Serie Law Journals: Der Jurist

Kleine Auflage, riesige Fangemeinde

von Jens KahrmannLesedauer: 7 Minuten
"Der Jurist" aus Passau ist eine studentische Fachzeitschrift, die außergewöhnliche Popularität genießt – zumindest auf Facebook. Sie hat dort über 15.000 Fans, mehr als zum Beispiel der Beck-Verlag mit seiner Seite für Jura-Studenten. Tobias Gafus und Kajetan A. Uhlig erklären, wie sie in sozialen Netzen so erfolgreich geworden sind und warum die Zeitschrift trotzdem im Mittelpunkt steht.

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LTO: Ihr kennt den "Juristen" seit Anbeginn.* Erzählt doch mal, wie eure Zeitschrift entstanden ist. Kaj: Man darf es eigentlich gar nicht laut sagen, aber die Idee ist 2010 zwei Flaschen Rotwein entsprungen. Sie lautete: Studenten sollen ihre eigene Plattform haben, auf der sie publizieren können. Zum ersten Mal verkauft wurde die Zeitschrift dann 2011 und jüngst ist die zweite Ausgabe erschienen. An der Grundidee hat sich bis heute nichts geändert. LTO: Könnt ihr uns etwas mehr über euer Konzept erzählen? Wie geht ihr vor, wenn ihr einen Beitrag zugeschickt bekommt? Tobias: Zunächst einmal gibt es eine eiserne Grundregel. Die lautet: Bei uns veröffentlichen nur Studenten und Referendare, da diese es häufig schwer haben, ihre Artikel zu publizieren – selbst wenn sie inhaltlich exzellent sind. Überall in der Republik sitzen Studenten, deren Ideen es Wert sind, publiziert zu werden. Denen wollen wir eine Plattform bieten. Wenn wir einen Aufsatz zugeschickt bekommen, wird der zunächst komplett anonymisiert. Das heißt, es gibt in der ganzen Redaktion nur eine Person, die weiß, von wem der Beitrag stammt. Diese Person übernimmt dann auch die gesamte Kommunikation mit den Autoren, bleibt aber beim Auswahlprozess außen vor. Durch dieses Verfahren stellen wir sicher, dass persönliche Präferenzen keine Rolle spielen können. Dann besprechen wir in der Redaktion den Beitrag und messen ihn an einem harten Kriterienkatalog. Anschließend geben wir die besten  Artikel an den wissenschaftlichen Beirat – also an die Professoren -  weiter. Diese verfassen dann ein Votum, das wir auch den Autoren zukommen lassen. Anhand des Votums führen wir dann mit den Autoren die letzten Überarbeitungen durch. Im Idealfall haben die Autoren dann nicht nur ihren ersten Aufsatz publiziert, sondern auch noch ein paar wertvolle Tipps fürs nächste Mal bekommen. Kajetan A. Uhlig, Gründer des

"Jurist"-Mitgründer** Kajetan A. Uhlig (l.) und Chefredakteur Tobias Gafus

"Wir wollen, dass jeder Zugang zur Zeitschrift hat"

LTO: In welcher Auflage erscheint ihr derzeit? Tobias: Momentan erscheint "Der Jurist" in einer Auflage von 600 Exemplaren. Das wirkt wenig, aber am wichtigsten ist uns, dass jeder Interessierte in jeder Rechtsbibliothek hierzulande Zugang zu der Zeitschrift hat und dafür reicht die Auflage vollkommen. Noch sind wir nicht überall verfügbar, aber wir haben ein Ressort, das  mit der Verbreitung befasst ist. LTO: Euer Internetauftritt wirkt höchst professionell. Und Juristen sind ja nicht unbedingt dafür bekannt, dass sie von Haus aus tolle Webdesigner sind. Wer macht das alles bei euch? Kaj: Wir haben viele talentierte Juristen um uns, die in ihrer Freizeit einer völlig fachfremden Leidenschaft nachgehen – das geht über Fotografie und IT bis hin zum Design. Und so kommt am Ende in der Redaktion sehr viel Know-how zusammen. "Der Jurist" ist letztlich ein Gemeinschaftsprojekt, zu dem jeder einen Teil beiträgt. Der Erfolg wird letztlich der Redaktion zugeschrieben – die weiß dann schon wem sie ein Bier ausgeben kann. Tobias: Wir sprechen mitunter aber auch Studenten aus anderen Fachbereichen an und haben auch BWLer und Staatswissenschaftler unter uns. "Der Jurist" ist strukturiert wie ein kleines Unternehmen. Da ist jeder gern gesehen. Wir brauchen Experten für ganz unterschiedliche Aufgaben. Nur mit juristischer Exzellenz lässt sich keine Zeitschrift verlegen. Leider fühlen sich aber manche vom Titel unserer Publikation abgeschreckt.

"Die Zeitschrift steht im Mittelpunkt"

LTO: Aufgrund eurer umfassenden Social-Media-Aktivitäten wirkt ihr fast so, als wäret ihr mehr als "nur" eine jährlich erscheinende studentische Fachzeitschrift. Wie seht ihr das selbst? Tobias: Grundsätzlich sind wir doch ein studentischer Verlag, der wissenschaftliches Arbeiten unter Studenten fördert und auch den akademischen Alltag bereichern will. Dafür ist die Zeitschrift elementar und steht auch nach wie vor im Mittelpunkt  unserer Aktivitäten.  
Aber du hast natürlich Recht – wir machen schon noch mehr. Zum Beispiel organisieren wir jährlich eine Veranstaltungsreihe, für die wir  schon hochkarätige Redner gewinnen konnten, wie z.B. einen BGH- und einen BVerfG-Richter oder einen Professor aus Harvard. * In der Ursprungsversion dieses Interviews lautete der Satz "Ihr kennt den 'Juristen' seit Anbeginn und wart bei der Gründung dabei". Wir haben dies am 19.12.2012 korrigiert, da Tobias Gafus nicht satzungsgemäßes Gründungsmitglied des 'Juristen' war. ** In der Ursprungsversion dieses Interviews wurde Kajetan Ulrich an dieser Stelle als "Gründer" genannt. Um den Eindruck zu vermeiden, er sei der einzige Gründer und nicht Teil eines Teams gewesen, haben wir die Bezeichnung am 19.12.2012 in "Mitgründer" geändert.

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[2/2] "Wir haben geschaut, wie andere erfolgreiche Seiten es machen"


LTO: Viele Kommilitonen haben euch über eure Facebook-Seite kennengelernt. Die Zahl der Fans ist im Oktober innerhalb von zwei Wochen durch die Decke gegangen. Inzwischen habt ihr über 15.000 Likes! Was ist passiert? Kaj: Die Frage reiße ich mal an mich, da ich die Facebook-Seite in diesem Zeitraum betreut habe. Wir haben uns zuvor als Redaktion zusammengesetzt und uns intensiv mit Social-Media-Strategien beschäftigt. Wir haben uns angeschaut, wie andere erfolgreiche Seiten es machen und daraus ein eigenes Rezept entwickelt: Man nimmt eine Handvoll Nützliches, ein bisschen Regelmäßigkeit und eine gute Prise Glück. Dann beobachtet man, wie die Mixtur dem Leser schmeckt und würzt noch etwas nach. Und es klappt: Im letzten halben Jahr haben wir fast 7 Millionen Leute über Facebook erreicht. LTO: Eure Timeline ist interessant. 2010 und 2011 wart ihr kaum präsent. Sehr aktiv seid ihr erst seit diesem Sommer. Was war der Anlass, euch so stark auf Facebook zu engagieren? Tobias: Das ist vor allem dem Entwicklungsprozess geschuldet. Am Anfang gibt es ganz andere Hürden zu überwinden: Man muss Sponsoren gewinnen und schauen, dass genug Geld zur Verfügung steht. Man muss Projekte initiieren und hinterher auch dafür werben. Und nun, wo wir uns hinreichend darum gekümmert haben und entsprechende Erfahrungen gesammelt haben, können wir uns anderen Dingen zuwenden – dazu gehört auch die Aktivität in den sozialen Netzen. Wir sind übrigens nicht nur bei Facebook, sondern auch bei Twitter und  Xing.

"In der Zeitschrift nehmen wir uns zurück"

LTO: Findet sich das besondere Design und der Spirit von Facebook und Website eigentlich in der Zeitschrift wieder? Kaj: Nein, es gibt schon eine deutliche Diskrepanz zwischen der Zeitschrift und dem Online-Auftritt. Das liegt daran, dass es zwei völlig unterschiedliche Medien sind. Facebook gleicht einem belebten Marktplatz, auf dem man ständig präsent sein muss – in der Zeitschrift hingegen nehmen wir uns ganz zurück, damit unsere Autoren im Vordergrund stehen. Das drückt sich auch in der schlichten und dezenten Gestaltung aus. LTO: Besteht nicht trotzdem die Gefahr, dass sich die Wahrnehmung der Leser verschiebt? Dass ihr eher als juristischer Spaßverein wahrgenommen werdet, als Herausgeber einer juristischen Fachzeitschrift? Tobias: Das glauben wir nicht. Facebook soll die Wahrnehmung  nicht verschieben, sondern verstärken. Wir wollen als Marke präsenter werden und dadurch mehr Leute erreichen. Kaj: Um vielleicht nochmal auf das Beispiel des Marktplatzes zurückzukommen: Nur weil der Marktschreier lauter schreit, ist sein Fisch deswegen ja nicht schlechter.

"Wir arbeiten an einem Franchising-Modell"

LTO: Wie geht es denn weiter für den "Juristen"? Kaj: Das ist eine spannende Frage, das wüssten wir auch gerne. Spaß beiseite – wir müssen jetzt das Projekt weiter verfestigen. Denn Beständigkeit liegt ja auch im Interesse unserer Autoren, die uns mit ihren Artikeln ihr Vertrauen schenken. Außerdem arbeiten wir an einer Art Franchising-Modell. Wir würden gerne unsere Idee an andere Universitäten ohne eigene studentische Fachzeitschrift exportieren, um möglichst vielen jungen Autoren zu ermöglichen, ihre Aufsätze zu veröffentlichen. LTO: Das heißt, neuen Startups in diesem Bereich würdet ihr empfehlen, sich vertrauensvoll an euch zu wenden? Tobias: Das wäre natürlich erst einmal das einfachste, weil wir ja schon seit zwei Jahren dabei sind und bereits aus vielen Fehlern lernen konnten. Diese Fehler können wir also anderen Leuten ersparen. Einen weiteren Tipp habe ich aber für neue Redaktionen: Man sollte sich nicht ausschließlich dienstlich zusammensetzen, sondern ab und an auch mal gemeinsam etwas trinken gehen. Die Arbeitsatmosphäre ist eine ganz andere, wenn man sich kennt und mag. LTO: Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg. "Der Jurist" im Internet:
* In der Ursprungsversion dieses Interviews lautete der Satz "Ihr kennt den 'Juristen' seit Anbeginn und wart bei der Gründung dabei". Wir haben dies am 19.12.2012 korrigiert, da Tobias Gafus nicht satzungsgemäßes Gründungsmitglied des 'Juristen' war. ** In der Ursprungsversion dieses Interviews wurde Kajetan Ulrich an dieser Stelle als "Gründer" genannt. Um den Eindruck zu vermeiden, er sei der einzige Gründer und nicht Teil eines Teams gewesen, haben wir die Bezeichnung am 19.12.2012 in "Mitgründer" geändert.

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