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Reform des Jurastudiums: Wer Frei­heit will, darf Unein­heit­lich­keit nicht beklagen

von Prof. Dr. Martin Burgi

14.12.2016

Pflichtstoff und Schwerpunkt bedingen einander

Die JuMiKo hat den Bericht des KOA als "sachgerechte Grundlage" für die Diskussion der kommenden Monate qualifiziert. Zu Recht, denn dieser Bericht argumentiert in weiten Teilen sehr differenziert, mustergültig mit Zahlen und Literaturstellen belegt. Erkenntnisleitend ist die Perspektive der jungen Menschen als Studierende, Referendare und Prüflinge.

Im Vergleich mit der letzten Reform aus dem Jahre 2002 ist die nun formulierte Zielsetzung moderat. Damals stand zur Diskussion, das Jurastudium auf Bachelor- und Masterabschlüsse umzustellen. Aktuell geht es um die "weitere Angleichung der Prüfungsbedingungen sowie eine weitere Harmonisierung und Begrenzung des Pflichtstoffs der juristischen Prüfungen". Das ist deutlich bodennäher als die Empfehlungen des "Wissenschaftsrats" aus dem Jahre 2012, die zwischen der Großformel "Praxisnähe versus Wissenschaftlichkeit" navigierten. Mittlerweile scheint das Heft des Handelns wieder bei der Justizseite zu liegen. Allerdings: Studierende, Lehrende und Fakultäten sind auch weiterhin Teil des – grundrechtlich in Art. 5 Abs. 3 Grundgesetz besonders stark geschützten - Subsystems "Wissenschaft".

Nun sind vor allen anderen die Fakultäten gefragt, als Orte, an denen die Studierenden und die Lehrenden verbunden sind. Sie sind den bestehenden Problemen am nächsten und sie werden neu geschaffene Probleme als erste ausbaden müssen. Ein besonders großes Problem würde durch die vorgeschlagene Abwertung der Schwerpunktbereiche von 30 auf 20 Prozent Anteil an der Gesamtnote des ersten Examens verursacht, schleichend und nachhaltig.

Pflichtstoff und Schwerpunktbereich bedingen einander

Eine Art Leitgedanke des Berichts besteht darin, dass "dem Erwerb methodischer Kompetenzen gegenüber der Vermittlung eines immer umfangreicheren positiven Norm- und Anwendungswissens mehr Raum zu geben" sei – dass aber "der Erwerb des erforderlichen Verständnisses für rechtliche Strukturen, der methodischen Fähigkeiten und der Befähigung zu systematischem Arbeiten eine ausreichend breite und solide Wissensbasis in den zentralen Bereichen des Rechts voraussetzt", die erst die Schaffung von "Wissenszusammenhängen" ermöglicht.

Diese treffliche Einschätzung im Bericht erklärt, warum die Juristenausbildung eben dogmatische Fächer und Grundlagenfächer kennt, und sie bringt löblicherweise zum Ausdruck, dass die dogmatischen Fächer mehr als Rechtskenntnis und Handwerk vermitteln. Das gilt im Pflicht- wie im Schwerpunktbereich! Gutes dogmatisches Arbeiten ist unter den heutigen Gegebenheiten der Rechtsentstehung, -auslegung und -anwendung wichtiger denn je. Gefragt ist die Fähigkeit zur Systembildung über den Tag und den Einzelfall hinaus, Detailwissen bietet die Datenbank.

Für die Reformdiskussion ist wichtig, dass Pflichtstoff und Schwerpunktbereich sich zueinander wie kommunizierende Röhren verhalten: Je mehr ein Studiengang sowieso schon reglementiert ist und je mehr nun eine Begrenzung des Pflichtstoffs erfolgen soll, desto wichtiger müssten eigentlich die Schwerpunktbereiche werden. Die im KOA-Bericht vorgeschlagene Reduzierung des bisherigen Wertanteils von 30 auf 20 Prozent trägt diesem systemischen Zusammenhang zu wenig Rechnung.

Zitiervorschlag

Prof. Dr. Martin Burgi, Reform des Jurastudiums: Wer Freiheit will, darf Uneinheitlichkeit nicht beklagen . In: Legal Tribune Online, 14.12.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/21456/ (abgerufen am: 24.09.2020 )

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Kommentare
  • 14.12.2016 15:56, Michael

    Ich sehe das Problem an ganz anderer Stelle und möchte den Begriff "Verschlimmbesserung" bemühen.

    1. ignoriert man auch weiterhin den Bologna-Prozess und stellt sich damit außerhalb der akademischen Gemeinschaft;

    2. gehen die Absolventenzahlen beider Staatsprüfungen seit Jahren im Trend deutlich zurück, die sog. "Anwaltsschwemme" aus früheren Zeiten beherrscht zwar noch das gefühlte Bild der meisten Juristen, der zukünftige Juristenmangel ist aber abzusehen, wenn die Zahl der Absolventen abnimmt und gleichzeitig die Ruhestandswelle der Baby Boomer Jahrgänge weiter rollt;

    3. sollte dabei insb. zu denken geben, dass komplett antizyklisch zu den ansonsten üblichen Studienanfängerrekorden die Zahl der Jurabsolventen abgenommen hat - soviele Studenten wie derzeit wird es in Zukunft aber in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten absehbar nicht mehr geben, der demografische Knick ist vorgezeichnet, d. h. wer erst gegensteuert, wenn der Nachwuchsmangel erste Lücken aufklaffen lässt, der handelt zu spät;

    4. und schließlich, was heißt denn Handeln? Ein Indiz dafür zeigt die gegenläufige, stete Zunahme der Absolventenzahlen aus juristischen Querschnittstudiengängen, wie zB der Wirtschaftsjurist. Die jungen Leute antizipieren ganz richtig, dass der klassische Generalist, der pointiert gesagt von allem etwas weiss, aber nichts all zu vertieft, in Zukunft ziemlich überflüssig sein wird, "von allem etwas" wird durch IT großteils wegrationalisiert, Spezial- und Querschnittswissen wird das beste Faustpfand für Juristen zukünftiger Jahrzehnte sein.

    Solange weiter gilt "das haben wir schon immer so gemacht, da könnte ja jeder kommen" und die jungen Leute trotzdem mit den Füßen zunehmend gegen klassisches Jura stimmen, obwohl der klassische "Volljurist" nach wie vor ein gesetzliches Berufsmonopol hat (de facto), wird die Erosion des Jurastudiums weitergehen.

    So bereiten wir unseren juristischen Nachwuchs keinesfalls bestmöglich auf die Zukunft vor. Spätestens mit der Einführung der Schwerpunktbereiche vor einigen Jahren hat man im Studium doch ohnehin die Idee eines "Einheitsjuristen" aufgegeben, der anhaltende Trend zur Differenzierung der Anwaltschaft mit Fachanwaltszusatzqualifikation ist ein Symptom der dabei immer noch zu starren Grundausbildung für Juristen - und keinesfalls eine Lösung.

    Das Jurastudium als einen Studiengang mit "Reformstau" zu bezeichnen ist inzwischen ein Euphemismus. Es gehört auf eine komplett neue Grundlage gestellt. Dann, man wagt es als Jurist heutzutage ja kaum noch zu träumen, könnten die Juristen ggf. sogar wieder ihre einstige Stellung zurück erobern. Einst dominierten Juristen, nicht BWLer, die Führungsetagen. Da man auch jenseits juristischer Aufgabengebiete ihre allgemeinen Problemlösungskompetenzen und ihre Präzision schätzte. Heute gelten Juristen in vielen Unternehmen eher als "Baustelle" oder "Problembereich", weltfremde Formalistiker, die bremsen und teuer sind. Ein modernisiertes Ausbildungs- und Berufsbild könnte dies grundlegend ändern.

    Den Juristen fehlt aktuell jegliche Ambition, es geht nur noch um Besitzstandswahrung, das Klein-Klein, ein wenig Gegensteuern hier und dort, kurz um ein Durschwurschteln. Muss so die früher einmal international renommierte deutsche Jurisprudenz enden, die einst Meisterwerke wie das international vielfach nachgeahmte BGB hervorbrachte? Wenn man vielleicht einmal vom Strafrecht absieht ist die deutsche Jurisprudenz heute international unbeachtet. Alle zivilrechtlichen Innovationen der letzten Jahrzehnte kamen aus dem Ausland, aber auch neue Studieninhalte, die es irgendwann doch noch in die verkarsten Studienordnungen schafften (Harvard-Prinzip, Moot-Court,...), aber da auch gilt "too little, too late".

    Es tut mir im Herzen weh, das zu sagen, aber ich würde mich heute nicht noch einmal für die Jurisprudenz entscheiden. Sie befindet sich in einer Sackgasse und die meisten Juristen scheint das nicht einmal zu stören.

    Soweit mein Debattenbeitrag, ich bin auf Gegenreden gespannt.

    • 17.12.2016 11:42, D-DorfStudent

      Ich würde Ihnen ja gerne wiedersprechen, einer angeregten Disskussion wegen. Nur leider haben sie das Problem so gut getroffen, dass mir bei dem Gedanken an mein Examen, welches ich aktuell ablege, geradezu die Tränen gekommen sind. Ich kann Sie nur in jedem einzelnen Punkt unterstützen.

  • 14.12.2016 20:56, Dante

    Ich persönliche finde die Abschwächung des Schwerpunkts gar nicht so schlecht. Rein mal aus Studentensicht:
    1. Die Schwerpunkte kosten enorm viel Zeit und werden von Semester zu Semester stofftechnisch noch mehr. Dazu kommt, dass einige Universitäten (wie die Meinige) neue Leistungsnachweise für den Schwerpunkt einführt, sodass diese noch zeitintensiver werden. Der Zeitaufwand fehlt dann wiederum beim Grundlagenstudium und im Rahmen der Persönlichkeitsbildung (wofür man keine Zeit hat, wenn man genötigt ist, regelmäßig um die 8h-10h am Tag zu lernen nur um mit dem Pflichtstoff hinterherzukommen).

    2. Hinzu kommt einfach die mangelnde Vergleichbarkeit. Natürlich ist diese für die Wirtschaft meist egal, da diese ohnehin auf den Staatsteil schaut. Aber für eine Promotion oder Stipendien ist es dann doch nicht egal ob ich jetzt mit 10,12,14,16 aus dem Schwerpunktbereich herausgehe. Selbst innerhalb der Uni schwanken die Schwerpunktnoten jedoch so enorm, dass man keine wirkliche Vergleichbarkeit und "Fairness" hat. Dazu kommen natürlich die Schwankungen zwischen all den Universitäten.
    Ich kann den Frust schon nachvollziehen, wenn ich einen stoffreichen Schwerpunkt wähle, dort sehr viel zeit investiere und dann als Bester mit 11 Punkten diesen abschließe, im Nachbarschwerpunkt, dann der Schnitt bei knapp 11 Punkten liegt. An einigen Universitäten gibt es ja mittlerweile Statistiken für die einzelnen Schwerpunktselemente und wenn der Schnitt von Schwerpunktsnachweise zwischen den Einzelnen Schwerpunkten um bis zu 5(!) Punkten divergiert, kann man sich da mal einige Gedanken machen.

    3. Dazu kommt, dass auch das Grundlagenstudium mit immer mehr Stoff angereichert wird. Allein die europarechtlichen Einflüsse haben den Zeitaufwand noch einmal erhöht. Hinzu kommt so viel "unnützes" Wissen. Warum werden in Klausuren (Kleine und/oder große Scheine) Spezialprobleme abgeprüft, welche man mit normaler Methodik nicht wirklich gut lösen kann? Warum müssen bereits in unteren Semestern aktuelle BGH-Urteile abgeprüft werden? Das vermittelt nicht nur einen völlig falschen Eindruck, drängt einen zum anderen aber auch dazu, sich für die nächste Klausur noch mehr in Spezialproblemen zu verlieren.
    Hinzu kommen auch Hausarbeiten, welche sogar Thematiken abprüfen, die außerhalb des Pflichtstoffs des ersten Examens liegen. Warum muss ich vertieft IPR/Asylrechts/Datenrechts/Testamentsvollstreckungsrecht lernen bzw. mich in diese Bereiche einarbeiten? Auf diese Weise fehlt wieder die Zeit, die grundlegenden Thematiken zu verstehen.

    4. Dazu kommt, dass das Lehrangebot bzw. die Lehre als solche im Verhältnis zu den Erwartungen einzelner Prüfer/Professoren in einem mehr als krassen Missverhältnis steht. Man kann notentechnisch immer die Schuld auf die Studenten schieben, wenn Klausuren schlecht ausfallen, aber wenn der Trend immer so ist und die Klausuren sogar schlechter werden, sollte man überlegen, ob man da nicht vielleicht ansetzt und diesen Ansatzpunkt überdenkt.

    5. Außerdem soll man aber nach den meisten Professoren sich noch ehrenamtlich engagieren, außeruniversitären Hobbys nachgehen, Sprachen lernen, viele Praktika machen, "den Stress" dann in den Semesterferien neben der X. Hausarbeit, dem X. Praktikum und irgendwelchen notwendigen Blockkursen im Sprachen- bzw. Zusatzstudiumbereich abbauen. Neben all dem qualmt natürlich immer wieder der Gedanke auf, über den Tellerrand zu schauen, interdisziplinär zu sein und sich selbst und seine eigene Persönlichkeit weiterzubilden. Dieser Gedanke wird aber dann anhand der Fülle von Aufgaben die man zu erledigen hat, relativ schnell erstickt.

    6. Darauf wird meistens entgegnet, dass man sich den Stress selbst macht und man in Jura ruhig paar Semester länger als die Regelstudienzeit studieren kann/sollte. Dies mag dann durchaus stimmen, aber die Möglichkeit steht nicht jedem zu. Sozialschwächere Studenten können nicht alles so aufteilen, dass sie ihr Examen entspannt nach 14 Semestern machen. BAföG-Bezieher können dies vergessen, da sie gezwungen sind nach dem 8. Semester das Examen zu schreiben. Etwaige Förderdarlehen sind nett, aber die muss man zurückzahlen und nicht jeder der das Examen abschließt, hat eine Garantie auf einen super bezahlten Job.

    7. Es gäbe noch so viele andere Aspekte, die man berücksichtigen musste.

    8. Zum Abschluss finde ich aber, dass diese Änderungen durchaus ein guter Ansatz dafür sind das "Versagen" der Unis auszugleichen. Diese hatten genug Zeit, ihre Grundlagenausbildung zu verbessern, sodass mehr Zeit für anderes bleibt (eine gute Lehrveranstaltung spart einem einfach unglaublich viel eigene Lernzeit). Außerdem hatten sie genug Zeit, ihre Schwerpunkte anzugleichen bzw. an etwaigen unterschiedlichen Schnitten zu arbeiten.
    Beides wird jedoch nicht honoriert. Der 10. Aufsatz bringt nun mal leider mehr.
    Dafür kann man den Schwerpunkt nun noch etwas mehr außer Acht lassen und sich auf das Examen konzentrieren.

  • 14.12.2016 22:41, RA Nicolas

    Der universitäre Teil des Staatsexamens sollte besser ganz abgeschafft werden. Er hat zu einer Schwemme guter Noten geführt und damit das erste Staatsexamen ein Stück weit entwertet. Wir schauen und bei Bewerbern nur noch den staatliche Teil an. Hinzukommt, dass es auch wenig Sinn macht, sich so früh schon zu spezialisieren. Die Studenten sollten lieber ihr Grundverständnis in den drei Kernrechtsgebieten schärfen. Die Forderung des Mitforistrn, die Juristen sollten sich am Bologna-Prozess zu beteiligen, ist für mich aber noch weniger nachvollziehbar. Das Jurastudium soll für bestimmte Berufe qualifizieren, mit einem Bachelor-Abschluss kann man in den klassischen juristischen Berufen aber nichts anfangen.

    • 16.12.2016 10:40, Reibert

      "Das Jurastudium soll für bestimmte Berufe qualifizieren, mit einem Bachelor-Abschluss kann man in den klassischen juristischen Berufen aber nichts anfangen."

      Nur weil etwas oft behauptet wird, wird es deswegen nicht richtiger. Mit einem Bachelor kann man in den "klassischen Juristen Berufen" nicht anfangen. Ebenso wenig wie mit dem 1. Staatsexamen alleine.
      Aber wo steht geschrieben, dass dieses mit dem Master nicht so ist?
      Ja gut, in § 5 I DRiG, aber der könnte geändert werden.

      Es ist schlicht kein sachlicher Grund erkennbar, warum die Justiz für sich eine Sonderrolle beansprucht. Wenn man mit einem Bachelor Beamter im gehobenen nichttechnischen Polizeivollzugsdienst werden kann, warum soll dieses dann im gehobenen nichttechnischen Justizdienst dann unmöglich sein.
      So wie etwa das 1. Staatsexamen etwa jetzt auch schon auf die Ausbildung zum Rechtspfleger angerechnet wird (vgl. § 2 IV RPflG).

      Und ebenso ist kein Grund ersichtlich, warum ein Master nicht Richter oder Rechtsanwalt werden können sollte. So wie dieses im höheren nichttechnischen Verwaltungsdienst mit einem Master längst möglich ist...

      Aber Verwaltungsjuristen sind natürlich auch keine richtigen Juristen. Da arbeiten ja nur Leute, die fürs Zivilrecht zu blöde sind. Stimmts?

  • 15.12.2016 08:57, Eric

    Die Fixierung auf das Stex ist vom Gesetzgeber gewillkürt und kann vom Gesetzgeber auch geändert werden, wie das inzwischen fast überall in Europa auch geschah! Deutschland wäre hier längst Nachzügler und kein mutiger Reformer.

    Am besten gefällt mir dabei das Modell der Dänen. Dort hat man bereits 1993 umgestellt. Dort hat Zugang zu geschützten Berufen, ist also "Volljurist", wer den LLM hat. In Rechtsabteilungen o. ä. reicht der LLB üblicherweise. Dabei ist dieser anspruchsvoller als so manches Jurastudium an Provinzunis, denn auch das 1. Stex kann nur Ausschnitte des Curriculum prüfen, während nun einmal im modularisierten Bachelor jede Leistung, auch jede fachliche Schwäche, ab dem 1. Semester dauerhaft in die Bachelor-Urkunde kommt. Daher halte ich das auch für den fachlich objektivieren Abschluss. Keinesfalls für den einfacheren!

    Es lohnt, hier über den deutschen Tellerrand zu blicken.