Durchfaller im Zweiten Staatsexamen

Ab ins "Boot­camp" für Juristen?

von Marcel SchneiderLesedauer: 6 Minuten
"Hier ist Jura kein Fach, sondern ein Zustand", schreibt das Zeit-Campus-Magazin über den Ergänzungsvorbereitungsdienst für Referendare. Dabei würde sich das, was das Blatt als Tortur darstellt, so mancher Jurist viel früher wünschen.

In dem Artikel geht es um Johan. Der heißt nicht wirklich so, berichtet aber als Referendar über seine Erfahrungen am Oberlandesgericht (OLG) Schleswig mit dem Ergänzungsvorbereitungsdienst (EVD) – im Beitrag als "Bootcamp" betitelt. Nun mag es auch ein Stück weit an der Textgattung liegen – Reportagen sind naturgemäß emotional aufgeladen und erzählen vornehmlich aus einer Perspektive -, doch der Artikel zeichnet schon ein ziemlich düsteres Bild davon, was Durchfaller des Zweiten Staatsexamens im EVD (angeblich) erwartet. So erweckt die Geschichte den Eindruck, Johan würde geradezu geknechtet: Wenn er nicht zu Übungszwecken Klausur um Klausur unter simulierten Examensbedingungen hinter sich bringt, sitzt er in Arbeitsgemeinschaften oder lernt am Schreibtisch seiner spartanisch eingerichteten, extra für die Zeit in Schleswig angemieteten Mietwohnung. Die liegt auch noch neben einer Leichenhalle. Teilnahme verpflichtend, heißt es in dem Text. Seine Partnerin in Lübeck hat er seit zehn Wochen nicht gesehen, aus Angst, bei zu langer Abwesenheit mit dem Stoff nicht hinterherzukommen. Und ein Kollege, der Vater wurde, habe um die Bewilligung seines Urlaubs regelrecht kämpfen müssen, bevor er sein Neugeborenes endlich sehen durfte. Schlimme Sache offenbar, dieser EVD.

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"Ein Erfolgsmodell: 90 Prozent bestehen danach das Zweite Examen"

Am OLG Schleswig ist man über diese Darstellung verwundert. Dr. Franziska Kehrer zeichnet für den EVD dort verantwortlich. Sie sagt: "2004 hat Schleswig-Holstein den Ergänzungsvorbereitungsdienst wegen der hohen Durchfallquoten eingeführt – als Vorreiter aller Bundesländer. Das Angebot ist ein absolutes Erfolgsmodell geworden, circa 90 Prozent der teilnehmenden Referendare bestehen das Zweite Examen dann im Folgeversuch." Inzwischen haben tatsächlich fast alle Bundesländer einen EVD eingeführt, auch wenn dieser je nach Dienstherr unterschiedlich intensiv ausgetaltet ist. Wie der Begriff schon sagt, wird etwas ergänzt – nämlich die reguläre Dienstzeit als Referendar um drei bis zwölf Monate, ebenfalls je nach Bundesland. Manche Länder kürzen den Referendaren die Unterhaltsbeihilfe in dieser Zeit, aber die Idee ist immer dieselbe: Durchfaller sollen gezielt unterstützt werden und sich voll und ganz auf den zweiten Versuch konzentrieren können. Schließlich hat der Staat bis dahin eine Menge Ressourcen in den Referendar investiert und der Nachwuchs an Volljuristen, der auch ohne Doppel-Prädikat bei den Ländern begehrt ist, sinkt seit Jahren. Von müssen übrigens, das sich in der Zeit-Campus-Reportage liest wie der ehemalige Grundwehrdienst, kann keine Rede sein: Die Referendare sind nicht gezwungen, am Ergänzungsvorbereitungsdienst teilzunehmen. Sie können nach dem misslungenen ersten Versuch auch aus dem öffentlich-rechtlichen Ausbildungsverhältnis ausscheiden und die Wiederholung auf eigene Faust angehen – oder es bleiben lassen. Bloß erhalten sie dann auch keine Unterhaltsbeihilfe mehr vom Staat. Extra eine Zweitwohnung nehmen muss man sich auch nicht zwingend. Johan aus dem Zeit-Campus-Artikel hat es vermutlich aus freien Stücken getan, um nicht jeden Tag von Lübeck die gut 140 Kilometer bis nach Schleswig pendeln zu müssen.

32 Klausuren gegen die Angst

"Natürlich sind wir streng", sagt Kehrer. "Die Zeit hier dient schließlich einem wichtigen Ziel, nämlich dem Bestehen des Examens. Wer den Ergänzungsvorbereitungsdienst antritt, steht weiterhin in einem Dienstverhältnis mit dem Land, bei dem Pünktlichkeit eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müsste. Das mache ich Kandidaten, die sich beispielsweise zur Probeklausur verspäten, bei Bedarf auch in eingehenden Einzelgesprächen gerne wieder bewusst." Urlaub aus gewichtigen Gründen zu bekommen, zum Beispiel um sein neugeborenes Kind zu sehen, sei indes schon wegen der menschlichen Aspekte kein Problem. Im EVD liegt das Hauptaugenmerk in vielen Bundesländern auf dem Schreiben und intensiven Nachbesprechen von Original-Examensklausuren aus der Vergangenheit. In Schleswig-Holstein schreibt ein Teilnehmer vier Monate lang in der Regel zwei davon pro Woche. Das macht am Ende 32 Probearbeiten insgesamt, 16 im Zivil-, je acht im Straf- und Öffentlichen Recht. Dazu kommen Arbeitsgemeinschaften (AG) und allgemeiner Grundlagenunterricht. Das Besondere: Vorwiegend organisieren die Bundesländer Dozenten und AG-Leiter aus der unmittelbaren Examenspraxis – also den Landesjustizprüfungsämtern. "Hier in Schleswig sind das in der Regel Prüfer aus dem Gemeinsamen Prüfungsamt, das das Land mit Hamburg und Bremen zusammen unterhält. Die wissen ganz genau, wo die typischen Fehler von Durchfallern liegen, und trimmen die Wiederholer aufs Klausurenschreiben", sagt Kehrer.

"Das Examen ist auch Kopfsache"

Zu wenige Klausuren schreiben – das sei der häufigste Grund für das Misslingen des ersten Versuchs, sagt Kehrer. Kein Erfolg ohne Routine, das ist mittlerweile kein großes Geheimnis mehr. Auf Platz zwei der Gründe, warum Durchfaller eben durchfallen, sieht die Juristin zu große Lücken im materiellen Recht, insbesondere im Strafrecht: "Wenn die Leute selbst das Grundlegendste erst einmal nachschlagen müssen, ist das Zeitproblem in der Klausur vorprogrammiert." Und schließlich gibt es noch die kleine Gruppe derjenigen Kandidaten, die dem Druck nicht standhalten konnte oder etwa Prüfungsangst hat. Kehrer dazu: "Die Gründe fürs Durchfallen suche ich mit den Kandidaten im Einzelgespräch. Das Examen ist auch Kopfsache – und bei Bedarf habe ich eine Liste von Beratungsstellen parat. Und neben Taschentüchern immer Schokolade in Griffweite." Das Ding mit der Kopfsache kennt auch Dr. Peter Thurn vom OLG Köln. Der Richter leitete über ein Jahrzehnt die örtliche Repetenten-AG. Er meint: "Es ist gut nachvollziehbar, dass man nach dem traumatischen Erlebnis des Scheiterns im Examen nicht gerade guter Dinge ist. Aber meiner Erfahrung nach geben sich die in der Ausbildung im Ergänzungsvorbereitungsdienst Engagierten alle Mühe, die Betroffenen auch psychologisch aufzufangen."

"Warum muss man dafür erst durchfallen?"

Wenn man sich unter Referendaren umhört, die das Angebot nutzen oder genutzt haben, ist deren Feedback zum EVD ganz überwiegend positiv. Christian Ertel ist Vorstandsvorsitzender des Referendarrats Schleswig-Holstein. Er steht in engem Kontakt mit dem örtlichen OLG und dessen ehemaligen EVD-Teilnehmern und findet, dass man an der juristischen Ausbildung in Deutschland viel kritisieren könne. "Aber beim Ergänzungsvorbereitungsdienst haben sie vieles richtig gemacht. Von den Teilnehmern  bekommen wir im Nachhinein meist sehr positives Feedback." In anderen Bundesländern ist das offenbar ähnlich. Ein EVD-Teilnehmer aus Sachsen sagt im Gespräch mit LTO, er sei "heilfroh", diese Möglichkeit gehabt zu haben. Nicht nur seien der Stoff und viele praktische Tipps wesentlich zielführender vermittelt worden als in den "normalen" Arbeitsgemeinschaften während des Referendariats. "Auch der Tritt in den Allerwertesten hat mir offenbar gefehlt." Stephan Herold hat den EVD in Thüringen erfolgreich gemeistert und steht zu seiner "Extrarunde", wie er sie nennt. Die sei schon hart gewesen, sagt er: "Meinen Freunden hatte ich vor dem Beginn des EVD erzählt, dass sie in den nächsten Monaten nicht mit mir zu rechnen brauchen. Mein soziales Leben gab ich während der Zeit bis zum Examen an der Garderobe des örtlichen Landgerichts ab." So habe mancher AG-Leiter verlangt, alte Examensklausuren lösen - allerdings im Umfang einer Hausarbeit. "Ich saß jeden Tag bis in die Nacht am Schreibtisch, um das alles fertig zu bekommen." Sein Fazit ist trotzdem positiv: "Man lernt vor allem die Methodik, Klausuren in den fünf Stunden richtig zu lösen und die entscheidenden Schwerpunkte zu setzen." Mittlerweile ist er selbst Korrekturassistent an einer Universität. Ein Kölner Absolvent, der nach dem EVD sogar mit Prädikat bestanden hat, hält das Angebot ebenso für eine "wichtige und tolle Sache." Er kritisiert gegenüber LTO aber auch: "Warum muss man erst durchfallen, damit sich so intensiv gekümmert wird?" Die Antwort: "Weil der Dienstherr ja erst einmal vom Referendar als mündigen Menschen ausgeht", so Kehrer, als wir die Frage an sie weiterreichen. Der EVD sei natürlich "ein Stück weit verschulter und entsprechend ein Schritt zurück", was die Selbstständigkeit angehe, in die Juristen mit dem Beginn ihres Studiums hineinwachsen. Weniger Selbstbestimmung beim Lernen, ein fester Stundenplan, regelmäßige Klausuren? Das könnte nach einem Bootcamp klingen. Oder nach einer weiteren Ausbildungsstation. An der man nicht zwingend teilnehmen muss. In der es Einzelgespräche gibt. Und gezielte Unterstützung. Und manchmal sogar Schokolade.

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