mymuesli-Gründer im Interview

"Jura? Das können andere besser."

von Ass. Jur. Nastasia AchillesLesedauer: 6 Minuten
Als Max Wittrock sein Jurastudium begann, hatte er eigentlich vor, Journalist zu werden. Stattdessen machte er sich nach dem Examen mit dem Projekt "mymuesli" selbständig. Sieben Jahre später gilt das mit dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnete Unternehmen als Vorzeigebeispiel für erfolgreiche Start-Ups – und für die alte Weisheit, dass man mit Jura eigentlich alles machen kann.

LTO: Herr Wittrock, bevor Sie mit "mymuesli" starteten, studierten Sie elf Semester lang Rechtswissenschaften in Passau. Sicherlich nicht mit der Absicht, später ein Start-Up zu gründen, oder? Max Wittrock: Nein. Eigentlich wusste ich damals, im Jahr 2001, nicht so richtig, wohin mich das Leben führen würde. Ich interessierte mich sehr für Journalismus, hatte aber Angst, dass ich mir ein falsches Bild von dem Beruf machen würde. Daher wollte ich etwas Vernünftiges studieren, das ich auch als Basis für den Journalismus nutzen konnte. Und da viele große Journalisten Jura studiert hatten, kam ich zu den Rechtswissenschaften. Außerdem klang das juristische Berufsfeld auch ganz interessant für den Fall, dass es mit dem Journalismus nicht klappen sollte. LTO: Was sagte Ihr Umfeld damals zu Ihrer Wahl? Wittrock: Als ich meinem Biologielehrer davon erzählte, meinte dieser, dass das juristische Examen sehr schwer sein soll. Das hätte er zumindest gehört. Ich dachte damals, dass es schwieriger als das Abitur nicht mehr werden könne. Wer hätte gedacht, wie Recht mein Bio-Lehrer hatte. (lacht) LTO: Und warum fiel die Wahl auf Passau als Studienort? Wittrock: Passau klang nach einer schönen Stadt mit Campus-Uni. Noch dazu bietet Passau eine fachspezifische Fremdsprachenausbildung neben dem Studium an, die mich sehr gereizt hat.

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Examensnote für Queraussteiger meist wenig bedeutsam

LTO: Und schließlich gibt es dort auch das Journalistenstipendium der Passauer Neuen Presse, einen Mix aus Ausbildung am universitären Institut für Journalistenausbildung und praktischen Erfahrungen in unterschiedlichen Medien. Wittrock: Als ich in Passau anfing, hatte ich, um ehrlich zu sein, keine Ahnung von diesem Stipendium. Ich hatte per Zufall einen Uni-Aushang gesehen, der auf das Programm verwies. Ich bewarb mich und wurde tatsächlich genommen. LTO: War das Stipendium nicht eine ganz schöne Arbeitsbelastung neben dem zeitaufwendigen Jurastudium? Wittrock: Nun ja, meine Vorbereitung auf das Staatsexamen war dann sicher nicht optimal, zumal ich auch nur ein halbes Jahr im Repetitorium war. Aber ich nutzte im Anschluss den Verbesserungsversuch.  LTO: Mit Erfolg? Wittrock: Ich habe mich um zwei Punkte verbessert, ja. Aber als ich meine Note und die juristische Notenskala

dann gegenüber einem Redakteur erwähnte, der mit der juristischen Ausbildung nichts am Hut hatte, meinte dieser, dass ich ja noch Glück gehabt hätte, überhaupt bestanden zu haben (lacht). Aber für den weiteren journalistischen Werdegang hätten zwei Punkte mehr oder weniger keine Rolle gespielt. LTO: Wären Sie denn mit Sicherheit Journalist geworden, wenn es "mymuesli" später nicht gegeben hätte? Wittrock: Auf jeden Fall. Meine letzte Station während des Journalistenstipendiums war beim Bayrischen Fernsehen. Das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, und selbst nachdem wir "mymuesli" gegründet hatten, habe ich dort noch ein paar Tage gearbeitet. Aber nach wenigen Wochen hat sich gezeigt, dass "mymuesli" solch ein Vollzeitprojekt ist, dass ich es dann gelassen hab.

"Im Studium fehlte mir immer der Praxisbezug"

LTO: Was gefällt Ihnen an Jura nicht, dass Sie sagen, Sie wären in jedem Fall ausgestiegen und Journalist geworden? Wittrock: Im Studium hat mir der Praxisbezug gefehlt. Man kann viel mehr Begeisterung für das Fach wecken, wenn man mehr Praxis in das Studium integriert. Außerdem habe ich während des Studiums gemerkt, dass ich zwar ein ganz braver Student bin, lerne und mich auf jede Klausur vorbereite. Aber es war kein herausragendes Talent für juristische Sachverhalte erkennbar. Und ich hatte nicht den Fleiß, dies durch noch mehr Lernen zu kompensieren. Daher habe ich mich immer gefragt, ob andere das nicht besser können. Umgekehrt bin ich in dem, was ich jetzt tue, auch besser aufgehoben. LTO: Im April 2007, zwischen dem mündlichen und dem schriftlichen Teil Ihres Verbesserungsversuchs, haben Sie mit zwei Freunden "mymuesli" gegründet. Wie kam es dazu? Wittrock: Ich kannte Hubertus Bessau aus dem Italienischkurs an der Uni und Philipp Kraiss über Hubertus. Beide haben eigentlich BWL studiert. Die Idee zu "mymuesli" kam uns auf der Fahrt im Auto zu einem Badesee. Wir hörten im Radio einen Werbespot einer anderen Müslifirma und begannen, über Müslis zu diskutieren. Dabei dachten wir uns, dass es doch so viele Kompromisse beim Müsli–Shoppen gäbe und das Angebot im Supermarkt ziemlich schlecht und eingeschränkt sei. Eine Plattform müsse her, die es erlaubt, Müslis selbst zusammenzustellen. Ein Jahr später ging "mymuesli" online. LTO: Und nach nur zwei Wochen waren Sie ausverkauft und hatten ein enormes Presseecho. Wie erklären Sie sich den Erfolg? Wittrock: Wahrscheinlich war es das Timing. Wir sind zur richtigen Zeit mit der richtigen Idee online gegangen. Es gab bis dahin kein Müsli, das sich der Kunde selbst zusammenstellen konnte, und das kam gut an. Hinzu kam, dass e-Commerce bzw. die Möglichkeit, Lebensmittel online zu shoppen, damals noch in den Kinderschuhen steckte und auch heute immer noch stark wächst. Die Zeit war reif für ein richtig gutes Müsli. Und die PR gab uns dann die entsprechende Öffentlichkeit.

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2/2: "Ich bin eine Art Rechtsabteilung bei mymuesli"

LTO: Und damit war das Thema Jura dann gegessen? Wittrock: Es gab keine wirklich bewusste Entscheidung, das Referendariat nicht mehr zu machen bzw. die journalistische Laufbahn nicht mehr weiterzuverfolgen. Das hat sich vielmehr ergeben. "mymuesli" war so erfolgreich, und ich fokussierte mich ganz auf diese Aufgabe. Aber auch hier lässt mich Jura nicht los. LTO: Das bedeutet? Wittrock: Ich bin so eine Art Rechtsabteilung bei "mymuesli". LTO: Hilft Ihnen dabei das abgeschlossene Studium? Wittrock: Ich kann tatsächlich vieles schon mit dem Wissen aus dem Grundkurs BGB lösen. Insbesondere Fragestellungen wie "Liegt überhaupt ein Vertrag vor?", "Haben die Parteien wirklich schon einmal miteinander geredet?", "Was ist Inhalt des Vertrages?" kommen sehr oft vor. Aber natürlich bleibt es nicht nur dabei. Wir müssen uns mit einem Sammelsurium an juristischen Fragestellungen aus allen Bereichen des Rechts auseinandersetzen, zumal wir unser Produkt inzwischen in fünf verschiedenen europäischen Ländern (Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande, Großbritannien) verkaufen. Bei der Vielzahl spezieller Themen sind wir natürlich auch auf externe Hilfe angewiesen.

Kohlenhydrate für Juristen

LTO: Um Ihren Werdegang wird Sie manch einer beneiden. Hat er denn auch seine Schattenseiten? Wittrock: Es gibt auf jeden Fall schwierige Momente, auch wenn ich die nicht als Schattenseiten bezeichnen würde. Die Selbständigkeit, der Aufbau eines kompletten Logistikunternehmens ist unheimlich aufwendig. Wenn schon am Anfang der Dosenlieferant nicht liefern kann, weil wir so viel bestellt haben, dann hängen gleich mehrere Mitarbeiter in der Luft, die die Dosen für die Befüllung brauchen. Und es hört sich natürlich toll an, einen Müsli-Laden zu eröffnen. Weniger Spaß macht es aber, den dazugehörigen 25seitigen Mietvertrag vorab zu prüfen. Das gehört aber auch dazu. Doch dank eines funktionierenden Teams mit vielen tollen Mitarbeitern bekommen wir jedes Problem in den Griff. LTO: Was können Sie Juristen auf den Weg geben, die mit dem Fach hadern? Wittrock: Man muss sich fragen, woran das liegt. Hadert man mit Jura nur, weil das Studium im Moment nicht spannend ist? Dann muss man durchziehen. Die Möglichkeiten, die man nach dem Examen hat, sind ja breit und Spezialisierungen durchaus möglich. Aber ich bin ein großer Freund des Mottos "Follow your passion". Wenn man weiß, dass man beispielsweise fotografieren möchte und das vielleicht auch schon das ganze Leben lang, dann würde ich keine Sekunde im Hörsaal verbringen. Aber vielleicht habe ich auch leicht reden, da meine erste Gründung gleich so erfolgreich war. Max Wittrock ist Mitgründer von mymuesli.
Das Interview führte Ass. Jur. Nastasia Achilles.

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