Jules Verne als Jurist: Fragen, die aus der Hölle kommen

Man denkt bei ihm an Abenteuer auf dem Grund des Meeres, an die erste Fahrt zum Mond, an eine spektakuläre Weltumrundung oder an die Reise zum Mittelpunkt der Erde. Kaum jemand aber bringt ihn mit der (scheinbar) trockenen Materie der Juristerei in direkten Zusammenhang. Und doch war Jules Verne einer der bekanntesten - Juristen. Vor 150 Jahren schrieb er sein erstes Buch.

Die Utopie "Paris im 20. Jahrhundert" aus dem Jahre 1860 war nicht nur das erste von Verne verfasste Buch, es war zugleich das letzte, das das Licht der Öffentlichkeit erblickte: Es wurde erst 1989 entdeckt, als Jean Verne, ein Enkel Jules Vernes, den Stahltresor seines Vaters Michel aufbrechen ließ und darin das Manuskript des Großvaters fand.

Jules Verne schrieb Bestseller wie "20.000 Meilen unter dem Meer" und ließ darin  Kapitän Nemo in seinem atomgetriebenen U-Boot den Kampf gegen die Zivilisation aufnehmen, als in der Realität die Dampfschiffe noch gar nicht lange Zeit zuvor das Erbe der alten Segler angetreten hatten. Phileas Fogg reiste in "80 Tagen um die Welt" zu Zeiten, als eine Atlantiküberquerung fast noch einem Abenteuer glich. Vernes Helden betraten schon den Mond, als der Begriff "Apollo" nur in der Mythologie Bedeutung hatte.

Auf Wunsch des Vaters hatte Verne Jura studiert, doch dieses Metier nie ausgeübt. Mit der Justiz kam Verne nur in Kontakt, als gegen ihn wegen Verleumdung und eines angeblichen Plagiats verhandelt wurde. Doch dürfte ihm sein Studium zumindest nicht geschadet haben: all seine Bücher beruhen auf exaktesten Recherchen und visionären Deduktionen. Und hier trifft sich – vielleicht - der Science-Fiction-Autor mit dem Rechtsgelehrten: beide brauchen manchmal fast hellseherische Fähigkeiten, müssen hin und wieder in die Zukunft sehen können und dann ihr Ergebnis klar und überzeugend niederschreiben.

Jurastudium auf Wunsch des Vaters

Jules Vernes Vater Pierre-Gabriel war in Nantes ein erfolgreicher und anerkannter Anwalt. Jules als der älteste Sohn sollte einmal die Kanzlei des Vaters übernehmen. Nach dem erfolgreich abgelegten Abitur begann der junge Verne im Jahre 1846 sein Jurastudium in Nantes.

Da sein Vater ihn nicht von der Leine lassen wollte (Jules war bereits als Junge einmal ausgebüxt, wollte zur See), reiste Verne nur zur Ableistung der ersten Examina in die Hauptstadt nach Paris. Sein Kommentar zum Prüfungsablauf:

<cite>"Das sind die Fragen, die von den Sieben Bergen herkommen und urplötzlich auftauchen, ohne dass man den Ort bestimmen kann, der sie absondert. Sie müssen schon aus der Hölle kommen. Die Professoren scheinen ein Vergnügen darin zu finden, das Allerschwierigste und Unerwartetste in Fragenform zu suchen, um es Dir um die Ohren zu schlagen, und dann sagen sie Dir: ‚In meiner Vorlesung habe ich davon gesprochen.’ Darauf können dann gewisse Leute wie ich nichts antworten. Jedes Mal, wenn ein Examen naht, macht man sich den Vorwurf, nicht an der Fakultät studiert zu haben."</cite> (1) 

Vernes Ergebnis ließ sich dennoch  sehen: er bestand die Prüfungen mit zweimal "gut" und zweimal "befriedigend". Verne setzte sich bei seinen Eltern mit seinem Wunsch durch, in Zukunft in Paris studieren zu dürfen. Das war der Start für eine große Weltkarriere. Verne traf in Paris auf zahlreiche Künstler, unter ihnen der Schriftsteller Alexandre Dumas. Unter seinem Einfluss entstand Vernes erstes Werk "Les Pailles rompues", das am 12. Juni 1850 am Theater von Dumas uraufgeführt wurde.

Abschluss des Studiums und Abkehr von der Justiz

Verne besteht 1848  sein zweites Examen  ohne großen Enthusiasmus. Für die Zukunft sah Verne in der Juristerei nicht seine Erfüllung. Er ließ sich zwar standesgemäß als Anwalt registrieren. Die von den Eltern favorisierte Stelle in einem Notariat trat er aber dann nicht an. Zu den "Trotteln" zurück nach Nantes wollte er nicht mehr.

Um seinen Eltern nicht zur Last zu fallen, arbeitet Verne für kurze Zeit in einer Bank. Daneben gibt er Nachhilfeunterricht im Recht. Doch 1852 kehrt er der Juristerei endgültig den Rücken und widmet sich nun mehr und mehr der Schriftstellerei. Seinem Vater erklärt er dazu:

<cite>"Die Literatur über alles, denn hier allein kann ich es zu etwas bringen, weil mein Geist unabänderlich auf diesen Punkt fixiert ist! Wozu all meine Gedanken zu diesem Thema wiederholen, Du kennst sie gut genug, mein lieber Papa, und Du weißt, dass früher oder später, mache ich nun zwei Jahre Recht oder nicht, beide Laufbahnen einander töteten, wenn sie gleichzeitig betriebe, und auf lange Sicht hätte die Advokatur bei mir keine Hoffnung."</cite> (2)

Nach einem Zwischenspiel als Börsenmakler wird das Schreiben dann zu Vernes Hauptberuf. Jules Verne war ein äußerst produktiver Autor. Er veröffentlichte bis zu seinem Tod die stolze Zahl von 65 Romanen. Dazu kamen drei Theaterstücke, etliche Libretti und einige Kurzgeschichten. Schon Ende des 19. Jahrhunderts war Jules Verne berühmt - selbst der Papst gewährte ihm Audienz. Vernes Bücher wurden in mehr als 140 Sprachen übersetzt. Viele seiner Werke wurden auch verfilmt.

Letzte Erfahrungen mit der Justiz

Nur noch zweimal bekam es Verne mit der Justiz zu tun. Im Jahr 1875 musste er sich eines Plagiatsvorwurfs wegen seines Romans "Die geheimnisvolle Insel" erwehren. Der Prozess fand im Januar 1877 statt und endete mit Vernes Freispruch. 20 Jahre später hatte Verne seinen zweiten Prozess am Hals. Der Chemiker Eugène Turpin fühlte sich durch Vernes Roman "Die Erfindung des Verderbens" verleumdet und lächerlich gemacht. Jules Verne lässt sich vom damaligen Staranwalt Raymond Poincaré verteidigen und gewinnt in erster und 1897 schließlich auch in zweiter Instanz.

Verne schrieb nicht nur Romane und Theaterstücke. Er war auch Autor geografischer Abhandlungen. Verne interessierte sich für Chemie, Zoologie, Physik und Technik. Aus den zeitgenössischen Medien bezog er seine Informationen, die er in einer Kartei in über 20.000 Notizen ablegte. Ständig durchforstete er die neueste Fachliteratur, studierte die Exponate der Weltausstellungen. Auf Grundlage dieser Informationen schuf er seine Wunderwelten und propagierte seine Idee von der Gestaltbarkeit sozialen Fortschritts. Viele seiner Visionen nehmen technische Entwicklungen vorweg, die (erst) in der Neuzeit selbstverständlich sind.

Doch Jules Vernes Spätwerk zeigt die Abkehr von der Technikeuphorie. Eine Welt, in der die Physik alle Metaphysik verdrängt, muss scheitern. Aller Mut und alles Wissen sind machtlos gegen die Natur und gegen das Tier im Menschen. Und jeder Fortschritt birgt die Gefahr des Missbrauchs. Und auch mit dieser Einsicht war Jules Verne seiner Zeit schon weit voraus.

Vernes Tod und sein Vermächtnis

Verne leidet bis zu seinem Tod an den Folgen eines Attentats, das sein nervenkranker Neffe Gaston im Jahr 1886 an ihm verübt hatte. 1895 erblindet Verne am linken Auge. Im Jahr 1900 verschlechtert sich Vernes Gesundheitszustand weiter: aufgrund seiner Erkrankung am Grauen Star leidet er nun auch unter starken Sehstörungen auf dem rechten Auge. Eine Operation schiebt er immer wieder hinaus. Im November 1904 hat er einen ersten schweren Diabetesanfall. Verne stirbt am 24. März 1905 nach einem zweiten Diabetesanfall in Amiens. Am 28. März wird  er auf dem Madeleine-Friedhof beerdigt.

Verne hinterlässt ein mehr als 80 Titel umfassendes Werk, das in fast alle europäischen Sprachen übersetzt wurde und immer wieder neu aufgelegt wird.

(1) Dehs, Jules Verne, 2. Auflage 1993, S. 21.
(2) Dehs, Jules Verne, 2. Auflage 1993, S. 28.

Der Autor Adolf Rebler ist Regierungsamtsrat in Regensburg

Zitiervorschlag

Adolf Rebler, Jules Verne als Jurist: Fragen, die aus der Hölle kommen . In: Legal Tribune Online, 11.07.2010 , https://www.lto.de/persistent/a_id/936/ (abgerufen am: 04.10.2022 )

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