meine Entscheidung treffen konnte.
Nach einem schlimmen Hörsturz 2016 habe ich als Anwältin aufgehört. Ich war für zwei Monate als Wanderguide auf Kreta und habe freiberuflich für die Wander-App "Komoot" Touren beschrieben und Fotos gemacht. In einem Business-Coaching wollte ich herausfinden, welche Berufe zu mir passen. Danach habe ich knapp fünf Jahre als Syndikusanwältin/Legal Counsel in zwei verschiedenen Unternehmen für Erneuerbare Energien gearbeitet. Das Umfeld hat besser zu mir gepasst. Irgendwann waren die Vorstellungen meines Chefs und meine eigenen aber zu verschieden, deshalb musste ich da raus.
Was haben Sie dann gemacht?
Nach dem Business-Coaching hatte ich schon länger mit dem Gedanken gespielt, mich auch in dem Bereich selbstständig zu machen. Von außen betrachtet war es ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, mein Mann und ich waren gerade mitten im Umzug in unser Haus und unser jüngster Sohn war erst ein Jahr alt. Aber ich wusste, dass ich etwas ändern musste. Ich hatte zwar immer kleine Schritte gemacht, aber nie etwas komplett anderes versucht. Also habe ich 2022 ein sechsmonatiges Coaching gebucht, um zu lernen, wie man ein Online-Business aufbaut. Nach vier Monaten habe ich aber gemerkt, dass das nicht das Richtige für mich war. Trotzdem hätte ich ohne den Kurs wohl nie angefangen. 2022 habe ich mich als Life & Balance-Coach selbstständig gemacht.
Wie war die Anfangszeit?
Sehr hart. Ich habe viel gearbeitet. Die Leute haben ja nicht auf mich und mein Business gewartet. Ich musste erstmal Klienten akquirieren und Kontakte knüpfen, denn eigentlich kannte ich nur Juristen. Ich habe viele Netzwerktreffen besucht, erst online, dann in Berlin. Bis man wirklich Geld verdient, dauert es, deshalb braucht man immer einen Plan B und einen finanziellen Puffer. Wo das Geld herkommt, ist egal, also ob man etwas angespart hat, nebenbei noch arbeitet oder der Partner genug verdient.
"Natur entschleunigt und bringt auf andere Gedanken"
Mittlerweile sind Sie zertifizierte Natur-Mentaltrainerin und haben die ersten Klienten. Wen beraten Sie?
Im Kurs zum Online-Business vor vier Jahren habe ich gelernt, dass man seine Zielgruppe immer spitz definieren soll, also beispielsweise nur Juristinnen ab 35 Jahren. Ich verstehe den Ansatz, mache aber trotzdem das komplette Gegenteil. Ich berate alle. Dabei arbeite ich sowohl mit Privatpersonen als auch mit Unternehmen aus den verschiedensten Branchen. Mit den Teams verbringe ich teilweise auch mehrere Tage in Retreats mitten in der Natur, um etwa die Ziele für das nächste Jahr festzulegen. Ansonsten berate ich derzeit eine Führungskraft aus dem IT-Bereich und eine Juristin.
Welche Übungen machen Sie mit ihnen?
Das ist ganz unterschiedlich und kommt immer darauf an, welche Themen die Klienten mitbringen. Wenn es um "Stressbewältigung" geht, schreibe ich beispielsweise das, was uns stresst, auf Karten und hänge sie im Wald auf, etwa die inneren Antreiber "sei stark" oder "sei perfekt". Je nachdem, wie die Teilnehmenden bei den Karten reagieren, ob sie etwa Schweißausbrüche kriegen, findet man die Stressoren heraus und kann dann gezielt damit weiterarbeiten.
"Niemand arbeitet zwölf Stunden am Stück produktiv"
Gerade Juristen arbeiten viel und stehen unter hohem Druck. Haben Sie einen Tipp, wie man besser damit umgehen kann?
Eine typische Juristenantwort, aber: Es kommt darauf an. Manche fühlen sich von billable hours gestresst, andere davon, dass sie ihr Kind so früh aus dem Kindergarten abholen müssen, wieder andere davon, wenn sie es nicht schaffen, ihre fünf Akten am Tag abzuarbeiten. Man muss schauen, den eigenen Umgang damit zu finden.
Wichtig ist es immer, zwischendurch Pausen einzulegen – niemand arbeitet zwölf Stunden am Stück produktiv. Man muss ja keinen zweistündigen Waldspaziergang machen, aber fünf Minuten rauskommen machen schon viel aus. Und was einen Menschen erholt, ist auch sehr individuell: Bei manchen ist es eine Tasse Kaffee und tratschen mit der Kollegin, andere wollen raus an die Luft, manche ihre Füße hochlegen und nichts machen. Es muss nicht gleich eine Morgenroutine und eine Abendmeditation sein. Viele denken, man kann sich keine Pause erlauben, aber dann muss man sich fragen, was denn schon passieren kann – in den meisten Fällen geht es nicht um Leben und Tod.
Arbeiten Sie selbst noch juristisch?
Tatsächlich ganz frisch seit Anfang Oktober. Ich habe eine Teilzeitstelle im Bereich des Energie- und Umweltrechts angenommen, in einer Kanzlei, die meine Werte vertritt und lebt. Ich habe einfach gemerkt, dass ein Teil von mir die juristische Arbeit vermisst, und natürlich gibt der Job mir auch finanzielle Sicherheit. Für mich ist es aber wichtig, dass ich mir die Arbeitszeit weitestgehend selbst einteilen kann. Feste Zeiten von neun bis 15 Uhr sind nichts für mich, das würde mich zu sehr einengen. Es muss auch in Ordnung sein, dass ich mal ein paar Tage weg bin, wenn ich zum Beispiel in ein Retreat gehe. All das habe ich jetzt gefunden und weiß es sehr zu schätzen.
"War mit meinem Vater auf dem Kilimandscharo"
Sie sind auch leidenschaftliche Bergsteigerin. Wie sind Sie dazu gekommen?
Durch meinen Vater. Vor vielen Jahren hat er jemanden kennengelernt, der auf dem Kilimandscharo war, und dann hat er mich gefragt, ob ich das nicht auch mal ausprobieren möchte. Natürlich wollte ich, und dann waren wir 2011 sozusagen als "Test" auf dem Großglockner, dem höchsten Berg Österreichs. Anfang 2012 kam dann der Kilimandscharo. Seitdem lässt mich das Bergsteigen nicht mehr los. Man ist mehrere Tage in der Natur, mit dem Nötigsten, was man braucht. Man baut auch in kurzer Zeit eine intensive Beziehung zu seiner Gruppe auf, weil man sich in Extremsituationen aufeinander verlassen muss.
Welcher Berg war Ihr bisheriges Highlight?
Eine schwierige Frage, ich würde aber sagen, mein bisher höchster Berg, der Aconcagua in Argentinien mit knapp 7.000 Metern. Unser Gepäck wurde mit Maultieren bis ins Basecamp auf 4.300 Metern gebracht. Ab dort mussten wir unsere Camps selbst bauen, also das Zelt und den Gaskocher mitnehmen und überlegen, wie viel Essen wir für die Zeit brauchen. Das kannte ich vorher nicht. Am Kilimandscharo kamen wir abends an den Camps an, die Zelte waren aufgebaut, jeder bekam eine Waschschüssel mit erwärmtem Wasser und es wurde für uns gekocht. Am Aconcagua mussten wir erstmal Schnee suchen, um Wasser zuzubereiten und etwas zu kochen. In solchen Situationen lernt man sich selbst noch besser kennen.
"16 Stunden unterwegs und nur zwei Power-Gels gegessen"
Und bestimmt auch seine eigenen Grenzen.
Ja. In unserer Gruppe waren auch zwei Menschen, die leider höhenkrank geworden sind. Wir hatten Glück, dass Argentinien immer Soldaten auf Berge wie den Aconcagua schickt, um sicherzustellen, dass die Menschen von den Bergen auch wieder runterkommen. Sie hatten Medikamente dabei, die sie den beiden spritzen konnten. Wir mussten dann noch ungeplant eine Nacht länger oben bleiben, hatten also kein Essen mehr für den Abend und den Tag danach. Am Gipfeltag waren wir 16 Stunden unterwegs und ich habe nur zwei dieser Power-Gels gegessen. Wir mussten uns wirklich sehr konzentrieren am nächsten Tag, haben es aber zum Basecamp geschafft.
Was nehmen Sie aus dem Bergsteigen für Ihren Alltag mit?
Es gibt mir viel Kraft. Ich habe auch gelernt, mich nicht so schnell von äußeren Faktoren stressen zu lassen und ruhig zu bleiben. Auf dem Kilimandscharo rief unser Bergführer immer "pole, pole", also dass wir langsam machen sollten. Das sage ich mir selbst oft im Alltag, wenn alles etwas zu stressig werden will.
Veranstalten Sie auch Natur-Mentaltrainings in den Bergen?
Im nächsten Jahr wahrscheinlich schon. Von Berlin ist es zwar ein weiter Weg, aber ich habe einige Anfragen. In den Bergen kann man gut Mentaltraining machen – und gleichzeitig kann ich meiner Leidenschaft nachgehen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Nach ihrem zweiten Examen war Josefin Hahn gut drei Jahre Anwältin in einer Kanzlei in Berlin. Anschließend arbeitete sie als Legal Counsel und Syndikusanwältin in zwei Unternehmen für erneuerbare Energien. Seit Oktober 2022 ist sie selbstständig, seit einem Jahr ist sie zertifizierte Natur-Mentaltrainerin.
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