ClickCeaseStatista: Studie zu Wirtschaftskanzleien
Studie zu Wirtschaftskanzleien

Mehr als ein bloßes Ranking

von Martin W. HuffLesedauer: 4 Minuten
Wo suchen sich die großen deutschen Unternehmen ihren Anwalt? Was sind sie bereit, für die Beratung zu zahlen? Und welche Rechtsbereiche gewinnen, welche verlieren an Bedeutung? Das Online-Statistikunternehmen Statista hat diese Fragen in Zusammenarbeit mit der Focus-Redaktion nun untersucht und dafür 2.700 Kanzlei-Partner befragt. Martin W. Huff gibt einen ersten Überblick über die Ergebnisse.

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Die deutsche Anwaltschaft hat wenig Zahlen über sich selbst. Das Institut für freie Berufe in Nürnberg erfasst regelmäßig die Umsatz- und Einkommensentwicklung der Rechtsanwälte, die Datev betreibt eine eigene Marktforschung und auch das Soldan-Institut in Köln erhebt Daten über die strategische Ausrichtung der Kanzleien. Außerdem erfasst das Statistische Bundesamt jährlich die Entwicklung der Anwaltschaft. Vielmehr gibt es nicht. Einen anderen Ansatz wählt jetzt Online-Statistikunternehmen Statista. Es hat 2.700 Partner in Kanzleien befragt und auf dieser Basis eine Umsatzschätzung für 752 Kanzleien abgegeben, die durchschnittlichen Stundensätze für die Beratung in einzelnen Rechtsgebieten ermittelt und zusammengetragen, welche Kanzlei welche Dax-Unternehmen berät.

Umsatz der fünf größten Kanzleien stagniert

Die Studie unterstreicht die Tendenz, dass die großen und die spezialisierten Kanzleien einen erheblichen Anteil am gesamten Markt halten. Die 752 von Statista untersuchten Kanzleien beschäftigen nur ca. zwölf Prozent aller Rechtsanwälte (das sind knapp 20.000), erzielen aber rund 44 Prozent des Umsatzes auf dem Rechtsberatungsmarkt (etwa acht von 18 Milliarden Euro). Dies ist nicht verwunderlich, immerhin erzielten die zehn größten Kanzleien in Deutschland 2012 mit 1.044 Partnern und 3.569 Berufsträgern einen Umsatz von 1,8 Milliarden Euro (rund zehn Prozent Marktanteil). Aber: Betrachtet man nur den Umsatz pro Partner führen nicht die Großkanzleien, sondern kleine und mittelgroße Kanzleien, mit zum Teil nur wenigen Partnern. Betrachtet wurden auch die Umsätze der Kanzleiinhaber, also meist der Partner: In den größeren Kanzleien liegt der Umsatz pro Partner bei 516.000 Euro. Bei den von Statista ausgewählten 7.641 Partnern der Wirtschaftsrechtskanzleien liegt dieser Wert bei knapp einer Million Euro. Es gibt sogar einige wenige Kanzleien, in denen die Partner für ihren Bereich einen Umsatz von mehr als drei Millionen Euro verbuchen können. Dabei verlief die Umsatzentwicklung der fünf größten Kanzleien in Deutschland (Linklaters, Clifford Chance, Hengeler Mueller, CMS Hasche Sigle und Freshfields Bruckhaus Deringer) uneinheitlich (Umsatzrückgang von 2,2 Prozent bis Zuwachs von 9,9 Prozent), stagnierte aber insgesamt mit 1,1 Prozent nahezu.

Bedeutung des Arbeits-, Handels- und Insolvenzrechts sinkt

Auch die Auswertung zu den Stundensätzen ergeben spannende Zahlen: 80 Prozent der Kanzleien liegen mit ihren Stundensätzen zwischen 250 und 369 Euro. Die höchsten Stundensätze werden dabei immer noch im Gesellschaftsrecht ausgehandelt. Ein deutlicher Wachstumsbereich ist das Arbeitsfeld Compliance und teilweise auch das Energierecht. Hohe Stundensätze können außerdem im Kartell- und Wettbewerbsrecht vereinbart werden, auch wenn hier eher eine Stagnation zu verzeichnen ist. Insgesamt stiegen zwischen 2006 und 2012 die Vergütungen nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG) um drei Prozent, die aufgrund von Honorarvereinbarungen um sieben Prozent. Die angepassten Gebühren nach dem 2. Kostenrechtsmodernisierungsgesetz sind dabei noch nicht berücksichtigt, da sie erst zum 1. August 2013 in Kraft traten. Erstaunlich sind die Veränderungen: So sinkt die Bedeutung des Arbeitsrechts, des Handelsrechts und auch des Insolvenzrechts. Wachstum für die Zukunft sehen die Kanzleien bei der Informationstechnologie und im Bereich Medien, Gesundheit und Versicherungen.

Gute Rechtsberatung kann überall stattfinden

Das Verhalten von Dax-Unternehmen bei der Beauftragung von Kanzleien scheint nach der Erhebung sehr unterschiedlich zu sein. Einige Dax-Unternehmen beauftragen nur drei Kanzleien, andere aber bis zu 25 (Deutsche Bank, Allianz und Deutsche Telekom). Insgesamt geht die Tendenz zu spezialisierten Kanzleien. Hier liegen gerade für Boutiquen Chancen. Aber: Alle großen deutschen Kanzleien vertreten regelmäßig Dax-Unternehmen, die Größe hat also doch ihren Vorteil. Nur noch selten sitzen die Mandanten im Übrigen in der Nähe der Kanzlei. Mit 36 Prozent ist die maritime Wirtschaft am nächsten bei den Mandanten, gefolgt von dem Bankrecht (23 Prozent), dem Baurecht mit 21 Prozent und dem Insolvenzrecht mit 20 Prozent. Überwiegend nicht in räumlicher Nähe suchen die Unternehmen ihre Kanzleien im Patentrecht (64 Prozent), im Energierecht (46 Prozent) und im IT-Recht, Markenrecht, Versicherungsrecht und Kartellrecht (zwischen 42 und 41 Prozent). Gute Rechtsberatung kann also überall stattfinden. Die Focus-Redaktion bereitet die Studie in einer Spezial-Ausgabe auf, die kommende Woche herauskommt. Bereits in der vergangenen Woche veröffentlichte das Magazin ein Anwalts-Ranking mit "120 Top-Anwälten der Republik", das der DAV kritisierte, weil nicht klar werde, wie die Redaktion die Anwälte ausgewählt habe, auf deren Kollegenempfehlung das Ranking basiert. Die Statista-Studie basiert aber auf einer sehr breiten Auswertung vorhandener Daten und ist mehr als ein bloßes Ranking. Sie ist eine wichtige Bereicherung für die Anwaltschaft, die einen festen Platz als Informationsquelle einnehmen könnte, wenn sie jährlich fortgeschrieben wird. Der Autor Martin W. Huff ist Rechtsanwalt und Journalist in Leverkusen. Er ist Geschäftsführer der Rechtsanwaltskammer Köln und hat u.a. einen Lehrauftrag für Berufsrecht an der German Graduate School of Management and Law (GGS) in Heilbronn.

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