Vom Durchfaller zum Prädikatskandidaten: "Das Examen ist kein Hexen­werk"

von Marcel Schneider

18.02.2016

Erster Versuch: durchgefallen. Zweiter Versuch: mit Prädikat bestanden. Dazwischen eine juristische und emotionale Berg- und Talfahrt, an deren Ende Muhammed Yilmaz viel gelernt hat. Nicht nur über das Lernen.

 

Ursprünglich wollte Muhammed Yilmaz Politiker werden. Dass man dafür besser Jura als Politologie studiert, empfahl man ihm bei der Studienberatung. Dass am Ende des Jurastudiums das erste Staatsexamen wie ein Damoklesschwert über den Prüflingen schwebt, wusste er schon nach den ersten Vorlesungen. Die Nachricht, dass dieses ihn treffen würde, überbrachte ihm der Postmann: "Wer mal in Hessen Examensprüfungen geschrieben hat, weiß, dass positive Bescheide in kleinen Umschlägen kommen. Ich habe einen großen erhalten."

Darin befanden sich seine zurückgesandten Anmeldeunterlagen und der entsprechende Bescheid. Yilmaz spricht von einer "persönlichen Niederlage", wenn er das Gefühl aus dem Sommer 2012 Revue passieren lässt. "Mich plagten starke Selbstzweifel."

Zunächst habe er die Situation sogar so sehr geleugnet, dass er über einen Anwalt einen Remonstrationsversuch anstrengen ließ. Als der nach sieben Monaten auf einen Prozess vor dem Verwaltungsgericht hinauslief, ließ Yilmaz es bleiben: "Das hat nur Zeit und Geld gekostet. Danach bin ich erst einmal in ein Loch gefallen."

"Nur Juristen begreifen die Bedeutung eines misslungenen Examens"

Erschwerend kam für den 31-Jährigen hinzu, dass er der erste aus der Familie ist, der eine akademische Laufbahn einschlug. Und so hätten in einer Situation, in der man sich am liebsten Unterstützung aus der Familie holen würde, die Kommilitonen am besten nachempfinden können, was in ihm vorging, sagt Yilmaz. "Nur Juristen begreifen die Bedeutung eines misslungenen Examens".

Es brauchte dann noch eine Weile, bis in ihm der Entschluss reifte, den zweiten Versuch zu wagen: "Ich kann absolut nachvollziehen, wenn jemand nach einem solchen Erlebnis aus Angst keinen zweiten Versuch mehr unternimmt. Letztlich hatte ich aber nicht vor, meine Jahre des Jurastudiums zu verschenken."

So begann Yilmaz im Frühjahr 2014 mit der Vorbereitung auf den zweiten Versuch. Zunächst analysierte er, was beim ersten Mal schief gelaufen war. Im Wesentlichen haperte es an zwei Stellen: Auf der einen Seite habe ihm die Routine gefehlt, auf der anderen habe es in bestimmten Rechtsgebieten zu große Lücken gegeben.

Danach legte er sich einen Lernplan zurecht, der alle Klischees erfüllt: "Soziale Kontakte habe ich auf ein Minimum heruntergefahren. Nur durch kleinere Pausen unterbrochen lernte ich acht bis zehn Stunden am Tag." Das sei eine sehr harte Zeit gewesen, in der ihn seine langjährige Freundin zum Glück permanent unterstützt habe. So etwas wie "Urlaub" gab es für Yilmaz nur während der Weltmeisterschaft, als  er abends auch mal ausging und sich die Spiele ansah.

Zitiervorschlag

Marcel Schneider, Vom Durchfaller zum Prädikatskandidaten: "Das Examen ist kein Hexenwerk". In: Legal Tribune Online, 18.02.2016, https://www.lto.de/persistent/a_id/18508/ (abgerufen am: 23.08.2017)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 18.02.2016 17:58, Max

    Respekt und Glückwunsch! Starke Leistung !

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  • 18.02.2016 21:27, Freya

    Kann mich Max nur anschließen, vor so viel Durchhaltevermögen und Disziplin für seine Sache zu kämpfen kann man nur den Hut ziehen. Weiterhin viel Erfolg im Ref!

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  • 18.02.2016 23:05, Keiler

    So viel und so ausdauernd gelernt, um dann in Hessen (!) nur ein vollbefriedigend zu erreichen?
    Ich frage mich, was man tun muss, um durchzufallen. Mehr als 2 Promille im Blut haben?

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    • 19.02.2016 00:33, Anne

      Scheinbar hast Du es nötig hier so armselige Kommentare zu posten, Keiler! Du tust mir einfach nur leid.

      Meinen herzlichen Glückwunsch an den Kämpfer Yilmaz!
      Ja, Jura ist kein Hexenwerk. Aber es ist irre, wieviel Stoff man für das Examen drauf haben und mit diesem zugleich jonglieren können muss.

    • 19.02.2016 00:43, Jay

      zu arrogant in Prüfungen zu gehen soll auch schon manch schlechte Note verursacht haben.

    • 19.02.2016 11:51, Hesse

      Auch Gratulation von einem aus Hessen. :)

      Aber so geil ist ein VB auch nicht, zumal der dargestellte Lehrplan echt viel Freizeit und Lebenszeit gekostet hat. Man schafft ein VB auch mit einem Leben neben Jura, wenn man systematisch und am Gesetz orientiert lernt. Sogar in Bayern und erst Recht in Hessen. ;)

    • 19.02.2016 18:21, Heinz Müller

      Zum Glück gibt es Menschen wie Sie! An wen sollte man sonst die ganzen Bundesverdienstkreuze und Nobel-Preise verleihen? Ihre Leistungen werden wahrscheinlich noch in hunderten von Jahren durch die Welt getragen. D kann froh sein, eine solche Kapazität in ihren Reihen zu haben.

      Zudem weiß doch auch jeder, dass man nur ein guter Jurist werden kann, wenn man in Bayern sein Examen geschrieben hat. Die haben es aber auch schwer! Die müssen Fälle lösen, die man nur mit speziellen juristischen Techniken in gerade Bahnen bekommt. Und dann noch der Schwierigkeitsgrad! Geradezu astronomisch! Kann keiner außerhalb Bayerns lösen.

      Wenn ich groß bin, will ich auch mal so eine große Persönlichkeit sein wie Sie. Dann kann ich endlich auf alle Personen hinabblicken, die nicht so gut in einer Prüfung abgeschnitten haben, wie ich/Sie. Goil! Menschenmengen, die kreischen und neidisch auf mich sind, weil ich so tolle Noten habe. Zusätzlich wäre mein Abschluss auch noch mehr wert, weil ich natürlich nur dort Prüfungen ablegte, wo diese als besonders schwer gelten. Was gibt's schöneres im Leben? Hmmm, vielleicht ein bisschen Charakter, der nicht nur durch Verbalisierung meiner (vermeintlichen) Leistungen und/oder von Speichelleckern akzeptiert wird. Auch cool...

  • 18.02.2016 23:10, Glückwunsch aus Bayern!

    Man kann in Hessen durchfallen?! Spaß beiseite: Hut ab aus Bayern!

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    • 19.02.2016 11:23, N

      Ich frage mich eher wie man es schafft, in Bayern durchzufallen, wo doch Markierungen und Verweisungen in den Gesetztestexten erlaubt sind...

  • 19.02.2016 12:16, Kons

    Glückwunsch vorweg.
    Dennoch möchte ich zu dem Artikel und weiteren Artikeln die sich mit dem Thema beschäftigen "ach Jura ist so schwer und man muss so viel lernen" äußern.

    Ich habe in Bayern studiert, auch ein vb geschafft und ja mit Gesetzeskommentierungen, aber darum geht es nicht.

    Ich finde Jura gerade schön, weil es im Vergleich zu anderen Studienfächern wie Medizin oder Pharmazie, gerade nicht so viel Lernaufwand benötigt, wenn man die Grundsätze verstanden hat.
    Ich glaube daher und merke das selbst als Korrektor, dass einigen Examenskandidaten elementare Grundkenntnisse und juristisches Verständnis fehlen. Da wird jedes Spezial-Problem auswendig gelernt, der gesetzliche Normalfall bspw. aber gar nicht verstanden.
    Wenn dann in Examen unbekannte Rechtsgebiete abgefragt werden, haben es diese Kandidaten wirklich schwer.

    Darum auch mein Tipp an alle, die sich zur Zeit auf das Examen vorbereiten: Lernt auf Verständnis und schreibt Klausuren! Kein Schwein und auch kein Korrektor, nicht einmal die Lösung der Examensklsusur, will bei Problemen 5 verschiedene, auswendig gelernte Meinungen hören, sondern einfach nur eine ordentliche Argumentation (am besten am Gesetz), die Verständnis zeigt. Gerade dafür regnet es Punkte!

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  • 23.02.2016 10:50, el bajo

    Kommt mir unrealistisch vor. Nicht, dass das VB oder die große Kurve, die er hinbekommen hat (Hut ab!). Aber ein kleines Detail lässt mich doch daran zweifeln, ob dieser Herr, der uns hier aufgetischt wird, nicht eine Erfindung der Redaktion ist. "Drei Monate später habe ich mich sehr gut vorbereitet gefühlt und bin entsprechend selbstbewusst ins Examen gegangen. " Ich kenn niemand, der so ins Examen gegangen ist. Ich bin weinend als kleines Würstchen da rein. Habe geschaut, dass nicht soviele Tränen auf die Klausur tropfen und bin wieder weinend rausgegangen. Und hinterher war ich immer noch nicht ganz sicher, ob ich überhaupt bestanden habe.

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  • 26.02.2016 09:28, Ozelot

    Beim Lesen beschleicht einen schon das Gefühl, dass dieser Erfahrungsbericht auch eine Art Abrechnung mit den Erlebnissen aus der Examenszeit darstellt. Alle sollen bloß sehen, was er promotheisch geschaffen hat. Der Protagonist stellt sich doch sehr gereift und erstarkt dar, woran ich auch meine Zweifel habe, da es übertrieben wirkt.

    Und um das Ganze mal wieder in das rechte Licht zu rücken, weise ich mal auf folgendes hin: Der Autor versäumt es zu erläutern, wie er das eigentlich alles finanziert hat. Mindestens 2 Mal Repetitorium, insgesamt ungefähr 4 Jahre 1. StEx, das kostet schon eine Stange Geld, insbesondere Lebensunterhalt. Bei allem gebotenen Respekt für diese Leistung, scheint doch jedenfalls ein potenter Geldgeber dem Protagonisten den Rücken gestärkt zu haben. Diesen Rückhalt haben viele nicht. Anstatt sich also derart selbst in aller Herrlichkeit zu feiern, wären wohl vor allem Worte des Dankes an diejenigen angebracht, die das ermöglicht haben.

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  • 10.03.2016 15:56, Renate Gregor

    Ich gratuliere Ihnen zu so viel Durchhaltevermögen! Als erster Akademiker in einer Familie dürfte man es oftmals schwer(er) haben. Umso mehr freue ich mich mit Ihnen und gönne Ihnen Ihren Erfolg von ganzem Herzen. Zudem wünsche ich Ihnen, dass Ihnen auch das 2. Staatsexamen so gut gelingt!

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  • 16.04.2017 16:11, MD

    Die Geschichte untermauert die typische Survivorship-Bias, die im Examen um sich greift. Es schreiben nur die Leute, die unter ungünstigsten Voraussetzungen Erfolg hatten, weil sie an sich glaubten, es unbedingt wollten, etc.

    Die Leute, die sich unendlich viel Mühe gegeben haben und dennoch scheiterten, die schreiben in solchen Magazinen nie, vermutlich weil sie nichts Positives zu berichten haben und vor allem nicht namentlich bekannt werden wollen.

    Die Ergebnisstatistiken sprechen eine einfache Sprache: Auf jeden Prädikatsjuristen kommen ca. vier Prüflinge, die es nicht geschafft haben!

    Dass es einer aus fünf schafft, wird übrigens nirgendwo in Zweifel gezogen.

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