Ein lächelnder Jurist in Anzug, vor einem unscharfen Stadtbild, repräsentiert "Special Olympics Hamburg" und dessen Engagement.
Jurist und Vizepräsident von "Special Olympics Hamburg"

"Am schönsten war der Stadt­par­klauf mit einem Jungen mit Down-Syn­drom"

Interview von Dr. Franziska Kring28. Januar 2026, Lesedauer: 6 Minuten

Schon in seinen Freistunden besuchte Matthias Kneissl Gerichtsverhandlungen. Heute hat er das erste Examen, promoviert und engagiert sich bei den Special Olympics. Er erzählt, wie das kam und wie ein Aufenthalt in Oxford ihn geprägt hat.

LTO: Herr Kneissl, Sie sind über einen Umweg zum Jurastudium gekommen, haben nach dem Abitur 2013 erstmal eine Ausbildung in der Verwaltung bei der Stadt Hamburg gemacht. Wie kam es dazu?

Matthias Kneissl: Meine Abiturnote war sehr ausbaufähig und ich habe deshalb den NC für das Studium nicht geschafft. Dabei wollte ich schon immer Jura studieren und Anwalt werden. Als Jugendlicher habe ich die Gerichtssendungen "Barbara Salesch" und "Alexander Hold" geguckt. Ich bin in Kassel aufgewachsen, und meine Schule lag nicht weit vom Amts- und Landgericht entfernt, deshalb habe ich oft Gerichtsverhandlungen besucht. Nachdem ich mehrmals allein hinten auf den Zuschauerplätzen saß, kam der damalige Oberstaatsanwalt Hans-Manfred Jung zu mir. Er fand es spannend, dass ein Fünfzehnjähriger seine Freistunden im Gerichtssaal verbringt. Deshalb hat er sich immer wieder nach den Verhandlungen Zeit genommen und mir vieles erklärt. Nach einem Betriebspraktikum beim Verwaltungsgericht Kassel wollte ich dann erst recht Jura studieren. 

Als es dann Richtung Abitur ging, war die Luft raus und mir fiel es schwer, zu lernen, insbesondere für die Fächer, in denen es am nötigsten gewesen wäre. Darum habe ich zunächst eine Ausbildung zum Regierungssekretär bei der Freien und Hansestadt Hamburg absolviert. Mein eigentliches Ziel, Jura zu studieren, habe ich aber in all der Zeit fest im Blick behalten. 

Anzeige

"In den ersten Semestern habe ich noch Vollzeit gearbeitet"

Wie war dann das Jurastudium für Sie?

Es hat viel Spaß gemacht, war aber auch sehr fordernd. In den ersten beiden Semestern habe ich noch Vollzeit bei der Stadt Hamburg gearbeitet, weil ich mein Studium selbst finanziert habe, bevor ich ein Stipendium erhielt. Ich konnte nicht viele Vorlesungen besuchen und habe mich deshalb auf die Arbeitsgemeinschaften konzentriert. Ich habe immer um sieben Uhr angefangen zu arbeiten und saß dann montags bis donnerstags jeweils um 16:30 Uhr in den AGs. Viel Freizeit hatte ich nicht, ich habe mir in dieser Zeit die Vorlesungsunterlagen besorgt und am Wochenende alles nachgearbeitet. Ein besonderes Highlight war der Soldan Moot Court, an dem ich im zweiten Semester teilgenommen habe. Als Team konnten wir den dritten Platz in Deutschland erreichen.

"Im Studium hat mich das Zivilrecht fasziniert"

Mochten Sie auch im Studium Strafrecht am liebsten?

Nein. Das Zivilrecht hat mich viel mehr fasziniert! Die Vorlesungen im BGB AT bei Professor Reinhard Bork konnte ich zum Glück manchmal besuchen, durch ihn habe ich das Zivilrecht für mich entdeckt. Darum habe ich später auch den Schwerpunkt Handels- und Gesellschaftsrecht gewählt und meine Leidenschaft für das Gesellschaftsrecht entdeckt. 

Haben Sie Oberstaatsanwalt Jung davon erzählt, dass Sie Jura studieren?

Ja, wir hatten tatsächlich über die Jahre immer wieder Kontakt. Herr Jung ist dann später Leitender Oberstaatsanwalt in Kassel geworden. Kurz vor seiner Pensionierung im Jahr 2023 habe ich ihm erzählt, dass ich mein erstes Examen bestanden habe und promovieren werde. Das hat ihn sehr gefreut.

Welches Thema behandelt Ihre Doktorarbeit?

Ich wollte unbedingt ein aktuelles gesellschaftsrechtliches Thema behandeln. Bereits in meinem Master-of-Law-Studium zum Europäischen Wirtschaftsrecht in Frankfurt/Oder hatte ich mich der Nachhaltigkeitsberichterstattung gewidmet. In der Promotion vertiefe ich dieses Feld in einer rechtsvergleichenden Arbeit zur "Nachhaltigkeitsberichterstattung in Deutschland, England und Wales".

"Ich kann jedem einen Auslandsaufenthalt nur empfehlen"

Im Rahmen Ihrer Promotion haben Sie verschiedene Auslandsaufenthalte absolviert, unter anderem in Oxford. Wie war die Zeit für Sie? 

2024 war ich insgesamt sechs Monate, als Junior Academic Visitor am Commercial Law Center und als "Recognised Student", für einen Forschungsaufenthalt an der Universität Oxford. Das war eine sehr spannende Zeit, in der ich viel gelernt und interessante Menschen kennengelernt habe, die zu Freunden geworden sind. Die ersten Tage waren schon eine Umstellung, allein an den Linksverkehr musste ich mich erstmal gewöhnen. Es hat auch ein wenig gedauert, mich an die dortige Kommunikationskultur anzupassen, da die Briten etwas zurückhaltender und weniger direkt sind als wir Deutschen. 

Besonders beeindruckt hat mich eine Gerichtsverhandlung, die ich besucht habe: Die Jury zu sehen und die Anwälte und Richter mit ihren Perücken. Ich kann jedem nur empfehlen, im Laufe der Ausbildung einmal ins Ausland zu gehen. Man lernt die Sprache sicher und entwickelt sich persönlich weiter.

Sie haben das Lehrbuch "Der Auslandsaufenthalt" verfasst, das sich an Jurastudierende, Referendar:innen und Promovierende richtet und im Laufe des Jahres erscheint. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Ich saß in Oxford in der Bibliothek und wollte eigentlich eine Studie für meine Promotion auswerten. Doch dann habe ich mich daran erinnert, wie viele Menschen mich mit Fragen gelöchert haben, wie ich es geschafft habe, nach Oxford zu kommen, und was man dafür braucht. Ich habe dann eine erste Gliederung und ein Dokument mit einigen wichtigen Informationen erstellt. So entstand die Idee. Dass der Nomos-Verlag sich dann auch bereiterklärt hat, das Projekt zu verwirklichen, hat mich sehr gefreut.

"Mut wird belohnt"

Was hätten Sie vor Ihren Auslandsaufenthalten gern gewusst?

Ich hätte gern gewusst, dass man sich einfach trauen soll, sich zu bewerben. Mut wird belohnt. In der Schule war ich wirklich nicht gut in Englisch. Deshalb hatte ich großen Respekt vor dem universitären Fremdsprachennachweis, den man fürs Jurastudium braucht. Ich habe ihn letztlich bestanden, auch dank meiner sehr engagierten Dozentin. Durch sie habe ich meine anhaltende Begeisterung zur englischen Sprache entdeckt.

Jetzt stehen Sie kurz vor dem Abschluss Ihrer Promotion, sind Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bucerius Law School und waren lange Lehrbeauftragter an der Uni Hamburg. Können Sie sich vorstellen, in der Wissenschaft zu bleiben?

Mir macht es viel Spaß, zu publizieren und Lehrveranstaltungen zu halten. Ich werde als nächstes das Referendariat machen und weiß, dass ich danach als Anwalt arbeiten möchte. Künftig könnte ich mir gut vorstellen, beides zu verbinden: Anwalt zu sein, Beiträge zu veröffentlichen und an der Uni mit einem Lehrauftrag zu unterrichten.

"Zufällig Teilnehmer der Special Olympics World Games im Zug getroffen"

Außerdem sind Sie seit mehr als einem Jahr Vizepräsident der Special Olympics Hamburg. Wie kam es dazu?

Meine Schwester hat eine kognitive Beeinträchtigung, deshalb kam ich mit dem Thema schon früh in Berührung. Als ich im Sommer 2023 von meiner Graduierten-Feier aus Frankfurt/Oder zurückkam, habe ich im Zug viele Menschen in offizieller Sportkleidung der deutschen Nationalmannschaft gesehen. Ich war neugierig und habe erfahren, dass es Teilnehmer:innen der Special Olympics World Games in Berlin waren, also sozusagen der Olympischen Spiele für Menschen mit Unterstützungsbedarf sowiekognitiver Beeinträchtigung. Ich habe mich noch während der Bahnfahrt eingelesen und fand das so spannend, dass ich spontan eine Mail an den Hamburger Landesverband geschrieben habe, dass ich gerne mitwirken möchte. Die Antwort kam sehr schnell: Ich war zunächst für eineinhalb Jahre im Sponsoring-Team aktiv. Seit November 2024 bin ich ehrenamtlich Vizepräsident.

Welche Aufgaben haben Sie dabei?

Ich bin für den Bereich Recht und Compliance zuständig. Hier kümmere mich also um alle juristischen Themen, prüfe Verträge und so weiter.

"Ich war Begleitläufer eines Jungen beim Stadtparktriathlon"

Matthias Kneissl und der neunjährige Junge beim Stadtparktriathlon.

Welches war Ihr bisheriges Highlight in Ihrem Ehrenamt?

Definitiv der St. Pauli Stadtparktriathlon, der als Staffel durch die Special-Olympics-Athlet:innen absolviert wurde: Erst schwimmt eine Person, dann fährt jemand Fahrrad und zum Schluss kommt ein 5-Kilometer-Lauf. Ich war Begleitläufer eines neunjährigen Jungen mit Down-Syndrom. Seine Eltern hatten mir im Vorfeld gesagt, dass er gerne läuft, aber zwischendurch immer mal wieder Pausen macht. Der Junge ist die ersten 500 Meter gelaufen, die Sonne schien. Als wir dann unter Bäumen herliefen, hat er die erste Pause eingelegt. Er wollte in der Sonne immer laufen und im Schatten gehen. Da der Stadtpark sehr bewaldet ist, wurde es ein Intervalllauf und wir kamen nur langsam voran. 

Meine Aufgabe war es, dass er heil und sicher ins Ziel einläuft und zwischendurch ihn zu motivieren. Als uns jemand zurief, dass das Ziel nur noch 200 Metern entfernt sei, sprintete der Junge plötzlich los. Im Ziel hat er stolz gewartet. Er hatte seinen Spaß und konnte am nächsten Tag in der Schule erzählen, dass er seinen Begleitläufer abgehängt hat. Für genau solche Momente mache ich dieses Ehrenamt. Es gibt mir viel zurück.

Herr Kneissl, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

Nach seiner Ausbildung zum Regierungssekretär studierte Matthias Kneissl Rechtswissenschaften an der Universität Hamburg und absolvierte im Oktober 2021 sein erstes Examen. Nach seinem LL.M. im Europäischen Wirtschaftsrecht an der Europauniversität Viadrina promoviert er heute bei Prof. Dr. Dr. Jan-Hendrik Röver an der Universität Augsburg zum Thema Nachhaltigkeitsberichterstattung. Seit Juni 2024 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Bürgerliches Recht und Medizin- und Gesundheitsrecht an der Bucerius Law School bei Prof. Dr. Jens Prütting.

Auf Jobsuche? Besuche jetzt den Stellenmarkt von LTO Karriere.

Thema:

Berufswege

Verwandte Themen:
  • Berufswege
  • Jurastudium
  • Ehrenamt
  • Instagram-Karriere-News
  • Karriere

Teilen

Aktuelle Jobs

Ähnliche Artikel