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Uni-Kooperation zwischen Marburg und Wuhan: Im Austausch mit dem Reich der Mitte

von Constantin Körner

03.07.2012

Jedes Jahr kommen chinesische Studierende an die Juristische Fakultät nach Marburg, um zwei Semester lang deutsches Recht zu studieren. Die Prüfungen am Ende ihres Aufenthaltes werden auf ihr Studium an der Heimatuniversität in Wuhan angerechnet. Unser Autor Constantin Körner sprach mit Dekan Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Gilbert Gornig über das Projekt.

Bis zu 18 chinesische Studierende pro Jahrgang lernen "Grundzüge des deutschen Rechts" in Marburg. Dabei stehen Veranstaltungen in den Schwerpunktgebieten "Zivilrecht und Öffentliches Recht","Zivilrecht und Strafrecht" oder "Strafrecht und Öffentliches Recht" zur Wahl. "Am Ende jeder belegten Vorlesung erfolgt eine mündliche Prüfung in deutscher Sprache", erläutert Gilbert Gornig. Die in Deutschland erhaltenen Noten fließen in die Noten an der Uni Wuhan ein. 

Außerdem vermitteln die Marburger ihren Gästen Einblicke ins europäische Recht mittels einer Exkursion, die jeweils im Sommersemester ansteht. In diesem Jahr geht es nach Bukarest und an die Marburger Partneruniversität nach Sibiu.

Im ersten Schritt steht für die Chinesen aber immer noch nicht das Recht auf dem Lehrplan. Denn das "Marburger Modell" ist durch eine Besonderheit gekennzeichnet: "Wir verlangen, dass die Chinesen unsere deutschsprachigen Vorlesungen besuchen", betont Gornig. Also büffeln Studierende, die sich für eine Teilnahme an dem Programm interessieren, in der Heimat zunächst über einen Zeitraum von mindestens 2 Jahren die deutsche Sprache.

Exportschlager Gutachtentechnik

Durchaus "auch mit dem Hintergedanken, dass die Studierenden, die im gleichen Jahr im September nach Marburg kommen wollen, sich besonders intensiv ihrer deutschen Sprachausbildung widmen", finden jedes Jahr im März Gastvorlesungen in Wuhan statt: "Gemeinsam mit meinen Kollegen stellen wir einen Monat lang das deutsche Zivilrecht, Strafrecht sowie Verfassungs- und Verwaltungsrecht vor. Diese Vorlesungen finden bewusst in deutscher Sprache statt", erklärt der Dekan.  Am Ende erfolge eine schriftliche Prüfung. Sie wird von chinesischen Dozenten, die die deutsche Sprache perfekt beherrschen, organisiert und korrigiert. Die Prüfungsfragen und deren Antworten liefern allerdings die deutschen Gäste.

Generell treffe man auf keine Sprachbarriere, zumal die Teilnehmer noch in China "speziell in juristischer Terminologie" geschult würden. Auch würden nicht nur die Chinesen von dem Austauschprogramm profitieren, sondern seien im Gegenteil eine Bereicherung für die Vorlesungen, betont Gornig: "Infolge ihres großen Fleißes, ist es eine Freude, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Da die Ausbildung in China eine völlig andere ist, lernen, so regelmäßig die Aussagen der chinesischen Studierenden, die jungen Juristinnen und Juristen erst in Deutschland juristisches Denken und die Gutachtentechnik. Im Übrigen werden sie mit einem freiheitlich demokratischen Rechtsstaat vertraut gemacht, den es in China erst noch aufzubauen gilt."

Fleißiger und diskussionsfreudiger als deutsche Kommilitonen

Wie gehen denn die Marburger mit eben diesem Aufbauprozess um und mit den Defiziten im Bereich der Menschenrechte?

"Die Menschenrechtsfrage wird regelmäßig in meinen Vorlesungen angesprochen. Regelmäßig werde ich auch aufgefordert, Vorträge über das Selbstbestimmungsrecht der Völker oder über den Minderheitenschutz zu halten", schildert der Völkerrechtler Gornig. "Ich habe bislang noch nie den Eindruck gehabt, vor Studierenden zu sitzen, die es nicht wagten, aus Gründen von Zensur oder Überwachung kritische Fragen zu stellen. Im Gegenteil ist die Diskussionsbereitschaft der chinesischen Studenten erheblich größer als die der deutschen Studierenden. In unserer Vorlesung 'Verfassungsrecht' stehen insbesondere die Grundrechte in einem freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat im Mittelpunkt. Natürlich ist die Situation anders, wenn sich die Chinesen in der Öffentlichkeit kritisch über die Zustände in China äußern."

Die "Lehren des Konfuzius" macht Gornig für einen Umstand verantwortlich, der ihn sehr beeindruckt: "Die Studierenden zeigen in der Regel großen Respekt vor ihren Lehrern ohne unkritisch zu sein. Die Wissbegierde braucht weltweit keinen Vergleich zu scheuen. Dasselbe gilt für den Fleiß und die Intelligenz der Studierenden. Wir können immer wieder feststellen, dass bei den Prüfungen die chinesischen Studierenden wesentlich besser abschneiden als die Studierenden aus anderen fremden Ländern. Häufig auch besser als viele Deutsche."

Zukünftig will man an die positiven Erfahrungen mit Wuhan durch vergleichbare Kooperationen mit anderen Universitäten anknüpfen: "In diesem Sommer startet die Zusammenarbeit mit der juristischen Fakultät der University for Finance and Economics in Nanjing."

Jedenfalls können sich die Chinesen sicher sein, mit dem Dekan der Marburger Fakultät auch weiterhin einen engagierten Kooperationspartner gefunden haben. Schließlich verrät uns Gornig, dass er auch privat große Sympathien für die chinesische Kultur hegt: "Schon 1973 als Student reiste ich mit dem ersten gesparten Geld in dieses wunderschöne Land. Ich lebe in chinesischen Möbeln mit chinesischer Kunst und so ergab es sich, dass ich mein Interesse an diesem Land auch beruflich umzusetzen versuche."

Zitiervorschlag

Constantin Körner, Uni-Kooperation zwischen Marburg und Wuhan: Im Austausch mit dem Reich der Mitte . In: Legal Tribune Online, 03.07.2012 , https://www.lto.de/persistent/a_id/6526/ (abgerufen am: 07.12.2019 )

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Kommentare
  • 03.07.2012 15:12, Mizuchi Katanori

    Die fleißigen Asiaten die während ihrer Kindheit nur üben und dröge Sachen machen.

    • 03.07.2012 15:12, Mizuchi Katanori

      Also so schlimm ist das nun auch wieder nicht!