Ein Fallschirmjäger schwebt durch den Himmel, symbolisch für den Weg von der Hauptschule zum Jurastudium.
Hauptschule, Fallschirmjäger, Jurastudium

"Ich wollte immer Anwalt werden – meine Mit­schüler haben gelacht"

Interview von Dr. Franziska Kring17. November 2025, Lesedauer: 6 Minuten

Pierre Falkenburg kam von der Hauptschule auf die Realschule, verfehlte dann aber die Qualifikation fürs Gymnasium. Er ging zur Bundeswehr, holte sein Abitur nach und studierte Jura – ein harter Weg mit vielen kurzen Nächten.

LTO: Herr Falkenburg, Sie haben kürzlich Ihr Erstes Staatsexamen gemacht – mit 34 Jahren. Wollten Sie schon immer Jura studieren?

Pierre Falkenburg: Ja. Als ich in der neunten Klasse war und kurz vor dem Hauptschulabschluss stand, hat meine Lehrerin uns Schüler gefragt, was wir denn später machen wollen. Viele wollten etwa Zahnarzthelferin, Kfz-Mechatroniker oder Bürokaufleute werden. Dann war ich an der Reihe und habe gesagt, dass ich Anwalt werden möchte. Die Hälfte der Klasse hat gelacht. Auch die Lehrerin musste schmunzeln. Dieser Moment wird mir für immer in Erinnerung bleiben.

Was war das dann für ein Gefühl, als Sie schließlich Ihr Examenszeugnis in den Händen hielten?

Eine Mischung aus Erleichterung, Stolz und Dankbarkeit. Ich habe mein ganzes bisheriges Leben darauf hingearbeitet. Schon als ich die Zusage fürs Jurastudium bekommen habe, habe ich mich unglaublich gefreut. Aber den Moment, als ich mein Examenszeugnis in den Händen hielt, werde ich nie vergessen. Ich wusste, dass ich es geschafft habe und meinem Ziel noch ein Stück nähergekommen war.

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"Fürs Gymnasium hätte ich einen Schnitt von 3,0 gebraucht – ich hatte 3,1"

Der Weg bis hierhin war kein leichter.

Nein, in der Schule lief es nicht so gut. Auch wenn ich meinen Berufswunsch schon immer hatte, hatte ich immer andere Dinge im Kopf als in die Schule zu gehen und Hausaufgaben zu machen. Deshalb waren meine Noten in der Grundschule und in der Orientierungsstufe (Klasse 5 und 6) schnell schlecht und ich kam auf die Hauptschule. Natürlich war mir klar, dass ich langfristig etwas ändern musste, um wirklich Anwalt werden zu können. 

Viele meiner Freunde waren nach der Grundschule aufs Gymnasium gekommen und bereiteten sich auf die Oberstufe vor. Das hat mich nochmal motiviert und ich habe dann meinen Hauptschulabschluss mit einem Schnitt von 2,0 gemacht. Danach ging ich auf die Realschule, um meinen Abschluss nachzuholen, aufs Gymnasium zu wechseln und Abitur zu machen. Dafür hätte ich einen Notenschnitt von 3,0 gebraucht – und ich hatte 3,1. Das war die erste richtig große Enttäuschung in meinem Leben.

Pierre Falkenburg. Foto: Foto Schuh/Schwerin.

Mit Ihrem Realschulabschluss hätten Sie eine Ausbildung machen können. 

Ja. Ich habe lange überlegt und recherchiert, aber keinen Ausbildungsberuf gefunden, mit dem ich mich identifizieren konnte. Ich wollte nicht einfach eine Ausbildung machen, um irgendwas zu haben. Ich wollte etwas machen, was wirklich zu mir passt und was mir langfristig eine Perspektive bietet. Ich war auch immer schon sportlich sehr ehrgeizig und habe in der Jugend lange leistungsorientiert Handball gespielt. Dann kam ich auf die Bundeswehr: Diese Mischung aus einem spannenden Job, einer physischen und psychischen Herausforderung und Disziplin hat mich sehr gereizt.

"Ich war erst Panzergrenadier, dann bei den spezialisierten Kräften"

Was haben Sie bei der Bundeswehr gemacht?

Bei der Bundeswehr gibt es je nach Interesse und Schulabschluss verschiedene Laufbahnen. Im militärischen Dienst unterscheidet man drei Laufbahnen: Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere. Bei der Unteroffiziers- und der Offizierslaufbahn wird man drei Jahre lang gezielt darauf vorbereitet, später Führungsverantwortung zu übernehmen. Mit meinem Realschulabschluss konnte ich die Unteroffizierslaufbahn einschlagen und habe dann die Ausbildung zum Feldwebel im Truppendienst gemacht. Dabei verpflichtet man sich zwangsläufig für zwölf Jahre bei der Bundeswehr. 

Die ersten drei Jahre war ich bei den Panzergrenadieren und damit Teil der fahrzeuggestützten Infanterie. Danach wollte ich aber eine neue Herausforderung und habe mich für die sogenannten "spezialisierten Kräfte des Heeres EGB" beworben, eine Einheit innerhalb der Fallschirmjäger, die eng mit den Spezialkräften zusammenarbeitet.  Nach erfolgreichem Abschluss des Auswahlverfahrens blieb ich für den Rest der Zeit dort. 

Welche Aufgaben haben die EGB-Kräfte?

Die Soldaten, die Teil dieser Einheit sind, werden darauf vorbereitet, besonders gefährliche Operationen durchzuführen, um beispielsweise gegnerische Schlüsselinfrastruktur zu besetzen, etwa Radarstationen, Brücken und Flughäfen. Es geht auch darum, Entscheidungsträger zu suchen und festzusetzen, etwa die Führungskräfte der Taliban-Struktur, wie es in Afghanistan der Fall war. Auch die bewaffnete Rückführung deutscher Staatsbürger aus Krisenregionen gehört zu den Aufgaben der EGB-Kräfte. 

Sie waren dann insgesamt zwölf Jahre bei der Bundeswehr. Haben Sie nie daran gedacht, Berufssoldat zu werden und den Traum vom Jurastudium aufzugeben?

Nein. Ich wusste vom ersten bis zum letzten Tag bei der Bundeswehr, dass ich Jura studieren möchte. Ich habe mich auch bewusst für die Laufbahn als Unteroffizier entschieden, weil diese eine sogenannte Berufsförderungszeit von fünf Jahren für ausscheidende Soldaten vorsieht, in der man sich auf das "Zivilleben" vorbereitet und zusätzlich finanziell unterstützt wird. Man wird die letzten zwei Dienstjahre freigestellt und erhält nach Dienstende noch drei Jahre weiter 90 Prozent des Soldes. Ich habe das dann einkalkuliert und drei Jahre vor meinem Dienstende angefangen, das Abendgymnasium zu besuchen, damit ich direkt mit meiner Freistellung mit dem Jurastudium beginnen konnte.

"Die Abendschule ging bis 22:30 Uhr, Dienstbeginn bei der Bundeswehr war um 6:45"

Wie haben Sie das unter einen Hut bekommen?

Das frage ich mich mittlerweile auch. Im Nachhinein muss ich mir eingestehen, dass ich während der Zeit körperlich und geistig am absoluten Limit war. Nicht mal die Examensvorbereitung, die auch der Horror war, war so schlimm wie diese Doppelbelastung. Dienstbeginn war immer morgens um 6:45 Uhr. Da ich in Hamburg gewohnt und in der Nähe von Bremen gearbeitet habe, musste ich jeden Tag eine Stunde zur Arbeit pendeln. Nach Dienstende um 16:30 ging es direkt auf die Autobahn, um pünktlich um 17:30 Uhr in der Schule zu sein. Schluss hatten wir um 22:30 Uhr, danach musste ich als Führungskraft oft noch meinen Dienst für den nächsten Tag bei der Bundeswehr vorbereiten. 

Geschlafen habe ich also nicht mehr als vier oder fünf Stunden pro Nacht, mein Wecker ging immer um 4:45. An den Wochenenden habe ich Hausaufgaben gemacht und für die Klausuren gelernt – auf Freizeit habe ich also verzichtet. Nach ungefähr 1,5 Jahren konnte ich meine Versetzung an die Bundeswehruniversität in Hamburg erreichen und habe dort als Schießlehrer gearbeitet, deshalb fiel zumindest das Pendeln weg. Drei Jahre lang dieses Pensum hätte ich aber wohl auch nicht durchgehalten.

"Im Studium habe ich mehr von der Bundeswehr profitiert, als mir anfangs bewusst war"

Danach also Jura. Wie war das Studium für Sie? Brachten Ihnen die Erfahrungen aus der Bundeswehrzeit etwas?

Am Anfang war es nach der langen Zeit bei der Bundeswehr eine große Umstellung. Richtig Spaß hat mir das Studium erst ab dem dritten Semester gemacht. Mit der Zeit habe ich mich an die analytische, logische und abstrakte Denkweise gewöhnt und das strukturelle Arbeiten liegt mir. Ich mochte es auch, dass ich mir meine Zeit selbst einteilen konnte. Es gibt ja nicht viele Pflichtveranstaltungen und ich konnte schon immer besser allein zu Hause lernen.

Rückblickend habe ich viel mehr von der Bundeswehr profitiert, als mir am Anfang bewusst war. Die Zeit hat mich geprägt, was Disziplin, Belastbarkeit und Organisationsvermögen angeht – diese Eigenschaften sind im Jurastudium zwingend nötig. Und ich war es einfach gewohnt, mir Ziele zu setzen, Prioritäten zu definieren und konsequent weiterzumachen, auch wenn es anstrengend wird. 

Nach dem ersten Staatsexamen geht es im Dezember für Sie ins Referendariat. Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Im Moment arbeite ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer auf Insolvenz und Restrukturierung spezialisierten Kanzlei. Diese Kombination aus juristischem Wissen und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen reizt mich sehr. Im Referendariat möchte ich viel ausprobieren, um mich dann gezielt zu spezialisieren. Ich könnte mir auch eine Tätigkeit als Jurist bei der Bundeswehr oder allgemein innerhalb der Sicherheitsarchitektur Deutschlands vorstellen, also etwa bei der Polizei oder dem Zoll.

"Mut wird am Ende immer belohnt"

Was raten Sie Menschen, die etwas verändern möchten?

Ich möchte anderen Menschen Mut machen, den eigenen Weg zu gehen – auch dann, wenn er anders verläuft als geplant. Für eine Veränderung ist es nie zu spät. Man muss bereit sein, zwei Schritte zurückzugehen, um dann wieder drei Schritte vorwärts machen zu können. Der eigene Wille entscheidet, ob man es durchzieht oder nicht. Aus Angst vor dem Unbekannten verharren viele zu lange in einer Situation, die sie unglücklich macht. Und das ist das Schlimmste, was man tun kann. Veränderung braucht Mut – und Mut wird am Ende immer belohnt.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg weiterhin.

Nach dem Haupt- und Realschulabschluss war Pierre Falkenburg zwölf Jahre als Panzergrenadier- und Fallschirmjägerfeldwebel bei den Spezialisierten Kräften des Heeres EGB bei der Bundeswehr. Im Juni 2019 bestand er sein Abitur am Abendgymnasium. Im Sommer 2025 schloss er sein Jurastudium an der Universität Hamburg mit dem Ersten Examen erfolgreich ab.

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