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HRK-Tagung zur Reform der Juristenausbildung: Gute Lehre ist eine Frage der Haltung

von Dr. jur. Denis Basak

15.11.2012

Warum gehen so viele Studenten zum Rep? Wie kann es sein, dass letztlich alles von ein paar Klausuren am Ende des Studiums abhängt? Über diese Fragen diskutierten Mitte der Woche etwa 130 Juristen bei einer Tagung in Bonn auf Einladung der Hochschulrektorenkonferenz und des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft. Dabei waren auch viele und sehr aktive Studenten.

Die Tagung reiht sich ein in diverse Konferenzen der letzten Jahre zum selben Thema; dennoch ist sie etwas Besonderes: Erstmals wurde der Ars Legendi Fakultätenpreis Rechtswissenschaften für exzellente Hochschullehre verliehen. "Gute Lehre ist eine Frage der Haltung", sagte der Preisträger, Privatdozent Dr. Julian Krüper an der Universität Düsseldorf, in seiner Dankesrede – ein Fazit, das sich von der gesamten Tagung mitnehmen lässt.

Vor allem Verbandsvertreter zeigten sich mit der zweistufigen Juraausbildung samt Staatsexamen zufrieden: "Ein Exportschlager." Defizite seien der chronischen Unterfinanzierung der Universitäten zu verdanken. Ideen für Verbesserungen ließen sich nur mit mehr Mitteln oder überobligatorischem Lehreinsatz umsetzen.

Aufkommende Kritik von außen wurde abgewehrt, relativiert oder in Zweifel gezogen. Dabei hatten ehemalige Jurastudenten ihren Universitäten in einer umfassenden Befragung im Schnitt schlimme Zeugnisse ausgestellt; und das sowohl im Hinblick auf die Tauglichkeit des Studiums zur Berufsvorbereitung als auch in Bezug auf Betreuung und Beratung der Studenten.

Denkanstöße aus anderen Disziplinen

Es gab aber auch kreativere Stimmen. So wurde vorgeschlagen, ins Zentrum der Lehre nicht mehr den Hochschullehrer als Fachexperte zu stellen, der sein Wissen nur gut präsentieren müsse. Stattdessen müsse sich von der Gestaltung einzelner Veranstaltungsstunden über das Prüfungsdesign bis zur Studiengangsplanung alles am Lernprozess der Studenten ausrichten. Für diesen "Shift from Teaching to Learning" gaben eine Reihe von Vorträgen aus anderen Disziplinen, wie der Hochschuldidaktik, der Ingenieurwissenschaften, der Medizin oder der Lehr-Lern-Forschung, einen Denkanstoß.

Deutlich wurde auch die Vielfalt, mit der deutschlandweit schon jetzt Ansätze zur Unterstützung der Studenten auf unterschiedlichsten Wegen ausprobiert werden. Das beginnt mit Angeboten zur besseren Orientierung von Schülern und Betreuungsangeboten für Studienanfänger. Innovative Lehr-Lern-Methoden inklusive eLearning werden ausprobiert. Vor allem aber nehmen immer mehr Universitäten die Examensvorbereitung wieder als eigene Verantwortung wahr und setzen eigene Programme hierzu auf.

Nicht nur das Staatsexamen sollte zählen

Die letzte Gesprächsrunde diskutierte denn auch die Frage, warum Studenten überwiegend für die Examensvorbereitung auf kommerzielle Repetitoren setzten. In der Runde wurde die Diskrepanz sehr deutlich zwischen denen, die am Bestehenden festhalten wollen und den Erfolg von Repetitoren auf Missverständnisse und Mythen über das Staatsexamen zurückführten, und denen, die darin ein Symptom für systemische Defizite erkannten.

Verbessert werden muss wohl auf jeden Fall die Kommunikation mit den Studenten über die Anforderungen und Bewertungskriterien der Staatsprüfung. Außerdem gibt es durchaus Ideen für eine Umgestaltung der Pflichtfachprüfung. Christine Jacobi vom Justizprüfungsamt Baden-Württemberg zeigte sich durchaus offen dafür, während des Studiums erzielte Noten in die Staatsexamensnote einfließen zu lassen.

Es bleibt der Gesamteindruck: Auch wenn nicht jeder mit jedem überall übereinstimmt, besteht die Bereitschaft, miteinander zu reden und an einer Reform der Juristenausbildung zu arbeiten. Man kann dem Preisträger nur Recht geben: Mit einer entsprechenden Haltung ist auch in den bestehenden Strukturen vieles möglich – langfristig vielleicht sogar deren Änderung.

Der Autor Akad. Rat Dr. Denis Basak lehrt an der Universität Frankfurt u.a. Strafrecht, beschäftigt sich aber auch seit Jahren lehrend und forschend mit einer Hochschulfachdidaktik der Rechtswissenschaften.

Zitiervorschlag

Denis Basak, HRK-Tagung zur Reform der Juristenausbildung: Gute Lehre ist eine Frage der Haltung . In: Legal Tribune Online, 15.11.2012 , https://www.lto.de/persistent/a_id/7556/ (abgerufen am: 17.09.2019 )

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Kommentare
  • 15.11.2012 21:44, Clayton Webb

    "Vor allem Verbandsvertreter zeigten sich mit der zweistufigen Juraausbildung samt Staatsexamen zufrieden: 'Ein Exportschlager.' [..] Aufkommende Kritik von außen wurde abgewehrt, relativiert oder in Zweifel gezogen."

    Fragt man sich natürlich, wozu der Stifterverband zu einer Veranstaltung für die Reform der Juristenausbildung einlädt, wenn er eben jene absolut super findet und sich kritischen Stimmen verschließt.

    Das Problem ist doch immer dasselbe: Über die Qualität und Reformbedürftigkeit der Juristenausbildung befinden vorwiegend die Leute, die mit zwei Prädikatsexamina und akademischen Zusatztiteln auf der Gewinnerseite des Ausbildungssystems stehen. Ihnen sind die Leiden des Durchschnittsstudenten schlicht nicht verständlich. Dabei zeigt der Blick in meinen Bekanntenkreis, dass der Studiengang selbst unter den überdurchschnittlichen Kandidatinnen und Kandidaten ganz überwiegend unglückliche, desillusionierte Menschen heranzüchtet. Kein Wunder, dank der Notengebung gepaart mit der angespannten Arbeitsmarktlage. Da wird einem nach jeder Prüfung suggeriert, dass man so gut ja eigentlich nicht ist. Dass man durchschnittlichen Anforderungen per definitionem sehr wohl entspricht, gerät da ins Vergessen. Einfach zum Kotzen. Und noch mehr zum Kotzen finde ich, dass mit etwas zeitlichem Abstand ganz viele Juristen ihre beschissene Ausbildungszeit verklären. "War doch alles nicht so schlimm." Doch, war es.

    Erfrischend und unterstützenswert hingegen scheint die im Beitrag dargestellte Position von Christine Jacobi. Wenn dem Examen ein wenig die Bedeutung genommen wird, wird die Qualität der Ausbildung und der Lebensführung derer, die in ihr stecken, steigen.

    • 17.11.2012 18:48, Dieter Müller

      Ihre Ansichten finde ich klasse und stimme Ihnen zu 100 % zu. Ich habe dieselben Erfahrungen gemacht.

  • 17.11.2012 11:07, Verwirrter

    Es ist doch jedem Jurastudenten seit dem 2. Semester klar, dass 7p in einer Klausur nicht bedeuten, dass er furchtbar schlecht ist. Jeder mit ein wenig Grips, weiss die Noten seines Fachs entsprechend einzuordnen. Ein Biologiestudent ärgert sich dafür u.U. bereits, wenn es nicht zur 1.0 gereicht hat, also wo ist das Problem?

    Nun gerade hierin den Grund zu sehen, dass Menschen "unglücklich und desillusioniert" werden halte ich für verfehlt, ebenso wie ihren Hinweis auf die "angespannte Arbeitsmarktlage". Wenn nunmal jeder 2. meint, er müsse Jura studieren und dass u.U. trotz mangelndem Interesse/Talent auf Drängen von Papa und Mama dann kann man hieran nichts ändern. Jura ist halt heillos überlaufen.

    Schließlich sei noch gesagt, dass die hohe Bedeutung des Examens m.E. ein Segen ist. Jeder, der ein wenig Kontakt zu den reformierten Bachelorstudiengängen (gerade in den NW) hat, sieht, dass es eine weitaus höhere Belastung darstellt, vom 1. Semester an mit Referaten und Hausarbeiten überzogen zu werden, die allesamt von Beginn an auf die Bachelornote durchschlagen. Der soziale Bildungsauftrag bleibt dabei völlig auf der Strecke.

    In den Rechtswissenschaften hingegen kann sich so gut wie jeder in den ersten 4 Semestern nen lauen Lenz machen. Man muss längst nicht alle Kurse belegen/alle Klausuren schreiben und besteht mit 4 Punkten. Noten zählen nicht. Es bleibt m.a.W. jede Menge Spielraum auch für Entfaltung außerhalb der Uni.

    Ein System, in dem Noten von Anfang an zählen bevorteilt letzten Endes nur übereifrige Streber, die schon in der 1. Woche meinen, bis Abends im Seminar hocken zu müssen. Die zentrale Prüfung ist im Gegensatz dazu leistungsgerecht. Nicht umsonst rechnet jeder gescheite Arbeitgeber den Anteil des universitären Schwerpunktjahres aus dem Notenschnitt heraus, da er kaum etwas aussagt.

    Es sei schließlich noch gesagt, dass das staatl. Examen aus 6 Klausuren á 5 Stunden sowie rd. 45 Minuten an mdl. Prüfung/Kandidat besteht. Da sollte jeder genug Gelegenheit haben, sein Können zu zeigen. Einen durchgängigen "Blackout" über mehrere Wochen habe ich noch nicht erlebt...

    • 17.11.2012 19:15, Dieter Müller

      Die hohe Bedeutung des Examens ... "ein Segen" ... halte ich nach meinen eigenen Erfahrungen für übertrieben und für ebenso subjektiv geprägt, wie meine eigene Meinung auch durch meinen Erfahrungshorizont subjektiv geprägt ist. Ein "Blackout" ist übrigens nicht die einzige Entschuldigung für ein vom Durchschnitt nach unten abweichendes Examen. Auch ungleiche Studienchancen und soziale Gründe führen zu unverschuldten Abweichungen im Studienergebnis, das im übrigen nichts darüber aussagt, ob man nun ein "guter" oder "schlechter" Jurist ist. Der Bachelorstudiengang ist übrigens nicht pauschal schlecht, aber man kann ihn schlecht konstruieren und schlecht in die Studienpraxis umsetzen, aber man kann auch nachsteuern und erknnte Fehler ausmerzen. Haben Sie schon im Bachelorstudiengng unterrichtet oder studiert oder gar einen Bachelorstudiengang von Beginn an mitgestaltet?

    • 19.11.2012 16:01, Desperado

      "Nicht umsonst rechnet jeder gescheite Arbeitgeber den Anteil des universitären Schwerpunktjahres aus dem Notenschnitt heraus, da er kaum etwas aussagt."

      Im Gegenteil, die Kernaussage der Note des universitären Schwerpunktbereichs ist, dass man befähigt ist, sich in einem kurzen Zeitraum in ein bislang unbekanntes Rechtsgebiet einarbeiten zu können. Im Vergleich zum Staatsexamen kommen hier auch fairere Ergebnisse heraus, weil man über einen Zeitraum von 2 bis 3 Semestern seine Arbeitsleistung über einen im Vergleich zum Examen noch überschaubaren Rechtsbereich eingrenzen kann, mehrere Leistungen erbringt und aus der Summe dann eine Gesamtnote berechnet wird. In Freiburg musste man hierzu 4 umfangreiche Vorlesungsabschlussklausuren sowie eine "große" Schwerpunktbereichsabschlussklausur schreiben, daneben noch eine Seminararbeit verfassen. Die Klausuren waren von der Systematik auch an Examensklausuren - sprich Falllösungen - orientiert. Keinesfalls hat hier ein bloßes "Frage-Antwort"-Spielchen wie in anderen Studiengängen stattgefunden.

      Der Schwerpunktbereich entspricht doch eher dem Rechtsstudium, das in den meisten anderen europäischen Ländern betrieben und auch anerkannt wird. Ich persönlich kenne kein anderes Land, dessen Juristenabschlussprüfung zum Großteil von der Leistung aus 2 Wochen abhängt, in denen zudem noch der gesamte Stoff aus ungefähr 5 Jahren Studium abgefragt werden.

      Dass die Endnote summa summarum zu 50 % allein vom Glück abhängt, ist ein offenes Geheimnis. Zunächst muss man mit den Themen Glück haben (besonders im öffentlichen Recht, wenn man die Gerichtsentscheidung nicht kennt, hat man verloren), zum anderen gibt es noch die undurchsichtigen Unwägbarkeiten bei der Notenvergabe an sich, welche sich gerne auch durch Abweichungen von bis zu 4 Punkten zwischen Erstkorrektor und Zweitkorrektor zeigen (also einmal "VB", das andere mal nur 'ne vier).

      Die beste Zeit am ganzen juristischen Ausbildung (bis jetzt) war diejenige nach dem Examen und vor dem Referendariat: Das 1. war endlich weg und das 2. noch in weiter Ferne!

    • 21.11.2012 23:57, Verwirrter

      Die Schwerpunktklausuren dauern in NRW 2 Stunden. Es mag sein, dass eine dem Schwerpunkt ähnliche AUsbildung im Ausland gängig ist, ein Jura-Abschluss an einer deutschen Uni genießt jedoch, und das nicht erst seit der Reform, einen exzellenten Ruf.
      Wenn sie meinen, der Schwerpunkt bilde in besonderem Maße das Können ab, dass im späteren Beruf gefragt ist, dann erklären sie, warum es in guten Kanzleien Gang und Gäbe ist, die Schwerpunktnote weitestgehend zu vernachlässigen. Ein VB "über den Schwerpunkt" beeindruckt niemanden.

      Fakt ist doch, dass die Benitung im Schwerpunkt nicht nur zwischen den Unis, sondern sogar innerhalb einer Uni von Schwerpunkt zu Schwerpunkt massiv schwankt, weshalb manch eine SP-Wahl allein dem Abgreifen von guten Noten geschuldet ist.

      Und wer ernsthaft der Ansicht ist, das 1. Stex wäre zu 50% glücksbedingt gehört wahrscheinlich zu denjenigen, die mangels relevanter Verständnis von Zusammenhängen ohnehin nur darauf hoffen können, das abgebildete Urteil vorher auswendig gelernt zu haben..

    • 28.11.2012 20:14, Dr. Volker Stiebig

      "Und wer ernsthaft der Ansicht ist, das 1. Stex wäre zu 50% glücksbedingt gehört wahrscheinlich zu denjenigen, die mangels relevanter Verständnis von Zusammenhängen ohnehin nur darauf hoffen können, das abgebildete Urteil vorher auswendig gelernt zu haben.."

      Die juristische Ausbildung im Allgemeinen, die Benotung im Besonderen, ist eine Beleidigung für jeden auch nur halbwegs intelligenten Menschen. Das individuelle Engagement von Lehrenden und die Rückbesinnung vieler Universitäten auf ihren Ausbildungsauftrag erlangt vor diesem Hintergrund umso größere Bedeutung. Und bevor Sie (wird großgeschrieben) künftig derart abwertende und unsachliche Bemerkungen veröffentlichen, sollten Sie diese zumindest auf Rechtschreibung und Grammatik überprüfen. Hierauf weise ich nicht etwa hin, um mich gleichermaßen abwertend zu äußern. Vielmehr will ich die Problematik unseres "Systems" anschaulich verdeutlichen.

      Herrn Professor Müller möchte ich herzlich für das gezeigte "Rückgrat" danken.

  • 17.11.2012 18:44, Dieter Müller

    Der Einladungstext zur Veranstaltung begann mit den folgenden Worten:
    "Die Juristenausbildung in Deutschland ist in Bewegung. Justizministerkonferenz und Juristenfakultätentag haben Schwächen in der universitären Ausbildung identifiziert und streben Lösungen an."
    Dazu kann ich nur sagen, dass die Juristenausbildung in Deutschland schon immer in Bewegung ist, jedoch größtenteils auf dem Plateau eines Bierdeckels. Mein Studium absolvierte ich teils an einer Honoratiorenuniversität (Göttingen) und teils an einer damaligen Reformuniversität (Hannover). Sehr gute und wirklich schlechte Professoren und Dozenten gab es an beiden Unis, innovative Lehrmethoden waren allerdings Mangelware und sind es wohl, wenn ich mir die heutigen juristischen Lehrbücher anschaue, heute noch.
    Die Ausrichtung des Studiums an bestimmten Berufsgruppen erscheint nur dann sinnvoll, wenn der Student auch weiß, dass er in seinem studierten Juristenberuf auch eine realistische Anstellungschance hat, ansonsten ist die Breitbandausbildung alternativlos.
    Meine praktische Ausbildungsphase habe ich durchgängig in schlechter Erinnerung und fand als Ausbilder ausschließlich didaktisch vollkommen unbeleckte Volljuristen vor, die sich zwar teilweise Mühe mit mir gegeben haben, aber nicht recht wussten wie sie konkret unterstützen konnten. Die Noten wurden teilweise ausgewürfelt, teilweise verschenkt, waren jedenfalls nicht leistungsorientiert vergeben worden.
    Ein Rep konnte ich mir finanziell weder im Studium noch im Referendariat leisten, habe es aber auch nicht wirklich vermisst.
    Für aussagekräftig hilt ich nur meine Benotung im ersten Staatsexamen, während meine zweite, weit schlechtere Benotung im zweiten Staatsexamen diverse Ursachen hatte, die mich jedoch nicht an meinem weiteren Berufsweg hinderten. Benotung war, so mein Fazit, insgesamt zu großen Teilen Glückssache, insbesondere bei Hausarbeit, Aktenvortrag und mündlicher Prüfung.
    Nach meinem Berufsantritt wurde ich, dank diverser Eigenaktivitäten und einer Promotion mit summa cum laude, selbst juristischer Hochschullehrer und kann wenigstens teilweise neue Wege beschreiten, mache dabei natürlich auch Fehler, habe aber auch die Freiheit mich im Austausch mit meinen Studierenden stetig zu korrigieren.
    Ich kann nur hoffen, dass Studierende sich genau informieren, wo wirklich gute juristische Hochschullehrer zu finden sind und den Mut haben, die Uni zu wechseln, wenn sie im pädagogisch-didaktischen Nirwana gelandet sind.