ClickCease"Teach or terminate" statt "publish or perish"
Was macht gute Lehre aus?

"Teach or terminate"

von Constantin Baron van LijndenLesedauer: 6 Minuten
Die Arbeit eines Professors lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: Forschung und Lehre. Seine Reputation und Karrierechancen sogar in einem: Forschung. Weil die Lehrqualifikation im Wissenschaftsbetrieb praktisch keine Rolle spielt, landen oft Herren hinterm Rednerpult, die Studenten verlässlich in den Schlaf dozieren. Zeit für einen Paradigmenwechsel, meint Matthias Klatt.

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LTO: Herr Professor Klatt, Sie haben eine Juniorprofessur für Öffentliches Recht und beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit juristischer Fachdidaktik. Was macht für Sie gute Lehre aus? Klatt: Gute Lehre ist für mich eine solche, die die Studenten beim Lernen unterstützt. Es geht nicht darum, dass man als Dozent 90 Minuten lang vorne steht und rhetorisch brilliert oder mit seinem gewaltigen Wissen beeindruckt, sondern, dass man den gesamten studentischen Lernprozess organisiert und strukturiert, und die eigene Lehre darauf ausrichtet, diesen so gut wie möglich zu fördern. LTO: Wie macht man das? Klatt: Indem man die einzelnen Elemente der Lehre aufeinander abstimmt. Es bringt für sich genommen nicht viel, wenn man als Professor nebenher einen Twitter-Account betreibt oder Unterlagen auf einem E-Learning-Portal einstellt. Das sind zwar nette Maßnahmen, die irgendwie den Eindruck von Modernität vermitteln, aber sie fruchten erst dann, wenn sie in ein größeres Konzept integriert sind. Wie ein solches aussehen kann, haben wir in einem Lehrprojekt dargestellt, das vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft gefördert wurde. Prof. Dr. Matthias KlattDazu gehörte zum Beispiel ein ganz anderes Ineinandergreifen von Vorlesungen und Arbeitsgemeinschaften (AG). Letztere werden ja oft als eine Art unbedeutendes Anhängsel behandelt, das irgendwie nebenher läuft. Dabei verzeichnen viele Studenten dort die größeren Lernerfolge, weil die Gruppen kleiner und die individuelle Partizipation höher ist. Wir haben deshalb für unser Konzept die AG als das Herzstück der Lehre aufgefasst. Innerhalb der AGs haben wir die Studenten noch einmal in Kleingruppen von fünf Personen aufgeteilt, und diese nach dem Prinzip des problembasierten Lernens arbeiten lassen – also der Idee, sie möglichst selbständig die Lösung für ein bestimmtes Problem finden zu lassen. So konnten wir auch unterschiedlichen Lern- und Leistungstypen besser gerecht werden. Die Vorlesung haben wir als eine weitere Lernressource verstanden, die die Studenten besuchen konnten, aber nicht mussten.

"In der Klausur nur okkultes Sonderwissen aus der Vorlesung prüfen? Das ist doch albern."

LTO: Ein solcher Bedeutungsverlust der eigenen Vorlesung würde vielen Kollegen sicher nicht schmecken. Klatt: Zum einen muss es gar kein Bedeutungsverlust sein. Im Gegenteil: Viele Studenten kamen bei uns mit eigenen Impulsen und Fragen aus der AG und haben diese wiederum in die Vorlesung eingebracht. Und wenn jemand die Vorlesung tatsächlich nicht besuchen will, weil er mit dem Stil des Professors nicht zurechtkommt oder prinzipiell besser mit Lehrbüchern lernen kann, was ist dann so schlimm daran? Die eingeschnappte Reaktion besteht darin, die Klausur so zu stellen, dass man sie quasi nur bestehen kann, wenn man die Spezialprobleme in der Vorlesung gehört hat. Das ist doch albern. Als Professor sollte man den Studenten nicht den eigenen Frontalunterricht aufzwängen, sondern sich im Gegenteil dafür interessieren, welche alternativen Lernwege – Smartphone-Apps, MOOCs usw. – es noch gibt, und wie man vielleicht auch diese einsetzen kann, um den Stoff verständlich zu vermitteln.

"Gute Lehre zu machen, lohnt sich nicht"

LTO: So bewusst setzen sich nur wenige Professoren mit der Gestaltung der eigenen Lehre auseinander. Woran liegt das? Klatt: Das ist natürlich eine vieldiskutierte Frage auf Konferenzen und Tagungen zu (juristischer) Fachdidaktik, von denen ich über die letzten Jahre zahllose besucht habe. Dort wird oft behauptet, dass es wichtig sei, noch mehr Angebote bereitzustellen, um die Lehre zu verbessern. Ich bin mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, dass das nicht stimmt. Niemand braucht noch mehr Kurse oder Hochschuldidaktikzentren. Wenn Sie zwei Stunden googlen, können Sie mehr gelungene Lehrkonzepte zusammentragen, als Sie in ihrem ganzen Leben umsetzen können. Das Problem ist nicht, dass die Ideen nicht da wären, sondern, dass sie nicht angewendet werden. LTO: Und warum nicht? Klatt: Weil viele Professoren keine Motivation dazu haben oder ihrem Idealismus nicht folgen können. Der Wissenschaftsbetrieb honoriert gelungene Lehre in keiner Weise, nimmt sie meist nicht mal zur Kenntnis – und wenn doch, dann oft zum Nachteil des Bewerbers. Früher galt als besonders guter Wissenschaftler, wer besonders miserable Vorlesungen hielt. Heute überwiegt die Sorge, dass die Studenten anspruchsvoll werden und die gelungene Vorlesung, die der eine Professor ihnen bietet, auch von den anderen einfordern könnten. So jemand holt man sich also lieber gar nicht erst ins Haus.

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2/2: "Jedes Unternehmen, das wie eine Uni einstellt, wäre längst pleite"

LTO: In welcher Form wird die Lehrqualifikation denn bei der Besetzung eines Lehrstuhls geprüft? Klatt: In der Regel überhaupt nicht. In den allermeisten Fällen wird ja nicht mal eine Probevorlesung verlangt, sehr wohl aber ein Fachvortrag. Man muss sich das praktisch vorstellen, um zu begreifen, wie absurd es ist: Da sitzt eine Berufungskommission, die die Unterlagen des Bewerbers studiert hat und seine zahlreichen Aufsätze, Kommentierungen, Fachbeiträge usw. längst kennt, oft schon ein Gutachten zu seinen Forschungsverdiensten angefertigt hat. Und was macht die Kommission? Sie lässt ihn noch einen Fachvortrag halten! Anstatt sich einen Eindruck von den Dingen zu verschaffen, die sie nicht kennt, die später aber einen wichtigen Teil seiner Arbeit ausmachen werden: seiner Qualität als Dozent, seinen kommunikativen und zwischenmenschlichen Fähigkeiten. Jedes Unternehmen, das bei der Personalauswahl so dysfunktional vorginge, wäre schnell pleite. Aber gerade in Jura regiert leider das englische Motto "publish or perish" – veröffentliche oder verschwinde. Dem müsste man ein "teach or terminate" entgegenstellen. LTO: Was müsste sich dafür ändern? Klatt: Die entscheidende Stellschraube sind die Berufungsverfahren. Dort muss mehr auf gute Lehre geachtet werden. In den USA, die uns in der Hinsicht um 50 Jahre voraus sind, funktioniert das übrigens durchaus: Dort wird die Qualität der Professoren als Dozenten genauestens geprüft und laufend evaluiert. Sie trägt dort maßgeblich zu Karriereaussichten und zur Reputation eines Professors bei. In Deutschland müssten bei dem Thema die Präsidien stärker in die Fakultäten hinein regieren. Ihnen steht ja das Recht zu, einen Berufungsbeauftragten – zum Beispiel einen Hochschuldidaktiker – in die Berufungskommission zu entsenden. Auch die Studenten, die in der Kommission ohnehin vertreten sind, müssten das Thema gegenüber den Unis stärker forcieren und zum Beispiel darauf bestehen, dass in jedem Berufungsverfahren auch eine Probevorlesung stattfinden muss.

"Ein Herrschaftsinstrument von Traditionalisten"

LTO: Ein weiter Ansatz besteht in der Schaffung von Lehrprofessuren, also Professorenstellen, die ganz überwiegend der Lehre dienen sollen. Eine gute Idee? Klatt: Nein, weil sie den völlig falschen Gedanken unterstreicht, dass Lehre etwas sei, womit sich der "normale" Professor nicht abgeben müsse. Lehrprofessoren laufen schnell Gefahr, als Professoren zweiter Klasse betrachtet und behandelt zu werden, wenn ihre Lehrverpflichtungen so hoch sind, dass sie nicht mehr zum Forschen kommen. Ich bin ja keineswegs dafür, die Einheit von Lehre und Forschung aufzuweichen, im Gegenteil. Ich möchte nur, dass die Lehre halbwegs gleichberechtigt neben der Forschung steht, und nicht marginalisiert und in neue Formen der Professur ausgelagert wird. LTO: Wo wir schon bei ketzerischen Gedanken sind: Was halten Sie vom Habilitationserfordernis? Klatt: Dass man für einen Lehrstuhl nach der Promotion noch zusätzliche Forschungsleistungen erbringen soll, ist richtig. Dass dies in Form der Habilitation erfolgen muss, überzeugt mich gar nicht. In der Praxis wirkt sie oft als Herrschaftsinstrument von Traditionalisten, das faire, frühzeitige und ausschließlich leistungsbezogene Karrierechancen von Nachwuchswissenschaftlern verhindert. Nominell können sie zwar auch ohne Habilitation auf einen Lehrstuhl berufen werden, aber faktisch kommt das natürlich nie vor. Mit einem gewissen Dünkel heißt es dann, dass ja noch "das zweite Buch" fehle. Ich habe meine Habilitation selbst vor kurzem fertiggestellt. Sie war übrigens mein fünftes. LTO: Zum Abschluss ein Ausblick: Denken Sie, dass die Bedeutung von guter Lehre in Jura in den nächsten Jahren wachsen wird? Klatt: In gewisser Weise ist sie das schon in den vergangenen Jahren: Manche Unis haben zum Beispiel Auszeichnungen für gelungene Lehre eingeführt oder verlangen von Bewerbern zumindest auf dem Papier eine Schilderung ihres Lehrkonzepts. Aber leider sind diese Änderungen größtenteils oberflächlicher Natur geblieben. Das Ganze ist auch ein Generationenproblem: Die Leute, die heute über Einstellungen entscheiden, kommen aus einer Zeit, in der die Lehre, wenn irgend möglich, noch weniger wert war als heute. Um also Ihre Frage zu beantworten: Ich fürchte, eher in den nächsten Jahrzehnten. Prof. Dr. Matthias Klatt hält eine Juniorprofessur für Öffentliches Recht, Europarecht, Völkerrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Hamburg. Er hat zahlreiche Schriften zur juristischen Lehre veröffentlicht, und ist Mitherausgeber der Essaysammlung "Lehre als Abenteuer". Das Interview führte Constantin Baron van Lijnden.

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